Aus Linux-Magazin 10/2019

Ein kurzer Rückblick auf das Jahr des ersten Linux-Magazins

© JakubGojda, 123RF

Was prägte das Gründungsjahr des Linux-Magazins und welche der damaligen Entwicklungen wirken vielleicht bis heute fort? Ein Rückblick auf 1994.

Das Jahr 1994 ist nicht nur das Geburtsjahr des Linux-Magazins, es war in verschiedener Hinsicht Ausgangspunkt einer Reihe von Entwicklungen, die unsere digitale Welt bis heute prägen. So war dieses Jahr auf der Zielgeraden des Jahrtausends etwa auch das Gründungsjahr des W3C Consortium, das Tim Berners-Lee am MIT in Cambridge als Körperschaft für die Entwicklung von Webstandards schuf. Er brachte seine Erfindungen ein – die Seitenbeschreibungssprache HTML, das Transferprotokoll HTTP, die URL und auch den ersten Browser – und ließ keine durch ein Patent schützen.

Seinem Anliegen, das Internet vor dem Versinken in zueinander inkompatible Technologien zu bewahren, bleibt das Gremium bis heute mit einem transparenten Prozess der Standardisierung treu, der zu vielen Spezifikationen geführt hat, darunter HTML, XML oder SVG.

Ebenfalls 1994 veröffentlichte ein Mitarbeiter von Berners-Lee am CERN einen Vorschlag für “Cascading HTML style sheets”, den das W3C als CSS weiterentwickelte, das eine der wichtigen Kernkomponenten des Internets ist. Damit fiel im Gründungsjahr des Linux-Magazins praktisch der Startschuss für das WWW, wie wir es heute kennen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die erste Webseite, die Berners-Lee für das CERN schuf.

Abbildung 1: Die erste Webseite, die Berners-Lee für das CERN schuf.

Die meisten Menschen hatten 1994 aber noch keinen Internetzugang, sie wählten sich – wenn überhaupt – via Modem in Foren ein, so genannten Mailboxen, oder sie nutzten Einwahldienste wie AOL, die ihre Zugänge über kostenlose Disketten in Computermagazinen verbreiteten. Diesen Zeitschriften, die es schon lange gab – “Chip” etwa seit 1978 – ging es damals noch prima: Chip verkaufte Ende der 90er mehr als doppelt so viele Hefte als heute.

Die ersten Schritte hin zur aktuell allgegenwärtigen Informationsbeschaffung im Netz wurden damals aber auch schon unternommen: 1994 gründete sich zum Beispiel Yahoo, ein späterer Suchmaschinenriese, der in seinen besten Zeiten über 10000 Mitarbeiter beschäftigte.

Linux-Kinderstube

Wenn Zeitschriften damals auch die wesentliche Quelle für IT-Fachinformationen waren, für Linux gab es noch keine. Das freie Betriebssystem stand ja selbst noch ganz am Anfang. Nach einer langen Folge von 0.99.x-Versionen erschien im März 94 gerade die Version 1.0.

Mit der führte Linus Torvalds auch eine Neuerung ein, die die Linux-Geschichte lange Zeit begleiten sollte: Alle Releases mit gerader Versionsnummer enthielten von nun an einen stabilen Anwenderkernel, wogegen alle Versionen mit ungerader Nummer einen Entwicklerkernel enthielten, in den neue Features aufgenommen wurden. In der Zwischenzeit gab es jedoch mitunter bis zu drei durch Punkte getrennte Subreleases und einige Sprünge in der Nummerierung.

Auch Torvalds selbst war 1994 noch kaum bekannt. Zu einer der ersten Veranstaltungen, bei der Torvalds als Referent auftrat, lud ihn damals das Open-Source-Urgestein Jon “Maddog” Hall ein – es war ein Treffen der DEC Users Society, 1994 in New Orleans.

Linux-Zeitschriften fehlen

Zu dieser Zeit rief Rudolf Strobl im Oktober 1994 das Linux-Magazin als Mitgliederzeitschrift der Deutschen Linux User Group (DELUG) ins Leben (Abbildung 2), weil einerseits das freie Betriebssystem nach seiner Meinung in anderen IT-Magazinen nur stiefmütterlich behandelt wurde und andererseits auf Seiten der DELUG-Mitglieder ein reges Interesse an Informationen bestand. So erschien das erste Linux-Magazin – noch ohne Cover und Umschlagseiten, aber mit “Begleitdiskette” – und erinnerte eher an eine Schülerzeitung.

Abbildung 2: Das erste Linux-Magazin – es hatte noch eher die Anmutung einer Schülerzeitschrift.

Abbildung 2: Das erste Linux-Magazin – es hatte noch eher die Anmutung einer Schülerzeitschrift.

Um professionelle Themen ging es aber auch schon. Etwa um den Zugriff auf Daten von MS-DOS-Rechnern aus Linux heraus oder um den Einsatz eines Linux-Rechners als kostengünstigen Fileserver. Die Lektüre beschert altgedienten Admins das eine oder andere Deja-vu-Erlebnis: 5,25- und 3,5-Zoll-Disketten in Low- und High-Density-Laufwerken (beim Booten aber zumindest automatisch erkannt) oder UUCP … Was es alles gab!

Was sonst noch passierte

1994 war auch abseits der IT-Welt ein turbulentes Jahr. So wird Michael Schumacher erstmals und als erster Deutscher Formel-1-Weltmeister (Abbildung 3). Der Kaufhaus-Erpresser Dagobert wird nach rund 30 versuchten Geldübergaben und etlichen Bombenexplosionen in Karstadt-Filialen in einer Berliner Telefonzelle geschnappt.

Abbildung 3: Michael Schumacher wird 1994 erstmals Formel-1-Weltmeister.

Abbildung 3: Michael Schumacher wird 1994 erstmals Formel-1-Weltmeister. Quelle: danciaba, 123RF

Der Tunnel unter dem Ärmelkanal, der längste Unterwassertunnel der Welt, wird nach mehr als sechsjähriger Bauzeit eröffnet. Das europäische Kampfflugzeug Eurofighter absolviert als Prototyp DA 1 seinen Erstflug.

Jean-Marie Chauve entdeckt in Südfrankreich eine später nach ihm benannte Höhle mit über 300 Felszeichnungen, die über 30000 Jahre alt sind. Steven Spielbergs “Schindlers Liste” gewinnt sieben Oscars. Curt Cobain nimmt sich das Leben und seine Band Nirwana löst sich auf. Dafür gründet sich die deutsche Metal-Band Rammstein.

In Deutschland wird der Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin beschlossen. Im norwegischen Lillehammer findet eine Winterolympiade statt. Christo verhüllt den Reichstag. Mandela wird als erster Schwarzer Präsident Südafrikas. Kohl wird im November zum fünften Mal in Folge als Bundeskanzanler gewählt.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 2 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Nach oben