Aus Linux-Magazin 09/2016

Stimmen zum Jubiläum

© linux87, 123RF

Linux hat in den vergangenen 25 Jahren ein breites Ökosystem entwickelt. Es entstanden Messen, Projekte, Verbände und Freundschaften. Hier schreiben Wegbegleiter ihre Gedanken zum Jubiläum

Das Linux-Magazin hat Menschen nach ihrer Meinung gefragt, die seit vielen Jahren einen Beitrag zum heutigen Erfolg von Linux geleistet haben.

Es lebe die Community

Wie weit ist Linux gekommen und was hat sich in diesen 25 Jahren seit 1991 geändert? Natürlich hat sich einfach die Technologie fantastisch entwickelt. Linux, hier meine ich den Kernel selbst, anfangs auf Single-Thread, Intel-only und auf 32 Bit beschränkt, läuft jetzt auf vielen Architekturen. Linux treibt heute einige der schnellsten und größten Rechner der Welt an – und auch die kleinsten. Es läuft auf Servern, Desktops, Laptops, Smartphones und Tablets.

In den alten Tagen bedurfte es einer komplizierten Installation, bei der es nötig war, die Grafikkarte zu spezifizieren sowie deren Speicherausbau und Taktrate und weitere Hardware-Details. Jetzt gibt es eine Vielzahl von Druckern, Plottern und sonstigen Peripheriegeräten, die unterstützt werden, es ist wundervoll.

Aber auch oberhalb der Kernel-Ebene entwickeln sich die Dinge prächtig. Die Installationen der meisten Distributionen verlaufen reibungslos. Viele Sprachen sind im Angebot, die nationalen Tastaturlayouts funktionieren ebenso wie die unterschiedlichen Zeitzonen.

Die GNU-Compiler sind in mehrerer Hinsicht viel effizienter als in den Anfängen, sowohl gemessen an der Geschwindigkeit für das Kompilieren als auch bei der Qualität des resultierenden Codes. Bibliotheken und Utilities funktionieren, und die Free Software Foundation hat ihren Wirkungskreis erweitert und beackert immer mehr Bereiche. Projekte wie Sourceforge und Github erleichtern die Zusammenarbeit immens und viele anderen Projekte wie Odoo und Bender ermöglichen den Einsatz von Linux und Android im Tagesgeschäft.

Die Nutzung freier Software hat sich von einem Spielplatz für Geeks und Weirdos zu einer Mainstream-Bewegung gemausert, heute werden die IT-Verantwortlichen in Firmen gefragt: “Wie sieht deine Open-Source-Strategie aus?”

All diese Technologien sind wunderbar und werden sich weiterentwickeln. Dennoch sind sie für mich nicht der wichtigste und befriedigendste Aspekt der ganzen Sache. Ich glaube, die beteiligten Menschen sind der bemerkenswerteste Faktor. Um das zu verstehen, gehe ich weiter zurück als 25 Jahre.

Es wäre bequem zu denken, dass alles einfach seinen Weg ging. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es immer Menschen gab, die neue Ideen und Möglichkeiten entwickelt haben und über die wir damals den Kopf geschüttelt hätten. Flottillenadmiral Grace Murray Hopper etwa verfolgte die Vision, dass es eine höhere Sprachebene als die Einsen und Nullen des Maschinencodes geben müsse, um Computer zu programmieren. Die Leute lachten sie dafür aus, aber sie führte schließlich das Team an, das Cobol entwickelte.

Ken Thompson und Dennis Ritchie starteten Unix an den Bell Laboratories. Dennis hat später C entwickelt, damit sich das Unix-Betriebssystem leichter bauen und portieren lässt. Douglas McIlroy von den Bell Laboratories konzipierte das Pipes-und-Filter-System für den Datenfluss und schrieb die paar ersten Unix-Kommandos, um zu demonstrieren, wie das System funktioniert.

Richard Stallman wollte ein komplett freies Betriebssystem entwerfen: “Frei wie in Freiheit, nicht wie ,Frei’ in Bier.” Er und seine GNU-Kumpane haben eine Reihe nützlicher Programme, Bibliotheken, Compiler und Werkzeuge entwickelt, die es ermöglichen, die gleichen Programme über Betriebssystemgrenzen hinweg zu nutzen. Damit machte er Leute auf die Mission der Free Software Foundation aufmerksam, die er ebenfalls initiiert hat.

Die Entwickler an der Universität von Berkeley, die an BSD Unix arbeiteten, machten es – statt AT&T Unix – zum System der Wahl für viele kommerzielle Unix-Anbieter. Kirk McKusick, Eric Allman und Bill Joy – mit vielen anderen, die zur Berkeley Software Distribution beigetragen haben – brachten dann Net BSD, Free BSD und Open BSD hervor.

Dr. Thomas Sterling und Donald Becker von der NASA waren die Pioniere des Beowulf-Systems, heute nennen wir das High Performance Computing (HPC). Natürlich ist auch Linus Torvalds zu nennen, den ich im Mai 1994 kennengelernt habe und der mir seine Vision nahegebracht hat, mit Linux nicht nur ein freies Betriebssystem zu schaffen, sondern einen großen Betriebssystemkernel.

Die meisten hier aufgezählten Leute waren Technologen, es gab aber auch viele Geschäftsleute, die das Potenzial von freier und Open-Source-Software sahen und sich dafür einsetzten.

Ich schätze mich glücklich, diese Menschen persönlich gekannt zu haben, und viele mehr, die ich nicht alle aufzählen kann. Viele dieser Wegbegleiter nannten mich Freund. Ich fühle mich geehrt, diesen Titel tragen zu dürfen. Und deshalb ist für mich die wichtigste und wundervollste Sache an Linux die Community. Sie möge lange leben und gedeihen.

Jon "Maddog" Hall hat sich schon lange vor Linux mit IT beschäftigt und gilt als Urgestein der Open-Source-Bewegung. Er nimmt das Jubiläum zum Anlass, die Erinnerungen an jene Pioniere und Idealisten aufzufrischen, die für Linux & Co den Weg bereitet haben.

Jon “Maddog” Hall hat sich schon lange vor Linux mit IT beschäftigt und gilt als Urgestein der Open-Source-Bewegung. Er nimmt das Jubiläum zum Anlass, die Erinnerungen an jene Pioniere und Idealisten aufzufrischen, die für Linux & Co den Weg bereitet haben.

Institution Linuxtag

Freitags um 14 Uhr versammelte sich die Unix-AG der Universität Kaiserslautern in den 1990er Jahren zu ihren öffentlichen Treffen (mittlerweile finden die Zusammenkünfte dienstagabends statt). Seit 1993 kamen Studenten aller Fachrichtungen zusammen, um erste Erfahrungen an Unix-Rechnern zu sammeln, das Internet zu nutzen und sich im Umgang mit Rootrechten zu üben. Viele dieser Tätigkeiten waren zu der Zeit einigen Auserwählten vorbehalten.

Die Studenten dagegen schrieben Anträge an das Bildungsministerium, kauften damit erst eine Sparc-Station 10 (Pizza), staubten tonnenschwere NCR-Unix-Rechner mit Notstromversorgung auf 68k-Prozessorbasis ab (Combinazione) und erprobten auf der Intel-386-Plattform die Einsatzfähigkeit des damals größten Hype im Betriebssystemzirkus: Linux. Das hatte damals noch einen schweren Stand gegen die Intel-Version von Solaris und diverse BSD-Derivate (Sushi).

Im damals wie heute alle Klischees erfüllenden Kellerraum der Hochschule betrieb die Gruppe erst einen Disketten-, dann einen CD-Verleih, private Downloads waren praktisch undenkbar. Auch das Linux-Magazin lag ab 1995 im Untergeschoss von Gebäude 34 nahe der Bibliothek aus. Auf einer dieser wöchentlichen Treffen entstand die Idee des Linuxtags: Der Gedanke hinter dem freien Betriebssystem sollte aus dem Keller ans Tageslicht und zur Begutachtung an ein breiteres Publikum getragen werden.

Besucherrekord

Im Januar 1996 zog der erste Linuxtag erstmals 70 Besucher in die Hörsäle der Universität. Nachdem ein Jahr später ein Unwetter den Verkehr in der Pfalzmetropole just am zweiten Linuxtag zusammenbrechen ließ, entschieden sich deren Macher im gleichen Jahr einen zweiten Event zu planen, was über Jahre zur Verwirrung bei der Zählung führte.

Bis 1999 zeigte der Linuxtag in der Pfalz Neues und Bahnbrechendes. So führte zum Beispiel HP in einer Emulation die in Hardware noch gar nicht verfügbare 64-Bit-CPU Intel Itanium erstmals einem Linux-Publikum vor. Suse war wie der deutsche Red-Hat-Vorläufer Delix mehrfach Aussteller und zeigte ebenso wie ein sehr junges Debian-Projekt seine Distribution.

Die Sprecher der Konferenz haben den Linuxtag geprägt: Der ehemalige Chefredakteur des Linux-Magazins Tom Schwaller, Freiheits-Vordenker Richard M. Stallmann (Abbildung 1), Waffennarr Eric S. Raymond, der verstorbene Debian-Gründer Ian Murdock, Wikipedia-Chef Jimmy Wales sowie Ubuntu-Diktator Mark Shuttleworth haben alle beim Linuxtag vorgetragen.

Abbildung 1: Richard M. Stallmann ist ein begnadeter Rhetoriker. Über seine musikalischen Qualitäten, hier beim Vortrag des "Free Software Song" beim Linuxtag 2000, waren die Besucher eher uneins.

Abbildung 1: Richard M. Stallmann ist ein begnadeter Rhetoriker. Über seine musikalischen Qualitäten, hier beim Vortrag des “Free Software Song” beim Linuxtag 2000, waren die Besucher eher uneins.

Einige Formate haben Kultstatus erreicht: Beim seit 2005 stattfindenden Kernel Kwestioning saßen jedes Jahr über ein Dutzend Kernelentwickler auf der Bühne und mehr als eine Dekade lang beharkten sich Sicherheitsversierte beim Hacking Contest. Den Rekord der meisten Vorträge zum gleichen Thema hält Volker Lendecke, der seit dem Jahr 2000 fast jedes Mal ein Update des von ihm maßgeblich geprägten Samba-Projekts gegeben hat.

Vereinsleben

Hinter dem Linuxtag steht bis heute der gleichnamige Verein, dessen Mitglieder ehrenamtlich daran arbeiten, Linux, freie Software und Open Source für breite Gesellschaftsschichten zu öffnen. Er hat nicht nur Veranstaltungen geplant, sondern beispielsweise 2003 erfolgreich eine einstweilige Verfügung gegen SCO erwirkt, das damals unbegründeterweise behauptete, der Linux-Kernel enthalte nicht korrekt lizenzierten Code. Daraufhin ruderte das Unternehmen halbherzig zurück, entfernte aber nicht alle Behauptungen und musste daraufhin 10000 Euro Ordnungsgeld zahlen.

Auch die Politik hat der Linuxtag regelmäßig eingebunden. Zahlreiche Bundesminister und Staatssekretäre sicherten eine faire Behandlung von Open Source zu und rühmten dessen Vorzüge. Zum Aufreger geriet 2007 die Schirmherrschaft des damaligen Innenministers Schäuble: Zwar hatte sich seine Behörde in Form der Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung (KBSt) sowie des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) durch Open-Source-Förderungen einen guten Namen gemacht, aber Schäuble stand damals auch für den Bundestrojaner und sorgte für Proteste.

Gegenwart

Der letzte Linuxtag in seiner traditionellen Form als allumfassende Konferenzmesse fand 2014 in Berlin statt, nachdem er vorher Stationen in Kaiserslautern, Stuttgart, Karlsruhe und Wiesbaden gemacht hatte. Seither unterstützen die Linuxtag-Mitglieder fokussierte Open-Source-Communities bei deren Events und die Froscon in St. Augustin, den Open Tech Summit und die Systemd.conf in Berlin, die Committerconf in Essen sowie die Guadec in Karlsruhe mit Rat und Tat, finanzieller sowie logistischer Hilfe und bietet diesen Service auch anderen Projekten an. Der Linuxtag e.V. plant für das Ende dieses Jahres eine Fusion mit der German Unix Users Group (GUUG), will aber auch unter dem gemeinsamen Dach weiterhin Linux und Open Source in die Welt heraustragen.

Nils Magnus ist Mitbegründer des Linuxtags und Vorstand in seinem Trägerverein. Er arbeitet als Berater, Architekt und Publizist an Cloud- und IT-Securitythemen in Berlin, München und Köln.

Nils Magnus ist Mitbegründer des Linuxtags und Vorstand in seinem Trägerverein. Er arbeitet als Berater, Architekt und Publizist an Cloud- und IT-Securitythemen in Berlin, München und Köln.

Desktopmacher KDE

Dass Martin Konold im November 1996 bei Kaffee und Kuchen in der Cafeteria der Tübinger Eberhard Karls Universität seinen 29. Geburtstag feierte und mit Matthias Ettrich an einem Tisch saß, gilt als die Geburtsvorbereitung von KDE. Matthias Ettrich erzählte von dem neuen Qt und in der Runde entstand die Idee einer zu Windows 95 konkurrenzfähigen Oberfläche und Programmsammlung. Die sollte das von HP, IBM und Sun entwickelte Common Desktop Environment (CDE) obsolet machen, das die Teilnehmer der Runde für unbrauchbar hielten. Torben Weis (heute Informatik-Professor) schrieb statt eines Dateinmanagers sein KHTML, das sieben Monate später zum Linux-Kongress 1997 funktionierte und die Anforderungen an den Filemanager bereits übererfüllte.

Abbildung 2: Ursprüngliches: Der KDE-Desktop aus dem Jahr 1997.

Abbildung 2: Ursprüngliches: Der KDE-Desktop aus dem Jahr 1997.

Eine Bewährungsprobe bestand das junge KDE-Team bei diesem Kongress auch. Die aus den USA extra angereisten Mitglieder eines konkurrierenden Projekts namens Offix haben nach dem Vortrag von Matthias Kettner und einer Live-Demo von Martin Konold (Abbildung 2) ihren Vortrag zurückgezogen und sind abgereist. KDE 1.0 wurde im Juli 1998 veröffentlicht. Bei der Linux World Expo 2000 in Frankfurt hat KDE dann den Linux Community Award gewonnen, den Linus Torvalds persönlich überreichte.

Cornelius Schumacher war KDE fast von der ersten Stunde an verbunden und neun Jahre im Vorstand des KDE e.V. Er war Hauptentwickler und Maintainer für den KOrganizer.

Cornelius Schumacher war KDE fast von der ersten Stunde an verbunden und neun Jahre im Vorstand des KDE e.V. Er war Hauptentwickler und Maintainer für den KOrganizer.

Die lange, schwierige Pubertät von Linux

Die erste Publikation, für die ich in den späten 90er Jahren gearbeitet habe, war das Sys-Admin-Magazin. Kurz nachdem ich als Redakteurin angefangen hatte, änderten wir den Titel von “A Journal for UNIX Systems Administrators” in “A Journal for UNIX and Linux Systems Administrators”. Die wachsende Popularität von Linux gab uns und anderen Magazinen frischen Wind. Linux-Publikationen schossen förmlich aus dem Boden.

Anfang 2000 besuchte ich meine erste Linux-Konferenz, die Linuxworld in New York. Ich war an unserem Messestand zusammen mit der Chefredakteurin Amber Ankerholz, um unser Magazin zu bewerben und neue Leser und Autoren zu gewinnen. Ein Besucher nach dem anderen kam zum Stand und wollte einen Redakteur sprechen. Traurigerweise kamen sie überhaupt nicht auf den Gedanken, dass Amber und ich Redakteurinnen bei Sys Admin sein könnten. Wir teilten uns den Stand damals mit zwei Messe-Babes, die unsere Muttergesellschaft angeheuert hatte, um Hefte unserer weiteren Publikationen unters Volk zu bringen.

Damals gehörten Messe-Babes und Linux-Konferenzen zusammen wie später Startups und Kickertische. Es war normal, dass jede Frau an einem Stand für ein Messe-Häschen gehalten wurde, weil es üblich war, sie anzuheuern. Übrigens waren es nicht nur Männer, die diesem Vorurteil unterlagen, es gab auch weibliche Besucher, die glaubten, Frauen am Stand seien bezahlte Püppchen und könnten kein Community-Mitglied sein.

Diese Praxis war lange zu beobachten. Noch 2012 schrieb ich einen Artikel für die Network World über bezahlte Models bei der Interop. Zumindest nahm die Akzeptanz von Messe-Babes später deutlich ab und sie wurden seltener. Wir haben in diesen 25 Jahren in der Linux-Community große Fortschritte beim Thema Diversität gemacht und konnten gegen den herrschenden Sexismus ankämpfen. Aber wir müssen noch einen langen Weg gehen, bevor wir die unbewusste Voreingenommenheit ausradiert haben und es bei Linux-Treffen auch mal eine Schlange vor der Damentoilette gibt.

Wenn ich mir Linux als eine Person vorstellen, denke ich an einen männlichen Weißen, der eine lange und schwierige Pubertät durchläuft. In einigen Belangen ist er erwachsener geworden, er hat nun bessere Manieren und ihm wird bewusst, dass er ein Problem hat. Aber er unterliegt immer noch starken Stimmungsschwankungen und hat Probleme, sich mit Frauen zu unterhalten. Ich hoffe, dass Linux mit 30 Jahren ein aufgeschlossenerer Typ sein wird, einer, den jeder von uns gerne mit nach Hause nimmt, um ihn der Familie vorzustellen.

Rikki Endsley arbeitet als Community Manager und Redakteurin bei Opensource.com. Sie hat 2016 den O'Reilly Open Source Award erhalten. Zuvor war sie als Community Evangelist bei Red Hat tätig; als Community Manager für die USENIX Association; als Associate Publisher bei "Linux Pro Magazine", "ADMIN" und "Ubuntu User."

Rikki Endsley arbeitet als Community Manager und Redakteurin bei Opensource.com. Sie hat 2016 den O’Reilly Open Source Award erhalten. Zuvor war sie als Community Evangelist bei Red Hat tätig; als Community Manager für die USENIX Association; als Associate Publisher bei “Linux Pro Magazine”, “ADMIN” und “Ubuntu User.”

Linux-Professionals

Der erste Kontakt mit Linux fand über das anwenderfreundliche “S.u.S.E. Linux 4.3” statt. Das Open-Source-Modell zur gemeinsamen und offenen Software-Entwicklung erschien mir zu pragmatisch. Für die weitergefassten Ziele zum Wohle der Gesellschaft stand – und steht noch heute – Richard Stallmans GNU-Projekt. Nach dem konsequenten Umstieg war ich zwar vor Windows-Viren gefeit und genoss bald Debians zukunftweisendes Paketmanagementsystem, aber es war nicht gerade bequem als Linux-Enthusiast. Proprietäre De-facto-Standards bei Dateiformaten, Webseiten und Kommunikationsprotokollen verwehrten mir den Zugang zu Informationen und die Teilnahme an Kommunikation. Ich hatte die Kontrolle über meine Software, aber nicht über die Powerpoint-Anfahrtskizze meines Freundes oder die Flash-Webseite vom Kino nebenan.

Die Grundursache solcher Ignoranz war meines Erachtens, dass in Schule und Studium ausschließlich die Microsoft-Produktpalette trainiert wurde, statt die zugrunde liegenden Konzepte zu lehren. Neben lokalen LUGs engagiere ich mich deshalb bis heute ehrenamtlich beim Linux Professional Institute (LPI), das als Community-Projekt Lehrpläne und Prüfungen für GNU/Linux-Kompetenz entwickelt und fördert.

Bei meinem ersten Cebit-Einsatz für das LPI im Jahr 2001 teilten wir uns den Stand mit “Linux International”. Jon “Maddog” Hall (Abbildung 3) und sein Standpersonal beeindruckten mich nachhaltig mit ihrem Engagement und ihrer Erfolgsbilanz in wichtigen Linux-Projekten. So hatte Marc Lehmann zu der Zeit mit seinem “Pentium GCC”-Projekt wesentlich zur Verbesserung der GCC-Technologie und des Entwicklungsprozesses beigetragen. Und Stefan Traby hatte den Alpha-Cluster für das CLOWN-Projekt der legendären WDR-Computernacht aufgesetzt.

Abbildung 3: Jon "Maddog" Hall trifft die damalige CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel bei der Cebit.

Abbildung 3: Jon “Maddog” Hall trifft die damalige CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel bei der Cebit.

Wie gesellschaftlich relevant und politisch Linux tatsächlich war, wurde mir klar, als Jon damals an unserem Stand Bundesumweltminister Jürgen Trittin und die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel empfing. Als das LPI 2003 beim 1. Weltgipfel zur Informationsgesellschaft in Genf teilnahm, durfte ich miterleben wie sich Richard Stallman, Georg Greve und Markus Beckedahl für freie Software, offene Standards und eine nachhaltige Wissensgesellschaft einsetzten.

Microsoft ging zur gleichen Zeit mit “Fear, Uncertainty & Doubt”-Kampagnen zum Angriff über und SCO wirbelte Staub um Copyright-Verletzungen im Linux-Kernel auf. Mittlerweile findet man kaum noch Computersysteme, auf denen der Linux-Kernel nicht laufen würde. Die Linux-Dominanz in großen Rechenzentren brachte Microsoft sogar dazu, eine GNU/Linux-Benutzerschnittstelle in Windows einzubauen.

Freiheitsideal

Doch wie steht es um unsere Freiheit als GNU/Linux-Nutzer? Hier haben leider bei vielen der Pragmatismus und die Bequemlichkeit vorerst gesiegt. Aufgrund der höheren Marktdurchdringung treiben uns heute – noch stärker als vor 20 Jahren – Netzwerk- und Lock-in-Effekte zu unfreien und geschlossenen Smartphone-Betriebssystemen, Apps und Internetdiensten. In diesem Umfeld hat die heranwachsende Entwicklergeneration anscheinend das Interesse an Softwarelizenzen und den Idealen der freien Software verloren. So werden viele Projekte auf Github ohne Lizenz veröffentlicht.

Es gibt noch Idealisten, die an freien und offenen Alternativen für die dominierenden Alltagsanwendungen arbeiten, um die Kontrolle über Algorithmen und Daten zu behalten. Auch wenn die kritische Masse an Nutzern nie erreicht wird, ist es unbedingt notwendig, die technische Machbarkeit mit Projekten wie Freedombox, Nextcloud, Sandstorm, Diaspora, Matrix.org oder Omemo zu demonstrieren. Wenn erst einmal verteilte Serverdienste so einfach zu installieren sind wie Smartphone-Apps, dann wird auch der Druck von Gesellschaft und Wettbewerb die marktbeherrschenden Anbieter zu offenen Schnittstellen zwingen.

Torsten Scheck ist seit 2003 Vorstandsmitglied des Linux Professional Institute. Er lernte Linux vor 20 Jahren kennen und arbeitet derzeit als Software-Entwickler bei Leica Biosystems in Nußloch.

Torsten Scheck ist seit 2003 Vorstandsmitglied des Linux Professional Institute. Er lernte Linux vor 20 Jahren kennen und arbeitet derzeit als Software-Entwickler bei Leica Biosystems in Nußloch.

Linux war vor vielen Jahren nicht so leicht auf den eigenen Rechner zu bekommen. In der Anfangsphase bestand der wesentliche Verteilungsmechanismus – außerhalb der Universitäts- und Forschungsnetzwerke – aus Disketten. Im Extremfall haben wir bei Suse weit über 40 Stück und damit eine Art GNU/Linux/-FOSS-Komplettsystem ausgeliefert. Suse, gegründet im September 1992, war die erste Firma, die kommerziell Linux verbreitete. Ein Jahr nach der Gründung gab es bereits CDs und einige Jahre später lieferten wir Suse Linux auch auf DVDs aus. Heute findet die Verteilung fast ausschließlich übers Internet statt.

Erst lief Linux auf 386er PCs. Das war der Grund, warum ich den 286er meines Bruders Roland, dem späterem Suse-Gründer, an Weihnachten 1991 geschenkt bekommen habe, Linux funktionierte darauf nicht. Später lief Linux auf Workstations und Servern und ab 1999 auch auf Mainframes. 2001 war Linux das erste Betriebssystem für Itanium und AMD Opteron. Linux mauserte sich vom Nachzügler für ältere Hardware zum ersten Betriebssystem, das für neue Hardware-Architekturen verfügbar war. Es ist überall zu finden, auf dem Mond (Rover), in der ISS und bei der Generierung schwarzer Löcher auf der Erde (CERN).

Linux war und ist aber auch das umsatzstärkste Open-Source-Produkt. Statt sich für die Auslieferung von Disketten oder anderer Hardware bezahlen zu lassen, entstand ab 1999 die Idee der Software Subscription, eine Bündelung aus Software, Support und Maintenance unter einem Markennamen und mit den notwendigen Zertifizierungen für Hardware und Software. Später, nach dem SCO-Prozess, wurde das Modell noch ergänzt um Software Assurance.

Heute ist dies ein Markt von nahezu zehn Milliarden Euro pro Jahr. Entstanden ist er auch durch eine kommerzielle Krise, als in den USA im Jahr 2000 Linux-Pakete mit mehreren CDs und Handbüchern für einen Dollar verkauft und mit einem 5-Dollar-Coupon versehen waren. Red Hat nutzte diese Umstellungsphase weg vom Paket und hin zur Enterprise Subscription am konsequentesten.

Die kollaborative Entwicklung von Software setzt Zeichen, kein Unternehmen kann monopolisieren, es gibt immer Alternativen. Die Aufhebung des Vendor-Lock-in ist immer noch einer der größten Vorteile für Anwender. Die Linux Foundation trägt als gemeinnützige Organisation und Arbeitgeber von Linus Torvalds sicherlich auch das ihre bei.

Linux ist eine Erfolgsstory. Auch nach 25 Jahren noch aktuell und nicht abgehangen, innovativ und nicht stagnierend. Linux ist auch aus der Bildung und insbesondere dem universitären Informatik-Angebot nicht mehr wegzudenken. Auf das Jahr des Linux-Desktops warten wir allerdings noch heute – vielleicht ist es ja in weiteren 25 Jahren so weit!

Holger Dyroff machte Karriere zuerst bei Suse und später bei Novell. Er ist Managing Director bei Owncloud und Mitglied der Open Source Business Alliance.

Holger Dyroff machte Karriere zuerst bei Suse und später bei Novell. Er ist Managing Director bei Owncloud und Mitglied der Open Source Business Alliance.

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