Die Nacht der langen Messer

Torvalds überraschender Abschied in die Auszeit, die er zur Läuterung seines unsensiblen Kommunikationsstils nutzen will, hat eine Lawine losgetreten. Eine Lawine aus Beschuldigungen und Verdächtigungen, Gerüchten und Drohungen und Verschwörungstheorien.

Zwar ist das Bild ziemlich unübersichtlich, aber ein Fixpunkt ist zweifellos der neue Code of Conduct, der Verhaltenskodex, den sich die Kernelgemeinde geben will. An dieser Vereinbarung wird unter anderem kritisiert, sie enthielte keine exakten Definitionen für Strafen oder Verjährungsfristen und ließe sich deshalb missbräuchlich verwenden, um möglicherweise verdienstvolle Entwickler herauszuekeln.

Und in der Tat wird bereits tief in der Vergangenheit gewühlt. Das betrifft zum Beispiel den berühmten Kernelentwickler Ted Tso, der als Mitglied des Technical Advisory Board der Linux Foundation jenem Gremiun angehört, dem “beleidigendes, belästigendes oder anderweitig inakzeptables Verhalten” gemeldet werden soll. Ausdrücklich sollen darunter auch sexistische Ausfälle zählen. Aber, sagt jetzt etwa Sage Sharp, Tso sei doch selbst ein Verharmloser von Vergewaltigungen. Macht man da den Bock zum Gärtner? Tso hatte tatsächlich in einem Posting der Mailingliste linux.conf.au im Jahr 2011 Statistiken über Vergewaltigungen als “irreführend und übertrieben” bezeichnet. Matthew Garrett, ein anderer namhafter Entwickler freier Software, geht noch weiter. Er habe es nicht glauben wollen und Tso damals angeschrieben. Dessen Antwort soll bezeichnend gewesen sein: Tso habe “einen klaren Unterschied machen wollen zwischen einer Vergewaltigung zwischen betrunkenen College-Studenten und einer Vergewaltigung mit gezücktem Messer im dunklen Park. Sie wissen schon, der Unterschied zwischen einer versehentlichen und einer wirklichen Vergewaltigung. Der Unterschied zwischen einer Vergewaltigung, die jeder von uns begangen haben könnte, und einer Vergewaltigung, wie sie die bösen Menschen tun. … Ted Tso ist ein Fürsprecher von Vergewaltigungen.”

Derlei Angriffe ließen wiederum Gerüchte ins Kraut schießen, so geschasste Kernel-Entwickler könnten aus Rache die Nutzung ihres Codes verbieten. Das soll möglich sein, weil zwar der Kernelcode unter einer Copyleft-Lizenz steht und damit unter den bekannten Auflagen frei genutzt und verbreitet werden darf, das Copyright aber beim Autor verbleibt. In einem offenen Brief an die Kernel Mailing Liste wird erklärt: “Beitragende können zu jeder Zeit ihr Einverständnis in die Lizenz zurückziehen, wenn sie das schriftlich gegenüber denjenigen erklären, denen sie das Nutzungsrecht eingeräumt haben.” Die GPL V3 habe eine Anti-Rücknahme-Klausel, aber nicht die GPL V2 und der Kernel steht bekanntlich unter der GPL V2. Verbannte Entwickler sollten sich darauf berufen, dass sie geglaubt hätten, das Linux-Team sei eine Meritokratie, bei der sich also die Position in der Rangfolge aus den Verdiensten des Einzelnen ergäbe. Diese Zusicherung sei aber nun zerstört und ihr Image befleckt. Mit der Verbannung aus der Kernelgemeinde sei das gegenseitige Einverständnis verletzt.

Es gibt divergierende Meinungen darüber, ob das rechtlich durchsetzbar wäre, aber ernstzunehmende Experten halten das für möglich. So schreibt etwa das Linux-Urgestein Eric S. Raymond: “Lassen Sie mich zuerst bekräftigen: Diese Drohung ist durchaus ernst zu nehmen! Ich habe mich mit der relevanten Gesetzeslage auseinandergesetzt, als ich die Open Source Initiative gegründet habe. In den USA gibt es eine Rechtsprechung, derzufolge der Ansehensverlust eines Beitragenden in bezug auf die Umwandlung seiner Rechte in einem Projekt unter der GPL von rechtlicher Relevanz sein kann.”

Wo die Wellen so hoch schlagen sind natürlich auch die nicht weit, die lustvoll die verschiedensten Verschwörungstheorien konstruieren: Linus Rückzug, der alles ausgelöst hat, erscheint ihnen als spontane Reaktion nicht glaubwürdig. Wer mag da im Hintergrund die Strippen gezogen und Druck ausgeübt haben? Die Linux Foundation? Große Konzerne, die viele Kernelentwickler beschäftigen? Und mit welchem Ziel? Will man Torvalds ausbooten? Oder Linux allgemein sturmreif schießen?

Langweilig ist es jedenfalls gerade nicht. Und der als Befreiungsschlag gedachte Code of Conduct ist wohl doch noch so unausgegoren, dass er einer gründlichen Überarbeitung bedarf, um nicht nach hinten loszugehen. Schließlich wird man sich auch überlegen müssen, wie man dem Damoklesschwert der Lizenzrücknahme entgehen kann.

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3 Kommentare
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kki
7 Jahre her

Linus Rückzug, der alles ausgelöst hat, erscheint ihnen als spontane Reaktion nicht glaubwürdig. Wer mag da im Hintergrund die Strippen gezogen und Druck ausgeübt haben? Der BBC gegenüber nennt er ja mehrere Gründe für seine Rückzug. Das erste Zitat stammt daraus, diese Aussage ist m.E. zentral. “Because I may have my reservations about excessive political correctness, but honestly, I absolutely do not want to be seen as being in the same camp as the low-life scum on the internet that think it’s OK to be a white nationalist Nazi, and have some truly nasty misogynistic, homophobic or transphobic behaviour. And… Mehr »

aboring fart
7 Jahre her
Reply to  kki

“…the low-life scum blablabla nazi… blablabla…” = Q.e.d.

Lee
7 Jahre her

Und das alles kommt während Google Fuchsia entwickelt

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