Eigentlich stellt Linux-Magazin an dieser Stelle immer zwei Sachbücher vor. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und so wendet sich diese Ausgabe nur einem Titel zu – noch dazu einem Roman.
Zu der Ausnahme kam es deshalb, weil der Roman versprach, sich eines besonders faszinierenden IT-Themas anzunehmen: des DNA-Computers. Die ersten Überlegungen, dass sich Erbsubstanz zum Speichern und Rechnen eignen müsse, stammen bereits von Ende der 1950er-Jahre, seit der Jahrtausendwende laufen konkrete Experimente damit. Inzwischen ist es unter anderem gelungen, neben Shakespeares Sonetten auch Fotos oder Audioaufzeichnungen in DNA zu speichern. Sollte die Technik einmal marktreif werden, ließen sich theoretisch über 3 Zettabyte in ein paar Gramm DNA sichern, und beim Rechnen wäre dank massiver Parallelität durch Millionen lebender Zellen eine Geschwindigkeit von tausend Petaoperationen pro Sekunde und mehr möglich. In derselben Weise wie Quantencomputer würden DNA-Computer damit unter anderem die meisten heute gebräuchlichen Verschlüsselungsverfahren unterminieren.
Diese Aussichten haben auch den KI-Spezialisten Dr. Wolfgang Eckstein gefesselt und ihn zu seinem ersten Roman “Die Codices” animiert. Das Buch verwebt zunächst drei Handlungsstränge, von denen sich einer in einer frühchristlichen Gemeinde im antiken Alexandria um 250 n. Chr. abspielt, während die beiden anderen sich in der Gegenwart ansiedeln. Dabei gerät unter anderem ein junger Forscher, der in einem mexikanischen Bergwerk DNA-Proben von speziellen Archaeen sammeln will, ins Visier von finsteren Gestalten und muss mit seiner Begleitung, die sich später als Maya-Prinzessin entpuppt, filmreif durch Zentralamerika fliehen. Auch die Urchristen werden von den Römern verfolgt und versuchen Bücher – eben die titelgebenden Codices – mit mathematischen Entdeckungen des Zeitgenossen Diophantos, einem der Väter der Algebra, zu verstecken. Diesen Büchern wiederum sind zwei Wissenschaftler der Jetztzeit als dritte Hauptakteure im heutigen Libyen auf der Spur.
Spannende Story
Das alles ist kurzweilig, oft sogar spannend geschrieben; jedenfalls wird reichlich von der Cliffhanger-Technik Gebrauch gemacht. Allerdings erinnern die Actionszenen in ihrer Übertreibung nicht selten an James Bond. Außerdem erscheinen die Figuren zuweilen fast wie Marionetten eines Reiseführers, der den Leser gezielt zu historischen Ereignissen oder exotischen Schauplätzen geleiten will, oder als Sprachrohr des Autors, der ihnen seine Argumentation und Überzeugungen in den Mund legt.
Was nun den naturwissenschaftlichen Hintergrund angeht, so wird der nicht sonderlich tiefschürfend ausgeleuchtet. Das beginnt schon bei den Codices, die ein Verfahren beschreiben sollen, wie man Polynome durch die Quersumme ihrer Buchstabenwerte plus etwas Hokuspokus chiffrieren kann. Mit Einzelheiten will Diophantos den Leser, der ihm über die Schulter sieht, aus gutem Grund nicht behelligen – das angedeutete Vorgehen dürfte prinzipiell unmöglich sein, weil bei einer anschließenden Kompression bis auf eine einzelne Zahl Information verloren gehen muss, die bei der Umkehroperation nicht aus dem Nichts wiedererstehen kann.
Der DNA-Computer dagegen mag möglich sein, auch wenn wir derzeit noch sehr weit davon entfernt sind. Daneben bleibt aber im Buch vieles unlogisch. So planen der Wissenschaftler, der den DNA-Computer nun entwickeln kann, und sein millionenschwerer Financier, der ihm in höchster Not zugelaufen war, die neue Technologie ausgerechnet durch ein Patent zu schützen – als ob sich die skrupellose Mörderbande, vor der sie fliehen, darum scheren würde, ob jemand auf sein alleiniges Nutzungsrecht pocht. Bevor der hanebüchene Plan aber umgesetzt werden kann, stehlen die Gangster kurzerhand den Prototyp.
Gläserne Bürger
Ein vierter Akteur betritt die Bühne, der raffgierige Großkonzern Kanonas mit Sitz in Japan, zunächst vertreten durch seinen Boss, eine Art Dr. No, der seine Weltherrschaftspläne offenbart: Der DNA-Computer soll ihm freien Zugriff auf jedes denkbare Datum sichern, wodurch er Individuen wie Staaten in jeder Hinsicht zu manipulieren gedenkt. Fortan wird das Potenzial eines DNA-Computers hauptsächlich dystopisch diskutiert, also mit Blick auf den schlimmstmöglichen Ausgang.
Kanonas beginnt, den DNA-Computer für eine schrankenlose Massenüberwachung einzusetzen, Orwells “1984” lässt grüßen. Auch dabei leuchten dem Leser nicht alle Aspekte ein. So sorgt pure Rechengeschwindigkeit alleine weder für angepasste und effiziente Algorithmen noch für ausreichend aufbereitete Daten. Schließlich gibt es schon heute eine Post-Quantum-Kryptografie – warum sollte es keine Post-DNA-Verschlüsselung geben? Es muss ja nicht alles profitabel und effizient sein, was machbar ist. Wie dem auch sei: Jedenfalls nimmt die Geschichte nun Kurs auf ein furioses Finale, das hier nicht verraten sei.
Der Roman präsentiert sich als durchaus unterhaltsame Strandlektüre, die auf über 650 Seiten nicht langweilig wird. Wer jedoch eine tiefergehende literarische Auseinandersetzung mit den Gefahren und Errungenschaften der Informationstechnik erwartet, kommt nicht auf seine Kosten. Dem überbordenden Thriller-Klamauk fehlt die Raffinesse, und die mangelnde Plausibilität der offensichtlich fantastischen und überzeichneten Wendungen färbt auf die Glaubwürdigkeit auch jener Passagen ab, die man nachdenklich lesen sollte.







