Die ownCloud GmbH büßt einen Großteil ihrer Entwickler ein, die nun im neuen Unternehmen OpenCloud GmbH ihr Projekt weiterführen wollen.
Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob sich Geschichte wiederholt: Im Frühjahr 2016 verließ der ownCloud-Mitgründer Frank Karlitschek das Unternehmen, ein Dutzend Entwickler folgte ihm und gründete im Sommer desselben Jahres die eigene Firma Nextcloud GmbH [1]. Nun haben sich erneut viele Entwickler von Owncloud verabschiedet und agieren in einer neuen Firma weiter, die diesmal beim bekannten Open-Source-Unternehmer Peer Heinlein (Heinlein Support, Mailbox.org, OpenTalk) angesiedelt ist.
Das neue Unternehmen heißt OpenCloud GmbH [2]. Es wird den gänzlich unter freien Lizenzen (AGPLv3 und Apache License) stehenden Code von Owncloud forken und mit erfahrenen Entwicklern fortführen. Erste Versionen sollen noch im ersten Quartal 2025 verfügbar sein. Die Lösung lässt sich dabei sowohl als Software-as-a-Service-Angebot über Partner beziehen als auch selbst im eigenen Rechenzentrum (On-Premises) betreiben. Letzteres ermöglicht Organisationen, die volle Kontrolle über ihre Daten zu behalten.
Beim zweiten Blick aber stellt sich dann doch kein Déjà-vu ein, die Dinge liegen diesmal ein wenig anders als beim ersten Fork. Vorausgegangen war der Kauf der ownCloud GmbH [3] im November 2023 durch die Kiteworks Europe AG, eine Tochter des US-amerikanischen Technologieunternehmen Kiteworks LLC [4]. Der weltweit präsente Konzern bedient nach eigener Aussage rund 100 Millionen Nutzer.
In der Ankündigung der Fusion [5] lobte man sich noch gegenseitig als ideale Partner: Kiteworks könne mit der Akquisition seine Position auf dem europäischen Markt stärken, ownCloud sichere der Deal Zugriff auf die Ressourcen des weltweit agierenden Konzerns und dessen erweiterte Sicherheits- und Compliance-Funktionen. “Die Open-Source-Position von ownCloud bleibt auch nach der Fusion unverändert”, konstatierte das Announcement ausdrücklich.
Intern kamen aber offensichtlich recht bald Zweifel auf, ob das mit der Eigenständigkeit und dem Fortbestand von ownCloud wirklich ernst gemeint war. Nachdem schon zu Jahresbeginn verschiedene Mitarbeiter gehen mussten, wurde dem Vernehmen nach im Juli auch der Sales-Leiter mit seinem Vertriebsteam gefeuert. Zudem kündigte wohl noch der Produktmanager, sodass die Entwickler den Eindruck gewinnen mussten, vom Vertrieb ihres Produkts abgeschnitten zu sein. Überdies traf wohl der US-amerikanische Stil der neuen Unternehmensführung nicht auf die erhoffte Gegenliebe.
Unmut machte sich breit und führte schließlich zu einer massenhaften Kündigung von Entwicklern, die sich anschließend bei verschiedenen Unternehmen bewarben, unter anderem bei Peer Heinlein. Die Initiative ging von den Ex-ownCloud-Mitarbeitern aus, er habe niemanden abgeworben, betont der Unternehmer im Gespräch mit dem Linux-Magazin. Kiteworks unterstellt ihm allerdings das Gegenteil, wirft Heinlein unlauteren Wettbewerb vor und droht mit einer Klage.
Das Linux-Magazin sprach auch mit Jonathan Yaron, dem CEO von Kiteworks. Seine Sicht der Dinge deckt sich wenig überraschend nicht mit der Heinleins. Alles laufe bei Owncloud nach Plan, betont Yaron, und Kiteworks sei nach wie vor absolut in der Lage, die Software weiterzuentwickeln und zu supporten. Man sei eine 500-Mann-Firma mit einer sehr großen Entwicklungsabteilung, die durch den Zukauf von Dracoon noch verstärkt wurde. Da spiele das Ausscheiden von 15 Mitarbeitern kaum eine Rolle. Gleichwohl betrachtet Yaron deren Verhalten als illegal: Sie hätten Kiteworks intellektuelles Eigentum gestohlen, wofür das Unternehmen sie vor Gericht haftbar machen werde.
Die Kunden und Partner von ownCloud reagieren auf die Neuigkeiten zum Großteil abwartend. Wir baten bei Univention [6], das Owncloud in seine Produkte integriert, um eine Stellungnahme. Uns antwortete Alice Horstmann, Head of Communication: “Univention hat ein jahrelanges sehr gutes Verhältnis zu ownCloud und auch zu Kiteworks Europe. Uns liegen keine Informationen vor, dass sich etwas daran geändert hat und die Partnerschaft nicht fortgesetzt wird. Aber natürlich beobachten wir gleichzeitig genau, ob das auch so bleibt.”
Gleichzeitig besteht laut Horstmann aber durchaus auch eine gute Partnerschaft zur Firma Heinlein: “Wir beobachten mit großem Interesse deren Arbeit an OpenCloud. Falls von Seiten Heinleins Interesse besteht, die neue Lösung für das Univention App Center und eine Integration an das IAM Nubus und UCS bereitzustellen, würden wir das unterstützen und uns über einen Migrationspfad freuen, über den Nutzer einen Wechsel einfach bewerkstelligen könnten. Damit wäre die Wahlfreiheit zwischen den unterschiedlichen Lösungen gegeben.”
Wie es weitergeht, scheint bislang nicht in allen Punkten geklärt. Ob die ownCloud GmbH tatsächlich in der Lage ist, den Verlust eines Großteils ihrer Entwickler so einfach zu verkraften, bleibt abzuwarten. Sollte der Kiteworks-Tochter das gelingen, konkurrieren dann drei ursprünglich aus demselben Code hervorgegangene Clouds miteinander. Als Positivum bleibt unter dem Strich die Erkenntnis, dass auch der aktuelle Fork ein zentrales Versprechen von Open Source einlöst: Freie Software vermag unabhängig von einem bestimmten Produzenten zu überleben.
Anders als proprietärer Code, den Dritte im Bedarfsfall nicht ohne Weiteres übernehmen und pflegen könnten, erweist sich quelloffene Software als enorm widerstandsfähig. Ein Open-Source-Projekt kann den krisenbedingten Ausfall seines ursprünglichen Herstellers relativ problemlos überstehen: Um Code unter einer freien Lizenz kann sich jedermann kümmern und ihn weiterentwickeln, betreuen und vertreiben. Das ist mehr als bloße Theorie, wie sich jetzt am praktischen Beispiel miterleben lässt. (jcb/jlu)
Infos
- Nextcloud GmbH: https://nextcloud.com
- OpenCloud GmbH: https://opencloud.eu
- ownCloud GmbH: https://owncloud.com
- Kiteworks LLC: https://www.kiteworks.com
- Ankündigung der Fusion: https://www.kiteworks.com/company/press-releases/kiteworks-makes-bold-moves-joining-forces-with-two-german-leaders-in-its-space
- Univention GmbH: https://www.univention.com






