Rück-Sicht 49/17

Linux-Zeitschriften leben in einer Nische, aber selbst die hat eine Geschichte und in der wiederum hat das Linux Journal als altehrwürdiger Veteran einen festen Platz. Dennoch ereilt das Magazin nun das Dinosaurier-Schicksal: Er ist am Ende seiner eigenen Geschichte angekommen.

Das Linux Journal wird es nach 23 Jahren seiner Existenz nicht mehr als gedruckte Zeitschrift geben. Das meldet Pro Linux letzte Woche. Damit tritt ein Urgestein der Linux-Publizistik ab. Es ist beileibe nicht das erste Magazin mit diesem Schicksal – Maximum Linux, Tux Magazin, Linux Voice und andere gingen ihm voraus –  aber es ist der bekannteste und älteste Vertreter dieser Sparte. Immer in der Vergangenheit und auch jetzt wieder sind finanzielle Probleme der Grund für den Zusammenbruch: Eine Redaktion und die Produktion einer Papierausgabe kosten Geld, dass sich immer schwerer erwirtschaften lässt. Die Leser frönen dem Irrglauben, eine Suchmaschine böte dasselbe, nur kostenlos. Und wo die Leserzahlen zurückgehen, da wird das Angebot auch für Werbung immer weniger attraktiv und auch diese Einnahmen fallen aus. Ganz abgesehen davon, dass heutige Werber ihre Zielpersonen dank Tracker-Technologien überallhin verfolgen und deshalb weniger darauf angewiesen sind, ihnen an dedizierten Futterstellen aufzulauern.

In den Kindertagen des Linux Journal, Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, war die Welt eine vollkommen andere, keine Frage. Das Internet, das keine Konkurrenz für Magazine war, erreicht man via Modem, nach heutigen Maßstäben im Schneckentempo. Suchmaschinen steckten in den Kinderschuhen. Kommuniziert wurde in Mailboxen. Zur Printwerbung gab es für so spezielle Zielgruppen wie die Linux-Fans kaum eine Alternative.

Doch die Entwicklung ging mit atemberaubenden Tempo voran und nur zwei Jahrzehnte später sind diejenigen, die als Nachwuchs der Leserschaft in Frage kämen, von Anfang an mit Facebook und Google aufgewachsen. Viele von ihnen haben nicht nur vorher undenkbare neue Möglichkeiten hinzugewonnen, sondern auch etwas eingebüßt. Ein Gefühl für den Wert der Privatsphäre beispielsweise oder auch ein Qualitätsbewusstsein für Informationen, das sie davor bewahren würde, irgendetwas Ergoogeltes für dasselbe zu halten wie streng unparteiische, sorgsam nachgeprüfte und leserlich aufbereitete Nachrichten und Wissensbausteine.

Die Online-Diskussion über den Pro-Linux-Artikel zur Einstellung des Linux Journal liefert die Beispiele. Die meisten empfinden sehr wohl einen Verlust, trösten sich aber selbst wie metime, der schreibt: “Klar, mit Suchmaschine und Internet deckt man eigentlich fast alles ab…” Und Klaus818 meint: “Aber man bekommt ja alles im Netz. Irgend wie Schade ist es schon, aber die Welt dreht sich weiter.”

Es war die Art zu allen Zeiten,
(…)
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten. [1]

[1] J. W. Goethe aus Faust I

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

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