Aus Linux-Magazin 07/2023

Gespräch über die Perspektiven der Low-Code-Entwicklung

© Dinis Tolipov / 123rf.com

Der eine steckt tief in den Fachfragen eines Anwendungsgebiets, der andere ist erfahrener Programmierer. Beide zusammenzubringen, war schon immer ein Problem. Low-Code bietet dafür eine neue Lösung: Die Vereinigung in einer Person.

Low-Code und No-Code sind derzeit in aller Munde: Sie werden als Ausweg aus dem Programmierer-Mangel oder als Mittel gehandelt, aus Kennern ihres Fachs Softwareentwickler zu machen. Andererseits haftet ihnen auch ein wenig der Zweifel an, ob man mit Herumklicken wirklich zu hochwertiger Software kommen kann. Über Sinn und Zweck der Technologie sprach das Linux-Magazin mit einem ihrer Pioniere, Karsten Noack.

Linux-Magazin: Wozu brauchen wir Low-Code?

Karsten Noack: Low-Code steht für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Softwareentwicklung. Es geht darum, durch gänzlich andere Methoden und Tools maßgeschneiderte Softwarelösungen erheblich effizienter, kostengünstiger und flexibler entwickeln zu können. Das ermöglicht Unternehmen und Verwaltungen, die Digitalisierung sämtlicher Geschäftsprozesse voranzutreiben. Außerdem ist Low-Code eine Antwort auf den Fachkräftemangel, indem die verfügbaren Softwareentwickler in der gleichen Zeit mehr schaffen können und außerdem auch weitere Personen mit in die Softwareentwicklung einbezogen werden können.

Unser Gesprächspartner

Karsten Noack gilt als einer der Pioniere der Low-Code-Technologie und hat bereits Anfang der Neunzigerjahre neuartige, innovative Methoden und Verfahrensweisen zur programmierfreien Softwareentwicklung erarbeitet und 1998 mit SCOPELAND Version 1.0 die wahrscheinlich weltweit erste Low-Code- Plattform auf den Markt gebracht. Heute ist er Geschäftsführer der Scopeland Technology, die mit SCOPELAND Version 7 im Public-Sektor, unter anderem bei Bundes- und Landesbehörden, als Low-Code-Plattformanbieter und als Lösungsanbieter von SCOPELAND-basierten Anwendungslösungen sehr erfolgreich ist.

Karsten Noack ist außerdem Mitglied im Hauptvorstand des BITKOM und Forumsprecher des SIBB, dem Verband der IT-Industrie Berlin-Brandenburg. Zugleich fungiert Noack als Vorstandsvorsitzender der Low-Code Association e.V., dem Verband der führenden in Deutschland aktiven Low-Code Anbieter.

LM: Manche halten Low Code für eine semi-professionelle Spielerei, die sich kaum auf ernsthafte Probleme anwenden lässt. Wie weit kommen wir damit wirklich? Wo brauchen wir nach wie vor klassische Softwareentwicklung?

KN: Low-Code ist längst Realität, und das nicht nur für kleine und einfache Anwendungsfälle, sondern zunehmend auch für unternehmenskritische Kernanwendungen. Selbst für Großprojekte aller Art entwickelt sich Low-Code zur bevorzugten Methode.

LM: Ist Low Code also das Allheilmittel – oder gibt es doch auch Grenzen der Anwendung? Und ist nicht die Low-Code-Plattform selbst, die ja irgendwann einmal ohne Low Code entwickelt worden sein muss, ein Hinweis auf eine Beschränkung der Anwendbarkeit?

KN: Natürlich ist Low-Code kein Allheilmittel. Die Grenzen liegen in den einzelnen Low-Code-Plattformen selbst, die in der Regel auf einen bestimmten Zielmarkt oder eine Klasse von Aufgabenstellungen zugeschnitten sind. Und weil niemand alle möglichen Herausforderungen vorhersehen kann, weil es immer mal Anforderungen gibt, die eine bestimmte Plattform nicht abdeckt, sieht das Low-Code-Konzept explizit die Möglichkeit vor, dass man all das, was mit den schnellen und einfachen Konfigurationsmöglichkeiten nicht abdeckbar ist, nach Bedarf durch eingefügte handprogrammierte Skripte oder Makros komplettiert. Wenn man zum Beispiel 98 Prozent der benötigten Funktionalität einfach zusammenklicken kann, fallen die zwei Prozent die noch programmiert werden müssen, aus wirtschaftlicher Sicht kaum ins Gewicht. Die Grenze zwischen dem, was Low-Code kann und was nicht, ist fließend.

Die Low-Code-Plattformen sind in der Tat überwiegend programmiert und nicht mittels Low-Code entwickelt worden. Aber das ist auch klar, denn Low-Code dient ja in erster Linie der Erstellung individueller, unternehmensspezifischer IT-Lösungen.

LM:Fördert Low-Code nicht die Schatten-IT? Oder können wir die zentrale IT-Abteilung sogar auflösen, wenn sich das durchsetzt?

KN: Es ist ein großes Missverständnis, Low-Code diene der Förderung der Schatten-IT. Vielleicht kommt dies daher, dass Low-Code zuallererst für die Entwicklung unkritischer Kleinstanwendungen in den Fachbereichen eingesetzt wurde. Deshalb ist heute noch in Zusammenhang mit Low-Code gelegentlich von sogenannten “Citizen Developern” die Rede. Heute hingegen spielt die Schatten-IT für Low-Code kaum noch eine Rolle, und die Etablierung hocheffizienter Low-Code-Methoden anstelle klassischen Codeschreibens ist ein zentrales Anliegen der IT-Abteilungen als Schlüsseltechnologie der Digitalisierung.

Richtig ist aber, dass professionelle Low-Code-Developerteams häufig in den Fachbereichen angesiedelt werden oder zumindest irgendwie von den verbliebenen Programmierbereichen getrennt aufgestellt werden. Das hat einfach den Hintergrund, dass wir es hier mit einem grundlegenden Kulturwandel zu tun haben und man auf diese Weise mancherlei Problemen aus dem Weg gehen kann. Langfristig aber wird sich das entspannen und wieder zusammenwachsen.

LM: Wo der Anwender zum Programmierer wird, erbt er auch dessen Pflichten wie Support, Weiterentwicklung oder Security-Updates. Ist der damit nicht überfordert?

KN: Es ist nicht so, dass Anwender zum Programmierer werden und damit all die Pflichten von Programmierern erben. Es gibt, wie immer schon, Seiteneinsteiger aus den Fachbereichen, die mehr und mehr in die IT hinüberdriften, und Low-Code macht dies einfacher als in der Vergangenheit. Das sind aber in der Regel nicht die Anwender der von beziehungsweise gemeinsam mit ihnen entwickelten Programme selbst. Richtig ist aber, dass auch Anwender künftig stärker in Softwareentwicklungsprozesse miteinbezogen werden, etwa indem sie an der Ausgestaltung von Programmoberflächen aktiv mitwirken. Zum Programmierer werden sie dadurch normalerweise nicht.

LM: Wenn ich das einmal zuspitzen darf, dann klingt es so, als sei der typische Low-Code-Entwickler weder der studierte Informatiker noch der am besten mit der Praxis vertraute Anwender, sondern ein Quereinsteiger, der von beiden etwas, aber schlimmstenfalls nichts vollkommen beherrscht?

KN: Nein, sowohl die mit der Praxis vertrauten Anwender sind wichtig als auch die studierten Informatiker bleiben so wichtig wie eh und je, nur dass sich die Rollen etwas verschieben und dass Entwicklern einen Großteil der Arbeiten erledigen können, für die umfassende Programmierkenntnisse und -erfahrungen weniger entscheidend sind. Dass Low-Code-Developer häufig Quereinsteiger sind, liegt eher daran, dass der leergefegte Arbeitsmarkt nicht so viel studierte Informatiker aufbieten kann, um den Bedarf zu decken. Wie gut, dass es mit Low-Code ein Tätigkeitsfeld in der Informatik gibt, das für den späten Einstieg als Quereinsteiger vergleichsweise gut geeignet ist.

LM: Würde sich Low-Code-Programmierung im großen Stil durchsetzen, entstünden dann nicht uniforme Lösungen, die keine Wettbewerbsvorteile aufgrund der Softwarequalität mehr böten?

KN: Auch hier scheint ein großes Missverständnis vorzuliegen. Low-Code bringt weder uniforme Lösungen mit sich, sondern im Gegenteil viel mehr Vielfalt in der Art und Weise, wie man mit Fragen der Digitalisierung umgeht. Auch aufgrund der Tatsache, dass es normal wird, für unterschiedliche Aufgabenstellungen mehrere Low-Code-Plattformen gleichzeitig im Einsatz zu haben. Und Low-Code geht auch nicht zulasten der Softwarequalität, sondern setzt sich, wie etwa das Low-Code Manifest der Low-Code Association klar zum Ausdruck bringt, das Ziel, nicht nur die Effizienz, sondern gerade die Qualität von Software erheblich zu verbessern.

LM: Ist in den Fachabteilungen, die mit Low-Code die Entwicklung übernehmen sollen, die Expertise vorhanden, um die Softwareentwicklung nicht nur an individuellen Bedürfnissen auszurichten, sondern in den größeren Zusammenhang einer Softwarelandschaft zu stellen und beispielsweise Fragen der Integration und Standardisierung mitzubedenken?

KN: Soweit Low-Code-Entwicklung tatsächlich in den Fachabteilungen und durch Nicht-IT-Experten stattfindet, was eher die Ausnahme als der Regelfall ist, mögen diese Bedenken nachvollziehbar sein. Man kann dem aber auch das Argument entgegenhalten, dass Fragen der Integration und Standardisierung allein schon deshalb viel besser berücksichtigt werden, weil dies zu großen Teilen toolseitig abgesichert ist, beziehungsweise von den IT-Bereichen beim Aufsetzen einer Low-Code-Infrastruktur im Zuge der grundlegenden Basisinstallation hergestellt wird. Je weniger einzelne Entwickler selbst in den Tiefen der IT-Architektur händisch eingreifen müssen, und das wird ja gerade durch Low-Code massiv reduziert, desto besser.

LM: Sie sagen Low-Code reduziere die Notwendigkeit für den Entwickler, in den Tiefen der IT händisch eingreifen zu müssen. Aber geschieht das in der klassischen Softwareentwicklung nicht ganz genauso durch die Nutzung von Bibliotheken, die dem Programmierer ebenfalls eine einfach nutzbare Schnittstelle bieten und dahinter einen Großteil der Komplexität der Detaillösung verbergen?

KN: Selbstverständlich reift auch die klassische Softwareentwicklung dahingehend heran, dass durch Nutzung von Bibliotheken, durch standardisierte Vorgehensweisen und Schnittstellen unter anderem die Notwendigkeitbegrenzt wird, in die Tiefen der IT händisch einzugreifen. Der Unterschied ist, dass der Low-Code-Ansatz die Entwickler im Normalfall viel konsequenter von den Tiefen der Technologie und Architektur abschirmt. Im Idealfall muss sich ein Low-Code-Developer ausschließlich um die Fachlichkeit kümmern. Und wie dies dann technisch umgesetzt wird, ist Sache der Plattform. Natürlich ist auch das eine idealisierte Zielstellung, der wir uns nur schrittweise nähern können, aber Low-Code ist auf dem Weg dahin schon ziemlich weit.

LM: Wie lassen sich mit Low-Code Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten?

KN: Datenschutz und Datensicherheit sind selbstverständliche Grundanforderungen an heutige IT-Systeme. Anders als bei individuell programmierten IT-Lösungen mit ihrem Mix aus Stärken und Schwächen der jeweiligen Programmierer wird dies bei Low-Code bereits systemseitig abgesichert. Low-Code trägt deshalb eher zu einer Verbesserung der IT-Sicherheit bei, als dass es diese unterlaufen würde.

LM: Sie unterstellen dabei, dass die Low-Code-Plattform per se keinerlei Sicherheitsrisiken birgt. Nun wissen wir aber, dass es fehlerfreie Software nicht gibt. Entsprechend könnte ja auch von der Low-Code-Plattform ein Risiko ausgehen, das der Anwender, der den Quellcode nicht kennt, weder entdecken noch einschätzen kann und das sich andererseits auf alle damit entwickelten Lösungen übertragen könnte. Wie lässt sich diese Gefahr minimieren?

KN: Das ist richtig. Auch Low-Code-Plattformen sind nicht fehlerfrei, und eventuelle Sicherheitslücken in Low-Code-Plattformen können sich sehr schnell auf viele Anwendungen auswirken. Aber gilt das nicht ebenso für alle Bibliotheken, Schnittstellen und Middleware-Funktionen, auf die handgeschriebene Programme aufsetzen? Wir glauben nicht, dass die theoretische Möglichkeit, den letztlich zum Einsatz kommenden Programmcode einsehen und prüfen zu können, mehr Sicherheit bietet, als die Verlagerung ebendieser Sicherheitsanforderungen in die Low-Code-Plattform als eine von Sicherheitsexperten geprüfte und gehärtete und bei vielen Kunden real im Einsatz befindliche Standardsoftware. Um auch noch die verbleibenden Restrisiken zu minimieren, wäre es wünschenswert, die Plattformen gegen standardisierte Sicherheitsvorgaben zu prüfen und zu zertifizieren. Wir als Low-Code Association würden das begrüßen, und vielleicht können wir dazu beitragen, solche Initiativen zu unterstützen.

LM:Welche Ziele verfolgt die Low-Code Association, deren Vorstandsvorsitzender Sie sind?

KN: Ein wichtiges Ziel der Low-Code Association besteht darin, Vorbehalte gegen diese neue Technologie auszuräumen und in der Öffentlichkeit für den damit verbundenen technologischen Fortschritt zu werben. Wir möchten dazu beitragen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, und die Vorteile – gerade auch für große und kritische Softwarelösungen – aufzuzeigen. Und natürlich wollen wir auch ein klein wenig dazu beitragen, den hier in Europa, gerade auch im deutschsprachigen Raum ansässigen, häufig mittelständischen Low-Code-Anbietern die Möglichkeit einzuräumen, ihr enormes Leistungsvermögen aufzuzeigen. Technologisch müssen wir uns vor dem Wettbewerb mit den ganz großen Playern im Softwaremarkt nicht verstecken.

LM: Herr Noack, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

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