Nachhaltigkeit und Langlebigkeit: Was Windows 11 schwer fällt, macht Open-Source-Software beispielhaft vor. Okular, der KDE-PDF-Viewer ist mit dem Blauen Engel zertifiziert, und das KDE-Eco-Projekt will helfen, noch mehr alte Hardware zu unterstützen.
Mit Windows 11 läutet Microsoft bekanntlich das Ende älterer Hardware ein. Wessen Rechner nicht den Anforderungen des jüngsten Redmonder Betriebssystems entspricht, der ist vermutlich spätestens im Oktober 2025 gezwungen, für Ersatz zu sorgen. Damit bleibt eine kaum zu schätzende Menge an inkompatiblen Geräten übrig. Obendrein verbrauchen die für Windows 11 geeigneten Rechner häufig mehr Energie. Hinsichtlich Nachhaltigkeit und Ressourcenverbrauch kommt das einer Katastrophe gleich.
Die FOSS-Welt ist da bereits ein gutes Stück weiter. Im Februar 2022 sorgte beispielsweise ein KDE-Projekt für Aufmerksamkeit über die Linux-Bubble hinaus: Der PDF-Reader Okular (Abbildung 1) war das erste Softwareprojekt überhaupt, das für seine Energieeffizienz mit dem Blauen Engel ausgezeichnet wurde [1]. Die Zertifizierung des Bundesumweltministeriums ist renommiert, seit 46 Jahren vergibt die Jury Umweltzeichen das “deutsche Umweltzeichen”.
Der Weg zu einer Vergabe des Blauen Engels für Software war lang, gab es doch anfangs nicht einmal Vergabekriterien für Softwareprojekte. Das ist heute anders, unter dem Zeichen “DE-UZ 215” [2] finden sich “Ressourcen- und energieeffiziente Softwareprodukte” (Abbildung 2). “Software löst den Energieverbrauch aus”, steht da, und “Gesetzliche Anforderungen an die Energieeffizienz von Softwareprodukten existieren nicht, obwohl die Software einen großen Einfluss auf den Energieverbrauch hat. Ziel des Umweltzeichens für ressourcen- und energieeffiziente Softwareprodukte ist es, den Energieverbrauch der Informations- und Kommunikationstechnik insgesamt zu reduzieren und die Ressourceneffizienz zu steigern.”

Abbildung 2: Nur zwei Open-Source-Produkte tragen das Umweltzeichen des deutschen Bundesumweltministeriums. Proprietäre Software wurde noch nie ausgezeichnet.
FOSS ist nachhaltiger
Die Nachhaltigkeit für den Anwender zeige sich außerdem in den Optionen, Fehler und Schwachstellen selbst zu korrigieren oder korrigieren zu lassen. Aber vor allem der Satz “Aufgrund geringerer Leistungsanforderungen [von Software mit Blauem Engel, Anmerkung der Redaktion] kann die Hardware länger genutzt werden”, dürfte Windows-10-Anwender hellhörig werden lassen. Für Linux-Anwender spricht er bloß eine Binsenweisheit aus, überzeugt Open-Source-Software doch regelmäßig mit höherer Effizienz, weniger Ressourcenverbrauch und damit einhergehender höherer Langlebigkeit. Mehr dazu lesen Sie im Artikel von John “Maddog” Hall zum Upgrade-to-Linux-Projekt auf Seite 22. Zum Redaktionsschluss tragen nur zwei Open-Source-Programme das Label “Blauer Engel”. Ob es jemals ein proprietäres Produkt in die Liste schaffen wird, ist fraglich.
Möglich wurde die Auszeichnung, weil innerhalb des KDE-Projekts eine Diskussion begann, wie man die exzellenten Benchmarks des Blauen Engel nutzen könne, um KDE und freie Software bei Nachhaltigkeit und Effizienz “ganz nach vorn” zu bringen. So entstand im Jahr 2021 auf Initiative von Joseph P. De Veaugh-Geiss und Mitstreitern wie Cornelius Schumacher das Projekt KDE-Eco [3]. Seit 2022 treibt es die energieeffiziente Entwicklung voran, auch und gerade in der FOSS-Welt. Man startete FeeP und B4FOSS: Das Free and open-source Energy Efficiency Project (FEEP) soll helfen, Werkzeuge hervorzubringen, mit denen sich sparsamere Software entwickeln ließe. BE4FOSS (Blauer Engel For FOSS) soll hingegen dazu beitragen, die Informationen über die Anstrengungen zu verbreiten.
Grün, Grün, Grün, Grün
Kein Wunder, dass sich auf der Webseite viermal das Wort “Green” findet, obwohl das Projekt einen anderen Ansatz verfolgt als so viele Green-IT-Projekte vor ihm. “Be Green”, “Grow Green” und “Make Green” sollen Endanwender, Evangelisten und Entwickler ansprechen. Das jüngste Kind von KDE Eco heißt Opt Green, doch dazu später.
Endanwender (“Be Green”) sollen vom niedrigeren Ressourcenverbrauch profitieren – einer Testdisziplin, in der KDE immer wieder überraschend gut abschnitt [4], aber genauso von längerem Leben für die (alte) Hardware und mehr Kontrolle. Evangelisten (“Advocates”, “Grow Green”) sollen und können mithilfe von KDE Eco die Vorteile langlebiger, effizienter und transparenter Software besser in die Communities (und “Eure Heimatstadt”) tragen. “Make Green” steht für Entwickler, deren Fokus das KDE-Eco-Projekt gezielt auf Effizienz und Ressourcenverbrauch lenken möchte.
Ein Labor wird gegründet
Im Rahmen der Season of KDE 2022 [5] entstand dann das KEcoLab [6], angetrieben vom KDE-Entwickler Karanjot Singh, der in diversen Blogeinträgen auf der Webseite des Projekts von seinen Fortschritten berichtet. Eine Eco-Zertifizierung läuft immer in drei Schritten ab, so Singh: Messen, Analysieren, Zertifizieren. Für den ersten Schritt brauche es ein Labor mit spezifischen Rahmenbedingungen, das für Entwickler weltweit verfügbar und zugänglich ist. Ein solches wurde bei KDAB in Berlin aufgebaut.
Für die Analyse der Daten kommt OSCAR (Open-source Software Consumption Analysis in R) zum Einsatz. Fürs Messen eine wichtige Rolle spielt aber auch die Definition von Anwendungsszenarien, die in drei verschiedenen Hardwaremodi (Baseline, Idle und Standard usage) getestet (und gemessen) werden. Anschließend müssen – bei erfolgreichem Bestehen des Tests – “nur” noch die Reports erzeugt werden, um sie beim Blauen Engel einreichen zu können. Im Juni 2023 nutzten die Entwickler um Singh den Google Summer of Code, um die Details und das Labor fertigzustellen inklusive Automatisierung, Continuous Integration [7] und Delivery [8].
Automatisierung muss her
Schnell kristallisierte sich heraus, dass das Labor ein Werkzeug für die Testautomatisierung benötigt. Dafür nutzt KDE Eco Selenium AT-SPI [9]: Das Tool erlaubt es Anwendern, automatisierte Tests für grafische Oberflächen zu erstellen und findet in KDE bereits Verwendung. Das, so Entwickler Pradyot Ranjan, verbessere am Ende zudem die Barrierefreiheit und trage dazu dabei, das KDE-Ziel der Automatisierung und Systematisierung aller internen Prozesse [10] zu erreichen. Damit nicht genug: Zahlreiche weitere Arbeiten sind im KDE-Eco-Blog dokumentiert, beispielsweise Wayland vs. X, Gitlab-Integration, Browser-Anwendungstests und vieles mehr, was den Umfang dieses Artikels sprengen würde.
Wer sich für die konkreten Messwerte zu Okular interessiert, sollte sich einem Blogpost [11] von 2022 zuwenden, in dem die Experten von Green Coding die Daten nachvollziehen. Auch die KDE-Dokumentation bietet ein eigenes Handbuch für die Zertifizierung zum Blauen Engel [12] – es scheint gar nicht so schwierig zu sein, so lange man Open-Source-Code produziert. Sehr empfehlenswert dort ist außerdem der Abschnitt über den “Tsunami aus Elektroabfall”, der unaufhaltsam auf uns zurollt. Schon im Jahr 2016 produzierte die Menschheit 44,7 Millionen Tonnen davon, 17 mal so hoch wie der Mount Everest und so schwer wie 4500 Eiffeltürme. All das können Sie im Teil I “Environmental Impact of Software” nachlesen. Und es wird immer schlimmer: Im Jahr 2022 erreichte die Menge an Elektroschrott 59,4 Millionen Tonnen, ein Drittel mehr.
Opt Green
Mit all den Tools, Prozessen und Zielen ausgestattet, hat das KDE Eco-Projekt auch 2024 neue Anstrengungen unternommen. Opt Green [13] heißt “das neue Projekt für nachhaltige Software von KDE eco”. Es sei inspiriert vom anhaltenden Erfolg der Blauen-Engel-Initiative und soll nachhaltige Software mit nachhaltiger Hardware kombinieren (Abbildung 3). “Mit Freier Software können Sie Geräte so nutzen, wie Sie es möchten, und das solang Sie möchten. Es gibt keine Bloatware, und Sie können unerwünschte Datennutzung und Werbung, die den Energiebedarf erhöht und Ihr Gerät verlangsamt, blockieren – gleichzeitig verhindern Sie ungebetene Spionage in Ihrem Privatleben.”, schreibt De Veaugh-Geiss im Announcement.
Und weiter schreibt er: “Am 14. Oktober 2025 wird das Ende der Unterstützung für Windows 10 voraussichtlich dazu führen, dass 240 Millionen Computer zu Elektroschrott werden, da sie nicht mehr für das Upgrade auf Windows 11 infrage kommen. Darüber hinaus wird macOS die Unterstützung für Intel-basierte Apple-Computer (frühestens) ab 2026 nicht mehr gewährleisten (zuletzt verkauft 2020). Dadurch werden noch mehr Millionen und Abermillionen funktionierende Geräte überflüssig gemacht. Wenn Nutzende keine Kontrolle über die Software haben, auf die sie sich verlassen, besteht für sie ein Sicherheitsrisiko, wenn der Software-Support endet […], es sei denn, sie kaufen einen neuen Computer. Zum Vergleich: Erst im Jahr 2022 schlug Linus Torvalds erstmals vor, die Linux-Kernel-Unterstützung für Intel 486-Prozessoren aus dem Jahr 1989 einzustellen. Das sind 33 Jahre Unterstützung!” [14].

Abbildung 3: “Think Global, Compute local!”, lautet einer der Slogans für die KDE-Eco-Initiative Opt Green, die sich zum Ziel gesetzt hat, E-Müll zu vermeiden. Quelle: KDE
Fazit: Mitmachen
Unter dem Titel “Opt Green” rufen die Macher von KDE Eco außerdem dazu auf mitzumachen. Zwei Jahre soll das Programm laufen, und gehört haben das mittlerweile auch die Regierenden: KDE Eco wird gefördert vom Umweltbundesamt und dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) – auf Beschluss des Deutschen Bundestags. Es muss nicht immer Windows sein, ein Umstieg hilft der Umwelt und nicht zuletzt ebenfalls dem Gewissen. Und mithelfen heißt Gutes tun. (csi)
Infos
- KDE Okular, Blauer Engel – Pressemitteilung: https://eco.kde.org/blog/2022-03-16-press-release-okular-blue-angel/
- Blauer Engel, Software: https://www.blauer-engel.de/de/produktwelt/software
- KDE Eco: https://eco.kde.org
- Rat und Tat: Jan Kleinert, Markus Feilner, Michael Kromer, Tim Schürmann, “Stromfresser entlarven”, LM 03/2012, S. 22, https://www.lm-online.de/25095
- Season of KDE 2022 With KDE Eco: https://eco.kde.org/blog/2022-03-03-sok22-kde-eco/
- KEcoLab: Remote Energy Measurement Lab: https://eco.kde.org/blog/2023-06-13-gsoc23-energy-measurement-lab/
- Ensuring KEcoLab Stability: Introducing Dedicated CI-Test: https://eco.kde.org/blog/2024-04-12-sok24-energy-measurement-lab/
- Selenium + AT-SPI = GUI Testing: https://planet.kde.org/harald-sitter-2022-12-14-selenium-at-spi-gui-testing/
- How Selenium Helps Build Sustainable Software (And More): https://eco.kde.org/blog/2024-04-11-sok24-selenium/
- Goals/Automate and systematize internal processes: https://community.kde.org/Goals/Automate_and_systematize_internal_processes
- Reproducing the Blauer Engel für Software measurements for Okular: https://www.green-coding.io/blog/reproducing-blauer-engel-okular-measurements/
- Handbook: Applying The Blue Angel Criteria To Free Software: https://eco.kde.org/handbook/#a-tsunami-of-e-waste
- Opt Green: Das neue Projekt für nachhaltige Software von KDE Eco: https://eco.kde.org/de/blog/2024-05-29_introducing-ns4nh/
- Opt out? Opt in? Opt Green! Announcing KDE Eco’s new 2-year project: https://discuss.kde.org/t/opt-out-opt-in-opt-green-announcing-kde-ecos-new-2-year-project/16320







