Aus Linux-Magazin 04/2018

Ein populärwissenschaftliches Buch über KI sowie ein Überblick über die IT

Ein anspruchsvolles, aber lesenswertes Buch, das sich in viele Fragen der künstlichen Intelligenz vertieft. Außerdem ein Wälzer, der das gesamte Gebiet der Informatik im Überblick abzuhandeln versucht.

 

Schon die Einleitung zu dem Buch über künstliche Intelligenz von Manuela Lenzen misst die Spannbreite des Themas: KI, eines der derzeit meistgebrauchten Schlagworte in der IT, präsentiert sich einerseits als Verheißung einer Welt, in der Computer uns alle schmutzigen, gefährlichen oder auch nur langweiligen Arbeiten abnehmen, sodass den Menschen nur kreative und erfüllende Tätigkeiten bleiben, und andererseits als das Schreckgespenst einer Technik, die sich verselbstständigt, ihre Macher überholt und schließlich versklavt.

Heilsbringer oder Angstgegner – welches Bild stimmt? “Beide lähmen, erscheinen aber auch größer als sie sind. Und zumeist hilft ein genauerer Blick, um sie auf Normalmaß zu reduzieren. Dazu möchte ich mit diesem Buch einladen”, meint die Autorin. Ein Vorhaben, das gelingt.

Die Erörterung startet mit dem Versuch einer Begriffsbestimmung, der schon grundlegende Probleme offenbart: Ist eine Maschine intelligent, wenn sie Dinge tut, für die Menschen Intelligenz benötigen? Bejaht man das, muss auch ein Taschenrechner als intelligent gelten.

Oder soll künstliche Intelligenz nur zuerkannt werden, wenn die Maschine auf vergleichbare Weise wie der Mensch zur Lösung kommt? Dann gibt es das Phänomen gar nicht, denn wir können noch nicht einmal genau beschreiben, wie menschliche Erkenntnis funktioniert.

Lange dachte man, Gehirne und Computer funktionierten ähnlich – heute sieht man eher die Unterschiede: Ein Gehirn verbraucht verglichen mit einem Superrechner kaum Energie, hat keinen zentralen Taktgeber, ist Hard- und Software zugleich und organisiert sich selbst.

Wie es denkt, wissen wir nicht so genau, aber wir wissen, wie Computer denken: In Algorithmen, die sie auf Zahlen anwenden, die die Struktur der Welt widerspiegeln – die Daten. Doch fehlt Computern das Hintergrundwissen über die Welt, das jeder Mensch unwillkürlich in seine Überlegungen einbezieht. Allerdings können Rechner lernen, in unstrukturierten Daten Regeln und Muster zu erkennen. Das bewerkstelligen sie mit einer anderen Analogie zur Biologie: Mit so genannten neuronalen Netzen. Auch dazu vermittelt das Buch anschauliches Grundlagenwissen.

Weitere Kapitel des ersten Teils wenden sich der Robotik zu, diskutieren die Mensch-Maschine-Schnittstelle bis zur Idee der Mischwesen oder Cyborgs und erörtern, welche letzten Bastionen dem Menschen noch vorbehalten scheinen, etwa Kreativität, künstlerischer Ausdruck, autonomes Handeln oder Gefühle und Bewusstsein. Dabei spielen an vielen Stellen neben technischen auch philosophische Fragen eine Rolle: Können Maschinen leiden? Haben sie eine Moral?

Ein zweiter Buchteil richtet den Blick auf die Zukunft. Wohin führen heute schon erkennbare Trends wie die Algorithmisierung der sozialen Welt oder die zunehmende Vernetzung aller Dinge im Internet of Things? Wie wird sich unsere Arbeitswelt verändern? Wohin führt der Einsatz künstlicher Intelligenz beim Militär? Die Autorin liefert in ihrem sehr lesenswerten und aktuellen Buch keine endgültigen Antworten, aber viele anregende Denkanstöße.

Im Überblick

Der Autor des zweiten Buches, Sascha Kersten, versucht es mit der Strategie “One size fits all”. Über 1300 Seiten hat der Wälzer, der alles beinhaltet, was ein Fachinformatiker wissen soll. Doch selbst der enorme Umfang zwingt zu Kompromissen: 9 Seiten zu Algorithmen und Datenstrukturen, 14 Seiten zu Java, 10 Seiten zu SQL – das wären jeweils Themen für eigene Bücher.

Die Kalamität rührt auch daher, dass der Stoff zwar nicht sehr tiefgründig zu erschließen, aber sehr breit gefächert ist. Da geht es um mathematische Grundlagen genauso wie um die Hardware, um Netzwerke und Betriebssysteme, um Software-Entwicklung und Datenbanken, um Datei- und Datenformate, Webanwendungen und Sicherheit. Fast zwangsläufig müssen dabei wichtige Aspekte zu kurz kommen. So bespricht das Unterkapitel zur Automatisierung unter Linux gerade mal Shellskripte auf “Hallo Welt”-Niveau und Cronjobs.

Das, was der Autor erklären kann, erklärt er verständlich und anschaulich. Sein Buch vermittelt einen groben Überblick und reißt viele wichtige Themen zumindest an, die der Lernende dann selbstständig vertiefen muss.

Info

Manuela Lenzen:

Manuela Lenzen:

Künstliche Intelligenz

C.H. Beck, 2018 270 Seiten
17 Euro
ISBN: 978-3-406-71869-4

Info

Sascha Kersten: IT-Handbuch für Fachinformatiker

Sascha Kersten: IT-Handbuch für Fachinformatiker

Rheinwerk Verlag, 2017 1315 Seiten
35 Euro
ISBN: 978-3-8362-4426-8

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