Aus Linux-Magazin 06/2020

Bücher über Künstliche Intelligenz – aus Philosophen- und Technikerperspektive.

Die beiden Titel, die dieser Beitrag vorstellt, befassen sich mit künstlicher Intelligenz. Die Herangehensweise der Autoren ist dabei aber denkbar unterschiedlich.

Das Buch “Künstliche Intelligenz” von Manuela Lenzen wählt eine eher philosophisch als technisch inspirierte Perspektive. Daher kommt es ohne Listings und Formeln aus, ja sogar ganz ohne irgendwelche Abbildungen. Häufig diskutiert die Autorin die Techniken der künstlichen Intelligenz im gesellschaftlichen Kontext und kommt auf Chancen und Risiken zu sprechen. Vor allem markiert sie deutlich die momentanen Grenzen der Technologie. Die liegen nicht selten darin begründet, dass die Wissenschaft noch nicht einmal vollständig verstanden hat, was natürliche Intelligenz oder Kreativität eigentlich sind beziehungsweise wie menschliches Denken im Detail funktioniert. Damit fehlen zwangsläufig auch die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Nachbau.

Infos

Manuela Lenzen: Künstliche Intelligenz

Verlag C.H.Beck, 2020

125 Seiten, 10 Euro

ISBN:978-3-406-75124-0

Nach einer Begriffsbestimmung und und einem historischen Abriss geht die Autorin ins Detail. Wo die technischen Hintergründe zur Sprache kommen, sind die Erläuterungen fundiert und gut verständlich, wenn auch vielleicht ein Programmierer nicht voll auf seine Kosten kommt. Ein eigenes Kapitel behandelt philosophische Fragen, wie die nach der Möglichkeit eines Maschinenbewussteins oder der Moral der Roboter. Ausführlich und kritisch diskutiert Lenzen die heutigen praktischen Anwendungsmöglichkeiten der KI, sei es in der Wissenschaft, der Robotik, beim Militär oder im Umweltschutz. Ein eigenes Kapitel räumt mit Mythen und falschen Versprechen rund um die KI auf, etwa mit der irrigen Meinung, algorithmische Entscheidungsprozesse wären per se vollkommen unparteiisch und gerecht. Auch übertriebene Erwartungen an die vorgebliche Intelligenz von Beratungs-Apps dämpft die Autorin. In diesen Zusammenhang gehören auch Falschnachrichten, Filterblasen und Deep Fakes.

Zu bemängeln bleiben lediglich ein paar technische Unzulänglichkeiten, die vermeidbar gewesen wären. So versucht sich Lenzen nicht nur im unnötigen Gendern, sie kann sich dabei nicht einmal entscheiden und häuft gleich alle unschönen Schreibweisen auf: Neben den “Forscher*innen” (S. 71) stehen zum Beispiel die “FahrerInnen” (S. 96). Als typografischer Makel fallen die recht häufigen Schusterjungen auf, bei denen Seiten mit der ersten Zeile eines Absatzes enden (zum Beispiel S. 82 und 83).

Alles in allem aber bietet das Bändchen eine ebenso lesbare wie lesenswerte Einführung in die KI. Lenzen legt vor allem Nicht-Informatikern keine Steine in den Weg, spannt einen weiten Bogen und geht insbesondere auf die Technikfolgen ein.

Handfeste KI

Auch Uwe Lämmel und Jürgen Cleve überschreiben ihr Werk mit “Künstliche Intelligenz”, gehen aber schon auf den ersten Blick ganz anders an das Thema heran: Der Band enthält zahlreiche Codebeispiele, Ablaufdiagramme, Tabellen und Illustrationen. Im Lehrbuchstil finden sich daneben häufig Definitionen, Übungen und Zusammenfassungen. Auch behandeln die Autoren oft die logischen und mathematischen Grundlagen von KI-Techniken, wie etwa die Aussagen- und Prädikatenlogik, semantische Netze, Elemente der Graphentheorie sowie Suchverfahren. Ein ganzes Kapitel führt in die logische Programmiersprache Prolog ein, die vor rund 50 Jahren für deklaratives Programmieren und Probleme der Wissensverarbeitung entwickelt wurde.

Gerade da, wo Lämmel und Cleve denselben Gegenstand behandeln wie Lenzen, stechen die Unterschiede umso mehr ins Auge: Das Werk des Autorenduos erwähnt bei neuronalen Netzen im Unterschied zum Band von Lenzen nicht einfach die Schwellwertfunktion der künstlichen Neuronen, sondern formuliert sie mathematisch und illustriert sie mit mehreren Diagrammen. Auch bei den verschiedenen Arten neuronaler Netze geht es viel mehr ins technische Detail. Andererseits diskutieren die Autoren philosophische, soziologische oder gesellschaftspolitische Dimensionen der Technik nur am Rande und bringen auch die prinzipiellen Grenzen und Beschränkungen der KI kaum zur Sprache.

Wer beim Umgang mit KI gern selbst experimentieren will, wem beim Verstehen vor allem Mathematik oder Programmcode hilft, wem die Informatiker-Perspektive eher liegt, der ist mit dem Werk von Lämmel und Cleve gut bedient. Dessen Aufbau unterstützt außerdem besonders das Selbststudium.

Infos

Lämmel/Cleve: Künstliche Intelligenz

Hanser Verlag, 2020

330 Seiten, 30 Euro

ISBN:978-3-446-45914-4

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