Aus Linux-Magazin 12/2023

Digitale Chat-Souveränität: fünf Alternativen zu Slack

© Kasper Ravlo / 123RF.com

Der Chat fungiert in vielen Unternehmen als zentrales Kommunikationsmedium. Aber viele Firmen scheuen davor zurück, sensible Inhalte über gehostete Angebote wie Slack zu teilen. Doch es gibt Alternativen für jene, die lieber die volle Kontrolle über die eigenen Daten behalten.

Der Mensch ist bekanntlich ein kommunikatives Wesen. Schon Paul Watzlawick stellte ganz treffend fest, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Das gilt sowohl für das private als auch für das berufliche Umfeld: Viele Branchen leben davon, dass die in ihr handelnden Akteure regen Informationsaustausch betreiben. Vielerorts ist dafür ein klassischer Chat das Mittel der Wahl. Chat-Systeme sind flexibler als die Kommunikation per E-Mail, ermöglichen wie diese aber dennoch asynchrone Kommunikation. Möchte man sich mal eben mit der Kollegin oder dem Kollegen austauschen, verkürzt eine Chat-Nachricht oft den Dienstweg besser als eine formale Mail. Das gilt umso mehr, als längst nicht jeder dem Inbox-Zero-Prinzip folgt und Mails vielerorts auf dem großen Haufen der abzuarbeitenden Anfragen landen. Das ist im Chat anders: Hier poppt üblicherweise sofort eine Benachrichtigung beim Kommunikationspartner auf, und das Gegenüber weiß, dass Klärungsbedarf besteht.

Wie jede Technik in der IT ist auch der Chat Gegenstand teils massiver Veränderungen. Als der Autor dieser Zeilen seine IT-Karriere startete, war das Mittel der Wahl vielerorts das klassische IRC-Protokoll (Internet Relay Chat), das in seiner ursprünglichen Form aus den 1990er-Jahren stammt und sich seither nur wenig verändert hat. Auch heute hat IRC noch eine treue Fan-Basis, den Ton geben aber längst andere und viel mächtigere Lösungen an. Zu so etwas wie der Go-to-Lösung hat sich in den letzten Jahren Slack entwickelt. Der in der Cloud gehostete Dienst bietet sämtliche Features früherer Chat-Generationen, wartet aber auch mit vielseitigen Integrationen in etliche externe Systeme auf. Es gibt eine reiche Auswahl an Clients für verschiedene Plattformen, die Einstiegshürden liegen tief.

Nicht wenigen IT-Verantwortlichen ist allerdings nicht sonderlich wohl bei dem Gedanken, Slack zu benutzen: Über den internen Chat eines Unternehmens tauschen die Mitarbeitenden oft sensible Informationen aus, manchmal sogar solche von enormer wirtschaftlicher Bedeutung für die Firma. Da Slack in der Cloud gehostet ist, haben Firmen aber keine Kontrolle darüber, was mit den übermittelten Nachrichten geschieht. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hat Slack bis heute nicht implementiert. Man muss also davon ausgehen, dass den Slack-Besitzern die Inhalte sämtlicher Nachrichten im Klartext zur Verfügung stehen.

Wer aus eben diesen Gründen Slack nicht nutzen möchte, steht allerdings vor der Herausforderung, eine adäquate Alternative zu finden. Der Anspruch, mit dem Ersatz nicht schlechter zu fahren als mit Slack, impliziert das viel mehr, als manchem Admin am Anfang seiner Überlegungen klar ist. Eine wichtige Anforderung an einen zentralen Chat-Dienst besteht heute vielerorts etwa darin, dass er sich mit einem Verzeichnis zum Benutzermanagement verbinden lässt, üblicherweise also LDAP oder Active Directory. Nur so lässt sich – anders als bei einer lokalen Benutzerverwaltung innerhalb des Diensts – sicherstellen, dass neue Kolleginnen und Kollegen automatisch Zugriff auf den Dienst erhalten und Ausgeschiedene ihren Zugriff verlieren. Auch an die Nachrichten selbst stellen Anwender heute höhere Anforderungen als früher. Dass ein Chat für die Kommunikation etwa animierte GIFs und Emojis unterstützen muss, ergibt sich aus den veränderten Kommunikationsgewohnheiten des letzten Jahrzehnts sowie aus der Tatsache, dass die bunten Bildchen längst normaler Teil der Internet-Folklore sind.

Dieser Artikel stellt fünf Alternativen zu Slack vor, die mit ganz eigenen Features und Funktionen auf Kundenfang gehen. Ein zentrales Kriterium bei der Auswahl der Lösungen im Vergleich war dabei, dass der jeweilige Dienst unter einer freien Lizenz steht und sich lokal – also On-Premises – betreiben lässt.

Chat-Styles

Bevor die Probanden sich der Reihe nach vorstellen, sei allerdings noch ein kurzer Absatz über Chat-Systeme im Allgemeinen eingeschoben. Wer das Internet noch zu IRC-Zeiten kennengelernt hat, denkt das Thema Chat üblicherweise in Dimensionen von Kanälen (Channels) und privaten Konversationen (Queries). Dieses Kommunikationsmuster findet sich auch heute noch bei vielen freien Alternativen zu Diensten wie Slack.

In den letzten Jahren wurde aber auch ein anderes Chat-Prinzip populär, das sich von etablierten Ansätzen insbesondere durch die Sortierung und die Darstellung von Themen unterscheidet. Hier stehen nicht Kanäle und Queries im Vordergrund, auch wenn diese Funktionen in der Regel noch unterstützt werden. Stattdessen denken viele moderne Chat-Systeme Kommunikation ähnlich wie Mails in Form von Threads. Wenn es Kanäle gibt, kommunizieren die Teilnehmer darin nicht wild drauflos, wie etwa bei IRC. Stattdessen starten sie unter der Haube von spezifischen Themen oder Fragestellungen entweder in öffentlichen Kanälen oder privaten Konversationen einen Kommunikationsfaden, den andere Nutzer dann aufnehmen. Die grafische Darstellung erfolgt dabei getrennt nach Themen.

Zulip, einer der von uns untersuchten Probanden, fokussiert sich auf diese Art der Darstellung, die speziell im Entwickler-Kontext manchen Vorteil gegenüber der klassischen Darstellung bietet. So lassen sich hier Fragen zu einzelnen Bug-Reports oder Commits in Chat-Fäden packen. Auf diese Weise können mehrere Konversationen in öffentlichen Kanälen zu verschiedenen Themen geordnet und trotzdem gleichzeitig stattfinden. Slack selbst kann diese Art der Darstellung ebenfalls nutzen, unterstützt aber auch die klassische Ansicht und präsentiert sich dadurch als Hybrid aus beiden Welten.

Wie ein Chat-System einzelne Gesprächsthemen darstellt und ordnet, ist für die Nutzer der Lösung von zentraler Bedeutung. Bei der Auswahl des passenden Werkzeugs für das eigene Unternehmen darf man eben diesen Faktor also nicht unterschätzen.

Der Oldie: IRC

Selbst in einer Chat-Übersicht des Jahres 2023 darf das gute alte IRC-Protokoll nicht fehlen. Noch immer finden sich etliche gut gepflegte IRC-Server [1], die sich auf einer handelsüblichen Linux-Maschine in kürzester Zeit installieren lassen. Zudem gibt es nur für wenige Chat-Protokolle so viele gut erprobte Clients für praktisch jedes Betriebssystem wie für IRC (Abbildung 1). Wer lediglich für ein kleines Unternehmen oder ein einzelnes Team einen Weg zur schnellen Kommunikation benötigt, kommt mit einem flugs aufgesetzten IRC-Server schnell ans Ziel.

Abbildung 1: IRC, der Klassiker unter den Chat-Systemen, ist merklich in die Jahre gekommen und taugt heute nur noch für grundlegende Aufgaben. Quelle: Gabriel Engel

Abbildung 1: IRC, der Klassiker unter den Chat-Systemen, ist merklich in die Jahre gekommen und taugt heute nur noch für grundlegende Aufgaben. Quelle: Gabriel Engel

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass IRC altersbedingt etliche Schwächen in verschiedenen Bereichen aufweist. Bis heute unterstützt es offiziell keinerlei Transportverschlüsselung von Daten. Der Transfer zwischen Server und Client erfolgt also stets im Klartext. Das ist kein Problem, wenn sich der IRC-Server ohnehin nur aus dem lokalen Netz der Firma erreichen lässt. Verbinden sich die Teilnehmer dagegen zum Beispiel per VPN mit dem Firmennetz, resultiert daraus ein handfestes Compliance-Problem.

Hinzu kommt, dass IRC jegliches Benutzermanagement fehlt. Wer sich mit einem Server verbindet, gibt den Spitznamen an, den er nutzen möchte, und darf eintreten. Etliche IRC-Server bieten zwar die Möglichkeit, Verbindungen einzuschränken, beispielsweise anhand der IP-Adresse des Gegenübers. Bis auf die Ebene einzelner Anwender hinunter funktioniert das aber nicht. Wer verhindern will, dass sich bestimmte Clients mit einem Server nach IRC-Standard verbinden, muss entsprechend grobschlächtig serverseitig die erlaubten IP-Adressräume konfigurieren.

Wie gesagt: IRC eignet sich aus heutiger Sicht nur dann als Slack-Alternative, wenn es ausschließlich um die bloße Kommunikation zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ohne Einhaltung der meisten üblichen Compliance-Regeln geht. Im Gegenzug erhält der Administrator einen stabilen und leicht zu verwaltenden Dienst, der nur sehr wenige Ressourcen benötigt und sich schnell aufsetzen lässt.

Rocket.Chat

Wer mit dem IRC-Feature-Set nicht auskommt, landet bei der Suche nach Alternativen früher oder später mit einiger Wahrscheinlichkeit bei Rocket.Chat (Abbildung 2): Das hat sich zu einer Art Standardalternative zu Slack entwickelt, und das aus guten Gründen: Das Programm kommt komplett quelloffen daher und unterstützt heute die meisten Features, die auch Slack anbietet. Die Geschichte des Werkzeugs ist durchaus bewegt: Bis 2015 war Rocket.Chat [2] als Teil von Konecty keine freie Lösung. Mittlerweile steht der gesamte Quelltext unter der MIT-Lizenz.

Abbildung 2: Rocket.Chat ist der umfassendste freie Slack-Ersatz und überzeugt durch ein sinnvolles Feature-Set und eine ordentliche Lizenzpolitik. Quelle: Rocket.Chat

Abbildung 2: Rocket.Chat ist der umfassendste freie Slack-Ersatz und überzeugt durch ein sinnvolles Feature-Set und eine ordentliche Lizenzpolitik. Quelle: Rocket.Chat

Ähnlich wie Slack bietet Rocket.Chat eine Vielzahl von darstellbaren Formaten für die Kommunikation. Das umfasst sowohl klassische Kanäle und Queries als auch die bereits beschriebene Thread-Ansicht. Über Themes lässt sich die grafische Erscheinung von Rocket.Chat individuell anpassen. Hier kommt eine Spezialität zum Tragen, die auch bei anderen Lösungen noch Thema sein wird: Das Chat-Protokoll, das Rocket.Chat nutzt, ist zwar grundsätzlich frei und offen. Auf dem Markt gibt es aber nur einen einzigen Client, der sich auf den verschiedenen Betriebssystemen für die Kommunikation mit Rocket nutzen lässt. Dessen Entwickler haben also letztlich die volle Kontrolle über die Optik der Lösung.

Selbst, wenn man das Werkzeug in andere Instant Messenger wie Franz integriert, präsentieren die stets nur die Webansicht des Chats, wie man sie auch per HTTP-Interface erreicht. Vorbildlich: Die gesamte grafische Oberfläche von Rocket.Chat ist in über 30 Sprachen übersetzt. Weil Admins längst nicht davon ausgehen können, dass in Unternehmen jeder Kommunikationsteilnehmer des Englischen mächtig ist, stellt das einen echten Mehrwert dar. Jeder Benutzer kann die Sprache des eigenen Clients so einstellen, wie es den persönlichen Bedürfnissen entspricht.

Darüber hinaus liest sich die Feature-Liste von Rocket.Chat wie die einer aktuellen und umfangreichen Chat-Lösung. So bietet die Software wahlweise eine eigene Nutzerverwaltung oder lässt sich an LDAP- oder SAML-Verzeichnisse sowie OAuth anbinden. Single-Sign-on unterstützt das Produkt ebenso. Zur Auswahl steht dabei das Login über die Accounts von Facebook, Github, Google, Microsoft und etlichen weiteren Anbietern. Hinzu kommen diverse Kommunikationsfunktionen, die über bloßen Chat weit hinausgehen. So bietet Rocket.Chat etwa Audio- oder Videotelefonate. Das ist zwar kein neues Feature, doch wer den Chat nutzt, freut sich im Bedarfsfall über die nahtlose Integration von Text und direkter Kommunikation.

Besonders in Sachen Textkommunikation leistet Rocket.Chat sich dabei keinen Lapsus. Neben etlichen Formatierungsmöglichkeiten für Nachrichten bettet der Rocket-Client Videos ebenso problemlos ein wie Markdown oder Mehrzeilencode. Mathematische Formeln lassen sich mittels einer TexMath-Implementierung umsetzen, animierte GIFs zeigt der Client klaglos an, und in Sachen Emojis unterstützt Rocket.Chat sämtliche modernen Zeichensätze. Nachrichten lassen sich an Ort und Stelle mit Reaktionen versehen und auf Wunsch mit einer Bewertung nach dem Sterne-Prinzip versehen. Besonders hilfreich ist oft das Off-the-Record-Messaging: Dabei kommunizieren zwei Teilnehmer via Slack Ende-zu-Ende-verschlüsselt, sodass die Inhalte der ausgetauschten Nachrichten auch den Administratoren von Rocket.Chat verborgen bleiben. Wer den dringenden Bedarf verspürt, Dampf über den Chef abzulassen, liegt hier also richtig.

Zusätzlich zu seinem Open-Source-Produkt bietet Rocket.Chat eine kommerzielle Version des Diensts an. Sie bietet noch ausgefeiltere Optionen, um die Optik an die CI der Firma anzupassen, kennt eine Agent-Struktur etwa für die Integration von Rocket.Chat in Endanwender-Support-Systeme, liefert vorgefertigte Skalierbarkeitskonzepte für Rocket.Chat und offeriert sogar kommerziellen Support. Allerdings stehen die zu dieser Lösung gehörenden Komponenten nicht unter einer freien Lizenz.

Wer auf der Suche nach einer simplen Chat-Lösung für ein kleines oder mittelgroßes Unternehmen ist, wird diese Features aber ohnehin kaum benötigen und dürfte mit der selbst gehosteten Open-Source-Variante gut zurechtkommen. Die liefert Rocket mittlerweile bevorzugt in Form eines Containers aus, der sich schnell und automatisiert in Betrieb nehmen lässt.

Übrigens: Wer sich vom geliebten IRC-Protokoll nicht ganz verabschieden kann oder will, findet in Rocket.Chat eine Vielzahl sogenannter Slash-Kommandos – also Befehle, die man mit »/« einleitet und die stark an IRC erinnern.

Mattermost

Hinsichtlich des perfekten Open-Source-Ersatzes für Slack rüttelt seit einiger Zeit Mattermost (Abbildung 3) heftig an Rocket.Chats Thron. Wie der Konkurrent steht Mattermost [3] unter einer freien Lizenz, einzelne Teile des Quelltexts unterliegen allerdings verschiedenen Lizenzen. Grundsätzlich steht dabei die GNU AGPL v3.0 im Vordergrund, für einzelne Codeteile gilt hingegen die Apache-Lizenz oder eine kommerzielle Lizenz, falls man kompilierte Versionen von Mattermost unter bestimmten Bedingungen weitergeben möchte.

Abbildung 3: Mattermost richtet sich vorrangig an Entwickler, zählt aber eher zur Riege der Freemium-Anwendungen: Notwendige Enterprise-Features gibt es nur gegen Geld. Quelle: Mattermost

Abbildung 3: Mattermost richtet sich vorrangig an Entwickler, zählt aber eher zur Riege der Freemium-Anwendungen: Notwendige Enterprise-Features gibt es nur gegen Geld. Quelle: Mattermost

Das dürfte für die meisten Administratoren aber ohnehin nicht im Vordergrund stehen, denn Mattermost verteilt fertige Binaries der Software in paketierter und containerisierter Form. Viel wichtiger: Mattermost geht beim Zuschnitt seiner Produkte – also der freien Variante sowie der ebenfalls verfügbaren Enterprise- und Professional-Versionen – ganz anders vor als Rocket.Chat. Aus Sicht eines Administrators ist das eher unangenehm, denn Mattermost verlangt Geld für viele Funktionen, die es bei Rocket.Chat zumindest grundsätzlich schon in der freien Version gibt. Beispiele dafür sind die Anbindung an SSO-Dienste sowie die umfassende Möglichkeit, die Optik per Theme zu verändern.

Bei den Grundfunktionen macht auch Mattermost keine Patzer, gerade nicht in der freien und kostenlosen Community-Edition. Kanäle und private Konversationen, flankiert von nativen Clients für alle gängigen Betriebssysteme, gehören also ebenso zum Lieferumfang wie die Möglichkeit, Threads zu starten und die unbegrenzte Suche in Inhalten der Vergangenheit. Das ist ein wohltuender Unterschied etwa zu Slack, wo ja sogar die Suche zeitlich und von der Menge her begrenzt ist, wenn man nicht den Geldbeutel öffnet. Auch Video- und Audioanrufe sowie Gruppentelefonate gehören bei Mattermost zum Lieferumfang. Die gut dokumentierte Installation gestaltet sich einfach, selbst wenn man als Administrator bislang mit Mattermost noch nichts zu tun hatte.

Administratoren, die Rocket.Chat und Mattermost vergleichen, stellt sich möglicherweise die Frage, worin der Hauptunterschied zwischen den Lösungen liegt. Aus der Ferne könnte nämlich durchaus der Eindruck entstehen, die Lösungen ähnelten sich weitgehend. Bis zu einem bestimmten Grad trifft das durchaus zu, doch richten sich Mattermost und Rocket.Chat an etwas unterschiedliche Zielgruppen. Mattermost sieht sich eher als Werkzeug, mittels dessen Entwickler untereinander kommunizieren können. Zahlreiche Integrationen mit typischen Entwicklungswerkzeugen wie Github legen davon Zeugnis ab. Rocket.Chat sieht sich eher als zentrale Kommunikationsschnittstelle im ganzen Unternehmen. Der Fokus auf Entwicklung ist entsprechend etwas weniger ausgeprägt.

Die wichtigsten Unterschiede beim Produktzuschnitt waren ja schon Thema; so ist die Community-Edition von Rocket.Chat im Wesentlichen freie Software, während sich Mattermost eher als “Freemium”-Software betiteln ließe: Features, die die meisten Unternehmen brauchen, gibt es nur gegen Geld.

Zulip

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt Zulip (Abbildung 4). Zwar gibt es von der selbst gehosteten Version von Zulip ebenfalls eine Enterprise-Variante. Sie enthält aber nur Features, die für spezifische Einsatzzwecke in – meist sehr großen – Unternehmen benötigt werden, etwa in Sachen Compliance. Die Community-Edition von Zulip dagegen enthält ähnlich wie Rocket.Chat alles für die Verwendung im Firmenalltag Relevante und Nötige. Dazu gehören ein firmenspezifisches Branding, SSO und LDAP-Integration sowie umfassende Chat-Features für private und öffentliche Nachrichten.

Dennoch unterscheidet sich Zulip [4] von den bisher besprochenen Probanden in einem zentralen Punkt: Es ordnet sämtliche Konversationen nach Threads. Frei Schnauze drauflos schreiben ist in Zulip also nicht möglich. Daran ändert sich auch nichts, wenn man statt über die standardisierte Weboberfläche über einen der Clients für die gängigen Betriebssysteme auf den Dienst zugreift.

Abbildung 4: Zulip sortiert Beiträge im Thread-Style und hebt sich dadurch merklich von den anderen Probanden im Test ab. Quelle: Zulip

Abbildung 4: Zulip sortiert Beiträge im Thread-Style und hebt sich dadurch merklich von den anderen Probanden im Test ab. Quelle: Zulip

Zugegeben, diese Form der Konversation muss man mögen. Besonders, wer eher IRC gewohnt ist, muss sich mit Zulip vermutlich erst anfreunden. Im Gegenzug erhalten Admins aber eine relativ leicht zu installierende und leicht zu betreibende Chat-Software, die es mit Rocket.Chat in vielerlei Hinsicht absolut aufnehmen kann.

Zu den Feature-Highlights von Zulip gehören eine umfassende Integration in Dienste wie Nagios, Github oder Jenkins sowie ein Kommandozeilen-Client für den Zugriff auf den Chat. Chat-Statistiken, eine Suche über sämtliche jemals durchgelaufenen Nachrichten sowie Audio- und Videotelefonate machen in Zulip ebenfalls Lust auf mehr. Mannigfaltig konfigurierbare Notifications für eingehende Nachrichten runden das Angebot ab und zeigen: Zulip ist vor allem individuell anpassbar. Das mag manchem Administrator gerade ohne einschlägige Zulip-Erfahrung anfangs fast zu viel sein, doch keine Sorge: An das Handling einer Zulip-Instanz gewöhnt man sich schnell.

Matrix

Dezentrales Messaging, das im Prinzip eher funktioniert wie eine E-Mail und Nachrichten über ein beliebig erweiterbares Netzwerk austauscht – da klingelt es beim einen oder anderen Administrator möglicherweise. Richtig: Wer schon einmal mit Jabber und dem Betrieb einer Jabber-Instanz zu tun hatte, dem kommen diese Konzepte durchaus vertraut vor. Mit dieser Vorerfahrung versteht man auch die Ideen und Prinzipien hinter Matrix [5] schnell, denn das verspricht im Grunde eine ähnliche Funktionalität.

Dabei ist hier die korrekte Nutzung zentraler Begrifflichkeiten durchaus wichtig, denn hinter Matrix verbirgt sich im Chat-Kontext keine Chat-Software, sondern nur ein Protokoll. Es beschreibt das Austauschformat für Nachrichten zwischen Server und Client sowie Server und Server und implementiert dabei einige zentrale Punkte, die bei Jabber fehlen. Dazu gehören instanzübergreifende Chat-Räume für mehrere Personen. Matrix selbst ist als Stiftung organisiert und verspricht, den entsprechenden Standard stets frei zu halten. Technisch präsentiert das Matrix-Protokoll sich auf der Höhe der Zeit: Details wie Verschlüsselung bezieht es in seine Vorgaben selbstverständlich ein.

Damit das Matrix-Netzwerk funktioniert, bedarf es dezentraler Server. Nicht jeder Nutzer oder jedes Unternehmen muss allerdings einen eigenen Matrix-Server betreiben. Den Code für den Server liefert das Matrix-Projekt selbst. Wer ihn nicht ausrollen möchte, besorgt sich stattdessen einen Account bei einer bestehenden Instanz. Die eigentliche Teilnahme an Chats erfordert dann im Anschluss einen Client. Es gibt einige Matrix-Clients für die gängigen Betriebssysteme; Element (Abbildung 5) und Cinny gehören zu den beliebteren und sind beide für alle gängigen Desktop-OS verfügbar. Ist ein entsprechender Client installiert und mit dem angelegten Account einer Matrix-Instanz verbunden, kann die Schnatterei losgehen. Wer nicht schreiben will, kann über Matrix komplementär auch Video- und Audioanrufe tätigen.

Abbildung 5: Element ist ein Matrix-Client und hilft dabei, ein Jabber-ähnliches Chat-Netz mit Kanälen und Unterstützung für neueste Technologien zu nutzen. Quelle: Wikipedia / VulcanSphere

Abbildung 5: Element ist ein Matrix-Client und hilft dabei, ein Jabber-ähnliches Chat-Netz mit Kanälen und Unterstützung für neueste Technologien zu nutzen. Quelle: Wikipedia / VulcanSphere

Sehr angenehm dabei: Matrix spielt ebenso wie die meisten verfügbaren Clients keine Spielchen in Sachen frei, nicht ganz frei oder Freemium. Alle relevanten Funktionen der verfügbaren Clients stehen ausnahmslos ohne finanzielle Gegenleistung zur Verfügung. Als Wermutstropfen kommen die mangelnde Bekanntheit und Verbreitung von Matrix ins Spiel – wobei beide Faktoren ja kaum eine Rolle spielen, wenn es lediglich darum geht, ein lokales Unternehmen mit einem Chat-System zu versorgen. Dazu bietet ein einfacher Matrix-Server mit standardisiertem Client durchaus eine valide Option, zumal Matrix-Server sich mittels Plugins um bestimmte Funktionen erweitern lassen. LDAP-Unterstützung etwa fehlt ab Werk, ist per Plugin aber nachzurüsten.

Stil und Einfachheit von Matrix erinnern fast ein wenig an IRC, doch kommen die gängigen Matrix-Clients im moderneren Gewand daher, und Matrix bietet ein paar der Grundfunktionen, die IRC aus heutiger Sicht schmerzlich vermissen lässt.

Fazit

Wer Slack nicht nutzen möchte oder darf, findet in der Welt der freien Software viele gute Alternativen. An der Spitze rangiert dabei Rocket.Chat als universellste Lösung mit dem größten Feature-Set ohne Münzeinwurf. Mattermost ist ebenfalls gut, versteckt aber das eine oder andere Feature zu viel hinter der Bezahlschranke. IRC taugt als Oldie heute bloß noch für einfache Einsatzszenarien, hat in Form von Matrix aber einen würdigen Quasi-Nachfolger dezentraler Bauart gefunden. Zulip schließlich richtet sich durch seine Darstellung von Nachrichten an eine sehr spezifische Benutzergruppe von zumeist Administratoren. Es performt in der Kategorie Thread Views aber beinahe so gut, dass es außer Konkurrenz starten müsste. Admins, die ein Chat-System einführen wollen, stehen also vor der Qual der Wahl und sollten die Lösungen im Vorfeld gründlich evaluieren. (jcb)

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