Anfang August veröffentlichte die Document Foundation Libre Office 5.0.0, und bereits drei Wochen später erschien das erste Update 5.0.1. Neben etlichen Korrekturen und Neuerungen unter der Haube bietet Nummer 5 vor allem optische Verbesserungen.
Seit der Gründung des Libre-Office-Projekts [1] im Jahr 2010 hat sich allerhand getan. Der im August veröffentlichte 5er Zweig ist die zehnte Hauptveröffentlichung der freien Bürosuite und leitet den dritten Entwicklungszyklus ein [2]. Die 3er Serie hatte hauptsächlich mit Altlasten nach der Abspaltung von Open Office zu kämpfen und die Macher konzentrierten sich auf das Bereinigen der Codebasis. Reihe 4.x brachte deutliche Performancegewinne und verbesserte den Austausch mit Fremdformaten. Der jüngste Spross richtet den Fokus auf Benutzerfreundlichkeit.
Libre Office 5 bietet intelligentere Menüs, eine neue Vorschau für die Formatvorlagen sowie aufpolierte Seiten- und Werkzeugleisten. Die Entwickler überarbeiteten zudem die Im- und Export-Funktionen, sodass die Bürosuite nun besser mit Microsoft-Formaten klarkommt. Ganz neu ist ein Filter für die Apple-Produktivitäts-Apps Pages und Numbers. Nutzer von Windows-64-Bit-Systemen bleiben nicht länger außen vor – Libre Office 5 ist nun auch für sie erhältlich.
Neuer Anstrich
Die Tester schauten sich das neue Libre Office 5.0.1 unter Ubuntu 15.04 (64 Bit) an. Um die neuen Filterfunktionen für Fremdformate unter die Lupe zu nehmen, fütterten sie die Bürosuite mit Microsoft-Word-, Excel- und Powerpoint-Dokumenten sowie mit Pages- und Numbers-Dateien, die mit I-Works unter OS X 10.10.4 entstanden. Die Ergebnisse waren gemischt: Die MS-Formate stellten das Programm vor keine großen Schwierigkeiten, die Apple-Formate schon.
Nach dem Start fällt sofort das umgearbeitete Menü auf. In der Ansicht der zuletzt geöffneten Dokumente können Anwender Einträge jetzt gezielt aus der Vorschau entfernen, indem sie mit der Maus über den Thumbnail fahren und das kleine Kreuz in der oberen rechten Ecke anklicken (Abbildung 1). »Datei | Zuletzt verwendete Dokumente | Liste leeren« löscht wie gehabt die gesamte Aufstellung.
Auch die Layouts von Writer, Calc & Co. wirkt aufgeräumter, denn die Entwickler haben Statistiken zu häufig verwendeten Befehlen ausgewertet und daraufhin die Symbolleisten »Standard« , »Formatierungen« und »Zeichnung« angepasst. In den Kontextmenüs, die bei einem Rechtsklick auf Bilder, Formen oder Writer-Tabellen erscheinen, haben die Programmierer ebenfalls klar Schiff gemacht. Sie entfernten eher selten verwendete Funktionen und ersetzten sie durch populärere Einträge.
Die Seitenleiste am rechten Rand enthält in einigen Libre-Office-Modulen nun zusätzliche Funktionen, was mehr Platz für das Arbeiten an den Dokumenten verspricht. In Impress änderten die Entwickler nicht nur die Reihenfolge der Seitenleisten-Tabs, sondern gestalteten auch den Reiter »Folienübergang« neu. Aus dem Tab »Eigenschaften« von Calc-Tabellen entfernten die Entwickler die Abteilung »Ausrichtung« und ordneten die restlichen Elemente neu an.
Die auffälligste Neuerung finden Nutzer in der Textverarbeitung. Die Seitenleiste zeigt auf dem Reiter »Formatvorlagen« nun eine Vorschau für das ausgewählte Template an (Abbildung 2).
Bildlich gesprochen
Writer, Calc, Impress und Draw ermöglichen nun das Zuschneiden von Bildern mit der Maus, was den Griff zum externen Grafikprogramm spart. Benutzer aktivieren den Bearbeitungsmodus über das Menü »Format | Bild | Bild zuschneiden« . Um das Objekt herum erscheinen nun rote Anfasser (Abbildung 3). Die mittleren schneiden horizontal respektive vertikal bis zum Mauszeiger zu. Um gleichzeitig horizontal und vertikal bis zum Zeiger zuzuschneiden, fassen Nutzer an einer der Ecken an. Das gleichzeitiges Drücken von [Umschalt] erhält die Proportionen.
Libre Office 5 enthält neue Autokorrektur-Funktionen. Anwender können nun Emojis und andere Ideogramme über Schlüsselwörter einfügen, die zwischen Doppelpunkten stehen. Von »:Affe:« , »:Alien:« und »:Auto:« über »:Pinguin:« , »:Wildschwein:« und »:Wolke:« bis hin zu »:Zeitung:« oder »:Zyklon:« ist alles dabei, was Unicode 6 zu bieten hat. Über »Extras | Autokorrektur-Optionen« sehen Anwender die vollständige Liste der Schlüsselbegriffe und der zugehörigen Bilder ein.
Zugegeben das Ganze ist recht verspielt – glücklicherweise hat die Autokorrektur auch im typographischen Bereich dazugelernt. Wer sich die Tastenkombinationen für Minuszeichen, Halbgeviert- oder Geviert-Strich nicht merken kann, dürfte sich mit »:-:« , »:–:« und »:—:« leichter tun. Die Entwickler haben außerdem praktische Autokorrektur-Funktionen für das Malzeichen (»:Malx:« ), Minuten (»:Minuten:« ) und (»:Sekunden:« ) sowie hoch- und tiefgestellte Ziffern eingerichtet. Ein Blick in den Dialog »Autokorrektur-Optionen« lohnt sich.
Austauschbar?
Die Tabellenkalkulation führt neue Funktionen ein, vorhandene haben die Entwickler korrigiert. Fast alle Änderungen in Calc zielen auf einen besseren Austausch mit Microsoft Excel ab. Verbesserungen gibt es ebenfalls bei den bedingten Formatierungen und bei der Zahlendarstellung.
Auch die Im- und Exportfilter anderer Libre-Office-Module haben dazugelernt. Ein lästiger Bug, der beim Speichern im MS-Word-Format Hervorhebungen und Schatten unterschlug, ist nun behoben. In den Programmeinstellungen (»Extras | Optionen | Laden/Speichern | Microsoft Office« ) legen Anwender nun per Klick in eine Checkbox fest, wie Libre Office die Hintergründe exportieren soll.
Ganz neu dabei sind Importfunktionen für I-Works-Dateien. Libre Office 5 kann dank der Bibliothek »libetonyek« nun Pages- und Numbers-Dateien (Version 09 und älter) öffnen. Während das Einlesen von einfachen Texten und Tabellen problemlos klappte, gelang das Übertragen von Dokumenten mit farbigen Tabellen und Diagrammen nicht. Von einer Datei mit einem einfachen Balkendiagramm und einer dreispaltigen Tabelle blieben im Test lediglich die Zahlen übrig – hier ist noch viel Luft nach oben. Wer I-Works-Dokumente an Nutzer der freien Bürosuite weiterreichen möchte, sollte nach wie vor den Umweg über den Export ins Microsoft-Format wählen.
Gut gelungen ist dagegen die Erweiterung des PDF-Exports. In den Programmeinstellungen können Anwender unter »Sicherheit« nun die Adresse einer Zeitstempel-Agentur hinterlegen. Beim Speichern richten sie Zertifikat und Time Stamp Authority auf dem neuen Reiter »Digitale Signaturen« ein.
In den Release Notes warnen die Libre-Office-Entwickler, dass die fünfte Ausgabe noch Fehler enthalten kann. Wer eine stabile Ausgabe bevorzugt, sollte nach ihrer Meinung bei Version 4.4.5 bleiben. Die Tester erlebten bei der Arbeit mit den einzelnen Programmmodulen keine Abstürze; auch beim intensiven Im- und Export mit Fremdformaten erwies sich Libre Office 5 als stabil.
Dass der angekündigten Austausch mit Apples Pages und Numbers noch nicht reibungslos gelingt, ist verschmerzbar. Hier legen künftige Releases sicher nach. Die verbesserte Benutzeroberfläche, die neue Optik, die renovierten Menüs und Leisten überzeugen in jeder Hinsicht.
Über den Wolken
Wer sich für einen Blick hinter die Kulissen interessiert, kann im Blog von Michael Meeks [3] nachlesen, welche technischen Neuerungen im Code erfolgt sind. Die Entwickler haben sich vor allem dem VCL-Toolkit und den Rendering-Mechanismen gewidmet. Der restrukturierte Code soll auch der Android-Version [4] zugutekommen, die mit der Desktopversion eine gemeinsame Basis hat. Während die App derzeit nur eingeschränkte Bearbeitungsfunktionen bietet, soll sich das in den kommenden Monaten verbessern. Andere Zukunftspläne betreffen die Cloudvariante – Libre Office Online steht in den Startlöchern [5].
Infos
- Libre Office: http://de.libreoffice.org
- Blogartikel zu Version 5: https://blog.documentfoundation.org/2015/08/05/libreoffice-5-0-stands-out-from-the-office-suite-crowd
- “Libre Office under the hood”: https://people.gnome.org/~michael/blog/2015-08-05-under-the-hood-5-0.html
- Artikel zum Libre Office Viewer; Heike Jurzik, “Frischluftbüro-Gehilfe”: Linux-Magazin 08/15, S. 50
- Ankündigung für Libre Office Online: https://blog.documentfoundation.org/2015/03/25/libreoffice-to-become-the-cornerstone-of-the-worlds-first-universal-productivity-solution








