Jenseits von Smartphone oder Festnetztelefon kann es durchaus Vorteile haben, einen PC als Telefon einzusetzen. Über Voice-over-IP-Programme (VoIP) lassen sich beispielsweise Konferenzschaltungen umsetzen. Die Bitparade horcht in vier freie Linux-Kandidaten hinein.
Auch wenn herkömmliche Telefonprovider mit Flatrates locken, haben Voice-over-IP-Angebote ihre Berechtigung. Sie erlauben beispielsweise preisgünstige Konferenzschaltungen oder beherrschen den Umgang mit Webcams, was es Teilnehmern ermöglicht, Videokonferenzen mit einem oder mehreren Teilnehmern zu starten. Zudem erspart die VoIP-Kommunikation teilweise Infrastrukturkosten: Die Teilnehmer brauchen lediglich einen PC mit entsprechender Software, eine Anbindung ins Internet und optional ein Headset, um die Technologie zu nutzen – herkömmliche Telefone sind nicht nötig. So eignen sich VoIP-Lösungen vor allem auch für Vielreisende im Ausland, die unterwegs per Notebook und über WLAN kommunizieren, ohne teure Roaming-Gebühren zu zahlen.
Protokollarisches
Neben verschiedenen proprietären Lösungen behauptet sich im Bereich der IP-Telefonie seit Jahren das offene SIP-Protokoll (Session Initiation Protocol, [1]), das die freien Software-Applikationen in der Regel verwenden und das optional auch Videotelefonie anbietet.
Ein Vorteil des SIP-Protokolls: Es trennt Transport- und Sitzungsdaten. Es handelt lediglich die Modalitäten der Sitzung zwischen den einzelnen Teilnehmern aus, die eigentlichen Daten übertragen andere Protokolle. Um die Verhandlungen kümmert sich laut SIP-Spezifikation das SDP-Protokoll (Session Description Protocol, [2]), das die zu nutzenden Codecs, Übertragungsprotokolle und IP-Adressen zwischen den Teilnehmern festlegt.
Bei Bedarf verschlüsselt das SIP-Protokoll sowohl die Modalitäten einer Verbindung als auch die eigentlichen Datenströme: Indem es anerkannte Standards wie TLS/SSL und SRTP nutzt, bleiben unbefugte Lauscher draußen. Für Instant Messaging setzen Anbieter auch gern das Off-the-Record-Protokoll (OTR, [3]) ein, was die offene SIP-Architektur im Kontext einer SIP-Sitzung ebenfalls erlaubt.
Bei proprietären Lösungen weiß der Endanwender in der Regel nicht, wer auf die übertragenen Daten zugreift. Insofern eignen sich diese nur bedingt für den professionellen Einsatz, wenn Teilnehmer sensible Informationen austauschen, die nicht in die Hände Dritter gehören.
Kandidaten
Im Test des Linux-Magazins treten Ekiga [4], Jitsi [5], Linphone [6] und Ring [7] an, die unter anderem alle Bildtelefonie, Videokonferenzen, mehrere Protokolle und Instant Messaging unterstützen (vergleiche auch Tabelle 1). Unter den Kandidaten sticht Jitsi als einziges Java-basiertes VoIP-Programm hervor.
Tabelle 1
VoIP-Lösungen im Vergleich
|
Funktionalität |
Ekiga |
Jitsi |
Linphone |
Ring |
|---|---|---|---|---|
|
Plattformübergreifend |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Mobile Clients |
nein |
teilweise |
ja |
ja |
|
SIP-Unterstützung |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Mehrere SIP-Konten |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Telefonkonferenz |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Videokonferenz / mehrere User |
ja / ja (nur 704×576 Pixel) |
ja / ja |
ja / ja |
ja / ja |
|
Audio- und Video-Aufzeichnung |
ja |
nur Audio |
ja |
nein |
|
Instant Messaging |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Kontaktlisten |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Import von Kontakten |
eingeschränkt |
ja |
nein |
eingeschränkt |
|
Verschlüsselung |
nein |
ja |
ja |
ja |
|
IPv6-Fähigkeit |
nein |
ja |
ja |
ja |
Alle Applikationen stehen unter freien Lizenzen. Ekiga, Linphone und Ring stammen ursprünglich aus dem Linux-Universum, laufen aber inzwischen auch auf anderen Plattformen und eignen sich somit auch für den Einsatz auf Mobilgeräten wie Tablets. Es gibt weitere VoIP-Alternativen, die aber aus verschiedenen Gründen keinen Eingang in den Test fanden (siehe Kasten “VoIP-Alternativen”)
VoIP-Alternativen
Außer den vier vorgestellten VoIP-Programmen finden sich für Linux noch einige weitere Alternativen, die sich jedoch noch in Entwicklung befinden oder kommerzieller Natur sind: Zoiper [8] ist als proprietäres Programm seit Jahren auch für Linux verfügbar, bietet jedoch in der Community-Version lediglich Basisfunktionalität. Vor allem die Option für Konferenzschaltungen, aber auch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Codecs vermissten die Tester schmerzlich.
Tox [9] ist als Peer-to-Peer-Dienst ähnlich aufgebaut wie Ring, hält jedoch eine stattliche Anzahl von in verschiedenen Programmiersprachen geschriebener Clientsoftware parat. Das Programm steckt noch in einer frühen Entwicklungsphase, die Clients gibt es nicht für alle Plattformen. Interessierte müssen sie größtenteils manuell installieren.
Viber [10] bietet einige interessante technische Optionen wie den Wechsel von einem Gerät zum anderen während eines Gesprächs oder auch so genannte Sticker-Nachrichten, schied aber aufgrund seines mangelnden Datenschutzes aus dem Test aus.
Bleibt noch das russische, auf Linphone aufbauende Youmagic [11], das derzeit nur in den Repositories der russischen Distribution Rosa Linux wartet. Die Software ließ sich zwar mit Hilfe von »alien« problemlos auf Deb-basierten Distributionen installieren und in Betrieb nehmen, aber das essenzielle Anlegen von Kontakten und Anruferlisten klappte nicht, sodass kein Test möglich war.
Ekiga
Der erste Testkandidat Ekiga [4] ist älteren Linux-Semestern teilweise noch als Gnome Meeting bekannt. Ekiga steckt in den Software-Repositories nahezu aller bedeutenden Linux-Distributionen, viele Derivate packen es auch bei der Standardinstallation mit auf den Massenspeicher. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Standard-Desktop zum Einsatz kommt: Ekiga fühlt sich neben Gnome und Unity auch unter KDE oder LXDE wohl. Die aktuelle Version 4.0.1 stammt vom Februar 2013.
Beim Erststart öffnet Ekiga zwei Fenster: Neben dem eigentlichen, recht kleinen Programmfenster startet auf dem Desktop auch ein Konfigurationsassistent. Der führt den User in neun Dialogen zu einer funktionierenden VoIP-Anwendung. Dort gibt er zunächst seinen Namen an, um ein Benutzerkonto einzurichten. Anschließend entscheidet er, ob er ein vorhandenes SIP-Konto nutzen oder sich bei http://Ekiga.net anmelden möchte. Ohne entsprechendes SIP-Konto läuft die Software lediglich im Intranet und ist über das Internet nicht zu erreichen.
SIP-Provider
Sofern sich der Anwender beim http://Ekiga.net-SIP-Service anmeldet, erhält er eine entsprechende Kennung, über die ihn andere SIP-Teilnehmer erreichen. Die Anmeldung kostet nichts. Ist das SIP-Konto angelegt, fragt der Assistent im nächsten Schritt, ob er ein PC-zu-Telefon-Konto anlegen möchte, um über Ekiga weltweite Festnetz- und Mobiltelefone anzurufen. Dieses Konto muss der User im Prepaid-Verfahren aufladen, wobei ihm ein entsprechender Link im Assistenten hilft (Abbildung 1).
Dieser führt zum Anbieter Diamondcard [12] aus Thailand, der den Nutzer mit einer Kontonummer samt PIN versorgt, die er beide im Konfigurationsassistenten von Ekiga eingibt. Es ist aber möglich, nachträglich einen anderen kommerziellen Anbieter zu ergänzen.
Braucht der Nutzer kein PC-zu-Telefon-Konto, überspringt er diesen Schritt, indem er ein entsprechendes Häkchen im Konfigurationsdialog setzt. Dann definiert er einen Verbindungstyp, der die verfügbare Bandbreite für Ekiga beeinflusst. Die Optionen reichen vom analogen Modem über ISDN und zwei verschiedene DSL-Uplink-Geschwindigkeiten bis hin zum LAN-Anschluss. WWAN-Bandbreiten berücksichtigt Ekiga nicht, der User stellt sie anhand der zwei DSL-Alternativen annähernd ein.
Der siebte Schritt legt die Audio-Ansteuerung fest. Den User erwarten Auswahlfelder für Klingeltöne, die Audio-Wiedergabe und -Aufnahme, wobei Ekiga unter Linux per Default auf Alsa setzt. Hängt am Computersystem eine von Linux erkannte Webcam, macht der User diese im nächsten Dialog für Ekiga nutzbar. Wartet das System gar mit mehreren Webcams auf, präsentiert Ekiga eine Auswahlliste. Die letzte Seite des Konfigurationsassistenten fasst die Einstellungen zusammen, und der User aktiviert sie über einen Klick auf »Apply« .
Im eigentlichen Programmfenster finden sich in der Listenauswahl »Dienste« drei Optionen, um die Softwarefunktionen zu überprüfen. Mit ihrer Hilfe testet der Anwender, ob die Konfiguration optimal funktioniert. Ist dies nicht der Fall, passt er einzelne Einstellungen über das Menü »Bearbeiten« | »Einstellungen« an oder indem er den Konfigurationsassistenten im selben Menü manuell aufruft. Anschließend legt er über das Menü »Chat« | »Kontakt hinzufügen« (Abbildung 2) seine Nutzerlisten an.
Die neuen Kontakte tauchen im Programmfenster auf, der Nutzer betrachtet ihre Details, indem er die jeweiligen Namen doppelt anklickt. Zudem kann er einen Kontakt per Häkchen einer Gruppe zuordnen, die Software richtet bereits im Vorfeld mehrere Gruppen ein. Auch neue Gruppen legt der Nutzer an.
Wählt er einen Kontakt per Doppelklick auf den Namen aus, öffnet sich ein weiteres Fenster. In diesem schaltet er Webcams zu, um Videotelefonate zu führen. Dazu zeigt das Videofenster wahlweise das eigene Bild oder das des Gesprächspartners an. Zudem kann der Anwender eine Bild-in-Bild-Anzeige aktivieren.
Hürdenlauf
Im Funktionstest wies Ekiga einige Schwächen auf. Zwar ließ sich das Programm einfach konfigurieren, aber ohne ein an das System angeschlossenes Headset konnten die Tester weder Anrufe tätigen noch annehmen. Mit den im Testcomputer eingebauten Lautsprechern und dem internen Mikrofon kooperierte Ekiga nicht. Hinzu kam, dass die Tester in der Konfiguration jeweils verschiedene Treibermodule für die Audio-Aufnahme und -Wiedergabe einstellen mussten: Während die Aufnahmefunktion den Alsa-Treiber braucht, verlangt die Wiedergabefunktion Pulseaudio.
Bei den Verbindungseinstellungen sollte der Anwender zudem ein wenig experimentieren, um Aussetzer während eines Gesprächs oder daraus resultierende Echo-Effekte zu minimieren.
Jitsi
Als eine weitere freie VoIP-Lösung bietet sich das bereits seit über zehn Jahren kontinuierlich entwickelte Jitsi [5] an. Die Software ist kein vollständig natives Linux-Programm, sondern größtenteils in Java programmiert, setzt also auf dem Linux-Rechner eine Java-Laufzeitumgebung voraus. Zur inzwischen unter Linux mit Vorliebe verwendeten Open-JDK-Laufzeitvariante bestehen dabei keinerlei Kompatibilitätsprobleme.
Jitsi steckt bereits in den Software-Repositories der verschiedenen Distributionen. Fehlen die Binärpakete des VoIP-Programms noch, wie etwa bei Linux Mint, lädt der Anwender die Applikation von der Projektseite herunter und installiert sie. Nutzer von Debian-Linux-Derivaten sollten darauf achten, aus der Liste nicht nur einzelne Module zu laden, weil die wiederum von anderen abhängen, sondern das jeweils letzte Komplettpaket. Das findet sich für 32-Bit- und 64-Bit-Hardware jeweils am Ende der Liste und weist aktuell die Versionsnummer 2.8.5426 auf [13].
Nach erfolgreicher Installation findet sich ein Starter im Menü »Internet« . Der öffnet beim ersten Start neben dem Programmfenster ein Konfigurationsfenster, in das der User seine Zugangsdaten eingibt. Dabei fällt die Software bereits durch eine Vielzahl unterstützter Protokolle positiv auf: Sie ermöglicht es nicht nur, sich mit einem SIP-Konto anzumelden, sondern auch über Instant-Messaging- und Chat-Dienste, die das XMPP-Protokoll [14] verwenden.
So nutzt der User mit Jitsi auch diese Dienste, ohne einen zusätzlichen Client zu brauchen (Abbildung 3). Zudem beherrscht die Software Telefonkonferenzen und spricht – sofern im System vorhanden – eine Webcam über den V4L-Treiber an. Damit eignet sich Jitsi auch für Videokonferenzen.
Anders als Ekiga legt sich Jitsi nicht auf einen Dienste-Anbieter fest: Die freie Software lässt sich daher problemlos in Intranets jeder Größe einsetzen. Hervorzuheben ist dabei das Provisioning-Feature: Admins dürfen Jitsi auch auf entfernten Maschinen konfigurieren. Mit Jitsi Videobridge [15] halten zudem mehrere Anwender im Webbrowser Videokonferenzen ab, wobei dies dank Web-RTC auf den Clientmaschinen mit unterschiedlichen Browsern klappt.
Das eigentliche Programmfenster von Jitsi besticht durch größtmögliche Einfachheit. Der Anwender sieht seine Kontaktlisten und darüber ein Eingabefeld für eine Telefonnummer oder eine Anrufer-Kennung. In der kleinen Menüzeile finden sich im Untermenü »Datei« mehrere Optionen, um Konten, Kontakte, Gruppen und Chaträume zu ergänzen. Er beendet das Programm aus diesem Menü heraus. Da sich Jitsi, wie auch die anderen Probanden, nach einem Klick auf das Schließen-Symbol in die Panelleiste verflüchtigt, um dort aktiv zu bleiben, muss der User die Software explizit beenden (Abbildung 4).
Das Untermenü »Werkzeuge« versammelt Optionen, um Jitsi zu überwachen. Besonders wichtig ist der Eintrag »Einstellungen« , über den der User auf ein Fenster zugreift, um die Software mit Hilfe einiger Optionen anzupassen. Hier verwaltet er bestehende Konten und optimiert das Verhalten der Nachrichtenfenster. Die Hardware beeinflussen Parameter für das aktivierte Soundsystem und für die an das System angeschlossenen Webcams. Zudem schaltet der Anwender hier die Audio- und Video-Codecs zu oder ab.
Verschlusssache
Anders als Ekiga beherrscht Jitsi auch verschlüsselte Kommunikation. Dazu setzt es auf unterschiedliche Standardprotokolle und chiffriert – wo möglich – sowohl Chats als auch die telefonische Kommunikation. Im ersten Fall kommt das OTR-Protokoll zum Tragen, im zweiten, bei den Audio- und Video-Anwendungen, das ZRTP-Protokoll [16]. Auch die als Javascript-Bibliothek direkt im Webbrowser ausführbare Variante von Jitsi (nur in Firefox ab Version 40, Chrome und Opera verfügbar) verschlüsselt die Daten standardmäßig.
Klickt der User auf einen Kontakt, erscheint der Eintrag blau hinterlegt. Über die vier eingeblendeten Symbole versendet er Nachrichten oder tätigt Anrufe, auf Wunsch auch mit Videosupport. Zudem kann er den Bildschirm freigeben, den die Gegenseite dann fernsteuert. Wählt er eine der Optionen aus, öffnet Jitsi, ähnlich wie Ekiga, das eigentliche Anruffenster, in dem bei Video-Anrufen das Bild des jeweiligen Gesprächspartners erscheint. Bei Telefonaten ohne Bild zeigt es einen statischen Bildschirm mit den Bedienelementen für den Anruf.
Jitsi erweist sich im Umgang mit verschiedenen Codecs als wahres Multitalent. Im Menü »Werkzeuge | Einstellungen | Audio« oder »Video« findet der Anwender im Reiter »Kodierungen« eine stattliche Anzahl unterstützter Codecs, von denen die meisten bereits aktiv sind. Dank ihnen kommuniziert die Software mit verschiedenen Gegenstellen, ohne dass fehlende Codecs Probleme machen (Abbildung 5).
Alltagstauglich
Im Funktionstest des Linux-Magazins konnte Jitsi auf verschiedenen Computersystemen und mit unterschiedlichen Linux-Distributionen vollständig überzeugen. Die Software wies keinerlei problematische Einstellungen auf und ließ sich aus dem Stand auch mit unterschiedlichen VoIP-Anbietern verkuppeln. Dabei gefielen den Testern auch der geringe Ressourcenverbrauch des Programms und die selbst bei geringer Bandbreite gute Videoqualität.
Positiv fiel die bei vielen VoIP-Lösungen unter Linux mit Hürden verbundene Audio-Ansteuerung auf: Jitsi wählte eigenständig Pulseaudio, Bluetooth-Headsets brachten sie nicht aus dem Tritt. Geringe Latenzzeiten und ein fast nicht mehr spürbarer Echo-Effekt machen Jitsi alltagstauglich, auch bei Verbindungen ins herkömmliche Telefonnetz.
Linphone
Das ebenfalls unter der GPL stehende Linphone [6] bietet einen ähnlichen Funktionsumfang wie Jitsi, hängt jedoch nicht von der Java-Laufzeitumgebung ab. Die Software steckt in den Software-Repositories der meisten etablierten Linux-Distributionen und lässt sich daher bequem mit Synaptic, Yast & Co. installieren. Der User findet einen entsprechenden Starter im Menü »Internet« seines Linux-Desktops.
Linphone ähnelt vom Bedienkonzept her den anderen VoIP-Lösungen. Auch hier startet beim Erstaufruf des Programms ein Assistent, in dem der User die Kontodaten hinterlegt. Dazu legt er bei http://Linphone.org ein neues SIP-Konto an oder er greift auf ein bestehendes – egalobbeihttp://Linphone.org oder einem Drittanbieter – zurück. Nach Angabe oder Anlage des SIP-Kontos schließt die Software den Dialog und ist dann einsatzbereit.
Linphone zeigt ein ungewöhnlich aufgebautes Programmfenster: Es ist nicht nur wesentlich größer als bei Ekiga oder Jitsi, sondern versammelt auch alle relevanten Informationen auf einen Blick. Oben wartet horizontal eine Eingabezeile, in die der Nutzer die jeweilige Anrufer-Kennung für abgehende Gespräche eingibt. Links darunter stößt der Anwender auf einen Listenbereich, der die gespeicherten Kontakte aufführt.
Im rechten Segment des Programmfensters befindet sich dagegen ein freier Bereich, der bei laufenden Telefonaten die Anrufdaten präsentiert und in inaktivem Zustand die letzten Gespräche. Ganz unten im Fenster erstreckt sich über die gesamte Breite eines Auswahlfelds die aktive Konto-Identität des Anwenders. Der wechselt hier bei Bedarf per Mausklick das Konto (Abbildung 6).
Einstellungssache
Auch das obligatorische Konfigurationsfenster, das der Nutzer über das Menü »Bearbeiten | Preferences« erreicht, weicht in seinem Erscheinungsbild von dem der anderen Probanden ab. Auf den ersten Blick fällt auf, dass Linphone wesentlich weniger Optionen zur Konfiguration bietet als Ekiga oder gar Jitsi. Lediglich fünf Reiter beherbergen sämtliche Einstellungsmöglichkeiten für die Software. Dennoch sind alle wichtigen Optionen verfügbar.
Da Linphone auch Videotelefonate unterstützt, bringt die Software nicht nur ein V4L-Modul zum Ansteuern gebräuchlicher Webcams mit, sondern integriert auch Videocodecs. In Sachen Video- und Audio-Codecs bietet Linphone dabei eine ähnliche Vielfalt wie Jitsi. Ergeben sich Probleme beim Ansteuern der Hardware, besteht die Option, die entsprechenden Linux-Module anzupassen: Dazu stellt die Software einen Dialog mit Auswahlfeldern für die Module bereit. Im Testlabor arbeitete Linphone von Haus aus anstandslos mit dem Alsa-Treiber zusammen, während Jitsi bereits auf Pulseaudio setzte (Abbildung 7).
Funktionales
Auch Linphone bietet die Option, Gespräche aufzunehmen und als Audiodatei auf dem lokalen Massenspeicher abzulegen. Zusätzlich besitzt die Software – wie Jitsi – ein Webportal [17], mit dessen Hilfe der User ohne gesonderte Software-Installation VoIP-Dienste verwendet. Dazu braucht er allerdings ein Browser-Plugin, das die plattformübergreifende NPAPI-Engine voraussetzt. Aktuelle Versionen von Chrome und Firefox unterstützen diese jedoch nicht mehr, weshalb Linphone-Web in diesen Browsern nicht mehr läuft. Lediglich ältere Versionen von Chrome und Firefox erlauben den Zugriff auf Linphone-Web, was jedoch ein Konto unter [6] voraussetzt.
Verschlüsselung
Auch Linphone verschlüsselt die Kommunikationsdaten per SRTP- oder ZRTP-Protokoll. Die Peer-to-Peer-Verschlüsselung über SRTP [18] ist dabei voreingestellt und aktiv. Mit ZRTP verschlüsselte Sitzungen ermöglicht Linphone in heterogenen Umgebungen allerdings nur dann, wenn die Gegenstelle dieses Protokoll ebenfalls unterstützt.
Firewall
Arbeitet auf dem Gateway, das ein Netzwerk mit dem Internet verbindet, eine Firewall mit NAT, vereitelt diese mitunter den Einsatz der VoIP-Software, indem sie die benötigten Ports sperrt. Für diesen Fall hält das Einstellungsfenster von Linphone einige Optionen parat. Der User gibt hier die IP-Adresse des Gateway ein und ergänzt bei Bedarf auch die Adresse eines STUN-Servers [19], um die VoIP-Daten durch die Firewall zu tunneln. Auch mit IPv6-Adressen kommt Linphone zurecht.
Ring
Das ehemals SFL-Phone genannte Ring [7] fehlt in den meisten Software-Repositories. Interessierte müssen es aus diesem Grund unter Ubuntu 16.04 und dessen Derivaten manuell einspielen.
Die Installationsroutine legt einen Starter im Submenü »Internet« an. Ring öffnet zunächst eine Einrichtungsroutine, indem es ein Ring-Konto mit einer aus Zahlen und Buchstaben bestehenden ID anlegt. Die Software erkennt die Audio- und Video-Ausstattung des PC automatisch und steuert diese korrekt an, wobei sie ab Werk Pulseaudio unterstützt.
Als plattformübergreifendes Programm funktioniert Ring auch auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets sowie in heterogenen Umgebungen. Neben der reinen VoIP-Funktionalität erlaubt es zusätzlich Videotelefonate, Konferenzschaltungen sowie Instant Messaging. Der Einstellungsdialog ist einfach gehalten und gestattet es, fremde VoIP-Konten einzubinden.
Architektonisches
Ring ist keine Client-Server-Anwendung, sondern eine Peer-to-Peer-Applikation. Es besteht, ähnlich wie das noch nicht einsatzreife Duo Tox [9] und Q-Tox, aus einer systemnahen Core-Komponente und einer grafischen Oberfläche für unterschiedliche Plattformen. Der Wegfall eines Servers hat den Vorteil, dass der User keine persönlichen Daten aus der Hand geben muss und kein Server Verbindungsdaten speichert.
Der Anwender teilt den anderen Teilnehmern die beim Start von Ring generierte Konto-ID mit (Abbildung 8) und baut anschließend auf deren Basis eine Verbindung auf. Die Anwendung gestattet es sogar, aus der recht langen ID mittels Mausklick einen QR-Code zu erzeugen, den Smartphones oder andere mobile Geräte anschließend einlesen.
Allerdings erlaubt es die Ring-ID nicht, mit herkömmlichen SIP-Konten zu kommunizieren. Das klappt erst, wenn der Nutzer der Anwendung ein SIP-Konto bei einem Drittanbieter anlegt und dieses in Ring integriert. Zudem fehlt der jungen Anwendung noch die Möglichkeit, Gespräche aufzuzeichnen. Wie alle anderen Probanden verschlüsselt auch Ring seine Kommunikationsdaten mit Hilfe des SRTP-Protokolls, was der Nutzer jedoch explizit in den Einstellungsdialogen aktivieren muss.
Codecs
Wie die anderen Probanden auch unterstützt Ring eine Vielzahl von Audio- und Video-Codecs. Besonders hervorzuheben ist der Support für das neue VP8-Format, das den meisten anderen VoIP-Lösungen noch fehlt.
Benutzerführung
Das Programm lässt sich mit Hilfe übersichtlicher Dialoge konfigurieren, im selben Fenster steuert es auch die Kommunikation. Die Dialoge erklären sich dabei von selbst, auch unerfahrene Anwender kommen so mit der Software auf Anhieb zurecht.
Eine gravierende Inkonsistenz im ansonsten schlüssigen Bedienkonzept leistet sich Ring jedoch beim Anlegen neuer SIP-Konten: Um diese korrekt mit Ring einzurichten, muss der Anwender im Kontendialog des Reiters »Allgemein« – unten links, unterhalb der Kontenliste – das Auswahlfeld von »RING« auf »SIP« umstellen. Andernfalls kann er die entsprechenden Daten nicht eingeben.
Hat er den Kontotyp umgestellt, springt die Anzeige zurück in den Startbildschirm mit der Ring-ID des Anwenders. Anschließend muss er erneut in den Dialog zur Konto-Eröffnung wechseln, um die dort benötigten Daten einzugeben. Hier besteht also noch Verbesserungsbedarf (Abbildung 9).
Ebenfalls ausbaufähig sind die Steuersymbole der Software: So beendet der Anrufer seine Gespräche über einen Button mit einem kleinen X. Die anderen Probanden verwenden hier den etablierten, rot eingefärbten Telefonhörer. Ein weiteres Manko ist die bislang noch unvollständige deutsche Lokalisierung. Gelegentlich stößt der Nutzer auf englische Bezeichnungen in den Einstelloptionen, die jedoch meist selbsterklärend sind und keine tiefer gehenden englischen Sprachkenntnisse erfordern.
Gute Sprachqualität
Im Test zeigte Ring ein durchwachsenes Ergebnis. Zwar startete die Software sehr zügig und arbeitete stabil, scheiterte jedoch häufiger daran, ein aktiv geschaltetes SIP-Konto nach dem Programmstart anzusprechen. Da dieses Verbindungsproblem unabhängig vom Anbieter und bei anderen VoIP-Programmen nicht auftrat, dürfte ein Softwareproblem vorliegen. Hatte es erst eine Verbindung aufgebaut, wies Ring aus dem Stand das beste Latenzverhalten aller Testprobanden auf: Weder der bei VoIP-Verbindungen häufig zu beobachtende Echo-Effekt, noch spürbare Latenzen und Unterbrechungen der Kommunikation traten auf.
Fazit
Insgesamt steht Linux im VoIP-Bereich nicht schlecht da, auch wenn in einzelnen Bereichen noch Verbesserungsbedarf besteht. Alle getesteten Programme ließen sich unter den verschiedenen Paketmanagement-Systemen reibungslos installieren und zeigten einen praxisrelevanten Funktionsumfang, wobei Ring noch eine Aufnahmefunktion fehlt. Schwachstellen sind vor allem die teils noch immer unbefriedigende Integration von Pulseaudio sowie der ungenügende Support verschiedener Dateiformate bei Aufzeichnungen.
Ekiga verschlüsselt zudem als einzige Software im Test die Kommunikationsdaten nicht und benahm sich im Intranet hinter einer Firewall etwas kapriziös. Das Peer-to-Peer-Programm Ring verfolgt ein etwas anderes Konzept und zeigte beim Umgang mit SIP-basierten Anschlüssen noch Schwächen. Ebenso wie Linphone könnte es aber seine Bedien-Ergonomie noch besser gestalten.
Auf dem Feld der freien VoIP-Lösungen hat es in den letzten Jahren dennoch zweifelsfrei Fortschritte gegeben. Trotzdem stachen im Test lediglich Jitsi und Linphone als wirklich unkomplizierte Programme hervor, die auch problemlos hinter einer Firewall arbeiten und auf Anhieb mit unterschiedlichen Hardware-Konfigurationen, etwa kabelgebundenen oder kabellosen Bluetooth-Headsets, zurechtkamen.
Infos
- SIP: https://tools.ietf.org/html/rfc3261
- SDP: https://tools.ietf.org/html/rfc4566
- OTRv3: https://otr.cypherpunks.ca/Protocol-v3-4.1.1.html
- Ekiga: http://www.ekiga.org
- Jitsi: https://jitsi.org
- Linphone: https://www.linphone.org
- Ring: https://ring.cx
- Zoiper: http://www.zoiper.com/en
- Tox: https://tox.chat
- Viber: https://www.viber.com/de/products/linux
- Youmagic: http://www.youmagic.com/de
- Diamondcard: https://www.diamondcard.us
- Jitsi-Downloads: https://jitsi.org/Main/Download#stableline
- XMPP: https://de.wikipedia.org/wiki/Extensible_Messaging_and_Presence_Protocol
- Jitsi-Projektseite: https://jitsi.org/Projects/JitsiVideobridge
- ZRTP-Protokoll: https://tools.ietf.org/html/rfc6189
- Linphone-Webportal: https://web.linphone.org
- SRTP: https://tools.ietf.org/html/rfc3711
- STUN: https://de.wikipedia.org/wiki/Session_Traversal_Utilities_for_NAT















