Ein Empfehlungsschreiben für eine überlegene Open-Source-Firmenkultur aus berufenem Mund und ein dickes Lern- und Nachschlagewerk zum Thema MySQL.
Das Buch von Red Hats CEO Jim Whitehurst konfrontiert den nüchternen deutschen Leser zunächst mit einem deutlichen Mentalitätsunterschied, spricht es ihn doch recht pathetisch an: “Muss nur noch kurz die Welt retten.” Wenn Tim Bendzko das singt, meint er es selbstironisch. Jim Whitehurst aber ist es ernst, wenn er schreibt: “Bei Red Hat haben wir erkannt, dass die Leute deshalb ihre wertvolle Zeit in Arbeit bei uns investieren (angesichts der Myriaden anderer Alternativen, die sie hätten), weil sie sich fühlen wollen, als würden sie die Welt zum Besseren verändern.”
Pathos mit Fragezeichen
Dabei haben seine Argumente im Kern Hand und Fuß: Ja, wer sich für eine Sache begeistert, wird freiwillig härter arbeiten und sich weniger beschweren. Ja, Idealismus kann ein starkes Motiv sein. Ja, wo man die Entscheidungen an die Kompetentesten delegiert, werden weniger Fehler passieren. Ja, wo der Arbeitgeber auf seine Mitarbeiter hört, kann er deren Engagement fördern. Diese Erkenntnisse sind nicht unbedingt neu, aber wahr. Im Buch befremdet nur der missionarische Eifer des Vortrags.
Das trifft auch auf die empfohlenen Methoden zu, die zumindest kulturelle Unterschiede ignorieren. So wie Unternehmenshymnen in Japan populär sein mögen, kann man vielleicht auch Amerikanern ein Firmenmotto verkaufen, ähnlich denen, die Whitehurst beispielhaft zitiert, wenn er den Wert eines gemeinsamen Ziels betonen will: “Leid und Schmerz lindern” (Pharmariese Johnson & Johnson) oder “Den Menschen die Freiheit geben, zu fliegen” (Southwest Airlines). Dass man aber mit solchen Parolen hierzulande jemanden hinter dem Ofen hervorlockt, ist schwer vorstellbar.
Ein Fragezeichen wäre auch hinter das Bemühen zu setzen, alles Edle und Gute aus dem Open-Source-Gedanken abzuleiten und zugleich dem proprietären Modell die Motivationsfähigkeit abzusprechen. Ohne Zweifel ist Open Source eine prima Sache. Dass aber in einer konventionellen Firmenhierarchie leidenschaftliches Engagement unmöglich sei, erscheint fraglich. Whitehurst vereinfacht und verklärt, wenn er meint, finanzielle Anreize könnten kein echter Ansporn sein, oder wenn er ausblendet, dass es auch im Lager der freien Software vielfältige Schwierigkeiten gibt.
Fazit: Jim Whitehursts Buch lassen sich interessante Anregungen für eine offene, produktive Firmenkultur und einen mitarbeiterorientierten Führungsstil entnehmen. Ganz sicher konnte er dafür in seiner Position bei Red Hat Erfahrungen sammeln, die auch anderen nützlich sind. Dem problembewussten Leser hilft es aber wahrscheinlich, sich die Aussagen in eine etwas nüchternere und differenziertere Sprache zu übersetzen.
Alles über MySQL
Dass dieses Buch wenige Fragen offen lassen will, machen schon seine Dimensionen deutlich: Über 800 Seiten ergeben einen soliden Wälzer. So stellen die Autoren ihren umfangreichen Erklärungen zu MySQL denn auch eine Einführung in das Thema Datenbanken an sich voran und machen den Leser mit den grundlegenden Techniken der Datenmodellierung bekannt.
Im zweiten Teil geht es dann systematisch um die MySQL-Administration: Er erläutert die Architektur der Datenbank, die Installation und die Bordwerkzeuge nebst einem Abstecher zu den Themen Backup und Monitoring sowie die Performance-Optimierung im Hinblick auf Hardware und Konfiguration. Der Optimierung von Abfragen ist dagegen ein eigenes Kapitel gewidmet. Außerdem werden in eigenen Kapiteln Replikation und Hochverfügbarkeit beziehungsweise Sicherheit diskutiert.
Der sehr umfangreiche dritte Teil widmet sich dann der Software-Entwicklung in und für MySQL: Angefangen von Stored Procedures über SQL-Programmierung bis zu Schnittstellen zu anderen Programmiersprachen. Auch NoSQL mit MySQL stellt er von Grund auf vor.
Die Autoren verstehen es, ihren Stoff gründlich und gut verständlich zu vermitteln. Zahlreiche Beispiele illustrieren das Dargebotene. Damit ist das Buch eine Empfehlung für angehende DBAs, aber auch für den gestandenen Admin, dem es als Referenz nützlich ist.
Info 1
Jim Whitehurst:
The Open Organization
(in englischer Sprache)
Havard Business Review Press, 2015
227 Seiten, 16 US-Dollar
ISBN: 978-1-62527-527-1







