Die Raspberry Pi Ltd reagiert auf explodierende Speicherpreise mit Preiserhöhungen und einer neuen 1-GByte-Variante des RasPi 5. Doch hinter dem vermeintlichen Budget-Modell steckt mehr als nur Kundenfreundlichkeit.
Anfang Dezember 2025 verkündete Raspberry-Pi-CEO Eben Upton in einem Blogbeitrag, was viele Nutzer befürchtet hatten: Die Preise für RasPi 4 und 5 steigen deutlich. Upton spricht von “einem beispiellosen Anstieg” der LPDDR4-Speicherkosten. Der Grund liegt in der enormen Nachfrage nach LPDDR4- und LPDDR4X-Speicher. Der weltweite Ausbau von KI-Infrastruktur treibt sie derzeit in die Höhe.
Die Auswirkungen sind erheblich: Der Pi 5 mit 4 GByte kostet statt 60 inzwischen 70 USD. Die 8-GByte-Variante springt von 80 auf 95 USD, und das Flaggschiff mit 16 GByte klettert von 120 auf 145 USD. In deutschen Shops sind die Preiserhöhungen ebenfalls angekommen: Für die 16-GByte-Version werden statt 122 Euro nun rund 148 Euro fällig, für die 8-GByte-Variante etwa 98 Euro.
Auch der ältere RasPi 4 bleibt nicht verschont, wenngleich es ihn nicht ganz so hart trifft: Das 4-GByte-Modell steigt von 55 auf 60 USD, die 8-GByte-Ausführung von 75 auf 85 USD. Modelle mit 1 oder 2 GByte RAM sowie der Pi Zero und Pico behalten ihre bisherigen Preise. Der Pi 3B+ verteuerte sich schon im Oktober 2025 von 35 auf 40 USD. Er blieb von der Dezember-Runde also unberührt. Ebenfalls im Oktober hatte Raspberry Pi bereits die Preise für Compute Module 5 angepasst, mit Ausnahme der 16-GByte-Variante, die jetzt ebenfalls um 20 USD teurer wird.
Die überraschende 1-GByte-Variante
Zeitgleich mit den Preiserhöhungen präsentierte Raspberry Pi eine neue Variante: den Pi 5 mit lediglich 1 GByte RAM zum Preis von 45 USD. In deutschen Shops rangiert der Straßenpreis momentan zwischen 46,50 und 51 Euro. Das Unternehmen bewirbt das Board als günstigen Einstieg in die Pi-5-Generation für Projekte, bei denen RAM keine kritische Rolle spielt.
Technisch handelt es sich um identische Hardware: Der Broadcom BCM2712 mit vier Cortex-A76-Kernen bei 2,4 GHz, die VideoCore-VII-GPU, PCIe 2.0, USB 3.0 und die MIPI-Interfaces sind die gleichen wie in den teureren Varianten. Laut Upton kommt das überarbeitete D0-Stepping des Prozessors zum Einsatz, das mit Single-Rank-Speicherchips sogar eine leicht verbesserte Performance verspricht.
Bemerkenswert ist dagegen der gewählte Formfaktor: Raspberry Pi bringt das speicherärmste RasPi-5-Modell im vollen Board-Format. Ein kompakterer Formfaktor wie beim Pi Zero wäre für typische Low-RAM-Anwendungen grundsätzlich naheliegender gewesen, zumal der Pi 4 mit 1 GByte für 35 USD weiterhin erhältlich ist. Für zahlreiche einfache Projekte genügt er vollkommen.

Am Formfaktor hat Raspberry Pi beim 5er-Modell mit 1 GByte RAM nichts geändert. Quelle: Raspberry Pi
Trademark-Klausel als versteckter Treiber
Ein Blick in den Geschäftsbericht der börsennotierten Raspberry Pi Holdings plc offenbart einen Aspekt, der in der offiziellen Kommunikation nicht vorkommt: Im September 2020 übertrug die Raspberry Pi Foundation das Markenrecht an die Raspberry Pi Ltd. Die Übertragung war an eine zentrale Bedingung geknüpft: Das Unternehmen verpflichtete sich, kostengünstige Computer für Bildungskunden bereitzustellen.
Im Februar 2024 wurde diese Vereinbarung konkretisiert. Die Definition von “low cost” lautet seither: maximal 45 USD oder falls höher, Herstellungskosten plus 20 Prozent zuzüglich Steuern und Gebühren. Kann Raspberry Pi Ltd die Anforderung nicht erfüllen, fällt das Markenrecht an die Foundation zurück.
Mit den gestiegenen Speicherpreisen ließ das bisherige Einstiegsmodell, der RasPi 5 mit 2 GByte für 50 USD, die magische Grenze hinter sich. Die neue 1-GByte-Variante für exakt 45 USD ist damit keine reine Marketingentscheidung, sondern eine vertragliche Notwendigkeit zum Erhalt des Trademarks. Obendrein erscheint der Preis von 45 USD vor diesem Hintergrund nicht zufällig gewählt.
Foundation vs. Ltd, eine komplizierte Beziehung
Um die Tragweite der Klausel zu verstehen, müssen Sie sich zunächst mit der Unternehmensstruktur beschäftigen. Die Raspberry Pi Foundation ist eine gemeinnützige Organisation (gemeinnützig seit 2009) mit Sitz in Cambridge, gegründet 2008 mit dem Ziel, Informatikbildung weltweit zu fördern. Die Raspberry Pi Ltd hingegen ist das kommerzielle Tochterunternehmen, das die Hardware entwickelt und vertreibt.
Im Juni 2024 ging die Raspberry Pi Holdings plc an die Londoner Börse. Der Börsengang brachte 180 Millionen USD ein, wovon nach Transaktionskosten 173,4 Millionen an die Foundation flossen. Die Foundation hält über ihre Tochtergesellschaft Raspberry Pi Mid Co Limited weiterhin 46,7 Prozent der Anteile und ist damit der größte Einzelaktionär.
Diese Konstellation erzeugt ein Spannungsfeld: Als börsennotiertes Unternehmen steht die Raspberry Pi Ltd unter Druck, Gewinne zu erwirtschaften und Aktionäre zufriedenzustellen. Gleichzeitig bindet die Trademark-Vereinbarung sie an die gemeinnützigen Ziele der Foundation. Die 45-Dollar-Klausel ist das vertragliche Instrument, mit dem die Foundation sicherstellt, dass die kommerzielle Tochter ihrer Bildungsmission treu bleibt.
Aber rechnet sich das überhaupt?
Die Frage, ob Raspberry Pi mit dem 1-GByte-Modell überhaupt Gewinn erzielt, drängt sich förmlich auf. Die Herstellungskosten eines RasPi 5 setzen sich aus zahlreichen Komponenten zusammen: dem BCM2712-SoC, dem Speicher, der Platine mit allen passiven Bauteilen, dem RP1-Southbridge-Chip, WLAN-Modul, USB-C-Power-Delivery-Controller und mehr. Hinzu kommen Fertigungskosten im walisischen Werk Sony UK Technology Centre, Qualitätskontrolle, Verpackung und Logistik.
Der Preisunterschied zwischen 1 GByte und 2 GByte LPDDR4X-Speicher beträgt auf dem Spotmarkt derzeit nur wenige US-Dollar. Sofern der Pi 5 mit 2 GByte bei 55 USD profitabel ist, liegt die Marge beim 1-GByte-Modell für 45 USD bestenfalls im einstelligen Dollarbereich, wenn überhaupt. Es klingt also plausibel, dass die 1-GByte-Variante kostendeckend oder sogar mit leichtem Verlust kalkuliert ist.
Das erklärt möglicherweise außerdem die Wahl des Formfaktors: Ein RasPi 5 in voller Größe mit 1 GByte RAM wirkt für die meisten Anwendungsfälle wenig attraktiv. Wer headless arbeitet, greift eher zum kompakteren Pi Zero 2W für 15 USD. Wer Desktop-Performance benötigt, braucht mehr Speicher. Die Zielgruppe für einen Full-Size-Pi mit 1 GByte ist dementsprechend per se begrenzt.
Doch diese Konstellation könnte durchaus beabsichtigt sein: Je weniger Einheiten der margenschwachen 1-GByte-Variante verkauft werden, desto besser für die Bilanz. Selbstverständlich, solange das Produkt existiert und verfügbar ist, um die Trademark-Anforderungen zu erfüllen. Ein attraktiveres Produkt, zum Beispiel ein hypothetischer “Pi 5 Lite” in kompakterem Format, würde mehr Käufer anlocken und die Marge belasten.
Die Speichermarktkrise im Detail
Die aktuelle Situation am Speichermarkt sucht bislang ihresgleichen. LPDDR4X, der im Raspberry Pi 5 verbaute Low-Power-Speicher, kommt zunehmend auch in Smartphones, Tablets und in Edge-KI-Geräten zum Einsatz. Die großen Speicherhersteller Samsung, SK Hynix und Micron konzentrieren ihre Kapazitäten darüber hinaus stärker auf profitablere Produkte wie HBM-Speicher für KI-Beschleuniger und DDR5 für Server.
Wie drastisch die Lage ist, zeigt eine Entscheidung von Anfang Dezember: Micron stellt sein gesamtes Consumer-Geschäft unter der Marke Crucial ein. Nach 29 Jahren verschwindet die bei PC-Bastlern beliebte Marke bis Februar 2026 vom Markt. Die Begründung: Die KI-getriebene Nachfrage nach Speicher für Rechenzentren fällt so hoch aus, dass Micron jede verfügbare Kapazität auf margenstarke Enterprise-Kunden umleiten will. Die gesamte HBM-Produktion des Unternehmens ist bereits bis 2026 ausverkauft.
Für Abnehmer mit geringen Stückzahlen und niedrigen Margen, zu denen Single-Board-Computer-Hersteller zählen, gestaltet sich die Beschaffung dadurch noch schwieriger und teurer. Wenn selbst ein Branchenriese wie Micron den Consumer-Markt aufgibt, illustriert das die Dimension des Problems.
Raspberry Pi bekommt als einer der größten Abnehmer im SBC-Markt noch vergleichsweise gute Konditionen. Kleinere Wettbewerber dürfte die Situation deutlich härter treffen. Die Preiserhöhungen bei Raspberry Pi könnten daher nur ein Vorgeschmack auf breitere Verwerfungen im Markt für Einplatinencomputer sein.
Historischer Kontext: Raspberry Pi und Krisen
Raspberry Pi kämpft nicht zum ersten Mal mit Lieferengpässen und Preisdruck. Die globale Chip-Knappheit von 2021 bis 2023 setzte dem Unternehmen hart zu. Zeitweise waren der RasPi 4 und später 5 über Monate hinweg nicht oder nur zu überhöhten Preisen bei Drittanbietern zu ergattern.
Damals hielt Raspberry Pi an den offiziellen Preisen fest und rationierte stattdessen die Verfügbarkeit. Die Strategie ging auf: Als sich die Lieferketten normalisierten, kehrten die Boards zu den ursprünglichen Preisen in die Regale zurück. Das Vertrauen der Community in die Preispolitik des Unternehmens blieb intakt.
Die aktuelle Situation präsentiert sich allerdings anders. Hier geht es nicht um temporäre Lieferengpässe, sondern um strukturell gestiegene Einkaufspreise. Die Entscheidung, diese an die Kunden weiterzugeben, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, markiert aber einen Bruch mit der bisherigen Philosophie stabiler Preise.
Sinnvolle Einsatzszenarien fürs 1-GByte-Modell
Trotz der wirtschaftlichen Hintergründe gibt es legitime Anwendungsfälle für einen Pi 5 mit 1 GByte. Die deutlich höhere CPU-Leistung gegenüber dem Pi 4 oder Zero 2W macht sich bei rechenintensiven Headless-Aufgaben bemerkbar: Ein Pi-hole läuft flüssiger, ein VPN-Gateway profitiert von der schnelleren Verschlüsselung, und bei GPIO-intensiven Steuerungsaufgaben hilft die höhere Single-Thread-Performance.
Für Retro-Gaming-Projekte bis zur PlayStation-1-Ära genügt 1 GByte RAM, und die stärkere GPU kann komplexere Shader für Grafikeffekte berechnen. Auch bei LED-Matrix-Installationen oder generativer Kunst, wo die VideoCore VII ihre Stärken ausspielt, ist der Speicher selten der Flaschenhals.
Industrielle Embedded-Anwendungen, bei denen Zuverlässigkeit und Langzeitverfügbarkeit zählen, könnten ebenfalls vom neuen Modell profitieren. Für Steuerungsaufgaben in der Automatisierung oder als Protokollkonverter spielt die Rechenleistung eine wichtigere Rolle als der Speicher.
Weniger geeignet ist die 1-GByte-Variante für Desktop-Nutzung, Webentwicklung mit mehreren Browser-Tabs, Container-Workloads oder lokale KI-Experimente. Hier stößt der limitierte Speicher schnell an seine Grenzen. Die Mehrausgabe von 10 USD für das 2-GByte-Modell lohnt sich in diesem Kontext allemal.
Kurzer Blick auf die Konkurrenz
Wie reagieren andere Hersteller von Einplatinencomputern auf die Speichermarktsituation?. Orange Pi, Banana Pi und Radxa nutzen teils die gleichen oder ähnliche SoCs und stehen vor denselben Herausforderungen. Bislang haben die Anbieter keine größeren Preisanpassungen bekannt gegeben. Das kann allerdings an den ohnehin volatileren Preisstrukturen und der geringeren Markttransparenz liegen.
Der Vorteil von Raspberry Pi bleibt das Ökosystem: Die Softwareunterstützung, die Community und die Dokumentation gelten als unerreicht. Wer ausschließlich auf den Preis schaut, findet bei chinesischen Herstellern leistungsfähigere Hardware für weniger Geld. Wer Wert auf Langzeitunterstützung und eine aktive Entwickler-Community legt, bleibt beim Pi, zu höheren Preisen.
Fazit
Für Interessierte, die derzeit vor einer Kaufentscheidung stehen, ergeben sich einige Überlegungen: Wer ein konkretes Projekt plant und den Pi 5 braucht, sollte nicht auf fallende Preise spekulieren. Die Speichermarktsituation dürfte sich frühestens 2026 entspannen, sobald neue Fertigungskapazitäten online gehen.
Wenn Sie flexibel sind, sollten Sie prüfen, ob ein RasPi 4 mit 2 GByte für 45 USD (Preis unverändert) oder ein Pi Zero 2W Ihre Anforderungen erfüllt. Für viele Headless-Projekte braucht es die zusätzliche Leistung des Pi 5 nicht zwingend.
Die 1-GByte-Variante des Pi 5 ergibt ausschließlich Sinn, wenn Sie auf die spezifischen Vorteile des Pi 5, schnellere CPU, PCIe, USB 3.0, nicht verzichten können und der Speicher definitiv ausreicht. Als Allzweck-Board oder für zukünftige Projekte mit unbekannten Anforderungen empfiehlt es sich, den Aufpreis für die 2-GByte-Variante in Kauf zu nehmen.
Eben Upton betont in seinem Blogbeitrag, dass die Preiserhöhungen temporär seien und zurückgenommen würden, sobald sich der Markt entspannt. Historisch hat Raspberry Pi dieses Versprechen eingehalten. Die Frage ist, wann der Speichermarkt sich erholt, und ob bis dahin nicht längst eine neue Pi-Generation ansteht.
Für die Maker-Community bedeuten die Preiserhöhungen einen spürbaren Einschnitt. Der Pi war stets als erschwingliche Plattform positioniert, doch diese Position wird durch externe Marktfaktoren zunehmend unter Druck gesetzt.
Der Raspberry Pi 5 mit 1 GByte RAM ist ein Produkt mit doppeltem Boden. Oberflächlich betrachtet, erweitert er die Modellpalette nach unten und ermöglicht einen günstigeren Einstieg. Bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, dass vertragliche Verpflichtungen gegenüber der Raspberry Pi Foundation das Unternehmen zu diesem Schritt zwingen.
Die Wahl des Full-Size-Formfaktors für das margenschwache Produkt scheint strategisch motiviert: Ein attraktiveres Angebot würde mehr Käufer anziehen und die ohnehin dünne Marge weiter belasten. So bleibt die 1-GB-Variante ein Nischenprodukt für spezielle Anwendungsfälle, erfüllt aber ihren eigentlichen Zweck: die Trademark zu sichern und die Verbindung zur gemeinnützigen Foundation aufrechtzuerhalten. (csi)






