Aus Linux-Magazin 04/2019

Kaleidoskop der Wissenschaft: Sharewashing als vorgebliche Umweltfreundlichkeit

© maxkrasnov, 123RF

Mit dem Begriff “Sharing” versuchen Unternehmen ungerechtfertigt sich einen grünen Anstrich zu geben. Das untergräbt das Verbrauchervertrauen, sagt Professor Christof Weinhardt

Linux-Magazin: Sharewashing klingt ein wenig nach überflüssigem Anglizismus. Können Sie kurz skizzieren, worum es dabei geht?

Christof Weinhardt: Analog zum Greenwashing – Ölkonzerne bezeichnen sich ja gern als “green” oder “öko” und polieren so ihr Image mit dem positiven Wertbegriff Green auf – nutzen Onlineplattformen den Begriff Sharing für ihre Dienste und setzen dabei auf die positive Bedeutung des Begriffs, der ja im Kern sehr soziale und ökologische Zielsetzungen umfasst.

Linux-Magazin: Ist es nicht das natürliche Ziel jeglicher Werbung, die positiven Aspekte des beworbenen Produkts herauszustellen?

Christof Weinhardt: Solange es sich bei dem Produkt (oder besser dem Service) tatsächlich um Sharing handelt, ist es absolut okay. Wenn aber etwa in Berlin oder New York Wohnungen nur zum Zwecke des Sharing gekauft werden, weil man so wesentlich höhere Gewinne einfahren kann als durch klassisches Vermieten und wenn dadurch für andere Menschen der sowieso sehr knappe Wohnraum in solchen Metropolen unerschwinglich wird, dann steht es schlecht um die sozialen Aspekte.

Christof Weinhardt: Der Grat ist meines Erachtens gar nicht immer so schmal. Wenn mit rein unternehmerischer Absicht Sharing betrieben wird, ist es nicht mehr Sharing im klassischen Sinne, bei dem es ja um die Nutzung anderweitig ungenutzter Ressourcen geht. Das kann etwa die Bohrmaschine des Nachbarn sein, die im Laufe ihres Lebens nur real fünf Minuten läuft, oder das Zimmer in meiner Wohnung, das vorübergehend frei ist, oder das Auto oder Fahrrad, das der Fahrzeughalter nicht benötigt.

Wenn Daimler und VW Car Sharing betreiben und dabei Autos nur zu diesem Zweck produzieren, um mit einer neuen Mobilitätsdienstleistung Gewinne zu erzielen, dann ist das schon nicht mehr Sharing im eigentlichen Sinne. Und wenn Uber den Fahrern zum großen Teil Uber-eigene Fahrzeuge bereitstellt, dann ist dies eine alternative Form von Taxi-ähnlichen Diensten mit anderen Regeln (zunächst frei von jeder Bewertung), aber nicht Sharing. Solange Privatpersonen ab und zu ihre Freizeit und ihr Auto nutzen, um anderen Transporte anzubieten, und Uber oder LYFT oder andere diese Transaktionen online unterstützen, würde ich das als Sharing-Plattform bezeichnen.

Linux-Magazin: Sharewashing als Irreführung der Öffentlichkeit kann es ja nur geben, wenn es auch das moralisch einwandfreie Teilen tatsächlich gibt. Wie viel Selbstlosigkeit ist denn Voraussetzung für einen Freispruch vom Sharewashing-Verdacht? Wie sähe einwandfreies Sharing aus?

Christof Weinhardt: Diese Frage rückt das Thema in eine sehr moralische Ecke – das würde ich gar nicht so sehr wollen: Es ist gar nichts dagegen zu sagen, dass Automobilkonzerne etwa mit Car2go oder Drive Now Geld verdienen wollen. Sie können das nur, weil es Kunden gibt, die mit diesem Dienst happy sind, denn sonst würden sie ihn zu den Regeln und Preisen nicht nutzen. Das Problem besteht nur darin, dass sie es unter dem Label Sharing vermarkten und damit das Vertrauen in echte Sharing-Plattformen zerstören.

Linux-Magazin: Genau das haben Sie ja untersucht, wie sich Sharewashing auf das Vertrauen der Verbraucher auswirkt. Ihre Hypothese ist, wie Sie schon sagten, dass es das Verbrauchervertrauen negativ beeinflusst. Hätte denn eine Selbstbezichtigung als Umweltsünder positive Effekte auf das Vertrauen? Welche Alternative zu einer positiven Selbstdarstellung hat der Betreiber einer Sharing-Plattform?

Christof Weinhardt: Er könnte einfach darauf verzichten, den Begriff Sharing für die Bewerbung seiner Dienstleistung zu verwenden, oder alternativ zum Beispiel auf seiner Plattform auch klar unterscheiden in einen Teil, in dem tatsächliches Sharing stattfindet, und einen anderen, in dem es sich um professionell betriebene Dienstleistungen handelt, etwa private und professionelle Fahrer bei Uber, private und professionelle Wohnungsanbieter auf Airbnb. In beiden Fällen muss der Nachfrager das heute selbst herausfinden, beispielsweise indem er bei der Suche bemerkt, dass ein und derselbe Anbieter mehr als 15 verschiedene Wohnungen auf der Plattform anbietet.

Linux-Magazin: Sie zitieren in Ihrer Studie ein Beispiel, demzufolge Uber mit verringertem Kohlendioxidausstoß im Stadtgebiet wirbt, weil das Mietauto den Individualverkehr vermindere. Tatsächlich soll die Uber-Nutzung aber zumindest in New York zu Lasten des öffentlichen Nahverkehrs gegangen sein. Stimmt das, dann half sie womöglich nicht, Treibhausgase zu vermeiden.

Christof Weinhardt: Diese Komplexität besteht mit und ohne Sharing; jeder Kfz-Besitzer muss am Morgen entscheiden, ob er selbst alleine mit seinem eigenen Auto zu Arbeit fährt oder nach Mitfahrern sucht oder all seine Bekannten missionarisch überzeugt, auf öffentliche Verkehrsträger umzusteigen.

Am Ende ist dies für den Konsumenten fast immer eine Mischung aus Komfort – inklusive “grünem Gewissen” – und Preis. Öffentliche Verkehrsmittel stehen gegenüber dem Auto vor allem vor dem Problem der Convenience, also des Komforts. Darüber könnte man sehr lange und interessant diskutieren, das ist meines Erachtens aber kein wirkliches Problem des Sharing.

Linux-Magazin: Wenn vermindertes Vertrauen das Resultat von Schönfärberei ist, ist es dann nicht die erwartbare, logische und auch wünschenswerte Reaktion?

Christof Weinhardt: Ja – es ging uns ja im Wesentlichen darum, Sharing-Anbieter aufzurütteln, mit ihren Werbekampagnen vorsichtig umzugehen, damit sie sich nicht selbst das Vertrauen zerstören, das sie aufgebaut haben; zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen ist sehr aufwändig und kostspielig – wie im richtigen Leben.

Linux-Magazin: Wer in der Gesellschaft könnte denn als Bürge oder Kontrollinstanz fungieren, wenn man Sharewashing entgegentreten will?

Christof Weinhardt: Zum einen die Konsumenten selbst, zum anderen könnte man schon überlegen, ob analog zu Bioprodukten Labels den Verbrauchern helfen können, die Spreu vom Weizen trennen zu können. Schließlich kann es auch eine Frage der Besteuerung sein – daran könnte man theoretisch festmachen, um welche Form des Sharing es geht.

Linux-Magazin: Open Source als Entwicklungsmethode trägt Züge von Shared Economy: Der einzelne Programmierer erbringt (unentgeltlich oder bezahlt von einem Dritten) eine Entwicklerleistung und erhofft sich Verbesserungen der betreffenden Software. Oft handeln viele so und teilen (sharen) so ihre Zeit und Kreativität. Ist das Open-Source-Modell nach Ihren Erkenntnissen ebenfalls anfällig für Sharewashing?

Christof Weinhardt: Um ehrlich zu sein, ist das zwar eine sehr interessante Frage, mit der wir uns jedoch noch gar nicht befasst haben. Aber sicher wird auch der Begriff “Open” in manchen Fällen verwendet, in denen er die Grundidee von Open Source/Open Access nicht widerspiegelt.

Interviewpartner

Christof Weinhardt studierte Wirtschaftsingenieurwesen und promovierte im Jahre 1989 in Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Hochschule in Karlsruhe (TH). In seiner Forschung an den Universitäten Bielefeld und Gießen konzentrierte er sich verstärkt auf Themen der Wirtschaftsinformatik. Derzeit ist er Professor des Instituts für Informationswirtschaft und Marketing (IISM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er leitet die Gruppe “Information and Market Engineering”.

Von 2002 an war er Prodekan für Forschung und von 2012 bis 2014 Dekan an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften am KIT. 2010 bis 2014 war er Mitglied der Strategie- und Forschungskommission des KIT. Er ist Gründer und Direktor des Karlsruher Research Instituts (KSRI) – der ersten “Industrie des Campus”-Gründung des KIT – und Direktor des Forschungszentrums Informatik (FZI).

2006 wurde er Mitglied in der Beratungsgruppe “Internet der Energie” des Deutschen Industrieverbands (BDI). Seit 2008 ist er zudem gewählter Fachgutachter der DFG für Wirtschaftswissenschaften. Für die Zeit von 2010 bis 2013 wurde er als Sachverständiger in die Enquetekommission “Internet und die Digitale Gesellschaft” des Deutschen Bundestages berufen.

Mit seinem akademischen Hintergrund in Wirtschaftsingenieurwesen, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und Wirtschaftsinformatik konzentriert sich seine Forschung auf interdisziplinäre Themen aus dem Bereich Market Engineering mit Anwendungen in der IT-Dienstleistungsindustrie, in der Energiewirtschaft sowie in Finanz- und Telekommunikationsmärkten. In diesen Bereichen ist er Tagungsleiter, Mitherausgeber und Gutachter für zahlreiche internationale Konferenzen und Zeitschriften, veröffentlichte mehr als 150 Artikel in renommierten Fachzeitschriften und Bücher und erhielt diverse Auszeichnungen.

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