Aus Linux-Magazin 03/2017

Dells Linux-Projekt Sputnik

© lofik, 123RF

Dells All-gegenwärtiges Projekt “Sputnik” ist eine Anspielung auf den Weltraumtouristen Mark Shuttleworth und gibt dem Willen innerhalb des US-Konzerns einen Rahmen, gut an Linux angepasste Geräte auszuliefern. Das Linux-Magazin hat zwei der Pioniere befragt, ob sie Sterne vom Himmel holen wollen.

In der Ausgabe 11/2016 war der Vergleichstest zweier hochwertiger Notebooks zu lesen, die mit vorkonfigurierten Ubuntus das Linux-Magazin-Testlabor erreichten [1]. Potenzielle Käufer eines der beiden Geräte, die des Dell XPS 13 Developer Edition (Abbildung 1), taten sich aber nicht so leicht, zu einem Gerät zu kommen: Kaum war der Test abgeschlossen, stellte Dell in Europa den Verkauf ein. In den USA erschien die Lage etwas besser, denn dort konnte man das für das deutsche Dell-Marketing überraschend angekündigte Nachfolgemodell gleichen Namens, aber mit Kaby-Lake-Chipsatz, immerhin vorbestellen.

Abbildung 1: Das Linux-Notebook Dell XPS 13 im Test.

Abbildung 1: Das Linux-Notebook Dell XPS 13 im Test.

Der Eindruck bis Dezember 2016: Da wird – mal wieder – ein gutes Linux-Produkt in einem international agierenden US-Konzern im Kompetenz-Wirrwarr zerrieben. Das Linux-Magazin ist jedoch am Thema drangeblieben, auch weil ihm im Zuge des Tests ein ominöses Projekt “Sputnik” unterkam, das Dell-intern wohl nicht nur für die Linux-Software dieses Gerät verantwortlich ist, sondern überhaupt öfter Linux in die Produkte beim auf Microsoft-Betriebssysteme fokussierten Konzern bringen will.

Es stellte sich heraus, dass Sputnik aus einem Inkubator-Programm bei Dell heraus gestartet ist. Wie viele US-Tech-Konzerne hat auch Dell ein solches internes Anreizprogramm, das Verbesserungsvorschläge und Projektideen in der Belegschaft fördern soll. Die orbitale Namensgebung kam zu Stande, weil Ubuntu-Gründer und -Förderer Mark Shuttleworth im Jahr 2002 mit einer russischen Sojus als Tourist ins All geflogen war. Und Ubuntu, so der Inkubator-Plan, sollte für Sputnik ein wichtiger Brennstoff sein. Auf jeden Fall erinnert der Name an eine revolutionäre Technik, die einst Amerika aufschreckte und die Welt veränderte.

Den vorläufigen Höhepunkt der Recherche nach den Details zur Sputnik-Mission bildete eine lange Telefonkonferenz mit zwei hochrangigen Sputnik-Entwicklern, Barton George (Abbildung 2) und Jared Dominguez (Abbildung 3), die über Dells Open-Source-Engagement im Allgemeinen und ihr Projekt im Besonderen bereitwillig Auskunft gaben. Das hier veröffentlichte Interview gibt die wichtigsten Aussagen der beiden wieder.

Abbildung 2: Der Harvard-Absolvent und Sputnik-Begründer Barton George ist Senior Principal Engineer im Büro des Dell-CTO und für die EMC-Entwicklerunterstützung zuständig. Früher war er bei Sun.

Abbildung 2: Der Harvard-Absolvent und Sputnik-Begründer Barton George ist Senior Principal Engineer im Büro des Dell-CTO und für die EMC-Entwicklerunterstützung zuständig. Früher war er bei Sun.

Abbildung 3: Jared Dominguez arbeitet am Projekt "Sputnik" mit. Sein Arbeitsplatz als Operating System Architect und Linux-Ingenieur bei Dell steht im textanischen Austin.

Abbildung 3: Jared Dominguez arbeitet am Projekt “Sputnik” mit. Sein Arbeitsplatz als Operating System Architect und Linux-Ingenieur bei Dell steht im textanischen Austin.

Die Anfänge

Linux-Magazin: Wie kam es zu Ihrem Linux-Projekt in der Windows-freundlichen Firma Dell?

Barton George: Es gab diesen Dell-internen Inkubator-Wettbewerb, der einen Preis für eine gute Projektidee ausgelobt hat. Linux vorzuinstallieren gefiel den Leuten offenbar, und wir bekamen ein Budget von 40 000 Dollar für unseren “Sputnik”. Inzwischen ist bereits die vierte Generation davon draußen, und Dell verdient gutes Geld damit – natürlich nicht so viel wie mit Windows-Pre-Installs, aber ein zweistelliger Millionenbetrag ist es doch. Übrigens: Mehr als die Hälfte der Sputnik-Käufer sind Europäer und die Zahl steigt noch an.

Linux-Magazin: Worin liegt die Grundidee von Sputnik?

Barton George, Jared Dominguez: Dell lieferte sehr lange praktisch ausschließlich Pre-Istalls mit Windows aus. Unsere Idee war, dies auch mit Linux zu tun. Wenn Dell selber Linux vorinstalliert, könnnen wir dies viel besser an die Besonderheiten der Hardware anpassen als die Maintainer einer Linux-Distribution. Dell hat ja Hardware-Know-how und steht in direktem Kontakt mit den Herstellern von Chipsätzen und Modulen. Inhaltlich will Sputnik Leute davon überzeugen, dass Linux ein System ist, das – obwohl es ja keine Lizenzkosten verursacht – nicht ins preiswerte Marktsegment gehört, sondern ins echte High-End: Workstations und ähnliches Gerät. Es gibt genug Menschen, die Linux auf High-End-Hardware kaufen wollen.

Reichlich Chaos um Dells Linux-XPS-13

Linux-Magazin: Wir hatten das Dell XPS 13 mit Skylake-Chipset und vorinstalliertem Ubuntu im Testlabor und fanden es ganz gut. Als der Testbericht in Druck ging, war das Gerät in Europa plötzlich nicht mehr lieferbar. Was war los?

Einzelne Produkt-Webseiten widersprechen sich bis heute, die deutschen Sputnik-Seiten [2] sind veraltet. Aktuell im Onlineshop die richtige Stelle [3] mit dem deutsch lokalisierten XPS 13 mit Kaby Lake und Ubuntu 16.04 zu finden, erfordert detektivisches Gespür.

Barton George: Das Skylake-Gerät war ganz einfach in Europa schnell ausverkauft, und das neue mit Kaby Lake noch nicht ganz fertig. Von Ubuntu gab es auch ein neueres. Dell versucht jetzt, Release-Daten in USA und Europa zu synchronisieren, und auch Sputnik hat Release-Daten, die wir jetzt angleichen (April und Oktober). Das neue XPS mit einem aktuellen Ubuntu kommt zeitgleich hier in den USA und bei euch heraus.

Und leider ist dann auch noch unsere Vanity-Seite http://dell.com/sputnik ausgelaufen. Es ist Dell-intern ziemlich bürokratisch, so etwas zu bekommen. Aber inzwischen gibt es die Seite wieder. Was übrigens immer geht, isthttp://dell.com/developers (mit dem Plural-“S” am Ende).

Dauerlauf gegen Windows

Linux-Magazin: Der Akku vom XPS 13 hat bei uns sehr lange durchgehalten. Mit Windows läuft das Gerät jedoch noch wesentlich länger. Wo klemmt es beim Stromsparen?

Barton George: Windows verhält sich in manchen Dingen komplett anders, von den C-States bis zum Suspend. Linux ist an manchen Stellen nicht optimal, man müsste einige Dinge ändern, um verschiedene Zustände nutzen zu können. Leider ist die Chipsatz-Unterstützung nicht so gut, wie sie sein sollte – aber die kommt von Intel.

Linux-Magazin: Käufer berichten von Problemen mit HDMI sowie Kopfhörern.

Barton George: Ja, das wissen wir, und arbeiten an besseren Treibern. Wir kommunizieren alles, was wir beim Integrieren herausfinden, an die Hersteller der Hardware. Denn von denen kommen ja die Treiber. Bald wird es einen neuen Treiber für Thunderbolt geben.

Wie viel Open Source steckt bei Dell drin?

Linux-Magazin: Was modifiziert Dell bei der Integration an Ubuntu ?

Jared Dominguez: Die meisten Änderungen gibt’s bei Treibern sowie bei den Defaultparametern für diverse Hardware-bezogene Dinge. Das ist Dell-eigenes Know-how, ein Linux-Distributor hat darauf nicht unbedingt Zugriff.

Linux-Magazin: Wie viel Open Source macht Dell?

Barton George: Wir haben Tools geschaffen, die zunächst für uns waren, die wir aber als Open Source herausgegeben haben. Etwa unser Tool für die Software-Distribution, also das Betanken mit Ubuntu. Das macht Dell-Recovery. Aber Dell arbeitet auch an vielen anderen Open-Source-Projekten aktiv mit, etwa bei UEFI und dem Management von Kernelmodulen. [Siehe Kasten “Linux-Tools, die Dell (mit-)entwickelt hat”]

Linux-Tools, die Dell (mit-)entwickelt hat

Dell steht nicht in der Gefahr, den Stempel “Linux-Firma” aufgedrückt zu bekommen. Gleichwohl hat der Konzern einige wichtige Linux-Tools entwickelt, zu anderen haben von Dell bezahlte Programmierer einen wesentlichen Beitrag geleistet. Hier eine Auswahl:

Beim Projekt Libsmbios ist der Konzern Maintainer. Die Bibliothek kann mit den SMBIOS-Tabellen von Dell-Rechnern umgehen und ist eines der ganz wenigen Open-Source-Tools, um Bios-Konfigurationsänderungen direkt vorzunehmen. Dell hat alternativ ein proprietäres Programm (»Command | Configure«), das für RHEL und Ubuntu gebaut ist. https://github.com/dell/libsmbios

Die Entwicklung von Efibootmgr läuft seit dem Jahr 2000, damals war das Systemstart-Tool eigentlich für Intels Itanium vorgesehen. Heute ist es wegen der sehr weit verbreiteten UEFI-Systeme sehr populär. Dell arbeitet daran genau wie an dem verwandten Efivar. https://github.com/rhinstaller/efibootmgr

Ebenfalls bei Dell angesiedelt ist das Dynamic-Kernel-Module-Support-Projekt Dkms, mit dem Linuxer Module außerhalb des normalen Trees verwalten. Red Hat und Suse haben Dkms verwendet. https://github.com/dell/dkms

Das für Admins sicherlich interessanteste Tool ist Dell-Recovery, eine Software, die Images erstellt und Software automatisch verteilt. Firmen können damit ihren eigenen Factory-Install durchführen. Dell benutzt es außerdem, um Recovery-Medien für die Anwender einfach zu produzieren. Offenbar funktioniert Dell-Recovery so gut, dass inzwischen mehrere OEMs das Tool geforkt haben. https://github.com/dell/dell-recovery

Als erster Hardware-Anbieter hat Dell zum Linux-Firmware-Vendor-Service-Projekt LVFS beigetragen [4]. Besitzer dazu kompatibler Hardware können mit »fwupdate« und dem »fwupd«-Daemon unter Linux ein Firmware-Update vornehmen; brauchen also zum Flashen kein DOS oder Windows mehr. https://secure-lvfs.rhcloud.com/lvfs/devicelist

EMC als Treibsatz

Linux-Magazin: Dell hat vor Kurzem EMC aufgekauft. Ist das gut oder schlecht für Sputnik?

Barton George: Gut. Denn EMC hat sich schon früher für Linux stark gemacht, “{code} by Dell EMC” [5] ist die Bezeichnung dort. Dell will das jetzt sogar verstärken. “{code}” besteht aus einem Team von Entwickler-Advocates und Ingenieuren, die nur für Open Source arbeiten. Dazu gibt’s eine eigene Community mit über 2000 Mitgliedern – neue Mitglieder sind willkommen.

Aktuell liegt der Fokus auf Docker, Mesos und Kubernetes ([6], [7]), also sehr auf Containern und Plattformen und die entstehenden Integrationsaufgaben. Auch Cloud-Native-Applikationen sind hier für Dell sehr wichtig und werden immer wichtiger. Neue Workstation-Produkte wird es ebenso geben wie Speicherprodukte, die Linux verwenden, auch das im professionellen Segment stärker vertretene Red Hat Enterprise Linux. Dell hat auch ein eigenes Dell Networking OS, das Debian-basiert ist.

Linux-Magazin: Mr. George und Mr. Dominguez, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben!

Infos

  1. Oliver Kluge, “Skylake-Notebooks mit 13-Zoll-Display und Linux von Tuxedo und Dell im Test”: Linux-Magazin 11/16, S. 76
  2. Deutsche Sputnik-Seiten: http://dell.de/sputnik, leitet derzeit um auf die Sputnik-US-Seite; http://dell.de/developers, derzeit veraltet (Januar 2017)
  3. Direkter Link zum Bestellen eines Dell XPS 13 Developer Edition: http://www.dell.com/de/p/xps-13-9360-laptop/pd?oc=bnx93611&model_id=xps-13-9360-laptop&l=de&s=bsd
  4. “The Linux Vendor Firmware Service Welcomes Dell”: https://blogs.gnome.org/hughsie/2015/12/10/the-linux-vendor-firmware-service-welcomes-dell/
  5. “{code} by Dell EMC”: http://codedellemc.com/community
  6. “code.14 Deep Dive with Mesos and Persistent Storage for Applications”: http://de.slideshare.net/EMCCODE/emc-world-2016-code14-deep-dive-with-mesos-and-persistent-storage-for-applications
  7. EMC {code} zeigt auf der EMC-World neue Projekte für persistenten Speicher in Container-Umgebungen: https://germany.emc.com/about/news/press/2016/20160505-01.htm

Der Autor

Oliver Kluge ist ITIL-geprüft und zertifizierter Qualitätsmanagement-Beauftragter und -Auditor (QMB/QMA) nach ISO 9001. Er ist verantwortlich für das technische Qualitätsmanagement im Rechenzentrum des Flughafens München und leitet dort das Testlabor, arbeitet auch als Problem-Manager und berät IT-Abteilungen anderer internationaler Flughäfen. Kluge hat Informatik studiert, war Redakteur bei großen PC-Zeitschriften und leitete 2001 beim Linux-Magazin das Competence Center Hardware.

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