Aus Linux-Magazin 06/2017

Aus dem Alltag eines Sysadmin: Brauen

Abbildung 1: Fordert volle Aufmerksamkeit – beim ersten Brau-Versuch musste Charly die Maische in seiner Küche manuell eine Stunde lang auf 65 bis 69 Grad Celsius halten.

Kolumnist Charly hat bei seinen Brauereibesichtigungen in so viele Maischbottiche geschaut, dass er sich nun selbst am Gerstensaft versuchen will. Er postulierte sein niederrheinisches Reinheitsgebot – “Es darf alles hinein, was einen Wikipedia-Eintrag hat” – und machte sich ans Werk.

Was ein Brau-Eleve braucht, hat er sowieso in der Küche oder bekommt es günstig im Baumarkt – teures Spezialequipment ist nicht nötig. Fehlt noch ein Rezept: Für meinen ersten Versuch im legalen Drogenlabor griff ich zu einem fertig abgepackten Set, in dem ich Braumalz, Hopfen und Hefe im richtigen Mengenverhältnis vorfand. Ich musste “nur noch” brauen. Dabei habe ich mich jeder Automatisierung, sonst mein Steckenpferd, enthalten.

Also maischte ich manuell ein und ab, läuterte, goss nach, kochte Hopfen, kühlte und füllte das Ergebnis in den Gärbehälter in der Hoffnung, dass die Hefe Party macht – zack!, viereinhalb Stunden rum. Die Würze, wie das Protobier nun heißt, braucht jetzt eine gute Woche, bevor ich sie abfüllen darf. Ich nutze die Zeit für eine Recherche nach Open-Source-Projekten, die mich beim Brauen unterstützen könnten.

Ich fange ganz vorne an, also beim Rezept, und bin ganz baff, dass es dafür eigens einen Quasistandard gibt: Beer XML [1], eine Beschreibungssprache, um Braurezepte in genormter Form auszutauschen. Inzwischen hantiert fast jede Brau-Software mit Beer XML.

Die Suche nach Feinheiten der Hausbrau-Kunst führt unweigerlich zu Beersmith [2]. Die proprietäre Software wird nach einer Testphase kostenpflichtig und läuft neben Windows und Mac OS auch auf Linux-Rechnern. Der Hersteller unterstützt Ubuntu, auf vielen anderen Distributionen läuft das Programm aber auch.

Beersmith stützt sich auf seine Datenbank mit einer fünfstelligen Zahl von Braurezepten, mehr noch zuprosten kann ich den verschiedenen Kalkulatoren: Stelle ich damit ein eigenes Rezept zusammen, errechnet mir Beersmith anhand meiner Zutaten und sonstigen Parameter die benötigten Mengenverhältnisse und erstellt Prognosen zum resultierenden Alkoholgehalt, zu Bitterkeit, Kohlensäuremenge und vielem mehr.

Freibier

Es gibt aber auch Open-Source-Software, die Ähnliches leistet. Weit vorne ist hier Brewtarget [3], das in Deb- und RPM-Pakete abgefüllt sowie für Windows und Mac OS zur Mitnahme bereitsteht. Natürlich im- und exportiert Brewtarget Beer XML und prognostiziert, ganz ähnlich wie Beersmith, viele Parameter des fertigen Biers anhand der Zutaten. Das Projekt finanziert sich durch Spenden und den Verkauf von T-Shirts.

Die Prozesse beim Brauen schreien geradezu nach Automatisierung. Beim Einmaischen etwa musste ich die Maische eine Stunde lang auf einer Temperatur zwischen 65 und 69 Grad Celsius halten (Abbildung 1). Obwohl ich einen stufenlos regelbaren Gasherd habe, forderte das meine ständige Aufmerksamkeit. Hier gehört dringend ein Stück Automatisierungstechnik her. Nüchtern betrachtet verwundert mich also nicht, auf Lösungen zu stoßen, die meist einen Arduino-Mikrocontroller oder Raspberry Pi als Steuerzentrale einsetzen. Das Projekt Craftbeer Pi [4] ist ein Beispiel neben vielen anderen.

Was habe ich als Getränkemarkt-Abstinenzler gelernt? Bierbrauen ist etwas für Leute mit Geduld, die sich nicht scheuen, für 4 Liter Hopfensmoothie stundenlang am Kochtopf zu stehen. Werde ich’s wieder machen? Garantiert. Und etwas anderes? Ich werde es berichten.

Abbildung 1: Fordert volle Aufmerksamkeit – beim ersten Brau-Versuch musste Charly die Maische in seiner Küche manuell eine Stunde lang auf 65 bis 69 Grad Celsius halten.

Abbildung 1: Fordert volle Aufmerksamkeit – beim ersten Brau-Versuch musste Charly die Maische in seiner Küche manuell eine Stunde lang auf 65 bis 69 Grad Celsius halten.

Der Autor

Charly Kühnast administriert Unix-Systeme im Rechenzentrum Niederrhein. Zu seinen Aufgaben gehören Sicherheit und Verfügbarkeit der Firewalls und der DMZ.

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