Rück-Sicht 41/17

Der Bund der Steuerzahler kritisiert das Münchner Limux-Projekt wegen angeblicher Geldverschwendung in seinem Schwarzbuch. Dabei verkennt er allerdings die wahren Ursachen des Debakels.

Die PC-Welt bezieht sich auf den Steuerzahlerbund und meldet “München verschwendet Millionen wegen Limux”. Vorweg, eines ist dabei unstrittig: Mit der augenscheinlich gescheiterten Migration der Arbeitsplatzrechner der Münchner Stadtverwaltung hin zu einem Linux-Client, kann der Steuerzahler in der Tat nicht zufrieden sein. Hier wird wirklich in großem Stil Geld verschwendet. An diese Feststellung schließt sich aber die wichtige Frage an: Wer ist Schuld daran? Und hier muss der Steuerzahler mindestens genauso unzufrieden sein, wenn sich eine Organisation, die ihm weismachen will, sie sei mit ihm verbündet, für ein Schwarze-Peter-Spiel vereinnahmen lässt, dass die wirklichen Gründe für das Münchner Desaster verschleiert.

Der Steuerzahlerbund ist mit seiner durch treffende Argumente nicht weiter belasteten Schuldzuweisung schnell zur Hand. Das Migrationsprojekt sei eine “folgenschwere Fehlentscheidung”. Zur Begründung verweist er auf die Kosten der anstehenden Rolle rückwärts, die so allerdings nicht einmal das Gutachten des Microsoft-freundlichen Beratungshauses Accenture gefordert hatte.

In Wirklichkeit sind die Ursachen deutlich vielschichtiger: Es gab eine Unzufriedenheit mit der städtischen IT, an der Linux aber – wenn überhaupt – nur eine Teilschuld hat. Große Anteile gehen auf das Konto veralteter Software, mangelnder Einbeziehung der Nutzer, ungeeigneter Organisationsstrukturen und so weiter. Dafür gibt es Verantwortliche, denen es freilich lieber ist, alles lässt sich dem Popanz Linux in die Schuhe schieben.

Hinzukommt ein völlig unnötiges Tabula rasa. Einerseits will die Stadtverwaltung nun nun auch erfolgreiche Teile des Projekts beerdigen – etwa die Formularverwaltung Wollmux –  die man behalten könnte. Andererseits wurden ja tatsächlich Lizenzkosten in Millionenhöhe eingespart, die in der Bilanz fairerweise gegenzurechnen wären. Der Steuerzahlerbund spart sich allerdings das mühsame differenzieren und begnügt sich mit einer plakativen Millionensumme bei den Ausgaben.

Und noch eins: Neben rein monetären Vorteilen konnte das Limux-Projekt auch andere Vorzüge auf der Habenseite buchen: Herstellerunabhängigkeit oder besseren Datenschutz etwa. Begibt man sich jetzt wieder in die Erpressbarkeit durch einen Monopolisten, wird das indirekt auch Geld kosten, das einzusparen gewesen wäre. Auch das sollte Steuerzahler interessieren. Wer proprietäre Datenformate nutzt, bleibt darauf angewiesen, dass ein einzelner Hersteller ihm auch in Zukunft dazu passende Software verkauft, und er ist verraten, sollte das einmal nicht mehr so sein. Mit Open-Source-Dokumentenformaten hätte man sich aus dieser Abhängigkeit befreit. Und zudem mehr Datensicherheit dank Transparenz geschaffen, denn jeder Experte könnte den Softwareentwicklern auf die Finger schauen.

Schließlich verdanken Weltkonzerne wie Google, Facebook oder Amazon ihren Erfolg Linux – nur im Münchner Rathaus soll das nicht funktionieren? Man mag einwenden, in einem Fall gehe es hauptsächlich um Serveranwendungen, im anderen Fall um den Desktop. Aber auch die Verwaltungen in vielen europäischen Ländern setzen auf Open Source. In Frankreich gibt es etwa seit 2012 eine offizielle Aufforderung, Open Source einzusetzen, den “Circulaire Ayrault“. In Portugal startete 2011 ein Programm das 500 Millionen Euro an Lizenzkosten sparen soll. In Spanien setzen einige kommunale Verwaltungen auf Linux-Desktops. In Italien  gibt es seit 2012 die Vorgabe, dass staatliche Behörden nur noch dann proprietäre Software beschaffen dürfen, wenn es kein vergleichbares Open-Source-Produkt gibt. Selbst in Deutschland arbeiten Kommunen – zum Beispiel Schwäbisch-Hall – in der Verwaltung flächendeckend mit Open Source. Aber in München soll dieselbe Strategie eine grobe Fehlentscheidung sein?

Wie also kam es tatsächlich zu der Geldverschwendung in der Münchner Stadtverwaltung? Die hohe Kosten entstehen, weil der politische Wille fehlt, den eingeschlagenen Weg auch gegen ein paar Widerstände beizubehalten und nach Lösungen zu suchen, die mit Linux kompatibel wären. Leider fehlt auch der Stolz auf eine Pioniertat, die natürlich nicht völlig ohne Probleme zu bewältigen ist. Es fehlt an Ehrgeiz und Motivation. Es obsiegt die Trägheit, sich stattdessen in ein Nest plumpsen zu lassen, das andere gegen einen gehörigen Obulus behaglich auspolstern, auch wenn man anschließend darin gefangen ist.

Was also ist die Fehlentscheidung: Der Projektstart oder die Rückabwicklung? Was man auch immer für die Antwort hält, soll sie ernsthaft sein, kann sie einem nicht so leicht fallen wie dem Steuerzahlerbund.

Dass wir das Schlechte so leicht glauben, ohne es genau geprüft zu haben, ist eine Folge von Hochmut und Trägheit: Wir brauchen einen Sündenbock und sind doch zu faul, uns zu überzeugen, ob die Anklage auch berechtigt ist. [1]

[1] La Rochefoucauld

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

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