Autoren, die Dokumentation oder Bücher mit Latex in Form bringen möchten, können dazu inzwischen auch Onlinedienste anzapfen. Es genügt, einen modernen Browser parat zu haben. Dank der Onlinedienste läuft das Satzprogramm nicht nur auf allen Geräten, sondern sie machen Latex auch noch teamfähig.
Wer die Vorteile eines Satzprogramms wie Latex [1] kennt und schätzt, möchte damit nicht nur all seine Texte verfassen, sondern dies auch auf jenen Geräten tun, die er im Alltag mit sich herumträgt. Zwar existieren für Tablets und Artverwandte diverse Installationsmöglichkeiten, häufig steht einem solchen Vorhaben jedoch eine Fülle von Problemen entgegen. Selbst Kundige erreichen das Ziel nicht immer, wenn auf der Zielplattform keine Apps wie Tex Writer [2] oder Verb Tex [3] laufen.
Die Idee, Latex online im Browser zu nutzen, erscheint daher als einfache und elegante Lösung. Zumal sie Möglichkeiten bietet, in Gruppen zusammenzuarbeiten und ausgefeilte Mechanismen zur Versionierung mitbringt. Ob die Arbeit mit den Onlinediensten tadellos funktioniert oder ob sich der User schmerzlichen Einschränkungen unterwerfen muss, die ihm das Texten verleiden, prüft diese Bitparade stichprobenartig anhand der drei Kandidaten Papeeria [4], Share Latex [5] und Overleaf [6]. Sie alle rühmen sich ihrer Bekanntheit bei Hunderttausenden Nutzern, alle drei haben seit Jahren in diesem Segment überlebt.
Das ist nicht selbstverständlich. Einen solchen Service aufzubauen, unter die Leute zu bringen und dauerhaft anzubieten, gelingt nicht jedem, wie die mahnenden Beispiele Fidus Writer [7], Fly Latex [8], Spandex [9], Latex Lab [10] sowie Monkey Tex [11] belegen.
Das muss drin sein
Technisch ähneln sich die hier getesteten Onlinedienste in ihrer Vorgehensweise ziemlich stark:
- Sie installieren auf einem Linux-Server als Standard-Latex eine oder mehrere Ausgaben von Tex Live [12].
- Auf diesem Server landen die zu bearbeitenden Dateien der Benutzer in deren Dokumentenverzeichnissen. Im Anschluss speichert der Dienst sie dort regelmäßig ohne ihr Zutun.
- Benutzer bearbeiten die Dateien anschließend aus der Ferne über den Online-Editor im Browser. Der Editor erlaubt es zugleich, eine Datei mit mehreren Benutzern zu teilen.
- Ein Online-PDF-Viewer zeigt das auf dem Server kompilierte Latex-Dokument an. Der Kompiliervorgang gleicht dabei dem, den auch eine lokale Installation für Latex anbietet.
Dieses einfach anmutende Konzept lässt sich technisch offenbar nur mit Aufwand umsetzen, was die Vielzahl an Technologien im Einsatz zeigt. Die Macher setzen die Online-Editoren meist als asynchrone Javascript-Anwendungen um.
Im Rennen
Die Testdaten kamen aus zwei bestehenden Latex-Projekten. Die wurden hochgeladen, online kompiliert und die Ergebnisse im Detail überprüft. Der Artikel behandelt dann die Freigabe für Mitarbeiter sowie die zeitgleiche Arbeit mehrerer Benutzer an derselben Datei.
Will ein Nutzer neue Projekte erzeugen,bieten die Dienste ihm üblicherweise eine Fülle an Templates an. Die decken im Wesentlichen Dissertationen und Artikel für wissenschaftliche Zeitschriften ab. Der Umfang solcher Dateivorlagen soll jedoch kein Kriterium für oder gegen einen Dienst sein. Da sich alle Latex-Dienste wie lokale Installationen verhalten, genügt es, ein beliebiges Template im Dokumentenverzeichnis des Benutzers abzulegen. Latex findet es und bindet es ein. Gleiches gilt für Latex-Pakete, die der User beim Kompilieren nachladen möchte. Sind sie nicht vorinstalliert, genügt es, sich diese im Internet zu besorgen und sie in das Dokumentenverzeichnis zu schieben.
Ein Blick auf die angebotenen Templates dürfte auch Leser interessieren, die nicht mit solchen Diensten arbeiten. Sie zeigen, welche Fülle an unterschiedlichen Textsorten (vom Adventskalender bis hin zu Grußkarten) Latex auch abseits wissenschaftlicher Texte beherrscht. Ein Manko ist – das gilt für alle hier beschriebenen Dienste –, dass den Templates keine Hinweise auf die Latex-Optionen zum Kompilieren beiliegen. Vermutlich verwandeln Anwender die meisten mit Pdflatex und nur wenige mit Xelatex in funktionierende PDF-Dateien.
Alle drei Dienste bieten übrigens einen kostenlosen Zugang an, der entweder die Nutzungsdauer oder den Funktionsumfang gegenüber den Bezahlvarianten einschränkt.
Papeeria
Hinter dem Onlinedienst Papeeria (Abbildung 1, [4]) steckt ein russisches Unternehmen. Das merkt der Latex-Nutzer aber kaum, da die meisten Seiten englisch reden. Setzt er den kostenlosen Testzugang ein, sollte er beachten, dass die Plattform alle gespeicherten Dokumente, die über das erste Projekt hinausgehen, öffentlich zugänglich macht. Ein Bezahlaccount schlägt mit 5 US-Dollar pro Monat zu Buche.
Ein bestehendes Latex-Projekt lädt der Nutzer als Zip-Archiv hoch. Der Dienst entpackt es und legt die enthaltenen Dateien im Dokumentenverzeichnis ab. Den Nutzer erwartet in der Standardeinstellung ein Tex Live 2015. Treten damit Probleme auf, hält der Dienst auch eine Version von 2013 vorrätig, auf die er beim Kompilieren ausweichen kann.
Die Betreiber haben an der Installation nicht alle Fehler nachgebessert. Im Test war der fehlerhaft eingerichtete Font EB Garamond nicht korrigiert. Auf einen Hinweis reagierte Papeeria jedoch prompt und weckte laut eigenem Bekunden per E-Mail drei Vollzeitprogrammierer per SMS-Alert. Dass der Autor den Fehler auch nach zwei Monaten immer noch reproduzieren kann, zeigt, dass Bugreports trotz intensiver Kommunikation mitunter ins Leere gehen.
Der Benutzer stößt auf das sehr übersichtliche Interface aus Abbildung 1, in dem sich Latex-Kundige rasch zurechtfinden. Die vier Frames rahmen die Projektdateien, die Latex-Kodierung, die PDF-Darstellung sowie Fehlermeldungen und Warnungen ein.
Ziemlich kaputt
Wer den kostenlosen Testzugang verwendet, erhält die traurige Nachricht, dass er beim Kompilieren in der Warteschlange hinter den zahlenden Kunden landet. Der rechte Frame von Abbildung 1 zeigt das entsprechende Dialogfenster.
Dieses Downgrade führte aber offenbar auch dazu, dass die Website in den meisten Fällen nicht die aktuellen Kompilate, sondern gecachte oder fehlerhafte Varianten zeigte. Für sinnvolle Tests eignete sich der kostenlose Testzugang daher nicht. Der Tester sollte um einen Zugang bitten, den diese Limitierung nicht betrifft, andernfalls sucht er in seinem tadellosen Code womöglich vergebens nach Fehlern. Ähnliches passierte auch mit eingebetteten Grafiken, die Papeeria im Testmodus oft nicht abbildete. Zugleich fehlte eine Warnung, die erahnen lässt, was dieses Verhalten verursacht.
Die beiden hochgeladenen Latex-Projekte ließen sich sowohl mit Tex Live 2015 als auch mit der 2013er Ausgabe kompilieren. Letztere zeigte ein abweichendes Ergebnis und fügte Leerseiten ein. Keine der angebotenen Optionen konnte diese Abweichung beheben.
Wer Papeeria sehr intensiv nutzt und dabei regelmäßig kompiliert, um etwa die Kodierung zu prüfen, stößt auf ein weiteres Problem: Die eingebetteten Skripte fordern den Browser derart, dass er anbietet, sie zu stoppen.
Positiv sei vermerkt, dass Papeeria nicht nur die Anzeige gut umsetzt, sondern auch die Menüzeile. Mit ihr greift der Benutzer rasch auf wesentliche Aufgaben zu, muss nicht immer zwischen verschiedenen Bildschirmseiten wechseln und kann den Dienst einfach bedienen. Da der Online-Editor auf die üblichen Shortcuts reagiert, muss man die Befehle auch nicht nachschlagen.
Der angeschlossene Spellchecker kennt viele deutsche Begriffe nicht. So entstand im Test der Eindruck, dass die Sprachzuordnung nicht korrekt arbeitet. Für den professionellen Einsatz eignet sich der deutsche Sprachsupport nicht.
Der Editor unterstützt ausschließlich den Zeichensatz UTF-8. Texte in ISO-Latin-1 zeigt er fehlerhaft an. Dennoch reagiert Latex beim Kompilieren wie gewohnt, solange der Autor an seinen Texten nichts ändert, was eine fehlerhafte Zeichenkodierung erzeugt. Die kompilierten Latin-1-Texte zeigt der Editor anschließend jedoch falsch an, wenn auch nicht in jedem Fall (Abbildung 2).
Auf die beim Kompilieren erzeugten DVI-, Aux- und Log-Dateien hat der Benutzer keinen Zugriff, er darf ausschließlich die PDF-Dateien vom Server herunterladen. Zum Kompilieren stellt Papeeria folgende Optionen bereit: Pdflatex, Xelatex, Legacy Tex Live 2013 sowie PGF 3.0.
Teilen und Plotten
Wer einen Text für andere Benutzer freigeben möchte, erledigt das über den Menüpunkt »Share« . Die Plattform schickt dann zunächst E-Mails an diese Benutzer, die sie bestätigen müssen. Über das genaue Prozedere schweigt sich die Benutzeroberfläche aus, der Handlungsbedarf erschließt sich den Co-Textern erst, wenn sie (zufällig) einen Blick in die Eingangsbox werfen. Änderungen oder Anmerkungen, die der Empfänger in den Text einfügt, hebt Papeeria nicht nur farblich hervor, sondern ergänzt sie auch mit Benutzernamen in Form von E-Mail-Adressen.
Die Plattform bietet neben Latex auch Gnuplot [13] an, das aus vorhandenen Daten ansehnliche Grafiken erzeugt. Das setzt jedoch einen kostenpflichtigen Account voraus. Der kostenlose bringt einen einfachen Plot-Builder mit.
Dank der Sessionverwaltung des Dienstes kann ein User in mehreren Projekten gleichzeitig tätig sein. Das ist angenehm und fördert die Teamfähigkeit. Fehlt diese Option, muss er sich stets bei einem Projekt abmelden, um in einem anderen kurz auszuhelfen. Dort muss er sich erneut abmelden, will er zum Ursprungsprojekt zurückkehren.
Die Hilfe ist sehr schlecht integriert. Sie umfasst die Bedienung der Oberfläche mit den eingebetteten Programmen (Editor, PDF-Betrachter, Dateibrowser etc.), aber auch den Umgang mit Latex selbst. Die Entwickler lassen sich über diverse Dienste (Twitter, Google Plus oder Tex Stack Exchange) kontaktieren, es dauerte aber, die richtigen Leute über die richtigen Kanäle aufzuspüren.
Wer bezahlt, darf bis zu zehn private Projekte betreiben und mit öffentlichen und privaten Git-Repositories synchronisieren. Zudem bietet Papeeria regelmäßige Snapshots zu Backup-Zwecken an.
Share Latex
Am zweiten hier getesteten Onlinedienst Share Latex [5] arbeiten überwiegend britische Entwickler [14]. Angenehm fällt auf, dass die Startseite die Sprache des Browsers auswertet und darauf hinweist, dass es das Benutzerinterface auch auf Deutsch gibt – und für viele weitere Sprachen, die der Nutzer über das Flaggensymbol am unteren Seitenrand auswählt. Die Dokumentation zu Share Latex sowie die Hilfe bieten die Seitenmacher jedoch ausschließlich auf Englisch an.
Meldet sich der User bei Share Latex an, trifft er zunächst auf eine Übersicht bestehender Projekte, in der er neue anlegen kann. Er lädt vorhandene Latex-Dateien als Zip-Archiv in das entsprechende Dokumentenverzeichnis hoch oder wählt ein Template aus und startet auf dessen Basis ein neues Projekt. Alternativ importiert er ein Projekt von Github. Die Übersicht hilft, wenn der Nutzer an vielen Projekten zugleich arbeitet und noch an weiteren mitwirken soll. Mit ihr behält er den Überblick.
Gleichzeitig findet der Latex-Interessent ausschließlich auf dieser Projektseite den Logout-Button, falls er an verschiedenen Projekten arbeitet. In den Tiefen der Seite fehlt er. Zudem sollte er im Hinterkopf behalten, dass er in einer Browserinstanz stets nur ein Projekt pflegen kann. Die zurzeit implementierte Sessionverwaltung erlaubt es nicht, zeitgleich in unterschiedlichen Browser-Fenstern oder -Tabs mit mehreren Projekten zu hantieren. Das führt im Alltag dazu, dass der User notgedrungen den einen oder anderen Browser zusätzlich installiert, um parallel an Projekten zu arbeiten. Gerade im Hinblick auf den intensiven Team-Einsatz ist dieser Umstand nachteilig.
Öffnet der Share-Latex-Nutzer ein Projekt aus dem Projektverzeichnis, tut sich eine weitere Ansicht auf, in der er die Dateien bearbeitet. Erkennt die Onlineplattform eine »Main« -Datei, kompiliert sie diese bereits beim Öffnen und zeigt das generierte PDF in einem Frame neben dem Editorbereich an. Dies geschieht meist erfreulich rasch. Auch ein umfangreiches Werk mit fast 300 Seiten erscheint in wenigen Sekunden, was durchaus den Eindruck erweckt, vor einer lokalen Installation zu sitzen.
Die Bildschirmanzeige teilt der Anbieter übersichtlich in mehrere Frames auf, wobei jeder einer bestimmten Aufgabe dient (Abbildung 3). Ganz links erscheint eine einfache Dateiverwaltung. Hier sieht der Benutzer seine hochgeladenen Dateien. Allein die Hilfe- und Log-Dateien bleiben unsichtbar, sind aber dabei, wenn er das Dokumentenverzeichnis inklusive der DVI-Dateien herunterlädt.
Oberhalb dieses Frame warten die allgemeinen Einstellungen, die für das geöffnete Projekt gelten. Sie enthalten Optionen zum Kompilieren, die Spracheinstellungen für die Rechtschreibprüfung (»Spell Check« ) sowie einige Anzeige-Einstellungen. Als Optionen zum Kompilieren bietet der Dienst Pdflatex, Latex, Xelatex und Lualatex an.
Sprunghaft
In den beiden nächsten Frames warten der Online-Editor sowie der PDF-Betrachter. Ein großes Highlight verbirgt sich zwischen beiden: Mit je einem Pfeil springt der Nutzer in beide Richtungen, springt also gezielt vom PDF-Dokument zur entsprechenden Stelle im Editor und vice versa. Das erweist sich bei der Arbeit mit Latex als äußerst hilfreich. Oberhalb des PDF-Viewers erreicht der Latex-Freund Schaltflächen zum Kompilieren sowie die Log- und alle weiteren Ausgabedateien von Latex.
Der Frame ganz rechts bildet die Struktur der geführten Konversation ab – sinnvollerweise projektbezogen. Insgesamt fällt das Design wohltuend zurückhaltend aus, obwohl die einheitliche Menüzeile von Papeeria das Arbeiten mitunter etwas eleganter gestaltet.
Die gewählte Frame-Aufteilung erweist sich als ungünstig, will der User die Dokumentation beziehungsweise Funktionen der angebotenen Hilfe nachschlagen. Die sind nur auf Projektebene zugänglich, er bewegt sich beim Arbeiten jedoch auf der Bearbeitungsebene. Eine kontextsensitive Hilfe planen die Entwickler zurzeit nicht.
Die Funktionen des Editors beschränken sich auf das Wesentliche, genügen aber für zügiges Arbeiten mit Latex vollauf. Autoren schalten die automatische Codevervollständigung für jedes Projekt getrennt ein und aus, was gut implementiert ist. Leider bietet der Editor keine Möglichkeit, den Latex-Code auszublenden und nur die Inhalte anzuzeigen. Das wäre gerade für jene interessant, die wenig oder keine Erfahrung mit Latex haben, aber an einem Projekt inhaltlich mitarbeiten müssen. Die Funktion könnte ihren Blick auf das Wesentliche lenken.
Der Editor unterstützt nur Dateien mit UTF-8-Kodierung. So manches über Jahrzehnte begleitete Projekt lässt sich bei einem Umstieg auf Share Latex nicht weiterführen. Weil dieser Umstand laut den Entwicklern jedoch kaum oder nur sehr selten moniert werde, ändert sich daran in absehbarer Zeit wohl nichts.
Die installierte Latex-Version ist Tex Live 2014. Mit ihr kompilierten alle vorbereiteten Dokumente fehlerfrei. Nicht nachvollziehbar blieb, warum der eine oder andere Text mit Pdflatex kein gültiges PDF produzierte, obwohl sich die dabei erstellte DVI-Datei tadellos in eine fehlerfreie PS- und PDF-Datei konvertieren ließ. Wiederholtes Kompilieren brachte aber stets den gewünschten Erfolg. Der Fehler trat im Test zudem eher selten auf, möglicherweise eine Folge der kurzfristig hohen Serverlast.
Tex Live verhält sich wie eine lokale Installation. Latex-Pakete und Style-Dateien, die der Anbieter nicht vorhält, schiebt der User ins Dokumentenverzeichnis. Dort findet Latex sie beim Kompilieren. Fehlen häufig nachgefragte Pakete, installiert Share Latex diese meist auf Anfrage.
Sehr einladend
Auf Bearbeitungsebene gibt der Share-Latex-Benutzer sein Projekt schreibend oder nur lesend für andere frei. Die Freigabe-Optionen sind sehr übersichtlich gestaltet, die eingeladenen Benutzer müssen nichts weiter tun. Gleich daneben listet Share Latex die letzten Änderungen an der geöffneten Datei auf (Abbildung 4). Die Dateihistorie (»Recent Changes« ) bietet die Möglichkeit, Schritte rückgängig zu machen oder wieder herzustellen. Sie zeigt zudem, von welchem User welche Änderung stammt. Die Projektdateien synchronisiert der Dienst über Dropbox und Github mit weiteren Diensten sowie mit lokalen Installationen.
Wer eine neue Textdatei anlegen möchte, wählt aus einer beeindruckenden Anzahl von Templates. Leider sind die weder getaggt noch besonders gut sortiert. Greift der Nutzer zum Beispiel in die Kategorie »Thesis« (185 Templates für Diplomarbeiten, Dissertationen, Bachelor- und Master-Arbeiten), machen die Abbildungen zwar kenntlich, für welche Hochschule das jeweilige Template funktioniert. Sie verschweigen aber, wie es aufgebaut ist und mit welchen Optionen es sich kompilieren lässt. Vergeblich sucht der User auch nach einem Filter, der nur Templates anzeigt, die sich mit Xelatex kompilieren lassen. Für den nicht-wissenschaftlichen Bereich sind Vorlagen im Verzeichnis von Share Latex Mangelware.
Share Latex kostet monatlich 14 Euro (für zehn Mitarbeiter) beziehungsweise 28 Euro (unbegrenzte viele Mitarbeiter). Der Dienst bindet zudem den kostenpflichtigen Editing-Service Enago [15] ein, über den Nutzer textbezogene Leistungen vom Korrekturlesen bis hin zur Textredaktion kaufen.
Große Teile des Projekts liegen frei verfügbar im Quellcode vor. Wer selbst einen ähnlichen Dienst aufbauen oder einen Blick hinter die Kulissen riskieren möchte, findet ihn unter [16]. Unter dem Produktnamen Datajoy [17] bietet Share Latex zudem einen Dienst für die Statistik-Programmiersprache R und die Arbeit mit Phyton an.
Der Kontakt zu den Entwicklern lief vorbildlich. Die Kommunikation klappte einwandfrei und rasch, die Webseiten sagen klar, wer wofür zuständig ist.
Overleaf
Der Onlinedienst Overleaf [6], ehemals Write Latex, startete 2011. Die Ziele der einstigen Gründer bestanden darin, alle Benutzer zu unterstützen, die ihre Texte mit Latex schreiben und zugleich in Teams zusammenarbeiten wollen, um diese auszutauschen. Ein Onlinedienst würde den Blick auf die Inhalte schärfen und verhindern, dass sich die Nutzer mehr mit dem Installieren als mit dem Schreiben beschäftigen.
Nach dem Anmelden landet der Nutzer, wie bei den anderen Diensten, direkt im Projektverzeichnis. Hier erwarten ihn die üblichen projektbezogenen Funktionen (Neu anlegen, Umbenennen, Löschen, Archivieren, Kopieren). Zudem kann er hier Latex-Projekte auf Github exportieren (»clone« ). Alle weiteren Funktionen lagern auf der Bearbeitungsebene.
Legt er ein neues Projekt an, greift er auf eine umfangreiche Sammlung an Templates zurück. Die sind kommentiert und mit Stichwörtern versehen (getaggt). Davon profitieren nicht nur Wissenschaftler, sondern auch andere Zielgruppen. Es gibt Templates für den täglichen Büro-Einsatz, zum Herstellen von Postern, für optisch ansprechend gestaltete Geschäftskorrespondenz oder dafür, einen gut unterteilten Jahreskalender zur Urlaubsplanung zu entwerfen.
Abbildung 5 zeigt den übersichtlichen Bildschirmaufbau im Bearbeitungsmodus, der nur auf Englisch vorliegt. Er wirkt dank der dreigeteilten Frames aufgeräumt und sehr gelungen. Im Vergleich zu Share Latex gestaltet Overleaf die horizontale Anordnung der Frames mit einer einfachen, gut erkennbaren Menüstruktur deutlich übersichtlicher und ansprechender.
Der linke Frame dient der Dateiverwaltung. Er lässt sich elegant über den darüberliegenden Button »Project« ein- und ausblenden. Zudem warten hier Möglichkeiten, die Projektdateien vom Server zu laden (»Download as ZIP« ) oder auf einem Dropbox-Account abzulegen. Auch Google-Drive-Nutzer dürfen Dateien hochladen. In dieser Struktur blendet Overleaf DVI-, Aux- und Log-Dateien aus. Sie stecken aber im herunterladbaren Zip-Archiv des jeweiligen Projekts.
Ähnlich wie Share Latex teilt Overleaf die Funktionen etwas inkonsequent auf, weil unklar bleibt, welche zur Projekt- und welche zur Bearbeitungsebene gehören. Das dürfte aber bei beiden Diensten eventuell auch nur eine Frage der Gewöhnung sein. Die danebenliegenden Buttons »Versions« und »Share« erfüllen, was ihre Label versprechen. Über den ersten vergleicht der User mehrere Versionen einer Datei in gegenüberliegenden Frames miteinander.
Der zweite generiert Links zum schreibenden oder lesenden Zugriff auf die Projektdateien, die der Besitzer weitergibt. Bei heiklen Inhalten ist ein wenig Vorsicht angesagt, da jeder, der den Link erhält, Nutzungsrechte hat. Für die bezahlte Version existiert eine erweiterte Access-Kontrolle, die dieses Manko nicht aufweist. Zudem überraschte im Test, dass die Links auch Zugriff auf bereits gelöschte Projekte bieten.
Hinter dem Button »Publish« verbirgt sich eine Reihe frei verfügbarer Repositories, die wissenschaftliche Literatur aufnehmen. Wer mit seinem Projekt eines der dort aufgeführten Publikationsziele verfolgt, kann sein Projekt besonders einfach ablegen.
Linux ahoi!
Über den »Settings« -Button am rechten Bildschirmrand erreicht der Overleaf-Anwender projektspezifische und projektübergreifende Einstellungen. Angenehm fällt auf, dass die Optionen zum Editor anbieten, dessen Standardverhalten an jenes von Vim und Emacs anzupassen. Das dürfte vor allem Nutzer aus der Linux-Welt freuen, zumal die angebotenen Editor-Themes vielfältig sind.
Auch der zweite Frame lässt sich ein- und ausblenden. Er transportiert den Editor, der neben den üblichen Tastatur-Shortcuts über die angezeigte Menüstruktur einige Funktionen offeriert, die im Umgang mit Latex wichtig und häufig sind. Das Aussehen dieser Menüzeile lässt sich zwar nicht konfigurieren, das war im Test aber kein Hindernis.
Interessant für die Teamarbeit dürfte ein Anzeigemodus namens »Rich Text« sein. Mit ihm versteckt Overleaf viele Steuerbefehle und Codesequenzen von Latex und zeigt an ihrer Stelle das Ergebnis an, das sie bewirken. Der Modus ist experimentell, dürfte aber jenen helfen, die Textkodierung abschreckt.
Anmerkungen im Editor zeigt Overleaf nicht in einer eigenen Struktur an, sondern bettet sie im Text ein. Kurze Texte lassen sich so nur schwer verwalten oder gar lesen. Hier erweist sich die Konversationsstruktur von Share Latex als übersichtlicher. Übergibt ein Mitarbeiter das Projekt zudem an andere, gehen diese Informationen verloren.
Der Editor zeigt ansonsten nicht nur den Zeichensatz UTF-8 richtig an, sondern kommt auch mit weiteren internationalen Zeichensätzen zurecht. Leider erscheint beim Kompilieren der Testdatei im Zeichensatz ISO-Latin-1 trotzdem keine gültige PDF-Datei (Abbildung 6). Dieses Verhalten verwundert: Immer wieder im Test zeigte Overleaf die generierten PDFs nicht an, obwohl die erstellten DVI-Files lokal keine Fehler aufwiesen und sich in gültige und anzeigbare PDF-Datei verwandeln ließen. Vermutlich nehmen die Overleaf-Programmierer Latex-Fehler und -Warnungen zu genau, sodass die Plattform funktionierende PDF-Dateien mitunter nicht präsentiert.
Die aktuelle Overleaf-Version hält als Latex-Distribution Tex Live 2015 parat. Die verhält sich, wie bereits bei den beiden anderen Diensten positiv vermerkt, auffällig unauffällig.
Wer sich in Latex oft mit Kodierungsproblemen plagt, liest bevorzugt die Hilfe- und Log-Dateien, die beim Kompilieren entstehen. Papeeria und Share Latex tragen dem Rechnung und machen sie online zugänglich. Bei Overleaf muss der User die Daten lokal auswerten. Das ist am Notebook lästig, auf mobilen Geräten äußerst umständlich und letztlich eines der Mankos des Onlinedienstes.
Hilfsbereit
Hilfe, sowohl zu Latex als auch zu Overleaf, ruft der Anwender über einen Button am rechten Rand in der horizontalen Zeile auf. Sie ist durchdacht gegliedert, eine Suchfunktion bringt den Suchenden schnell zu den wichtigen Informationen. Den großen dunklen Rest des konservierten Latex-Wissens findet ohnehin nur die Lieblingssuchmaschine.
Das Sessionmanagement verhindert auch in Overleaf, dass Nutzer zeitgleich an mehreren Projekten teilnehmen, ohne sich an- und abzumelden. Nicht selten fallen einem die wichtigen Informationen leider exakt dann ein, wenn man sich gerade ausgeloggt hat. Latex-Arbeitern, die ihre Bibliographie und die zitierten Quellen im Volltext mit Zotero [18] oder Mandeley [19] verwalten, ermöglicht es Overleaf, Daten aus beiden Diensten zu übernehmen.
Die frei verfügbare Ausgabe lässt eine beliebige Anzahl an Projekten mit 60 Dateien pro Projekt zu. Kostenpflichtige Zugänge sind für 6 und 9 Euro pro Monat zu haben und bieten 10 GByte (500 Dateien) respektive 20 GByte (1000 Dateien) Speicherplatz.
Die Kontaktaufnahme mit den Overleaf-Machern verlief vorbildlich über das Kontaktformular auf der Website oder per Mail. Die kompetenten Antworten kamen stets rasch zurück, wobei Overleaf von den drei Plattformen am wenigsten Fragen offen ließ.
Fazit
Wer Latex immer und überall einsetzen möchte, findet in den drei hier vorgestellten Onlinelösungen durchaus brauchbare Ansätze. Autoren, die kein Geld in die Hand nehmen möchten, sei von der Gratisvariante von Papeeria eher abgeraten, da sie deutliche Nachteile gegenüber der Bezahlversion mitbringt, die produktives Arbeiten unmöglich und das Testen sehr umständlich machen.
Alle drei Anbieter betreiben großen Aufwand, um ein möglichst friktionsfreies Arbeiten im Team zu ermöglichen. Das gelingt durchaus. Zwei, nämlich Share Latex und Overleaf, patzen aber ausgerechnet beim Sessionmanagement. Das verleidet dem geneigten User das Arbeiten im Team gerade dann, wenn er in mehreren Projekten zugleich wirken will, soll oder gar muss. Hier sticht Papeeria hervor, dessen Entwickler dieses Szenario berücksichtigen.
Um die Dienste sinnvoll zu nutzen, genügen das vorhandene Latex-Basiswissen und ein moderner Browser. Größere Bildschirmoberflächen wirken sich günstig auf die Produktivität aus. Benutzer mobiler Geräte in Smartphone-Größe weichen besser auf eine lokal installierte App wie Tex Writer oder Verb Tex aus, die Bildschirmdiagonalen von 4 bis 6 Zoll deutlich besser berücksichtigen.
Die Lade- und Kompilier-Zeiten der Onlinedienste sind sehr gering und halten durchaus mit jenen mit, die ein durchschnittliches Notebook erreicht. Das gilt auch für umfangreiche Dokumente mit komplexer Dokumentenstruktur.
Ein großer Vorteil solcher Onlinedienste: Der Nutzer kann sich auf den Inhalt seiner Texte konzentrieren statt auf die Installation. Er kann sowohl in Schulungs- als auch in produktiven Arbeitsumgebungen rasch loslegen. Dabei spielt es keine Rolle, ob er ein Projekt allein oder im Team entwickelt. Beides geht erfreulich einfach über die Bühne. Teams können sich zudem gegenseitig helfen und komplexere Latex-Eigenheiten an versierte Mitarbeiter auslagern, um die anderen nicht auszubremsen oder einzuschüchtern. Ein weiterer klarer Pluspunkt.
Als Ersatz für eine konventionelle Textverarbeitung taugt auch ein Online-Latex à la Overleaf nicht, die Anzeige im »Rich Text« -Modus hilft aber, mit Tex wenig vertraute Mitarbeiter rasch in umfangreiche Projekte einzubinden. Zwar richten sich die Dienste bevorzugt an Wissenschaftler, sie könnten aber auch im Verlagswesen punkten. Verleger könnten ihren Autoren ein professionelles Satzsystem anbieten, dessen Vorgaben schwer zähmbare Manuskripte verhindern.
Wer die Dienste miteinander vergleicht, stellt schnell fest, dass jeder ein Highlight, aber auch mindestens ein Manko mitbringt. Tabelle 1 kann bei der Orientierung helfen.
Tabelle 1
Features im Überblick
|
Papeeria |
Share Latex |
Overleaf |
|
|---|---|---|---|
|
Internationale Zeichenkodierungen |
nein |
nein |
ja |
|
Syntax-Highlighting |
ja |
ja |
ja |
|
Codevervollständigung |
ja |
ja |
ja |
|
Nützliche Editoranpassungen |
nein |
nein |
ja |
|
Deutsche Rechtschreibprüfung |
nein |
ja |
ja |
|
Mehrsprachige Oberfläche |
nein |
ja |
nein |
|
Browser-Kompatibilität |
ja |
ja |
ja |
|
Geeignet für mobile Geräte |
nein |
ja |
ja |
|
Funktionsumfang beim Gratis-Account |
gering |
ausreichend |
ausreichend |
|
Druckqualität einstellbar |
nein |
nein |
nein |
|
Truetype- und Opentype-Fonts |
ja |
ja |
ja |
|
Sessionmanagement |
ja |
nein |
nein |
|
Synchronisation mit Github und Dropbox |
ja |
ja |
ja |
|
Eingebaute Versionsverwaltung |
nein |
nein |
ja |
|
Qualität der Latex-Installation |
gut |
gut |
gut |
|
Optionen zum Kompilieren |
ja |
ja |
ja |
|
Latex-Kodierung ausblenden |
nicht möglich |
nicht möglich |
möglich |
|
Teamfähigkeit |
ja |
ja |
ja |
|
Verfügbarkeit im Quellcode |
nein |
ja |
nein |
|
Kontakt zu den Entwicklern |
nein |
ja |
ja |
Infos
- Latex: https://www.latex-project.org
- Tex-Writer-App: http://www.texwriterapp.com
- Verb Tex: https://www.verbosus.com
- Papeeria: https://papeeria.com
- Share Latex: https://www.shareLatex.com
- Overleaf: https://www.overleaf.com
- Fidus Writer: http://www.fiduswriter.org
- Fly Latex: https://github.com/alabid/flyLatex
- Spandex: http://texwelt.de/blog/spandex-schliesst/
- Latex Lab: http://de.software.wikia.com/wiki/Latex-Lab
- Monkey Tex: http://www.monkeytex.com
- Tex Live: http://www.tug.org/texlive/
- Gnuplot: http://www.gnuplot.info
- Share-Latex-Entwickler: https://www.shareLatex.com/about
- Enago: http://www.enago.de
- Quellcode von Share Latex: https://github.com/shareLatex/
- Datajoy: https://www.getdatajoy.com
- Zotero: https://www.zotero.org
- Mandeley: https://www.mandeley.com











