Aus Linux-Magazin 01/2019

Friss oder stirb

Jan Kleinert, Chefredakteur

“Es ist noch niemand gefeuert worden, weil er bei IBM gekauft hat” ist ein Bonmot aus einer EDV-Welt, bei der Computer noch Wertgegenstände waren, deren Strombedarf gleichgültig, deren Software kostenlos und oft im Quelltext dabei war und wo die Benutzer noch weiße Kittel trugen. Der Spruch ist noch wirksamer, wenn man bedenkt, dass es in den USA kaum Kündigungsschutz gibt und Einkäufer ihre Reputation aufs Spiel setzen, wenn sie die Schrott bei einem Nischenanbieter erwerben.

Dass noch keiner gefeuert wurde, der bei IBM gearbeitet hat, lässt sich dagegen nicht behaupten. 1993 setzte Big Blue 60 000 Mitarbeitern den Stuhl vor die Tür. Zwischen 2015 und 2017 schrumpfte die Belegschaft im Zuge einer Umstrukturierung (“Project Chrome”) von rund 420 000 auf 370 000. Der 1911 gegründete Konzern steht derweil nicht am Abgrund, sondern korrigiert “nur” die Marktentwickungen nach, etwa alle drei Jahre strukturiert sich der Laden neu.

Wie bei jedem Technologie-Riesen leben die IBM-Chefs in steter Angst, einen relevanten Trend zu verpassen. Oft hatten sie dabei den richtigen Riecher: Nachdem der Apple II auf den Markt kam, setzt IBM 1981 den ersten PC dagegen und etablierte mit dessen offenen Konzept den vielleicht bedeutendsten Industriestandard der Technikgeschichte. Der Boom hielt bis 2005 an, dem Jahr, in dem sich die Amerikaner vom PC- und Notebook-Geschäft trennten. Zuvor schon ging die eigene Festplattensparte an Hitachi.

Ist dagegen eine Zukunftstechnologie ausgemacht, nimmt der Konzern auch Geld in die Hand: Im Jahr 2000 investierte er etwa eine Milliarde US-Dollar in die Linux-Entwicklung und -Förderung. Entstanden sind dabei neben einer internen Linux-Division – die überlebte die nächste Restrukturierung nicht – auch Portierungen für S/390 und Z-Systems. Schon Ende der 90er schob Big Blue die Entwicklungsumgebung Eclipse nachhaltig an.

Nach der Hardware-Ära verdient IBM sein Geld mit Dienstleistungen für Rechenzentren, Mainframes und passender Software. Doch weil immer mehr Unternehmen ihre eigenen Datencenter schließen und Clouddienste von Amazon, Google oder Microsoft buchen, gerät der Konzern unter Druck. Mit der erklärten Absicht “Cloud First” verleibte er sich 2013 darum den Cloudservice-Provider Softlayer ein.

Offenbar reicht das so erworbene technische und personelle Portfolio nicht aus, um gegen AWS, Google Cloud, Azure und Newcomer aus China wie Alibaba aufzutrumpfen. Selbst an der Börse mit rund 130 Milliarden Dollar taxiert, will IBM nun Red Hat für reichlich 33 Millarden erwerben – der Megadeal der Linux-Geschichte (siehe Artikel auf Seite 18). Analysten maulen, die Übernahme sei zu teuer. Das ist vermutlich nicht ganz falsch, insbesondere, wenn man einrechnet, dass Red Hat noch wenig Geld mit Clouds und viel mit Subskriptionen für On-Premises-Software macht, also letzlich solcher, die bei IBM im Abwind ist.

Andererseits hat keine andere einzelne Linux-Firma ein solch umfassendes Produktportolio, von dem sich ein Gutteil als Grundlage für heutige und künftige Cloudanwendungen eignet, wie Red Hat. Von daher ergibt es für IBM Sinn, den roten Hut im Ganzen zu fressen, auch wenn er teuer ist. Ob das alles gut oder schlecht für Linux allgemein und die bisherigen Red-Hat-Beschäftigten im Speziellen ist, kann im Moment niemand wissen. Geriete das Linux-Ding aber zu einem Big Blue Bang wie einst der IBM-PC, könnte ein neues Bonmot die Runde machen: “Es ist noch niemand gefeuert worden, weil er von IBM gekauft wurde”.

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