Ausgerechnet über Ostern zerbrach die Beziehung zwischen Collabora und der Stiftung hinter dem Büropaket LibreOffice. In der Folge verliert das freie Büropaket wohl viele Entwickler.
„Die TDF setzt ihre Hauptentwickler vor die Tür.“ Mit dieser Schlagzeile beginnt ein Blog-Beitrag von Collabora. Auch wenn der Blog-Post am 1. April erschien, handelte es sich mitnichten um einen Aprilscherz. Das britische Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben über 30 Entwickler, die aktiv am freien Büropaket LibreOffice mitgearbeitet haben. Dessen Richtung bestimmt maßgeblich die gemeinnützige deutsche Stiftung The Document Foundation (TDF). Dessen sogenanntes Membership Comittee wacht über die Mitgliedschaften und hat jetzt die Mitgliedschaften sämtlicher Collabora-Angestellte gekündigt.
Eigenes Office
Anders als in vielen Internetdiskussionen aufgefasst, stellt das Collabora-Team nicht komplett ihre Arbeit an LibreOffice ein. Dem Blog-Post zufolge will sich Collabora auch weiterhin in das Büropaket einbringen – allerdings nicht mehr so stark wie bislang. Die freien Ressourcen fließen stattdessen verstärkt in das derzeit entstehende Collabora Office. Dessen Wurzeln gehen zwar auf LibreOffice zurück, Collabora möbelt das Büropaket jedoch weitreichend auf und schneidet vor allem einige ältere Zöpfe ab. Unter anderem benötigt Collabora Office weder Java noch eine Datenbank. Selbstredend lädt Collabora alle Interessierten dazu ein, am Projekt mitzuwirken.
Die TDF hatte bereits einige Gründer und bekannte Namen verloren. Darunter übrigens mit Michael Meeks den CEO von Collabora, der jetzt auch für den Blog-Post verantwortlich zeichnet. Seiner Ansicht nach hätte die TDF in der Vergangenheit absichtlich das Membership Comittee mit technikfremden Personen besetzt, die wiederum mehrere fragwürdige Maßnahmen ergriffen hätten. Michael Meeks listet dazu eine ganze Reihe an Verfehlungen auf. So würden Spendengelder dazu verwendet, um gerichtlich gegen Helfer und Ex-Mitglieder vorzugehen. Sauer stößt Meeks auf, dass dies aus seiner Sicht Mitentwickler betrifft, die zum Projekt beitragen und die Marke „LibreOffice“ nach den geltenden Regeln nutzen, der weit verbreitete Missbrauch der Marke hingegen nicht verfolgt wird – als Beispiel führt Meeks die Seite libreoffice.io auf. Darüber hinaus gäbe es Probleme bei externen Entwicklungsaufträgen, die gezielt Bugs beheben oder neue Funktionen einbauen sollen.
Reaktionen der TDF
Der Blog-Post von Collabora führte schnell zu zahlreichen Diskussionen in der Community. Die Reaktionen fielen so heftig aus, dass sich die TDF noch am Ostersonntag zu einer Stellungnahme genötigt sah. Demnach führten vor allem zwei Entscheidungen aus der Vergangenheit zur aktuellen Situation.
Zum einen durften die Marke LibreOffice nur Unternehmen aus dem eigenen „Ökosystem“ nutzen, zum anderen wurden Entwicklungsaufträge für bestimmte Funktionen an Unternehmen vergeben, die zum Zeitpunkt der Vergabe im Vorstand (Board of Directors) saßen. Beides kollidiert aber mit deutschem Recht, wodurch die Stiftung ihre Gemeinnützigkeit verlieren könnte. Laut der TDF wären die betroffenen Unternehmen aber nicht an einer Lösung interessiert gewesen, sondern hätten einfach versucht, den „Status quo“ zu erhalten. Zu weiteren Spannungen führte zudem die überhastete Einführung einer neuen Organisation namens TDC, die parallel zur TDF existieren sollte.
Gewissermaßen als Notbremse ergriff die TDF daher mehrere Maßnahmen, zu denen sowohl ein Ausschreibungsstopp als auch die Aberkennung des Mitgliederstatus der Collabora-Mitarbeiter gehörten. Nach anwaltlicher Prüfung sollen damit vorerst keine rechtlichen Probleme mehr existieren. Den Verlust der Collabora-Mitarbeiter will die TDF mit eigenen, neu eingestellten Entwicklern und neuen Partnern kompensieren.
Und jetzt?
Wie so häufig gibt es auch in diesem Fall zwei Seiten. Spätestens mit dem Blog-Post vom 1. April steht jedoch fest, dass sich Collabora auf sein eigenes Office-Paket konzentrieren wird. Die TDF wiederum muss die fehlende Entwicklerleistung irgendwie kompensieren. In der Folge dürfte sich die Entwicklung zumindest vorerst verlangsamen. Hier bleibt abzuwarten, welche „Partner“ einspringen und ob die TDF genügend weitere Entwickler einstellen kann. Fest steht nur: Anwender haben zukünftig noch mehr Auswahl bei den Büropaketen.






