Auf der Partner- und Kundenkonferenz des Softwareherstellers TIBCO in Las Vegas sprach der amerikanische Erfinder, Vordenker und Visionär Ray Kurzweil.
Kurzweil, der derzeit bei Google als Director of Engineering angestellt ist und als Pionier der optischen Texterkennung (OCR), der Sprachsynthese, der Spracherkennung und der Flachbettscannertechnologie gilt und sich außerdem in der Musikszene als Synthesizerkonstrukteur einen Namen gemacht hat, sprach über einen Gedanken, den er bereits in etlichen Büchern ausgebreitet hat (zuletzt in: “How to create a Mind”). Demnach gehört es zur Natur evolutionärer Prozesse, sich zu beschleunigen. Das ist die Folge des wachsenden Komplexitätsniveaus und führt zu einer exponentiellen Zunahme von Komplexität und Können. Diese Regel gilt Kurzweil zufolge sowohl für die biologische wie für die technische Evolution. Auf technischer Seite ist der markanteste Ausdruck dieser Entwicklung das exponentielle Wachstum der Kapazität und des Preis/Performance-Verhältnisses in der Informationstechnologie.
In seiner spannenden und dabei kurzweiligen Keynote skizzierte Kurzweil einige Folgen dieser Entwicklung, die sich historisch von der Lochkarte bis zum Smartphone verfolgen lässt. Wegen der exponentiellen Natur dieses Prozesses (die Menschen nur schwer einschätzen können, weil sie in ihrer Entwicklung eher auf lineare Vorhersagen geprägt wurden), sieht Kurzweil schon in naher Zukunft Erfolge voraus, die heute noch eher nach Science Fiction klingen. Etwa die Verschmelzung von Mensch und Maschine oder die direkte Programmierung bestimmter Zelltypen zur Krankheitsbekämpfung. Ethische oder moralische Erwägungen schnitt er dabei nicht an. Dass solche Ergebnisse heute noch schwer vorstellbar scheinen, konterte er mit einem Bonmot: Als das Human Genome Project ein Prozent des menschlichen Erbguts (des “Objektcodes des Lebens”, Kurzweil )entschlüsselt hatte, habe er gesagt: “Klasse, nun ist es fast geschafft!” Denn zu 100 Prozent fehlten nur noch sieben Verdopplungen.
Ein wenig kritischer geriet die Reflexion als es um die Auswirkungen auf die Wirtschaft ging: Was, wenn die Menschheit nicht mehr in der Lage sein sollte, die exponentiell wachsende Menge an Gütern zu konsumieren? Was, wenn die Produkte dieser Überproduktion dann auch noch immer billiger würden? Eine passende ökonomische Theorie bot Kurzweil nicht an, konnte das Publikum aber mit visionären Fragen faszinieren.





