Könnte ein Gütesiegel für Open-Source-Freundlichkeit den Produzenten helfen und Einkäufern als Richtschnur dienen? Beim Bitkom denkt man darüber nach.
Fair-Trade-Kaffee, Gurken mit Biosiegel, die TÜV-Plakette auf dem Nummernschild, der Blaue Engel für den schadstoffarmen Lack, der Nutri-Score auf der Müslipackung, das GS-Zeichen auf dem Heizlüfter, die Haltungsformkennung für das Schweineschnitzel – Dutzende Label begegnen uns heute auf allen möglichen Waren. Daran, dass die Zahl entsprechender Aufkleber inzwischen inflationär gewachsen ist, lässt sich ablesen, wie gut sie funktionieren. Heute braucht es schon eine eigene Ratgeberbroschüre [1], um nur die wichtigsten der hierzulande verbreiteten Label zu beschreiben.
Doch wozu sind die Pickerl gut? Im besten Fall bieten sie demjenigen Orientierung, der beim Einkaufen auf bestimmte Grundsätze Wert legt. Wer zwar kein Vegetarier ist, aber auf das Tierwohl achten möchte, lässt das Kotelett aus Haltungsform 1 eben liegen, weil die dem armen Schwein nur einen einzigen Quadratmeter Stallfläche zugesteht, und greift zur Bioware. Das ist teurer, belohnt aber das Gewissen und schmeckt vielleicht auch besser. Neben dem Käufer profitiert schließlich auch der Hersteller, denn das Label steht in der Regel für eine Eigenschaft mit hohem Sozialprestige, was auf das so gekennzeichnete Produkt abfärbt. Der Umweltschutz zum Beispiel schmückt seine Unterstützer.
Was, wenn es einen allgemein anerkannten und relevanten Wert gäbe, den noch kein Label bewirbt? Dann sollte man flugs dafür ein passendes Etikett erfinden. Von genau einer solchen Erfindung, die er auf dem diesjährigen Bitkom-Forum Open-Source-Software (BFOSS) vorstellte, hat mir neulich Holger Koch erzählt, seines Zeichens Vorstandsmitglied im AK Open Source des Bitkom. Ausgangspunkt war, dass Unternehmen, die von der Open-Source-Idee profitieren, in sehr unterschiedlichem Maß etwas zurückgeben und wieder in Open-Source-Projekte investieren. Manche tun das in Form finanzieller Unterstützung, andere durch das Bereitstellen von Ressourcen wie Entwicklern oder Technik. Das betrifft nicht allein, aber in besonderem Maß die Cloud-Provider und Hyperscaler: Viele betreiben Dienste in ihrer Wolke, die auf quelloffener Software basieren, beteiligen sich aber nicht an deren Entwicklung und Pflege. Würde aber jeder nur nehmen, ohne auch etwas zu geben, dann schadete das am Ende allen: Es beließe die Lasten beim Open-Source-Projekt, beraubte es aber gleichzeitig seiner Umsätze. Wie wäre es da mit einem Fair-use-Label à la Open-Source-freundlicher Infrastruktur-Provider oder so?
Der Weg dorthin wäre freilich noch lang und steinig: Wäre der Bitkom tatsächlich der ideale Herausgeber? Der Verband agiert alles andere als industriefern, die Kennzeichenprüfer müssten sich also selbst bewerten. Und homogen ist er auch nicht, Interessenkonflikte wären programmiert. Wer käme sonst infrage? Die OSBA oder die Linux Foundation? Weiter müsste man sich auf nachprüfbare Kriterien einigen, die jeder Anwärter auf das Label zu erfüllen hätte. Wie sollte man die beispielsweise ansetzen, sodass sie zu jeder Unternehmensgröße passen? Soundso viel Umsatzprozente oder den Gegenwert in Leistungen für Open Source? Sicher wäre mit Gegenwehr von allen zu rechnen, die mit freier Software nichts am Hut haben – ihnen entstünde ein Wettbewerbsnachteil. Zudem bräuchte man eine neutrale Kontrollinstanz. Obendrein müsste man das Label bewerben, damit es jeder IT-Manager, der über den Einkauf mitentscheidet, als Alternative vor Augen hat. Das kostet Geld.
Einfach wäre das Vorhaben also nicht, lohnend aber schon. In einer Welt, in der sich Selbstlosigkeit nicht automatisch durchsetzt, könnte solch ein Label die Fairness und Transparenz fördern: Wer etwas umsonst bekommt, gibt freiwillig etwas zurück. Wer dieser Maxime zustimmt, dem könnte das Label helfen, einen Anbieter zu finden, der sich nachprüfbar für dieses Ziel einsetzt. Der Anbieter könnte sich seinerseits als moderner Unternehmer präsentieren, dem sowohl das Gemeinwohl am Herzen liegt als auch der Fortbestand einer letztlich für alle vorteilhaften, übergreifenden Idee.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur
P.S.: Hiermit kommen wir dem Wunsch unseres langjährigen Autoren der beliebten C++-Serie, Rainer Grimm, nach und lassen Sie wissen, dass bei ihm eine schwere, neurodegenerative Erkrankung diagnostiziert wurde, die ihn daran hindert, weitere Folgen zu verfassen. Wir bedauern das sehr und wünschen ihm und seiner Familie viel Kraft und Zuversicht.







