Kalifornische Dogmen

“Welcome to the Hotel California
(…)
We are programmed to receive,
you can checkout any time you like,
but you can never leave.”
(The Eagles, 1976, [1], [2])

Er ist wieder weg. Gut so, finden manche, andere sind traurig. Der irdische Vertreter der Institution, die die älteste und wohl erfolgreichste Version des wahrhaftigen Vendor-Lock-Ins (Erklärung unten) zelebriert und zu einem Milliardenseller gebracht hat, hat Deutschland nach einigen akademischen Lesungen, Liturgien und Gott sei Dank nur wenigen Luftgewehrsalven wieder verlassen.

Das Geschäftsmodell ist 2000 Jahre alt, Philosophen, Historiker und Religionswissenschaftler wissen sicher besser, wer es erfunden hat, aber zur Blüte gebracht hat es ein Männerverein aus dem Süden Europas, da wo die Ehre noch etwas zählt. Das Konzept ist einfach: Einmal getauft, bleibt der Mensch Christ, selbst wenn er sich anders entscheidet und “austritt”.

Exodus Umzug

Schon beim nächsten Umzug stellt der vermeintliche Ex-Katholik fest, dass das “Austreten” weniger mit seinen Bedürfnissen und einer Art Vereinszugehörigkeit zu tun hat, als mit rein staatlicher Organisation und Steuerrecht. Und da geht das Faktum gerne mal zwischen zwei Gemeinden verloren, wenn das Schäflein sich brav in der neuen Gemeinde anmeldet. Es ist alleine der Institution Kirche überlassen, zu entscheiden, wer die Herde verlassen darf, wann und wer nicht. Das Dogma? Einmal drin, nie wieder raus, es wird mit-geteilt, was den Glauben aus-macht.

Das Vendor-Lock-In in der IT

So eine dauerhafte Bindung eines Kunden ist für Unternehmen von Vorteil, meist von finanzieller Natur und gilt daher als überaus erstrebenswert. Bei manchen IT-Firmen ist das gar so ausgeprägt, dass es wichtiger wurde, den Delinquenten zu binden (nicht im Sinne von Fesseln oder Foltern wie bisweilen im ersten Beispiel oben), als ihn durch die Vorteile der Soft- oder Hardware zu überzeugen. Volkswirte sprechen vom “Lock-In“, dem Einschließen, das den Wechsel zu einem anderen Produkt künstlich unwirtschaftlich teuer macht und deshalb für den Kunden gar nicht erst in Frage kommt. Zwar beherrschen auch kleinere Firmen die Technik häufig exzellent, aber tendenziell am erfolgreichsten setzen Konzerne dieses Werkzeug ein, die eine marktbeherrschende Stellung inne haben.

Die glorreichen Vier

Doch der Vendor-Lock-In zeigt sich heute auch im Privaten, und nicht nur im eingangs aufgeführten Beispiel. 2011 besteht das Internet, oder auch der Arbeitsplatz, sei er mobil, vernetzt oder offline, für viele Anwender im wesentlichen aus Produkten von vier Firmen: Apple, Facebook, Google und Microsoft. Ja, auch immer noch Microsoft. Doch der Reihe nach.

Äpfel

Steve Jobs’ Ex-Firma Apple spielt mit der Faszination von Technik auch und gerade für DAUs, mit charmanter Unkompliziertheit, aber auch mit Chauvinismus, Religiosität, Anmaßung und Zensur moderner Zeitschriften bis hin zur “Irani Edition” von Dazed & Confused. Das Logo der Firma, der angebissene Apfel, hat jedoch gar nichts mit der Genesis zu tun, er stellt keine religiöse Metapher einer verbotenen Frucht dar, sondern huldigt vielmehr der Newtonschen Erleuchtung.

Apple schafft es dennoch, Massen von Kunden freien Willens in die Vendor-Lock-In-Falle zu locken. Das klappt so gut, dass Neurowissenschaftler bei den Apfel-Anhängern bisweilen Verhaltensweisen feststellen konnten, die an das unter Entführungsopfern verbreitete Stockholmsyndrom erinnern. Ihr Dogma lautet: Einmal drin, (fast) nie wieder raus – und bitte habt Verständnis dafür, dass wir entscheiden, was Euch gestattet ist, und was nicht – aber daran glauben dürft Ihr, und bitte vergesst das Jubeln und Bezahlen nicht.

Gesichter

Zuckerbergs Buch der Gesichter arbeitet ähnlich, aber weniger religiös. Das Pathos ist dennoch enorm: Datenschutz ist von gestern, Facebook wird das Buch des Lebens, wo alle alles über alle und jeden speichern können. Vergleichsweise offen ist das Geschäftsmodell: Gebt uns alle Eure Daten, wir sammeln die, bereiten sie auf mit dem, was Ihr selbst nicht über Euch wisst [3], [4] und verkaufen sie dann weiter, an wen ist uns egal, Hauptsache meistbietend.

Eure Daten sind dann ab sofort unsere Daten über Euch, das habt Ihr am Anfang mit den AGB angekreuzt und abgesegnet – Sorry. Das Dogma? Einmal drin, sicher nie wieder raus, und wir verdienen daran, aber wir sind voll cool, ey!

The (possibly not so) evil empire

Dritter im Bunde ist Google, wahrscheinlich der größte Datenkrake. Doch die hyperakademische Firma hat sich angeblich selbst ein Dogma gesetzt. “We won’t be evil” – Man wolle niemals böse werden. Und trotz einiger, bisweilen peinlicher Fauxpas scheint sich der Suchmaschinenriese daran halten zu wollen. Zu groß scheint die Gefahr des Image- und damit verbundenen Kundenverlustes.

Viel größere Gefahr sehen Kritiker dann auch in der mangelhafte Datenschutzauffassung des Heimatlandes von Google, und nicht zuletzt fürchten sie, was passieren könnte, kämen die Daten in falsche Hände. Ansonsten gibt sich Google offen, betreibt viel Open Source, setzt auf offene Standards und gibt aber zur Verwunderung vieler den Quellcode von Android nicht heraus – oder nur mit großer Verzögerung.

Innerhalb einer endlichen Beweisführung lässt sich das Dogma ohnehin nicht verifizieren – hier gilt auch: Warten bis zum jüngsten Tag – oder bis etwas passiert.

Microsofts religiöse Züge

Eine Sonderrolle nimmt traditionell Microsoft ein. Wer da vor Kurzem auf der Build-Konferenz im kalifornischen Anaheim zu Gast war, stellt als unbefangener Besucher fest: Schon die Präsentation hat religiöse Züge. Ovationen, Jubel, Beifall – wenn auch manchmal erst nach leichter Aufforderung durch die Zeremonienmeister (“Yes, feel free to show your enthusiasm!”, Steven Sinofsky).

Pompös: Steven Sinofsky präsentiert Windows 8.

Pompös: Steven Sinofsky präsentiert Windows 8.

Im Gegensatz zu vielen Religionsgemeinschaften leben IT-Firmen davon, ständig Neues zu präsentieren und “die Welt neu zu erfinden”, im Falle von Microsoft eben Windows, Nummer 8, mit dem besonderen “Touch” und offeneren APIs. Und selbstverständlich wollen auch die stets etwas spät reagierenden Redmonder “ihren” Anteil vom großen Datenkuchen haben, den derzeit Google, Apple und Facebook unter sich ausmachen. Dafür gibt es dann Apps und Store.

Anheim, California. Im Convention Center spielten schon Elvis und Neil Young.

Anheim, California. Im Convention Center spielten schon Elvis und Neil Young.

Vom Saulus zum Paulus…

Erstaunlich und für viele Open-Source-Anhänger unglaubwürdig ist dabei die Ankündigung, Offenheit und Kooperation seien die neuen Maxime. Nicht mehr nur die Spötter meinen, Microsoft entwickele sich zu einer Open-Source-Company, der Beitrag zum Linux-Kernel und diverse freie Projekte zeugen schon heute davon. Schließlich stünden ja auch bei IBM, Oracle, Red Hat oder Suse knallharte wirtschaftliche Interessen dahinter.

Das Microsoft von heute (die “Corp”, wie Mitarbeiter in den Niederlassungen anderer Ländern das Mutterhaus nennen), hat sicher wenig dagegen, mit dem Dogma “We won’t be evil – anymore” (“Wir sind nicht böse – NICHT MEHR!”) in Verbindung gebracht zu werden. Geläutert oder nicht – wie bei Kollege Google ist dieser Beweis nicht in endlicher Zeit zu erbringen. Dass sich MS früher als Meister des Vendor-Lock-Ins erwiesen hat und diverse Produktfamilien der Mega-Corporation das auch heute noch vortrefflich umsetzen (Office, Sharepoint, Exchange), macht es der konzerneigenen PR-Abteilung sicher nicht einfacher.

Was dabei herauskommt, bleibt offen. Aber auch der jüdische Pharisäer Saulus hat ja zunächst Christen verfolgt, ehe er sich nach seiner Bekehrung als Paulus zum eigentlichen Erbauer der Kirche des Christentums mauserte. Auch hier gilt also: Abwarten.

Kein Feuer im Herzen?

Für den Linux-Anhänger und Open-Source-Evangelisten ist dagegen klar: Offenheit, Transparenz, freie Daten, APIs und Quellcode sind die Grundfesten des Glaubens und die Essenz des Cloud-Computings (ob privat, hybrid, kommerziell oder im Social Web) und die einzig wahre Lehre.

Trotzdem muss er eingestehen, dass die vier Großen einiges Besser machen: Vor vier Wochen sagte Mark Shuttleworth im Linux-Magazin-Interview sinngemäß: “Die Open-Source-Welt schafft es nicht, Feuer in den Herzen der Menschen zu entzünden.” Im nächsten Linux-Magazin (Ausgabe 11/2011, erscheint Anfang Oktober) schildert der Gnome-Gründer Miguel de Icaza, warum er Apples Produkte liebt und es sich seiner Meinung nach nicht mehr lohnt, für den Linux-Desktop zu kämpfen.

Miguel de Icaza im Interview bei Microsofts Build-Konferenz.

Miguel de Icaza im Interview bei Microsofts Build-Konferenz.

Die wahre Lehre?

An Enthusiasmus mangelt es der Welt der freien Software sicher nicht, auch nicht an Innovationen. Trotzdem hat Shuttleworth nicht unrecht. Über Icaza lässt sich sicher vortrefflich streiten, doch eines ist richig: Apple, Google, Facebook und Microsoft schaffen es deutlich besser, die Menschen zu begeistern, die Herzen zu erobern. Doch zu welchem Preis? Richard Stallman hätte schnell die Antwort parat: Es geht zu Lasten der (Entscheidungs-)Freiheit des Einzelnen.

Man mag entgegnen, alle religiösen Konzepte (zumindest die monotheistischen) hätten eben so ihre Schwierigkeiten mit dem freien Willen. Da kann die Open-Source-Welt einhaken und mindestens zwei Sachen entgegenstellen: Aufklärung und gesunden Menschenverstand. Ob das allerdings massentauglich und den kommerziellen Wettbewerbern überlegen sein kann, bleibt fraglich. Bis dahin bleibt nur der Trost, dass das Eagles-Zitat als Credo eines Git- oder SVN-Repositorys viel mehr so lauten müsste:

“You can check out anytime,
and you are always free to leave…”

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