Ein Buch in umständlicher Technokratensprache, das recht abstrakt bleibt, und eins im lockeren Ton eines Programmierers aus Leidenschaft, der konkret wird.
Was beim ersten Blättern und Einlesen ins “Handbuch IT-Systemmanagement” auffällt, ist das ausgeprägte Beraterdeutsch. Grausamer Nominalstil, notorische Passivkonstruktionen, Denglisch, der Hang, Adjektive und Adverbien unnötig zu steigern – das ist anstrengend zu lesen und trägt zu einem belehrenden Tonfall bei, der nicht eben einladend wirkt. Diesen Eindruck verstärkt, dass es den Autoren gefällt, solche Wörter zu fetten, bei denen sie anscheinend den Einsatz eines Textmarkers vom Leser erwarten, und Kästen mit dem Befehl “Beachten Sie:” einzuleiten. Warum muss man hinter “Mehrwert” in Klammern “Value” schreiben? Schade, dass das Lektorat hier so wenig helfen konnte.
Wenig Konkretes
Inhaltlich ist es sicher ein verdienstvoller Versuch der Autoren, das Gebiet Systemmanagement systematisch zu erfassen. Allerdings bewegen sie sich dabei nicht selten auf einem Abstraktionsniveau, das es nicht zulässt, praktische Handlungsempfehlungen abzuleiten. So folgt laut Tabelle 1.1 aus dem “Phänomen der IT-Welt” bei “Sinkende oder gleichbleibende IT-Budgets” unter anderem die “Herausforderung” (ein Lieblingswort der Autoren): “Suche nach Kostensenkungen.” Das ist weder überraschend noch für die Praxis hinreichend konkret.
Anzuerkennen ist auch das Bemühen, aktuelle Entwicklungen in den Blick zu nehmen, beispielsweise das Cloud Computing, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Dabei fehlen allerdings wesentliche Aspekte. So wird derzeit viel diskutiert, wie sich Cloud Computing gerade auf das Berufsbild von Systemverantwortlichen und Administratoren auswirken wird.
Werden sie sich vom Techniker wegentwickeln, der noch am Rechner schraubte und Netzwerke am Patchfeld zusammenstöpselte, hin zu reinen Vermittlern von Cloudservices? Werden sie ganz andere Kompetenzen brauchen und sich eher mit AGBs als mit BGP auskennen müssen? Kein Sterbenswort darüber im Cloud-Kapitel, obwohl das eine Schicksalsfrage für seine Zielgruppe ist.
Kurz: Wer sich auf eine Präsentation vor der Geschäftsleitung zum Thema “Aktuelle Herausforderungen in Handlungsfeldern von IT-Systemverantwortlichen” vorbereiten will, der findet in dem Buch gute Anregungen für die Gliederung. Wer aber Rat in handfesten, praktischen Fragen sucht, der wünscht sich mehr Konkretes.
Nicht nach Vorschrift
Darius Blasband greift in seinem Buch nach eigener Aussage zu einem “stilistischen Trick”: Fakten sollen in normaler Schrift wiedergegeben werden, Meinungen dagegen kursiv. Das mündet in einer wilden Mischung von normalen und kursiven Passagen, die deshalb wenig zur Klarheit beiträgt, weil ja bereits die Auswahl und Gewichtung der Fakten Meinung ist und sich die Meinungen auf Fakten beziehen. Die typografisch angedeutete Grenze ist also in Wahrheit gar nicht so einfach zu ziehen.
Eine Idee, die der Autor vermitteln will, wird schnell klar: Rezepte, die dazu dienen, auf reproduzierbare Weise zu identischen Ergebnissen zu gelangen, sind ein Kennzeichen der Massenproduktion. Dort – in der Restaurantküche oder im Autobau – seien sie auch sinnvoll. Software aber sei anders, einzigartig, ihrem Wesen nach nicht formalisierbar.
Selbst das einfache Wasserfallmodell, das den Arbeitsprozess in aufeinanderfolgende Phasen zerlegt, sei bei Software praktisch nicht anwendbar, weil die Ergebnisse scheinbar abgeschlossener Phasen später immer wieder hinterfragt, verändert, umgearbeitet werden müssten. In Einzelfällen könnten die von Rezepten vorgegebenen Aktionen durchaus sinnvoll sein, doch systematisch als Regel angewendet, würden ihre Kosten den Gewinn übersteigen.
In späteren Kapiteln kommt Blasband dann etwas von seinem titelgebenden Gedanken ab und diskutiert in loser Folge verschiedene Aspekte der Software-Entwicklung wie Qualität, Performance oder die Sprachenwahl. Daneben Methodisches wie Literate Programming und agile Methoden. Man muss den Ausführungen sicher nicht immer folgen, wird aber stets von einem leidenschaftlichen Programmierer gut unterhalten, der meint, Kodieren sei “Better than sex (ok, perhaps not, but you get the idea)”.
Info 1
Ernst Tiemeyer (Hrsg.):
Handbuch IT-Systemmanagement
Hanser-Verlag, 2016
680 Seiten, 70 Euro
ISBN: 978-3-446-43444-8







