Aus Linux-Magazin 10/2024

Ereignisreiche Nullerjahre

© Lisa Hantke

Vor 30 Jahren entstand aus der Idee, die wachsende Zahl an Linux User Groups mit Informationen und Disketten zu versorgen, etwas Großes: das Linux-Magazin. Als Mitgründerin und Vorständin der Linux New Media AG begleitete ich vor allem die ereignisreiche Dekade von 1999 bis 2009.

Anfangs getragen von dem David-gegen-Goliath-Gefühl “Linux vs. Microsoft” wuchs ein Medienunternehmen heran, das Niederlassungen in sechs Ländern betrieb und weitere Open-Source-Magazine herausbrachte. In den frühen 2000er Jahren erlebte das Linux-Magazin seine größten Auflagen.

Open Source im Aufwind

Die Jahre 1999 bis 2009 waren geprägt von einer Aufbruchstimmung in der Open-Source-Szene. Linux gewann zunehmend an Bedeutung, nicht nur im Serverbereich, sondern auch auf dem Desktop. Die Möglichkeit, ein freies Betriebssystem zu nutzen und aktiv mitzugestalten, inspirierte eine ganze Generation von Entwicklern und IT-Profis. Um die Jahrtausendwende galt Linux auf dem Desktop als eine reale Option. Der Traum von einer digitalen Zukunft, die auf demokratischen Prinzipien basiert, schien damals noch realsierbar. Ein besonders beeindruckendes Beispiel für den Einsatz von Linux im öffentlichen Sektor war das Projekt LiMux in der Landeshauptstadt München. Die Stadtverwaltung entschied sich 2003, auf Linux und Open-Source-Software umzusteigen. Dieses mutige Vorhaben erlangte weltweit Aufmerksamkeit. Es zeigte, dass Open Source eine Alternative zu proprietären Systemen darstellt. Trotz des später eher unrühmlichen Endes, war das Projekt ein wichtiger Impulsgeber für ähnliche Initiativen und verdeutlichte die Potenziale und Herausforderungen von Open-Source-Lösungen. Dass Steve Ballmer seinen Winterurlaub unterbrach, um den damaligen Oberbürgermeister Christian Ude mitten in der Entscheidungsphase zu treffen, war für uns emotional ein wichtiges Detail in der großen Linux-Geschichte.

CeBIT und der LinuxTag

Dank unserer Zusammenarbeit mit der Messe Hannover avancierte Linux auf der CeBIT zu einem zentralen Thema. Jahr für Jahr präsentierten wir dort die neuesten Entwicklungen und Trends zusammen mit der Open-Source-Community. Die CeBIT bot eine einzigartige Plattform, um Entwickler, Unternehmen und Anwender zusammenzubringen. Der Messe-Stand des Linux-Magazins war zentraler Anlaufpunkt, und wir konnten eine so hohe Anzahl an Abos generieren, wie das wahrscheinlich heute im Fachverlagsbereich kaum noch möglich ist. Einige Jahre zuvor entstand der LinuxTag, eine organisch gewachsene Konferenz und Messe, die aus der Linux-Community heraus gegründet wurde. Der LinuxTag entwickelte sich zu einem bedeutenden Treffpunkt für die Open-Source-Szene und förderte den Austausch zwischen Entwicklern, Anwendern und Unternehmen. Die Begeisterung und das Engagement der Teilnehmer zeigten deutlich, wie lebendig und innovativ die Community war.

Frauen in der Community

In einer Zeit, in der die Genderdebatte noch in den Kinderschuhen steckte, setzte sich das Linux-Magazin dank engagierter Redakteurinnen schon früh für die Sichtbarkeit von Frauen in der Entwicklergemeinschaft ein. Ich kann mich gut erinnern, dass wir bereits in dieser Zeit Diskussionen darüber führten, wie wir die Systemadministratorin sprachlich sichtbar machen können. Ich habe mich als Vorständin damals dagegen entschieden, in den Artikeln beide Formen parallel zu verwenden. Auch ich hatte Sorge (oder war es eine bequeme Ausrede?) um die Lesbarkeit. Heute, viele Jahre und Erfahrungen später sehe ich das anders. Es ist wichtiger denn je, die Vielfalt innerhalb der Community zu stärken und Frauen zu ermutigen, sich in der Open-Source-Szene und generell im Tech-Bereich zu engagieren. Role-Models, sprachliche Sichtbarkeit und Aufdecken des berühmten “Unconscious Bias” sind wichtige Maßnahmen, die Medien im Blick haben sollten.

Das Linux-Magazin hat in den letzten 30 Jahren viel bewegt und viel dazu beigetragen, dass Linux und Open Source heute die IT-Welt am Laufen halten. Ich weiß was es bedeutet, jeden Monat ein Magazin vom Hof zu bekommen. Es ist eine unglaubliche Geschichte von Nachhaltigkeit und Professionalität, dass diese Redaktion seit 30 Jahren dafür sorgt, dass Systemadministratoren und Systemadministratorinnen maximal hochwertigen Content erhalten. Liebe ehemaligen Kollegen und Kolleginnen, danke für diesen großartigen Einsatz und dass ich Teil dieser Gemeinschaft sein durfte! (uba)

Der Autor

Rosie Schuster gründete nach der Zeit bei der Linux New Media AG im Jahr 2009 das Livestreaming- und Videoproduktions-Unternehmen Techcast und ist seitdem dort geschäftsführende Gesellschafterin. Techcast ist heute ein erfolgreiches Unternehmen in Deutschland für Produktion und Streaming von Hybrid- und Online-Events mit einer eigenen Software-Lösung für digitale Events. Für diesen wirtschaftlichen Erfolg, Innovationskraft und Engagement erhielt Rosie Schuster den Wirtschaftspreis “LaMonachia 2021” der Landeshauptstadt München. Als Vorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU) in Bayern-Süd setzt sich Rosie Schuster zudem für die Sichtbarkeit und das Potenzial von Frauen in der Wirtschaft ein. Außerdem ist sie Vorsitzende des Beirats des IHK-Preises für Wirtschaftsjournalismus “Ernst Schneider” und Mitglied im Ausschuss des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) für Medien und Kommunikation.

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