Suse bringt eine “Humans-First”-KI-Plattform, kauft den niederländischen Observability-Experten Stackstate, verspricht CentOS-Usern Support und erneuert eine lange Liste von Produkten.
Im Goldrausch wird nicht der Goldgräber reich, sondern der, der die Spaten verkauft, besagt eine über hundert Jahre alte Weisheit aus Kalifornien. Kein Wunder, dass auch die größte Linux-Firma der Welt, Suse, ein Stück vom Kuchen des KI-Hypes abhaben will. Die wohl spannendste News von Suses Hausmesse Susecon [1] lautet dementsprechend 2024: Suse AI kommt bald, testen können Sie es jetzt schon. Doch aufgemerkt, wie man auf Fränkisch sagt: Mit der hauseigenen KI-Plattform Suse AI wollen die Nürnberger keinesfalls eine eigene künstliche Intelligenz oder LLMs entwickeln. Vielmehr möchten sie mit der Kombination aus Enterprise Linux, Cloud, Monitoring und Observability (Beobachtbarkeit) eine Plattform für Kunden in Datenschutz- und Compliance-sensiblen Bereichen bereitstellen. Die Anwender sollen von KI-Applikationen profitieren, die eigenen Daten aber gleichzeitig stets nachvollziehbar, regelkonform und abgesichert einsetzen und abrufen können.
Suse AI adressiert vor allem Firmen vom Mittelstand an aufwärts, die sich KI-Tools leisten können. In den Beispielen der Demos auf der Susecon gehören dazu mittelgroße Finanzdienstleister mit großem Datenbestand, die gern ein schickes ChatGPT-ähnliches Abfragewerkzeug nutzen möchten (eine “private generative KI”), dabei jedoch durch Regulierungen gebunden sind, also beispielsweise in der Nachweispflicht stehen. Glaubt man dem Hersteller und der Demo, bietet das Paket aus Suse, Rancher, NeuVector Prime und – neu dabei – Stackstate genau die von der Industrie ersehnten Möglichkeiten. Es bietet volle Kontrolle – wer darf wann von wo aus welche Daten sehen –, und das ganz ohne Datentransfer aus der Firma hinaus, auch nicht für ein die Suche verbesserndes (Nach-)Trainieren der LLMs. Konkurrent Red Hat macht das ähnlich, nur haben die Rothüte inzwischen die ganze Wucht von IBM (und Watson) hinter sich. SAP- und IBM-Logos suchte man übrigens dieses Jahr vergebens auf der Susecon.
Buzzword-Bingo
Suse tut sich mit den Buzzwords im Umfeld des AI-Hypes noch ein bisschen schwer, gerade als Open-Source-Firma. Man will etwas “gegen Vendor-Lock-in, Risiken und Schatten-KI” tun, indem man eine “LLM-agnostische GenAI-Plattform anbietet, Silos auflöst und Kosten senkt”, erklärt die Vizepräsidentin für KI, Pilar Santamaria. Eine Antwort darauf, was genau generative KI in dem Einsatzgebiet aus technischer Sicht sein soll, bleibt Santamaria im Interview allerdings schuldig: “Wir verbinden da die rechte und die linke Hälfte des Gehirns” erscheint da doch eher vage. “Handeln sie jetzt, seien Sie der Fahrer, sonst sind Sie die Daten!” (“Act now, be the driver, not the data!”) – das klingt eher nach FUD-Marketing (Fear, Uncertainty, Doubt) denn nach nachhaltiger Technologie. In der Pressemitteilung gipfelt das dann in Begriffen wie “Human-First”, “responsible” und “aspirational AI”. Eine verantwortungsvolle, anstrebenswerte KI – echt jetzt?
Damit unterscheidet sich Suse wenig von den anderen Playern auf dem von massivem Investmentkapital aufgeheizten KI-Markt, liefert aber “nur” die Plattform. Interessierte können ebendiese ab sofort im dazugehörigen Early Access Program ausprobieren, käuflich erwerben dürfen sie Suse AI ab der Kubecon im November 2024. Bei aller Kritik an der Buzzword-Explosion wirkt das Gesamtpaket stimmig: Rancher verwaltet die Kubernetes-Cluster, NeuVector Prime übernimmt die Container-Security, Harvester kümmert sich um die Hyper-converged Infrastructure (HCI). All das treibt Suse Linux Enterprise (SLE) an, und die Neuanschaffung Stackstate sorgt dafür, dass es sich auch überwachen lässt. Zu erwarten, Suse würde eigene LLMs, Tools oder Trainingsdaten anbieten, wäre wohl vermessen.
Observability
Apropos Stackstate: Die ebenfalls auf der Susecon bekanntgegebene Neuanschaffung soll in der Suse AI sicherstellen, dass die Systeme “beobachtbar” sind – oder es eben werden. Auch beim Buzzword Observability agiert Suse noch nicht ganz sicher, wie Analysten vor Ort bemängelten. Klar, die Komplexität moderner Cloud- und KI-Systeme soll zu einer einzigen (Web-)Oberfläche zusammenschrumpfen. CEO Dirk-Peter van Leeuwen nennt das blumig “Ende-zu-Ende-Beobachtbarkeit des ganzen Stacks” und gibt sich überzeugt, das sei dann das, was die Kunden wünschen. Immerhin sollte das mit einem Open-Source-Stack leichter gelingen als mit proprietären Tools.
Weil traditionelles Monitoring an Grenzen stoße, Stackstate hingegen auch den Einsatz von KI-Tools beim Überwachen komplexester Firmen-IT erlaube, habe man die perfekte Lösung zu bieten, zeigen sich die Nürnberger überzeugt. Allerdings könnte es ein wenig dauern, bis Suse Stackstate vollständig integriert haben wird, denn die Software des niederländischen Anbieters war bisher proprietär. Auf Rückfrage bestätigen Andreas Prins (CEO von Stackstate) und Suses Chief Strategy Officer Frank Feldmann, dass bei der Integration noch einige Arbeit auf Suse wartet. “Das erste Date”, so die beiden, habe man ja erst vor wenigen Monaten in Paris gehabt – nun bitte man um etwas Geduld.
Viele neue Features
Neben den beiden großen Ankündigungen brachte die Susecon einen ganzen Blumenstrauß an Neuerungen und frischen Versionen bei bekannten Produkten. Neu in Suses “Business Critical Linux” aka SLE sind Support für Intels Trust Domain Extensions (TDX) und AMDs Secure Encrypted Virtualization (SEV). Es gibt ein SLE Service-Pack – bereits das achte für SLE 15 – mit zahlreichen Kernel-Updates und weiteren neuen Treibern, inklusive Long-Term-Support bis 2037.
Suse Linux Enterprise Micro 6.0 liefert komplette Festplattenverschlüsselung und eine Echtzeitvariante, Suse Manager erhielt unter anderem Remote Attestation. Kunden können sich demnach aus der Ferne bestätigen lassen, dass ihre Systeme Compliance-Vorgaben erfüllen. Suse-Partnern bieten die Nürnberger mit dem One-Cloud-Elevate-Programm neue Möglichkeiten. Rancher, NeuVector Prime und Harvester kommen in neuen Versionen, Suse Edge und die Adaptive Telco Infrastructure Plattform liegen jetzt in Version 3.0 vor.
Für Aufsehen sorgte die Ankündigung von Suse Liberty Linux Lite for CentOS 7. Die beliebte Version des Red-Hat-Klons erreichte eigentlich am 30. Juni 2024 ihr Lebensende, doch wer mag, kann bei Suse Updates und Patches für CentOS erwerben, ohne Migration und bei Bedarf integriert in den Suse-Stack.
Abschiede und Aufbrüche
Wer schon einige Susecons miterlebt hat, merkte jedoch, dass sich Suse im Jahr 2024 anders anfühlt als in den Vorjahren. Irgendwie fällt die Susecon deutlich kleiner aus als viele der bombastisch-ambitionierten Konferenzen der Vorgängerjahre. Unter den jetzt 2500 Suse-Mitarbeitern finden sich selbstverständlich zahlreiche neue, doch einige Bekannte fehlen – manche schmerzhaft vermisst, andere weniger. Dass die farbenfrohe CEO Melissa Di Donato der Vergangenheit angehört, führte vielerorts zu vernehmbarem Aufatmen, ebenso, dass Suse nicht mehr an der Börse notiert und “endlich wieder langfristig arbeiten” kann.
Manchmal scheinen es schlicht kleinere Brötchen zu sein, die Suse backt: In diesem Jahr gab es beispielsweise lediglich ein einziges Video der legendären Suse-Band, die in der Vergangenheit ganze Susecon-Abende gerockt hatte. Etwas KI-generiert-hausbacken und animiert kommt das diesjährige Video daher, kein Vergleich zu den professionellen Kultfilmchen von früher. Das liegt sicher nicht am Geld, wenngleich Suse seit dem Ausstieg aus der Börse eine halbe Milliarde Euro mehr Schulden hat, weil Besitzer EQT sich von Suse den Exit bezahlen ließ. Pro Aktie wurden 13 Euro fällig, Suse durfte einen Kredit aufnehmen, und EQT zahlte den Rest von 3 Euro an die Shareholder.
Wieder Stallgeruch
Es liegt auch nicht an der Neuausrichtung, die der neue CEO van Leeuwen verordnet hat, im Gegenteil. Der ehemalige Red-Hat-Manager bringe, so berichten zahlreiche Suse-Mitarbeiter endlich wieder Open-Source-Stallgeruch und Ahnung von der Branche mit – der Optimismus lässt sich schier mit Händen greifen.
Nein, es fehlen schlicht Menschen wie Russ Dastrup, der Master Mind hinter den legendären Suse-Band-Videos. Er hatte Suse nach zehn Jahren “mit der Band” [2] verlassen. Viele andere gingen ebenfalls, manche auch, weil sie von den Entwicklungen der letzten Jahre enttäuscht waren. Irgendwie passt es da ins Bild, dass gleich neben dem Konferenzhotel eine weitere der größten Baustellen Deutschlands liegt: Hier entsteht die umstrittene Stadtautobahn A100. So mischten sich Goldrausch, Aufbruchsstimmung, Baustellen und ein klein wenig Wehmut zu einer etwas anderen Susecon 2024. (csi)
Infos
- Susecon: https://susecon.com
- 10 Jahre Suse-Band (2013-2023): https://www.youtube.com/watch?v=ylvn1Ftmz34






