Aus Linux-Magazin 02/2024

Bücher über generative KI und die digitale Gegenwelt

Ein Buch beschäftigt sich mit der Anwendung von ChatGPT und anderen generativen KI-Programmen, das zweite mit den FOSS-Gegenspielern der marktbeherrschenden Internet-Giganten.

Blind begeistert

In Rainer Hattenhauers Buch rund um ChatGPT verfällt schon der Vorspann des ersten Kapitels “KI-Bots – der Produktivitäts- und Kreativitätsschub” in einen hymnischen Tonfall. Das liegt eventuell daran, dass es der Autor ChatGPT überlassen hat, die einleitenden Worte zu verfassen. Im Anschluss räumt er dann etwas kleinlaut ein, dass KI so etwas eben doch (noch) nicht könne und er deshalb allen weiteren Text selbst habe schreiben müssen. Ja, aber wozu soll der Textgenerator denn dann gut sein?

Der Autor versucht in den folgenden Kapiteln nützliche Anwendungen aufzuzeigen. Beispielsweise glaubt er, ChatGPT könne Texte aller Art schreiben – nur eben keine Fachbücher, weil es die Informationsspreu nicht vom Weizen trennen könne. Diese Fähigkeit scheint Hattenhauer also offenbar für Reden, Essays, Kurzgeschichten oder etwa E-Mails entbehrlich zu sein. Eine automatisch generierte E-Mail-Antwort soll dann auch als Beispiel herhalten. Zuerst muss der angesprochene Mensch die Nachricht selbst lesen; dann muss er einen Prompt konstruieren, der den Chatbot auf die richtige Spur bringt. Anschließend muss er die vorgeschlagene Antwort redigieren, die verwendeten Fakten nachrecherchieren und gegebenenfalls korrigieren, bevor er schließlich die Antwort versenden kann. Die Arbeitsersparnis, wenn es denn überhaupt eine gibt, bleibt recht überschaubar. Und auch weitere Beispiele wirken nicht viel überzeugender – jedenfalls, solange der menschliche Schreiber, der ersetzt werden soll, seine alltägliche Korrespondenz auch selbst einigermaßen eloquent formulieren kann.

Dazu kommt, dass die ChatGPT-Vorschläge auch in der Sache nicht selten mindestens schmalspurig ausfallen. Der Autor zitiert beispielsweise einen Fall, in dem ChatGPT das Pro und Kontra von Windows und Linux in der öffentlichen Verwaltung erörtern soll. Dazu fällt dem Bot nicht mehr ein als die angeblich höhere Bedienfreundlichkeit von Windows versus den Kostenvorteil von Linux. Beides sind zum einen recht angestaubte Argumente, die kaum noch zutreffen: Moderne Linux-GUIs lassen sich so intuitiv bedienen wie die Windows-Oberfläche, und der Kostenvorteil relativiert sich, wenn man kommerziellen Support in Anspruch nimmt. Zum anderen lässt die Gegenüberstellung viel wichtigere Aspekte außer Acht: die Herstellerunabhängigkeit von Linux etwa, seine Modifizierbarkeit und den Datenschutz.

Zugegeben gibt es im Alltag auch sinnvolle Verwendungsmöglichkeiten für KI – Rechtschreibprüfung, Vorschläge für alternative Formulierungen, Übersetzungen mit DeepL und anderes mehr. Weil das Buch sehr viele Anwendungen erwähnt, kommen auch sie nicht zu kurz. Dennoch fehlt manchen Passagen die kritische Distanz, die gerade gegenüber diesem euphorisch gehypten Thema angebracht gewesen wäre.

Infos

Rainer Hattenhauer

ChatGPT**&**Co.

Rheinwerk, 2024

360 Seiten, 25 Euro

ISBN: 978-3-8362-9733-2

Die Gegenspieler

Alphabet (Google), Apple, Microsoft, Meta (Facebook) – das Internet liegt in der Hand weniger, mächtiger Konzerne. Der Kuchen ist verteilt, Wettbewerber werden nötigenfalls aufgekauft, und die Machtverhältnisse scheinen auf lange Sicht zementiert. Das ist so, und doch existiert eine Gegenwelt, die oft weniger Beachtung findet, aber zu fast jeder bekannten Internet-Anwendung eine Alternative bieten kann. Die Software dieser Gegenwelt ist fast immer Open Source, nicht kommerziell, kostenlos, wird von oft von einer Community getragen und gibt sich im Unterschied zu den datenhungrigen Anwendungen der Marktführer datensparsam. Das vorliegende Buch will die Protagonisten dieses uneigennützigen Internets vorstellen und zeigen, wie sie sich organisieren, finanzieren und welche Rolle sie heute und in Zukunft spielen könnten.

In die Erörterung dieser Aspekte streut der Autor eine Art Kurzporträts wichtiger Mitspieler ein, namentlich von Mastodon und Signal, Firefox und OpenStreetMap, Wikipedia und Tor, Freifunk, LibreOffice sowie Linux und Android. Allein die Aufzählung verdeutlicht die Breite des Angebots. Einige der Protagonisten kennt jeder, andere gelten eher als Geheimtipps. Insgesamt allerdings stehen sie heute noch im Schatten der Dominanz kommerzieller Angebote. Ändern könnten das nur die Anwender, indem sie sich öfter dafür entscheiden, eine Open-Source-Alternative zu benutzen. Der Autor des vorliegenden Buchs hofft darauf und ruft dazu auf.

Die Lektüre empfiehlt sich für jeden, der sich über die Gegenspieler der Internet-Giganten informieren will, sich dafür interessiert, was sie können, wie sie funktionieren, auf welchen Prinzipien (etwa freien Lizenzen) sie beruhen und welche Mitwirkungsmöglichkeiten es gibt. Das schildert der Autor leicht verständlich und detailliert. Ein wenig unklar bleibt allerdings, wie ein grundsätzlicher Wechsel hin zu einem gemeinwohlorientierten Internet gelingen soll. Das gilt um so mehr, wenn man etwa die Tatsache ins Auge fasst, dass ein chaotisch gemanagtes X (vormals Twitter) immer noch mehr als 150 Mal so viele Nutzer verzeichnet wie der freie Konkurrent Mastodon.

Infos

Stefan Mey

Der Kampf um das Internet

C. H. Beck, 2023

230 Seiten, 18 Euro

ISBN: 978-3-406-80722-0

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