Besserwisserischen Wichtigtuern ist man im Alltag normalerweise schutzlos ausgeliefert. Den ironischsten Beitrag zur Lösung dieses Problems liefert Woody Allen in seinem von Oscars überhäuften Film “Der Stadtneurotiker” (1977). In einer Szene wartet die von Allen gespielte Hauptfigur Alvy Singer an der Kasse eines Broadway-Kinos. Dabei muss er das Gespräch eines hinter ihm stehenden anderen Kinogängers mit anhören, der seiner Begleiterin anhand des Filmemachers Fellini den Einfluss des Fernsehens auf das Kino erläutert und als Beweis den kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan heranzieht.
Alvy platzt nach einer Weile der Kragen, und er widerspricht dem Schwätzer. Der daraufhin gibt sich als Mediendozent der Columbia University zu erkennen und spricht Alvy die Kompetenz beim Thema McLuhan ab. Der kontert: “Da bin ich aber gespannt. Ich habe Mister McLuhan zufälligerweise gerade hier.” – und zerrt einen hochgewachsenen älteren Herrn im hellen Jacket hinter einem Werbeaufsteller hervor. Es handelt sich um den echten Marshall McLuhan. Der wendet sich an den Dozenten und sagt: “Ich habe gehört, was Sie gesagt haben. Sie haben keine Ahnung von meiner Philosophie. Sie legen mich absolut diametral aus. Wie Sie überhaupt an eine Universität gekommen sind, ist mir völlig schleierhaft!” Die Szene endet mit Woody Allens Stimme: “Wenn’s doch einmal so im Leben wäre!”
Marshall McLuhans Abhandlungen zur Medienrezeption waren in den 60er und 70er Jahren höchst populär. Er definiert ein Medium als Ausweitung des Individuums und steht damit in Tradition der Prothesentheorie, die davon ausgeht, dass sämtliche Erfindungen des Menschen lediglich Erweiterungen der menschlichen Gliedmaßen, Organe und Sinne darstellen: Der Hammer erweitert die Faust, das Fernglas den Sehsinn und der elektrische Strom unser Nervensystem.
Die Wirkung eines Mediums, also seine “Botschaft”, ergibt sich laut McLuhan nicht etwa aus seinem Inhalt (Content), sondern aus der Veränderung des Maßstabs, des Tempos oder des Schemas, die das Medium den Menschen bringt. Der Titels eines seiner Bücher lautet “Das Medium ist die Botschaft” (The Medium is the Message). Bei der ersten Auflage des Werkes hatte der Setzer des Einbandes übrigens versehentlich aus “Message” “Massage” gemacht – McLuhan fand das lustig und sogar hintersinnig und ließ den Deckel nicht nochmal drucken.
Das Linux-Magazin wird mit der nächsten Ausgabe 20 Jahre alt. Die Hoffnung der Redaktion ist, dass es über diesen Zeitraum zur Linux-“Botschaft” geworden ist. Dass Leser, wenn sie auf einen besserwisserischen Dummschwätzer in einem Kinofoyer oder anderswo treffen, das Linux-Magazin hervorzaubern und sagen können: “Sie haben keine Ahnung von dem Thema. Sie legen Linux absolut diametral aus. Wie Sie überhaupt zu Ihrem Job gekommen sind, ist mir völlig schleierhaft!”
Und bei der nächsten Ausgabe, so viel sei verraten, können sich alle auf eine kräftige Massage gefasst machen.






