Aus Linux-Magazin 10/2019

Langgediente Autoren über ihr Linux-Magazin

© pasiphae, 123RF

Mit einer Handvoll Autoren arbeitet das Linux-Magazin schon seit vielen Jahren, ja seit Jahrzehnten gern und regelmäßig zusammen. Sie, die das Heft und die Launen und Gepflogenheiten seiner Redakteure aus dem FF kennen, haben wir um ihre Meinung gebeten.

Linux-Magazin: Wie bist Du dazu gekommen, Linux-Magazin-Autor zu werden?

Martin Loschwitz: Hans-Georg Eßer veröffentlichte 2001 im “Linux User” einen Browser-Vergleich, aus dem der Internet Explorer als bester Browser hervorging. Das war mit meiner noch jungen Begeisterung für Linux und Open Source natürlich nicht vereinbar. Weil er im selben Heft auch einen Chat-Client getestet und dabei seinen Nickname sowie das IRC-Netzwerk nicht versteckt hatte, konnte ich ihn kontaktieren und wüst beschimpfen.

Der Anregung, doch selbst einen Artikel zu schreiben, wenn mir seine nicht passen, bin ich gefolgt. Ein paar Monate später gab es die erste Anfrage vom Linux-Magazin. Nicht viel später war die “Projekteküche” am Start, an die sich der eine oder andere sicher noch erinnert.

Michael Schilli: Vor 23 Jahren, also 1996, habe ich mal einen Artikel zum damals brandneuen Perl 5 verfasst, ihn sauber mit der Schreibmaschine abgetippt und als unverlangt eingesandtes Manuskript an die Zeitschrift “IX” geschickt. Prompt schellte einige Tage später das Telefon, ein Redakteur sagte zu – und der Artikel erschien. Ein zweiter folgte, dann noch ein gutes Dutzend weitere. Aber eine monatliche Kolumne konnte man sich dort zum Thema Perl-Programmierung nicht vorstellen, außerdem bestand man darauf, dass die vorgestellten Programme auch auf Windows laufen mussten, was mich an den Rand des Wahnsinns trieb.

Nach kurzer Recherche fand ich das damals noch recht anarchisch aufgemachte Linux-Magazin, das zwar eher wie eine Schülerzeitung daherkam, schlecht zahlte, aber die gestalterische Freiheit bot, die mir vorschwebte. Ich konnte den damaligen Chefredakteur zu einer Kolumne überreden – und seither schreibe ich jeden Monat, kaum zu glauben seit 22 Jahren.

Charly Kühnast: Seit ich 14 Jahre alt war, habe ich immer mal wieder für verschiedene Magazine geschrieben, zum Beispiel für das “64’er”, später für einige Amiga-Magazine. Ich stieg erst ziemlich spät vom Amiga auf den PC um (Ende 1993), startete dort aber gleich mit Slackware Linux – das war die Empfehlung eines Dozenten am Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW (LDS, heute It.nrw), wo ich als Cobol-Programmierer ausgebildet wurde. Während des Studiums schrieb ich aus Zeitmangel kaum. Nach dem Abschluss 1996 wurde ich Sysadmin im Kommunalen Rechenzentrum Niederrhein und arbeitete mit AIX, bald aber auch mit Linux.

Ab 2001 abonnierte ich das Linux-Magazin. Ende 2001 bot ich dem damals noch neuen Chefredakteur Jan Kleinert meine Dienste an. Die erste Sysadmin-Kolumne erschien in der Ausgabe 02/2002. Aus diesem Jahr stammt auch das Autorenfoto, und ich habe bislang allem Drängen widerstanden, ein neues einzureichen …

Tim Schürmann: Während meines Informatikstudiums bin ich unter anderem auch mit BETA in Berührung gekommen, einer bis heute recht unbekannte Programmiersprache. Der Fachbereich Informatik nutzte sie im Rahmen der Lehre in verschiedenen Projekten. Für die Studenten stand zu dieser Zeit nur ein Compiler für Unix- und Linux-Systeme bereit, der zusammen mit der Standardbibliothek einige Macken aufwies. Da bis dato noch keine Zeitschrift über die Programmiersprache berichtet hatte, bot ich einfach dem Linux-Magazin einen Artikel über meine Erfahrungen mit BETA an. Der damalige Chefredakteur Tom Schwaller war sofort interessiert und schlug ein. Seitdem schreibe ich regelmäßig über unterschiedliche Themen für das Linux-Magazin.

Linux-Magazin: Was würdest Du jemanden raten, der heute als Autor neu einsteigen will?

Martin Loschwitz: Im ersten Schritt: “Deutsch für Profis” von Wolf Schneider lesen. Ich hätte meinen Redakteuren seinerzeit viel Arbeit erspart, hätte ich das am Anfang getan. Und immer wieder mal reinschauen. Davon abgesehen: Praktisch und hemdsärmelig bleiben und so viel eigene Erfahrung wie möglich einfließen lassen. Die Leute wollen keine elendig langen Elegien über die Welt an und für sich, sondern konkrete Tipps, die ihnen im Alltag das Leben leichter machen. (Was übrigens dem Feedback entspricht, das ich von Lesern bekomme.)

Michael Schilli: Brennt einem eine gute Idee unter den Nägeln, kostet es zwar einige Überwindung, sich auf den Hosenboden zu setzen und einen Artikel draus zu machen, aber das ist eine äußerst lehrreiche Erfahrung, die jeder einmal im Leben mitnehmen sollte. In der Bahnhofsbuchhandlung mit zitternden Fingern das neue Heft zu öffnen und seinen ersten eigenen Artikel zu lesen ist ein unbeschreibliches Gefühl. Beim Schreiben ist es wichtig, das Problem vom Blickpunkt des Lesers zu betrachten, der das Thema vielleicht noch nicht kennt, aber den Artikel eben darum neugierig liest. Dazu braucht der Artikel Pep, ohne allzu reißerisch daherzukommen.

Wichtig: Kurz fassen, auf das Wesentliche beschränken, keine Überlänge. Kein Mensch liest mehr als vier, fünf Seiten – und das auch nur, falls viele Bilder die Bleiwüste auflockern. Keine Bange falls der Einstandstext noch etwas holpert, der freundliche Redakteur schleift ihn schon zurecht, manchmal so sehr, dass es dem Autor später in den Ohren klingelt.

Charly Kühnast: Keine Angst! Viele Menschen, die fachlich kompetent sind, scheuen sich vor dem Schreiben; sie fürchten, nicht sauber und geschliffen genug formulieren zu können. Diese Angst ist unbegründet. Die Redaktionen von Fachzeitschriften haben selten die personelle Stärke, alle Inhalte einer Ausgabe selbst zu schreiben. Sie freuen sich über Autoren, die eigene Ideen einbringen, und helfen gern, sie in eine ansprechende äußere Form zu bringen. Auch meine Texte werden selten so gedruckt, wie ich sie einreiche – sondern besser.

Tim Schürmann: Wer heute als Autor einsteigen möchte, sollte einfach mutig sein und einen Vorschlag für ein Thema einreichen. Es hilft zudem, wenn man bereits ein paar Beiträge geschrieben hat – sei es für einen Blog, eine andere Zeitschrift oder eine Internetseite.

Linux-Magazin: Ist Dir aus den vielen Jahren ein Beitrag in Erinnerung, der etwas Besonderes war – zum Beispiel besonders schwierig und zeitraubend oder überraschend und ungewöhnlich oder gelungen und befriedigend?

Martin Loschwitz: Offen gesagt ist mir vor allem eine “Projekteküche” in Erinnerung geblieben, und dort spezifisch das abgedruckte Foto: Es ging um Würstchen mit Kartoffelsalat (Abbildung 1), und ich habe ein Foto aus Google verwendet, in der Erwartung, ein Foto von Würstchen und Kartoffelsalat habe wohl kaum eine hinreichend hohe Schöpfungshöhe, um als Werk im Sinne des Urheberrechts zu gelten. Leider entstammte das Foto der Website “Marions Kochbuch”, dessen Betreiber dafür bekannt ist, einen nervösen Abmahnfinger zu haben. Die Justiziare durften sich mit dem Foto dann noch eine ganze Weile beschäftige. Ansonsten: Natürlich gibt es Texte, die man besonders gerne schreibt, und solche, die sich manchmal ziehen. Aber in Summe hält sich das ganz gut die Waage.

Abbildung 1: Ein ähnliches Bild war mal Grund für eine Abmahnung.

Abbildung 1: Ein ähnliches Bild war mal Grund für eine Abmahnung. © 8vfanrf, 123RF

Michael Schilli: Mir fällt auf Anhieb leider kein bestimmter Artikel ein (schwierig aus über 250 einen bestimmten hervorzuheben), aber beim Erstellen der Kolumne spielen sich jeden Monat die gleichen Dramen ab. Meine Frau hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich kurz vor Redaktionsschluss auf und ab schreite und verzweifelt den Ideengott anflehe, auf dass ein Thema zu mir herabregne. Das Schwierigste ist, etwas zu finden, das tatsächlich funktioniert, denn oft stellt sich bei einer neuen Library oder einem Tool nach einiger Zeit heraus, dass es nichts taugt, und ich muss wieder bei null anfangen.

Das Thema muss sich auf beschränktem Raum abhandeln lassen, einfach nachvollziehbar sein und darf keine Riesenmengen an Sourcecode erfordern. Findet sich endlich etwas und ein kleines selbst gemachtes Programm tut den gewünschten Dienst, ist der Rest, das von mir so genannte “Runterschreiben” des Artikels, bei einem Glas Bier mittlerweile Routine. Aber der Weg dorthin ist jeden Monat gleich furchtbar.

Charly Kühnast: Im Jahr 2010 habe ich ein kleines Bash-Skript vorgestellt, das mir eine Mail schickt, wenn ich mich auf einem Server einlogge. Hintergrund: Bekomme ich eine solche Mail von einem Server, auf dem ich mich definitiv nicht eingeloggt habe, ist die Maschine gehackt und mein Account kompromittiert. Dieser Einzeiler kommt in die ».bashrc«:

echo 'Login on' `hostname` `date` `who`| mail -s "Login on `hostname` `who | awk '{print $5}'`" charly@kuehnast.com

Die Idee stammt ursprünglich von Markus Feilner, der mir im Linuxhotel davon erzählte. Dummerweise habe ich in diesem Einzeiler meine private E-Mail-Adresse benutzt. Ich bekomme auch heute noch, fast zehn Jahre später, Mails von Servern, auf denen dieses Skript läuft – die zuständigen Admins haben schlicht vergessen, meine Adresse zu ersetzen.

Tim Schürmann: Das war zweifellos auch gleich der erste. :-) Damals waren Zeitschriften noch eine primäre Wissensquelle mit recht hohen Verkaufszahlen. Es war daher ein unbeschreibliches Gefühl, meinen selbst geschriebenen Artikel in einer sehr bekannten Zeitschrift in gedruckter Form in den Händen zu halten – und zu wissen, dass ihn mehrere Tausend Menschen lesen werden.

Linux-Magazin: Was würdest Du am Linux-­Magazin ändern, wenn Du sein Chefredakteur wärst?

Martin Loschwitz: Anders als die meisten anderen Publikationen verzichtet das Linux-Magazin auf die direkte Anrede der Leser. Das ist im Normalfall kein Problem, macht Praxisartikel aber etwas sperrig. Statt “Klicken Sie auf »Ok«” steht dann “Es folgt ein Klick auf »Ok«” im Text. Doof: Substantivierung (Herr Wolf Schneider lässt grüßen) und weniger persönlich. Die direkte Anrede, wie etwa der “Linux User” sie pflegt, gefällt mir besser. Wobei das am Ende natürlich nicht zu Wiriritis führen darf.

Michael Schilli: Gute Frage. Als erste Amtshandlung würde ich die Autorenhonorare verdoppeln. Beim jährlichen Betriebsausflug flöge der Redaktionsjet exotische Ziele an: Hawaii, Bora Bora und so weiter, wo es dann für die Autoren bei Motivationsseminaren großzügig bemessene Bargeldpreise zu gewinnen gäbe (Abbildung 2).

Abbildung 2: Wenn ich König von Deutschland wär' - einen Wunsch hatten die langjährigen Autoren frei.

Abbildung 2: Wenn ich König von Deutschland wär’ – einen Wunsch hatten die langjährigen Autoren frei. © NejroN, 123RF

Den Leitartikel des Chefredakteurs am Heftanfang würde ich von einer auf drei Seiten erweitern, darin kontroverse politische Themen aus dem weltoffenen Blickwinkel eines konservativen Feinschmeckers beleuchten und mit vollmundigen Bonmots und Breitseiten gegen die Linken auflockern.

Charly Kühnast: Es gibt immer noch eine Reihe sehr aktiver Linux User Groups im deutschsprachigen Raum. Ich würde auf sie mit der Bitte zugehen, über erfolgreich umgesetzte Vereinsprojekte zur berichten.

Tim Schürmann: Eigentlich nichts. :-)

Linux-Magazin: Was soll das Linux-Magazin sich auf jeden Fall bewahren?

Martin Loschwitz: Die gesunde Mischung aus ganz unterschiedlichen Themen, aus Theorie ebenso wie Praxis, angereichert um komprimiertes Wissen, das man im Netz bei den diversen How-to-Websites so einfach nicht findet. Ich denke, dass genau das der USP des Linux-Magazins ist, der gut funktioniert.

Michael Schilli: Meine persönlichen Lieblingskolumnen im Linux-Magazin sind die Tooltipps von Uwe Vollbracht und Charly Kühnasts Sysadmin-Kolumne, die könnten von mir aus ewig weitergehen. Sie sind flott geschrieben und stellen oft nützliche Werkzeuge vor, die ich vielleicht sonst nicht in den Tiefen des Internets entdeckt hätte. Sonst macht’s glaube ich die bunte Mischung und vielleicht auch noch ein kleiner Rest Anarchie aus den Anfangsjahren.

Charly Kühnast: Das Linux-Magazin schafft es, bei hohem fachlichen Niveau die Einsteiger nicht zu vergessen. Das ist heute auf dem IT-Zeitschriftenmarkt nicht selbstverständlich, andere Publikationen professionalisieren sich zu Tode. Auch auf Community-Veranstaltungen und Kongressen sehe ich, dass nach einer Experten-unter-sich-Phase endlich wieder an den Nachwuchs gedacht wird. Das Linux-Magazin ist immer noch das “Magazin für IT-Professionals”, hebt aber auch Neulinge aufs Pferd. Das soll bitte so bleiben.

Tim Schürmann: Sein kleines, agiles und sympathisches Team sowie die Themenvielfalt.

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