Aus Linux-Magazin 09/2025

Politische Skandale und fragwürdige Entscheidungen

© dizanna / 123rf.com

Beratungsresistente Minister, Firmen-PR, nicht eingehaltene Versprechen, Wahlkämpfe und gute Verbindungen in die Wirtschaft – warum die Digitalpolitik in Baden-Württemberg solang scheiterte.

Die Entwicklung der Schulcloud in Baden-Württemberg zeigt, wie politische und gesellschaftliche Debatten die technologischen Innovationen in der Digitalisierung behindern und infrage stellen – auch und gerade bei Open-Source-Anwendungen. “Die, die’s bauen können’s net und die, die’s können bauen’s net”, schnauft ein leidgeprüfter Experte. Aus eigener Sicht hatte er “allzu lang” mit der Malaise der baden-württembergischen Bildungspolitik zu tun.

“Schlimm” sei das gewesen, viele gute Mitarbeiter habe man verloren. Auch, weil das Kultusministerium dachte, man könne alles selbst machen, sogar eine Schulcloud. Dass es bereits lokale Entwicklungen und Angebote gab, habe keine Rolle gespielt. Ein “Wildwuchs” sei entstanden, wenig koordiniert, separate, parallele System und Entwicklungen und eine “unfähige” Bildungspolitik, harsch kritisiert von der Opposition.

Immer wieder lieferte sich die Bildungsministerin Susanne Eisenmann (Abbildung 1) einen Kleinkrieg mit verschiedenen Akteuren. Darunter befand sich der Rechnungshof sowie immer wieder eigene Parteikollegen wie der ebenfalls durch zahlreiche politische Affären gestählte Schäuble-Schwiegersohn und Innenminister Baden-Württembergs Thomas Strobl.

Nach mehreren gescheiterten eigenen Anläufen mutierte die Bildungsministerin sogar zum Microsoft-Fan und erzwang MS 365 samt Teams in sämtlichen Schulen – entgegen aller Warnungen und Bedenken der Landesdatenschützer und nahezu der ganzen IT- und Bildungsbranche.

Abbildung 1: Susanne Eisenmann war von 2005 bis 2021 Kultusministerin in Baden-Württemberg. Nach einer Wahlniederlage 2021 zog sie sich aus der Politik zurück. Quelle: CC BY-SA 3.0, CDU Baden-Württemberg / KD Busch – https://www.cdu-bw.de/presse/bilder/

Abbildung 1: Susanne Eisenmann war von 2005 bis 2021 Kultusministerin in Baden-Württemberg. Nach einer Wahlniederlage 2021 zog sie sich aus der Politik zurück. Quelle: CC BY-SA 3.0, CDU Baden-Württemberg / KD Busch – https://www.cdu-bw.de/presse/bilder/

Abbildung 2: Thomas Strobl amtiert seit 2016 als Innenminister in Baden-Württemberg. Quelle: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

In der Hand der Politik

Unter solchen Umständen wird die Balance zwischen Digitalisierung, Datenschutz und pädagogischer Freiheit zur Herausforderung. Das gilt vor allem, wenn die Entwicklung einer Schulcloud wie in Baden-Württemberg eher von politischen Entscheidungen, persönlichen Befindlichkeiten und gesellschaftlicher Debatte getrieben scheint als vom Fokus auf die technologischen Herausforderungen und dem Wohl der Schüler.

Eisenmann führte als zentrale Figur in der Digitalisierung des Bildungswesens im Jahr 2018 die Bildungsplattform ella ein. Was folgte, war ein Wahlkampf voller Vorwürfe. Oppositionspolitiker und Medien kritisierten das Scheitern des Projekts als Geldverschwendung [1] und monierten mangelnde Professionalität [2].

ella, elle l’a?

Wegen technischer Probleme schaffte es die Eigenentwicklung ella nicht einmal bis zu einem Probelauf [3]. Wenig überraschend kritisierte die Opposition Eisenmann und Innenminister Strobl harsch: Knapp 30 Millionen Euro seien verschwendet worden. Innenminister Strobl habe mit seiner Darstellung des Scheiterns erneut bewiesen, dass er keine Kenntnis habe vom größten Einzelprojekt der Digitalisierungsstrategie des Lands.

ella sei gescheitert, weil “außerhalb von Sonntagsreden keine beziehungsweise nur ungenügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde”. Die vertraglichen Grundlagen für ella seien “unausgegoren und unvollständig”, eine adäquate Projektsteuerung, Standards, Lastenhefte, Probeläufe und Sicherheitstests fehlten. “Wer große Projekte so mangelhaft betreibt, darf sich eigentlich nicht wundern, wenn er auch außerhalb der Digitalisierung scheitert”, schimpfte die FDP im Landtag [4].

Moodle

Doch das Bildungschaos fand mit dem Stopp von ella keineswegs ein Ende. Darauf folgte die Open-Source-Lösung Moodle, das prompt zum Schulstart im Januar 2021 weitgehend ausfiel. Kritik vom Landeselternbeirat, der Lehrergewerkschaft GEW sowie mehrerer Oppositionspolitiker, machten den Ausfall an “Eisenmanns Versagen” fest. Während Innenminister Strobl von Gesprächen mit SAP über die Bildungsplattform berichtete, behauptete Eisenmann das Gegenteil. Offensichtlich genervt ging die baden-württembergische Regierung in die Offensive – allerdings in die komplett andere Richtung – und rollte Microsoft 365 an Schulen aus, entgegen unzähliger Warnungen und Kritik.

Richtungswechsel

Eisenmann schwenkte um und verdiente sich 2020 den BigBrotherAward in der Kategorie Digitalisierung, indem sie die Einführung von MS 365 an Schulen im Ländle erzwang. Bedenken hinsichtlich Datenschutz und der Datensicherheit wischte sie dabei stets beiseite, den BBA-Preisverleihern warf sie “mangelhafte Recherche vor”. Sie bestritt die Einschätzungen der Landesdatenschützer und hielt sogar eine PwC-Studie unter Verschluss, deren Ergebnisse der Landesdatenschützer Brink als “haarsträubend” und “vernichtend” bezeichnet hatte.

Mehr Informationen dazu liefert der Abschnitt “Allgemeine Bildungspolitik in Baden-Württemberg” auf Eisenmanns Wikipedia-Seite. Eisenmann präsentierte sich über Jahre hinweg kontinuierlich als beratungsresistent, ignorierte Elterninitiativen und -beiräte sowie Lehrer- und Philologenverbände. Obendrein untergrub sie nach Ansicht von Integrationsvereinen die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Die Kultusministerin schaffte Institutionen ab, die Qualitätssicherung betrieben, und sah sich immer wieder dem Vorwurf des “Durchregierens” gegen alle Widerstände ausgesetzt.

paed.ML

Open-Source-Verfechter beklagen, dass es seit Jahren eine wirksame Alternative gegeben habe: Hätte man die Entwicklungen der paed.ML [6] und des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ) besser gefördert, dann hätte es zu vielen der oben beschriebenen Probleme nicht kommen müssen.

paed.ML steht für pädagogische Musterlösung. Dahinter steckt eine vorkonfigurierte Sammlung von Open-Source-Software und IT-Lösungen, speziell für den Einsatz an Schulen in Baden-Württemberg entwickelt. paed.ML zielt darauf ab, Schulen eine datenschutzkonforme und standardisierte Infrastruktur für die Nutzung von IT und digitalen Medien zu bieten, ohne dabei auf kommerzielle Softwareanbieter angewiesen zu sein.

Dabei verfolgt die Lösung mehrere Ziele. Den Themen Datenschutz und Sicherheit trägt sie Rechnung, weil sich darin ausschließlich in Deutschland gehostete und datenschutzrechtlich geprüfte Open-Source-Software findet. Darüber hinaus schafft paed.ML eine einheitliche IT-Struktur und erleichtert den Support.

Open-Source-Software zu nutzen, hilft außerdem, Lizenzkosten zu vermeiden, die bei kommerziellen Lösungen wie Microsoft 365 oder Google Workspace anfallen. Schließlich erleichtert paed.ML mithilfe passender Tools auch das Verwalten von Benutzerkonten, Dateifreigaben, Druckern und anderen IT-Ressourcen. Das System ist so konzipiert, dass es sich ohne tiefgehende IT-Kenntnisse administrieren lässt.

Komponenten

paed.ML basiert auf einer Reihe von Open-Source-Werkzeugen, die in einer gemeinsamen Plattform integriert sind. Sie helfen dabei, eine schulische IT-Infrastruktur umzusetzen, die die Bedürfnisse von Lehrkräften sowie Schülern und Schülerinnen erfüllt:

  • UCS@school [7]: Identitätsmanagement und Verwaltung von IT-Infrastrukturen (siehe Artikel “Klassenzimmertauglich” auf S. 30)
  • Moodle: Open-Source-Lernplattform für Online-Kurse und Lerninhalte
  • Nextcloud: Dateien sicher speichern und teilen
  • OpenOffice/LibreOffice: Alternativen zu Microsoft Office
  • weitere Tools für Drucker, Mail-, Netzwerk- und Ressourcenverwaltung

Läuft

In Baden-Württemberg ist paed.ML schon vielerorts im Einsatz. Es ist als ein landesweit verfügbarer, zentraler Baustein der Schul-IT-Infrastruktur etabliert und wird vom Landesmedienzentrum (LMZ) und Univention unterstützt. In Kombination mit der Plattform UCS@school verspricht das System eine leistungsstarke und kostengünstige Lösung für die digitale Schule.

Ihre Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 2007, als das LMZ eine landesweit einheitliche, datenschutzkonforme Lösung für die digitale Infrastruktur an Schulen schaffen wollte. Ab 2011 führte man paed.ML in immer mehr Schulen in Baden-Württemberg ein, mit UCS@school als zentraler Verwaltungsplattform. Ein Jahr später gesellten sich neben Moodle als Lernplattform Nextcloud und LibreOffice dazu. Landesweit läuft paed.ML seit 2014, bis 2020 trieb man die Integration in die (Schul-)Cloud voran.

Unbestritten erzeugten gerade die Querelen um ella und Microsoft 365 neue Aufmerksamkeit für paed.ML und brachten ihm zahlreiche neue Benutzer ein. Das Toolset bleibt nach wie vor eine der möglichen Optionen für Schulen. Dabei fanden über die Jahre viele unterschiedliche Distributionen und Softwareverteilungen Verwendung. Die Tabelle “paed.ML-Versionen nach Software” enthält die Details. paed.ML versteht sich als Linux-Musterlösung, egal ob mit oder ohne Univention und mit oder ohne der Softwareverteilung von OPSI [8] (Open Source Device Management System).

Version

Linux-Basis

Verteilungsmethode

OPSI integriert

paed.ML Linux 5.x

SUSE/Debian (alt)

LINBO

nein

paed.ML Linux 6.0+

UCS@School (Debian)

LINBO + OPSI ab 6.0

ja

linuxmuster.net

(fork v5)

Ubuntu/Debian

LINBO

nein

Zum Hintergrund: Die Versionen paed.ML Linux 4 und 5 wurden (noch) ohne Univention entwickelt, erst ab Version 6 stießen die Bremer zum Projekt. paed.ML existierte zudem auch als Windows- und Novell-Variante, nur die Linux-Version ist komplett Open Source.

Wer also eine paed.ML-Version sucht, die kein OPSI verwendet und auf einem anderen Linux basiert, sollte zu paed.ML Linux 5.x greifen oder auf den Community-Fork linuxmuster.net [9] setzen, der weiterhin LINBO nutzt und bewusst auf OPSI verzichtet. Seit Version 8 (2024) gehört darüber hinaus das virtuelle Klassenzimmer (Abbildung 2) Veyon Master [10] dazu.

Abbildung 3: Veyon Master ist eine freie und quelloffene Software zur plattformübergreifenden Überwachung und Steuerung von Computern. Quelle: Veyon Master

Abbildung 2: Veyon Master ist eine freie und quelloffene Software zur plattformübergreifenden Überwachung und Steuerung von Computern. Quelle: Veyon Master

Netcologne

Apropos OPSI: Der Kölner Provider NetCologne greift übrigens in seinen Education Services für Schulen [11] auf eine zentrale, UCS-basierte Infrastruktur inklusive OPSI zur Softwareverteilung zurück. NetCologne paketiert hier Software für Schulen für eine zentrale Ausspielung auf Windows-Clients. Dabei dient ein Univention Corporate Server (UCS@School) als Grundlage für das zentrale Identity Management (Anmeldung, Berechtigungen, Office 365-/Moodle-Integration). Für die Client- und Softwareverwaltung kommt explizit OPSI zum Einsatz. Damit, so der Hersteller, läuft die Schul-IT wie in einer Enterprise-IT-Umgebung: zentral gesteuert, standardisiert und datenschutzkonform gehostet im NetCologne-Rechenzentrum.

Wolkige Aussichten

Im Koalitionsvertrag von 2021 regelte die Landesregierung die digitale Bildungsinfrastruktur mit einem “modularen Ansatz”. Unter dem Stichwort “Schule@BW” sollen Unterricht und Lernen, sichere Kommunikation und digitaler Arbeitsplatz voneinander getrennt werden, anders als etwa in Bayern [12] (siehe Artikel zur Bayerischen Schulcloud auf S. 18). “Mit der Digitalen Bildungsplattform stellt das Land zentral Werkzeuge für den digital unterstützten Unterricht bereit. Die Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg (BITBW) unterstützt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport hierbei.” [13]

Wenig später startete auch der digitale Lehrerarbeitsplatz. Allerdings baut er auf dem unglücklichen Phoenix-Projekt vom norddeutschen Anbieter Dataport auf. Obwohl ein Pilotprojekt 2023 erfolgreich zum Abschluss [14] kam, scheint die Zukunft begrenzt: Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen heißt es, Dataport habe sein umstrittenes, steuerfinanziertes Open-Source-Projekt für Ende 2025 abgekündigt. Vielleicht steht damit Baden-Württembergs Schulen ein weiteres, spannendes Kapitel bevor. (csi)

Infos

  1. Schulcloud Baden-Württemberg im Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunkkultur.de/schulpolitik-in-baden-wuerttemberg-vor-der-wahl-streit-um-100.html
  2. “Schulcloud-Streit in Baden-Württemberg” (Tagesspiegel): https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung-und-ki/briefing/schulcloud-streit-in-baden-wuerttemberg
  3. “Ella nicht betriebsfähig”: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/digitale-bildungsplattform-ella-nicht-betriebsfaehig
  4. “Fehlendes Interesse”: https://fdp-landtag-bw.de/pressemitteilungen/kern-ella-ist-nicht-an-digitalisierung-sondern-am-fehlenden-interesse-strobls-und-eisenmanns-gescheitert/
  5. “Weihnachtsferienwirrwarr”: https://www.stimme.de/baden-wuerttemberg/nachrichten/pl/gruen-schwarz-im-corona-chaos-art-4424151
  6. paedML: https://www.lmz-bw.de/netzwerkloesung/produkte-paedml
  7. UCSS in der Schule: Markus Feilner, “Klassenzimmertauglich”, LM 09/2025, S. 30, https://www.lm-online.de/52407
  8. OPSI: https://opsi.org/
  9. LinuxMuster.net :https://www.linuxmuster.net/en/start/
  10. Veyon Master: https://veyon.io/en/
  11. Netcologne Education Services: https://netcologne-its.de/education-services/
  12. Bayerische Schulcloud: Markus Feilner, “Cloud weißblau”, LM 09/2025, S. 18, https://www.lm-online.de/52408
  13. Schule@BW: https://km.baden-wuerttemberg.de/de/schule/digitalisierung/digitale-bildungsplattform
  14. Digitaler Arbeitsplatz für Lehrkräfte: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/digitaler-arbeitsplatz-fuer-lehrkraefte-startet
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Tim P.
11 Monate her

Es dürfte auch ein Rolle spielen, dass die Konstellation verbeamteter Verwaltungswirt und angestellter Informatiker mit befristeter Stelle im öffentlichen Dienst nicht selten ist. Wer sich dann im Streitfall durchsetzen kann dürfte da klar sein.
Aber das größer Problem dürfte sein, dass technischer Sachverstand in dieser Gesellschaft gnerell immer weniger Wert zugemessen wird. Es ist ja gleich mehren Partei durch Verbreitung von Lügen über bestimmte Technologien, Wählerstimmen zu verlieren.
Eine Gesellschaft die solche Lügen als „freie Meinungsäußerung“ zulässt wird mittelfristig sowohl an Wohlstand einbüßen – da hilft auf Dauer auch keine Arbeitszeitverlängerung – als auch an Handlungsfreiheit.

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