Aus Linux-Magazin 07/2025

Wiedervorlage nach 17 Jahren: Gespräch mit einem blinden Programmierer

© mrwed54 / 123RF.com

Im Mai 2008 besuchte das Linux-Magazin den blinden Christian Schöpplein, damals Programmierer bei OTRS. Seitdem hat sich für den Open-Source-Experten manches geändert.

Vor 17 Jahren war das Linux-Magazin schon einmal bei Christian Schöpplein zu Gast [1]. Damals half er in Straubing bei Open Ticket Request System (OTRS) im Support und an der Hotline. Nun haben wir erneut bei ihm angeklopft, um herauszufinden, wie sich sein Arbeitsalltag seither verändert hat.

Christian Schöpplein

Nach mehreren Jobwechseln, darunter auch zur Landeshauptstadt München, arbeitet Christian Schöpplein inzwischen bei Linova [2]. Als Senior DevOps Engineer beschäftigt er sich dort intensiv mit Ansible, Proxmox und anderen Tools im Open-Source-Bereich, die er für die Automatisierung oder fürs Monitoring braucht. Selbstverständlich ist er Linux treu geblieben. Da Christian in den letzten drei Jahren viel Zeit und Herzblut in die Automatisierung gesteckt hat, ist er froh, dass sein Arbeitgeber nicht auf den Zug aufgesprungen ist, alles in die Cloud auszulagern.

LM: Hallo Christian, bei unserem ersten Treffen unterhielten wir uns ausgiebig über Screenreader und die Probleme damit unter Linux. Wie sieht Deine Arbeitsweise heute aus, gibt es Fortschritte?

Christian Schöpplein: Da hat sich einiges getan. Unter Linux arbeite ich heute rein auf der grafischen Oberfläche und bin zufrieden damit. Textbasierte Browser, wie damals bei OTRS, nutze ich weniger. Das Terminal dagegen gehört zur täglichen Arbeit einfach dazu.

Softwaremäßig greife ich immer noch auf Brltty [3] für die Braillezeile und Orca [4] für die grafische Oberfläche zurück, wo Mate [5] am besten funktioniert. Gnome 3.x [6] und einige andere Oberflächen, die sich an Gnome orientieren oder auf GTK setzen, lassen sich ebenfalls gut bedienen.

Sogar bei KDE sind Fortschritte bei einer Nutzung mit einem Screenreader zu erkennen – obwohl da noch Arbeit wartet. Ein großes Thema ist momentan der Wechsel von X.Org auf Wayland. Menschen, die auf Hilfstechnologien angewiesen sind, müssen aber nach wie vor Jahre warten, bis ihre Tools endlich angepasst sind.

LM: Und die Screenreader selbst?

Christian Schöpplein: Als wir uns bei OTRS trafen, existierten noch keine Screenreader für den Mac, das iPhone, das iPad oder für Android. Für Windows gibt es inzwischen einen empfehlenswerten quelloffenen Screenreader namens NVDA [7]. Er bietet dem Platzhirsch JAWS [8], der in den letzten Jahren zahlreiche andere Konkurrenten verdrängt hat, ordentlich Paroli.

Auch die Tools für Windows haben viele neue Funktionen hinzubekommen. Neben integrierter optischer Zeichenerkennung (OCR) oder einfachen Recherchemethoden via Wikipedia kommt dabei die KI immer mehr zum Einsatz. Heute klappt da vieles, was vor 20 Jahren unvorstellbar war. Trotzdem tauchen gleichzeitig stetig neue Barrieren auf.

LM: Was meinst Du damit, und wo begegnen Dir neue Barrieren?

Christian Schöpplein: Am meisten fällt das heute bei Webseiten, Apps oder Anwendungen auf, die ausschließlich im Browser laufen. Da stoße ich immer wieder – privat wie beruflich – auf Seiten oder Browseranwendungen, die ich überhaupt nicht oder nur schwer nutzen kann. Am Schlimmsten ist dann, wenn sich manche dieser Produkte quasi zum Standard entwickeln und es kaum Alternativen gibt, wie etwa bei Confluence oder Jira. Beim Großteil der Apps ist das ähnlich. Obendrein überwiegt die Zahl der Anbieter, die sich nicht um Zugänglichkeit kümmern.

LM: Wie sieht für Dich der ideale Arbeitsplatz aus?

Christian Schöpplein: Der perfekte Arbeitsplatz wäre ein Mac mit einem virtuellen Linux und Windows – dann hätte man alle Welten auf einer Hardware vereint. Allerdings läuft das nicht so, wie ich es mir wünsche. Oft kommt es zu Problemen mit der angeschlossenen Braillezeile oder der Tastaturbelegung, teilweise weil Apple in dem Punkt wieder mal seine Extrawurst brät. Das ist ein sehr kompliziertes und selbst für uns, die wir tagtäglich damit zu tun haben, schwieriges Thema. Immer wieder müssen wir für eine Aufgabe genau die eine Kombination aus Tools finden, die funktioniert, um ans Ziel zu kommen.

Nehmen wir zum Beispiel pfSense, unsere Firewall: Die Weboberfläche benutze ich mit JAWS unter Windows. Selbst mit NVDA unter Windows funktionieren manche Sachen nicht optimal und mit Orca oder Voice-over schon gleich gar nicht. Zabbix, unser Monitoring, läuft hingegen super mit Orca unter Linux in Firefox. Unser Ticketsystem YouTrack arbeitet im Brave Browser unter Linux besser als mit Firefox unter Linux. Wenn ich auf Windows oder dem Mac unterwegs bin, sieht die Sache noch einmal anders aus. Ich muss mir immer zusammensuchen, was ich wie wo wann nutze – je nachdem eben, was ich machen möchte.

LM: Was wünscht Du Dir in Sachen Barrierefreiheit?

Christian Schöpplein: Barrierefreiheit wird zunehmend mit teuer und aufwendig gleichgesetzt. Aber wenn man von Anfang darauf achten würde, bedeutet das Thema gar keinen so großen Mehraufwand an Arbeit und Geld. Selbstverständlich ist Barrierefreiheit nachträglich einzubauen schlecht, teuer und aufwendig für alle Beteiligten. Es ergibt viel mehr Sinn, direkt zu Beginn auf Barrierefreiheit zu achten und sie von Anfang an einzubauen. Damit wäre allen geholfen.

LM: Vielen Dank, Christian. (jcb)

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