Aus Linux-Magazin 01/2023

Debian und die Sache mit der unfreien Firmware

© Nursel Oezarslan / 123RF.com

Die Open-Source-Welt lebt seit jeher von Diskursen, alles Mögliche wird fleißig debattiert – ausgenommen Debians Gesellschaftsvertrag. Das änderte sich kürzlich, als das Thema unfreie Firmware für ungewohnt viel Bewegung im Projekt sorgte.

Firmware funktioniert als Bindeglied zwischen Soft- und Hardware – soweit sind Sie sicher im Bilde. Üblicherweise stecken dahinter Blobs, also Binary Large Objects. Hier liegt kein Quellcode vor. Da fragt man sich angesichts der Debatte um unfreie Firmware in Debian doch direkt: Was ist eigentlich das Problem? Der Gesellschaftsvertrag, aber dazu später mehr.

Erst einmal ist Firmware im Regelfall proprietär. Dummerweise widerspricht das absoluten allem, wofür Debian steht. Obendrein sind solche Binaries ohne vorliegenden Quellcode aus Admin-Sicht stets problematisch: Sollten sich Sicherheitslücken auftun, fehlt der Distribution hier jegliche Möglichkeit, Emergency Patches auszuliefern.

Generell schneidet Firmware auf der Beliebtheitsskala von Linux-Anwendern nicht so gut ab. Das liegt daran, dass sie proprietär ist und es somit keine Quellen gibt. Das beißt sich mit dem Open-Source-Gedanken. Schließlich steckt hinter Firmware Binärcode, Forks und eigenes Entwickeln fallen dementsprechend weg. Obendrein dürfte vielen Leuten schwer im Magen liegen, dass sich eine Firmware beim Auftreten eines Sicherheitsproblems nicht so einfach patchen lässt wie Quellcode. Ohne den Hersteller geht hier gar nichts, er muss die Sicherheitsaktualisierungen bereitstellen. Darüber hinaus testet die jeweilige Distro sicher die neue Version der jeweiligen Firmware durch, bevor sie letztlich an den Anwender geht. Das verlangsamt den Prozess logischerweise zusätzlich. Unter anderem deswegen hat es durchaus Vorteile, keine undurchsichtigen Binaries auf den Systemen zu nutzen.

Der Nutzer steckt hier jedoch in einer Zwickmühle: Entweder, er schluckt die sprichwörtliche Kröte und lebt mit Closed-Source-Paketen, oder er verzichtet auf möglicherweise wichtige Funktionen. Kaum jemand dürfte sich das leisten können. Wenn ich früher Debian neu installierte, aktivierte ich also (wie schätzungsweise viele andere) direkt die Pakete contrib und unfree – anfangs aus Neugier oder Unwissenheit, später dann wohlwissend, dass ich mit der verbauten Hardware ohne die beiden Repositories wenig Freude haben würde.

Idealismus trifft Realismus

Für durchaus aufschlussreich halte ich im Firmware-Kontext die Zahlen aus dem Debian Popularity Contest [1]. Dahinter verbirgt sich ein Softwarepaket, das die auf dem System installierten Packages auswertet und an Debian übermittelt. Die Teilnahme ist per Opt-in-Verfahren geregelt. Bei den Firmware-Packages spricht die Debian-Umfrage eine relativ eindeutige Sprache; es zeigt sich, dass der Hype sich stellenweise nicht sonderlich um die Wirklichkeit scherte (Abbildung 1). Im Ranking der Installationszahlen finden sich Pakete wie »linux-firmware-free« (Platz 237) oder »firmware-misc-nonfree« (Platz 1882) deutlich weiter oben als beispielsweise »samba« (Platz 2411) oder »mariadb-server« (Platz 2838).

Was heißt das konkret? Ohne die besagten Kandidaten ist heute kaum ein System sinnvoll zu betreiben, insbesondere wenn es um Notebooks geht. Genauso verhält es sich mit Grafikkarten. Die Tatsache, dass MariaDB oder auch Samba, zwei der meistgenutzten Serverpakete überhaupt, erst nach den ungeliebten Closed-Source-Firmwares auftauchen, lässt erahnen, dass eine deutliche Mehrheit der Anwender in erster Linie einen voll funktionsfähigen Computer vor sich haben möchte. Für den fast schon religiös motivierten Open-Source-Eiferer bedeutet ein Notebook mit hoher Lüfterdrehzahl, pixeliger VGA-Grafik und ohne Wi-Fi womöglich am Ende eine kalte Dusche. Aus meiner Sicht kann das niemand ernsthaft wollen.

Zudem schrecken Debian-Novizen oder nicht besonders erfahrene Nutzer vermutlich davor zurück, zur Installation manuell Firmware auf sekundären Datenträgern bereitzustellen. Allerdings dürfte es auch erfahrenen Usern schon passiert sein, dass sie sich in einer Situation wiederfanden wie ich früher hin und wieder: Auf halber Strecke der Installation bemerkte ich, dass ich ohne die Closed-Source-Pakete ja gar kein Netzwerk haben würde. Also bewegte ich mich zurück an den nächsten Rechner, um einen USB-Stick anzuschließen und die Non-free-Packages herunterzuladen. In der Hoffnung, sämtliche erforderlichen DEBs erwischt zu haben, steckte ich mein frisch bestücktes Speichermedium wieder ins Notebook und startete einen neuen Installationsversuch. Was sich für den alten Linux-Hasen schwerfällig anfühlen mag, ist für den Neuling aller Wahrscheinlichkeit nach ein gnadenloser Showstopper.

Abbildung 1: Der Debian Popularity Contest (sortiert nach Installationen) zeigt, dass die Realität schon weiter ist.

Abbildung 1: Der Debian Popularity Contest (sortiert nach Installationen) zeigt, dass die Realität schon weiter ist.

Demokratisch entschieden

Am 2. Oktober 2022 stand schließlich die Entscheidung an, ob Debian seinen Gesellschaftsvertrag zugunsten unfreier Firmware etwas modifizieren würde oder nicht. Steve McIntyre, einer der führenden Köpfe beim Debian-Projekt, hat sämtliche Abstimmungsergebnisse und Infos dazu auf seinem Blog veröffentlicht [2]. Der Beschluss, Firmware ganz offiziell mitauszuliefern, überrascht in meinen Augen wenig – im Gegenteil, ich halte den Schritt für längst überfällig.

Die wohl bekannteste Debian-Konkurrenz Ubuntu bringt seit jeher proprietäre Firmware-Pakete mit. Unter anderem deswegen gilt diese Distro als besonders einsteigerfreundlich. Andere Linux-Varianten veranstalten im Firmware-Kontext also mitnichten einen derartigen Aufstand. Die Glaubensfrage, ob das Integrieren von Closed-Source-Packages ein Sakrileg sein könnte, kommt hier schlicht nicht auf. Womöglich auch deswegen, weil bei diesen Distributionen anders als bei Debian im Hintergrund Unternehmen oder Foundations die Fäden ziehen.

Fazit

Inwieweit widersprechen sich nun proprietäre Firmware und der Social Contract? Debians Anspruch, zu 100 Prozent freie Software zu bleiben, kann unmöglich mit Closed-Source-Firmware koexistieren. Unter den Anhängern der Distro schieden sich denn auch die Geister: Eine Reihe von Hardlinern sprach sich absolut gegen das Aufnehmen unfreier Firmware aus, doch die Mehrheit der Community scheint die Entscheidung des Projekts zu begrüßen. Auf Reddit beispielsweise sprachen mir einige Mitglieder aus der Seele (Abbildung 2).

Abbildung 2: Nicht nur auf Reddit sind sich viele einig: Debians Schritt zur Firmware war längst überfällig. Quelle: Reddit.com

Abbildung 2: Nicht nur auf Reddit sind sich viele einig: Debians Schritt zur Firmware war längst überfällig. Quelle: Reddit.com

Debian gilt seit vielen Jahren als überaus robuste und zuverlässige Distribution – vielleicht gerade deswegen, weil dort vieles wie in Stein gemeißelt wirkt und sich das Projekt über die Jahrzehnte nur wenig bewegt, wenn überhaupt. Mir ist bisher kaum ein Linux-Admin untergekommen, der nicht auf Debian schwört. Viele haben sogar irgendeine Erfolgsgeschichte zur Hand, typischerweise von einem System, auf dem vor gefühlt Äonen “Woody” oder “Sarge” installiert wurde, das inzwischen das x-te Dist-Upgrade hinter sich hat und das nach wie vor reibungslos läuft.

Wenn Debian den Social Contract anfasst, liegt die Frage nahe, ob dadurch die Idee oder das Ideal hinter Open Source leidet. Ich glaube: nein. Die Benutzer genießen immer noch die volle Kontrolle – schließlich fragt der Installer ab, ob er die Firmware einrichten soll. Die Tatsache, dass unfreie Firmware auf dem Installationsmedium mitkommt, widerspricht in meinen Augen keineswegs der Open-Source-Idee. Niemand zwingt Sie, die Blobs zu nutzen, das steht Ihnen nach wie vor frei. Transparent bleibt die Sache ohnehin. Der springende Punkt ist eben, dass einem der Installer nicht ungefragt irgendeine Firmware unterjubelt. (csi)

Der Autor

Thomas Reuß ist leidenschaftlicher Linux-Admin mit großer Freude an Security-Themen. Momentan betätigt er sich als Consultant im SAP-Umfeld.

Infos

  1. Debian Popularity Contest: https://popcon.debian.org
  2. Steve McIntyres Blog: https://blog.einval.com
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