Anlässlich der Republica 2014 hat der WDR sein Reportagetool Pageflow unter eine Open-Source-Lizenz gestellt. Die Software setzt auf moderne Webtechniken, ist responsiv und kombiniert Texte mit Multimedialem. Was Journalisten, Blogger und Präsentatoren erwarten können, verrät der Kurztest.
Von multimedialem Storytelling profitieren Reportagen und Features im Onlinejournalismus genauso wie Produktpräsentationen. Texte, Bilder, Videos und Klänge fließen zusammen – moderne Webstandards und Browser machen’s möglich. Damit Journalisten und Blogger sich auf die Inhalte konzentrieren können und sich nicht mit der zugrunde liegenden Technik auseinandersetzen müssen, hat die Kölner Firma Codevise Solutions [1] zusammen mit dem Westdeutschen Rundfunk [2] das Reportagetool Pageflow [3] entwickelt.
In einem minimalen Contentmanagement-System schreiben Redakteure ihre Artikel, verwalten Bilder, Videos und Audiodateien und verbinden alles mit schicken Übergangseffekten. Das Ganze basiert auf HTML 5, CSS 3 und Javascript, ist responsiv umgesetzt und passt sich an alle Bildschirmgrößen an.
Im Mai 2014, pünktlich zum Start der Internetkonferenz Republica, stellte der WDR die Software unter die MIT-Lizenz. Der Quellcode des Ruby-on-Rails-Programms ist über Github [4] verfügbar. Dort finden Anwender ebenfalls eine Anleitung zur Installation auf dem eigenen Server. Die Tester richteten die Software auf einem typischen LAMP-System unter Debian Wheezy ein. Außerdem nahmen sie eine Testinstanz unter die Lupe, welche die Firma Codevise zur Verfügung gestellt hat. Sie schauten sich an, wie flexibel das Tool ist und wie gut das Geschichtenerzählen damit gelingt.
Flusslandschaft
Wer Pageflow auf einem eigenen Webserver betreiben möchte, der sollte sich zunächst gründlich mit Ruby on Rails beschäftigen und die Anleitung des Herstellers im Wiki [5] genau studieren. Pageflow ist als Rails-Engine implementiert und benötigt außer Rails 4.0 und Ruby 1.9.3 oder neuer eine MySQL-Datenbank sowie die In-Memory-Datenbank Redis [6]. Außerdem erfordert das Tool Accounts bei den kostenpflichtigen Clouddiensten Amazon Web Services [7] und Zencoder [8], die es zum Aufbewahren (Bilder, Videos, Audiodateien) respektive Transkodieren (Video und Audio) nutzt. Kostenfreie Testzugänge für beide Services registrieren Anwender auf der jeweiligen Webseite. Das Pageflow-Wiki erklärt detailliert die Einrichtung der Amazon-S3-Buckets, sodass Zencoder Daten aus ihnen beziehen kann.
Sollten die Versionsnummern der Ruby- und der Rails-Pakete auf dem Server nicht zu den Installationsanforderungen passen, nutzen Anwender alternativ den Ruby Version Manager [9] und folgen der Anleitung auf der RVM-Webseite. Dann erzeugen sie eine neue Rails-App, die später Pageflow aufnehmen soll.
Im Readme, das die Entwickler auf Github [4] veröffentlichen, sind zusätzliche Einträge für das Gemfile gelistet, die Admins hinzufügen, bevor sie »bundle install« ausführen und damit die Software sowie alle Abhängigkeiten einspielen. Falls noch nicht geschehen, richten sie eine MySQL-Datenbank für Pageflow ein. Deren Zugangsdaten gehören in die Datei »config/database.yml« im Verzeichnis der Rails-App.
Abschließend starten Admins, wie in der Dokumentation beschrieben, den Redis-Server und das -Backend Resque, um Ruby-Hintergrundprozesse ausführen zu können. Der Aufruf »rails s« initialisiert den Webserver, und Pageflow ist nun unter »http://localhost:3000/admin/login« zu erreichen. Für den produktiven Einsatz eignet sich dieses Setup nicht.
Um die Anwendung über Apache bereitzustellen, rüsten Benutzer das Modul Phusion Passenger nach, auf Debian-Systemen durch die Installation des Pakets »libapache2-mod-passenger« . Danach konfigurieren sie den Virtual Host für die Webapplikation gemäß der Passenger-Definition und starten Apache neu.
Zurzeit benötigt eine Redaktion für den Einsatz von Pageflow also einen Rails-erfahrenen Dienstleister oder Admin. Wer den Installations- und Einrichtungsaufwand auf dem eigenen Server scheut, der kann den in Kürze verfügbaren Codevise-Hosting-Service in Anspruch nehmen. Der Account wird kostenpflichtig sein; Preise waren zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Interessierte Anwender können sich auf der Pageflow-Homepage schon jetzt unverbindlich für den Early Access anmelden.
Schnörkellos
Das Dashboard präsentiert sich schlicht und pragmatisch. Über den oberen Rand erreichen Admins die Benutzerverwaltung und die Beiträge. Um neue Mitarbeiter hinzuzufügen, klicken sie auf »Benutzer einladen« , tragen Vor- und Nachnamen ein und weisen über ein Dropdown-Menü eine Rolle sowie optional einen oder mehrere Beiträge zu. Pageflow unterscheidet zwischen Konto-Administratoren und Redakteuren. Letztere haben nur Zugriff auf die ihnen zugeteilten Artikel.
Admins sind auch für die Zugänge und das Anlegen neuer Beiträge verantwortlich. Dazu klicken sie auf »Beitrag erstellen« und geben einen Titel ein. Dieser bestimmt die öffentliche URL, unter welcher der Artikel später zu erreichen ist. Er hat nichts mit der Überschrift zu tun, den Anwender im Editor ebenfalls über das Feld »Titel« setzen.
Das Editorfenster ist zweigeteilt (siehe Abbildung 1). Im linken Bereich ist der Beitrag als Vorschau zu sehen, rechts befinden sich die Gliederung, die Medienverwaltung sowie Menüs zum Bearbeiten der Kapitel und Seiten. Über »Titel und Optionen« hinterlegt der Redakteur die Überschrift der Reportage, eine Zusammenfassung, die zum Beispiel für das Verlinken in sozialen Netzwerken dienlich ist, sowie Credits.
Für das Bearbeiten der Texte steht ein Wysiwyg-Editor bereit, der aber nur einige ausgewählte Formatierungsoptionen bereitstellt. Außerdem entscheidet der Verfasser hier, ob Betrachter vor dem Start einen Multimedia-Bedienhinweis sehen. Die Struktur der Reportage legt der Redakteur unter »Gliederung« fest. Über die entsprechenden Schaltflächen legt er Kapitel an und erzeugt dann Seiten für diese.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist anfangs, dass es keinen »Speichern« -Button gibt, da Pageflow alle Änderungen beim Verlassen eines Feldes direkt sichert. Beim Eingeben von Taglines, Titeln, Untertiteln und Texten für die einzelnen Seiten stellt sich dies jedoch schnell als sehr komfortabel heraus, vor allem weil alle Änderungen direkt im Vorschaufenster sichtbar sind. Ebenfalls eingebaut ist eine Art Schutzvorrichtung, die das gleichzeitige Bearbeiten eines Beitrags durch mehrere Personen verhindert.
Seitenweise
Der erste Schritt nach dem Klick auf »Neue Seite« ist das Auswählen des Seitentyps. Wählt der Redakteur aus dem gleichnamigen Dropdown-Menü den Eintrag »Hintergrund-Bild« , kann er Tagline, Titel, Untertitel und Text definieren, alle Elemente erscheinen über einem großformatigen Hintergrundbild (Abbildung 2). In der Voreinstellung liegt weiße Schrift über einem in Richtung Text abgedunkelten Hintergrund. Der Regler »Intensität des Farbverlaufs« bestimmt den Kontrast. Für eine helle Grafik ist es auch möglich, die Farben zu invertieren.
Ähnlich funktioniert der Seitentyp »Hintergrund-Video« , der anstelle einer statischen Grafik einen Film in Endlosschleife abspielt. Da Pageflow diese Hintergründe immer auf Vollbildgröße skaliert, eignen sich besonders hochauflösende Bilder und Videos.
Ein nettes Feature bietet der Typ »Vorher/Nachher« . Redakteure laden zwei Bilder hoch, die der Betrachter später durch Verschieben einer Trennlinie miteinander vergleichen kann. Wer seinen Betrachtern Filme und Sounddateien in einer klassischen Ansicht mit einem Player präsentieren möchte, der wählt als Seitentyp »Video« oder »Audio« . Zum Transkodieren nutzt Pageflow wie erwähnt den Clouddienst Zencoder [8] und bewältigt damit alle Formate, welche die Zencoder-Homepage auflistet.
Für den Seitentyp »Diagramm« bindet das Reportagetool ebenfalls einen externen Dienstleister ein und arbeitet dazu mit dem Open-Source-Werkzeug Datawrapper [10] zusammen. Das ist allerdings nicht ganz offensichtlich, die Tester kamen nur durch Zufall auf die richtige Spur, als sie im Feld »Diagramm URL« Adressen ausprobierten. Gleiches gilt für die 360-Grad-Ansichten, wo ebenfalls nicht ersichtlich ist, auf welche URL der Redakteur verlinken soll. Als externe Dienstleister fungieren hier Palmsfilm [11] und Panogate [12]. Beide Firmen spezialisieren sich auf 360-Grad-Raumansichten und -Objektpräsentationen. Das Teamwork mit allen externen Services klappte im Test reibungslos.
Der Editor ist übersichtlich und verlangt keine große Einarbeitungszeit. Zum Verfassen umfangreicher Reportagen bietet es sich an, die Größe über den Anfasser in der Mitte zurechtzurücken, die Vorschau also zu verkleinern und mehr Platz im Gliederungsbereich zu erhalten. Kapitel und Seiten ziehen Redakteure dort per Drag & Drop in die gewünschte Reihenfolge. Etwas irritierend ist lediglich, dass Pageflow beim Schieben eines Elements dieses jedes Mal im Editor öffnet.
Ist die Reportage fertig, stellt sie ein Klick auf »Veröffentlichen« unter der vorher definierten URL online. Dabei darf der Redakteur entscheiden, ob der Beitrag unbegrenzt verfügbar ist oder zu einem bestimmten Datum und einer festgelegten Uhrzeit wieder offline geht (siehe Abbildung 3).
So viel Komfort hat einen Preis: Dass die Arbeit mit Pageflow so leicht von der Hand geht, liegt unter anderem daran, dass es verhältnismäßig wenige Stellschrauben zum Individualisieren gibt. Hat der Redakteur sich für einen Seitentyp entschieden, kann er wählen, ob der Text rechts- oder linksbündig steht, ob die Titelangaben sichtbar sind oder nicht und ob der Übergang zwischen den Seiten einen Überblend- oder Scrolleffekt hat. Viel mehr Anpassungsmöglichkeiten gibt es allerdings nicht.
Wer ein eigenes Firmenlogo verwenden, Fonts, Schriftgrößen oder -farben definieren möchte, der benötigt Zugriff auf die Pageflow-Installation. Mit HTML- und CSS-Grundwissen passen Benutzer die dort gelagerten Themes und Templates im Texteditor an. Um größere Änderungen vorzunehmen, etwa um neue Seitentypen anzulegen, sind Ruby-on-Rails- sowie Javascript-Kenntnisse unabdingbar. Derzeit sind die entsprechenden Kapitel in der Dokumentation [5] noch leer – eine ausführliche Anleitung ist laut Aussagen von Codevise in Arbeit.
Wer experimentieren möchte, sollte das Navigationsverhalten von Pageflow und den responsiven Aufbau berücksichtigen. Eigene Seitentypen verpacken hilfsbereite Programmierer am besten als Ruby-Gems und stellen sie damit anderen Nutzern des Reportagetools zur Verfügung.
Alles im Fluss
Wer Pageflow selbst erweitern möchte, muss sich tiefer ins System einarbeiten und vor allem das Programm installieren – ohne umfassendes Ruby-on-Rails-Know-how ist das nicht zu bewältigen. Admins, die diese Hürden überwunden haben, stehen dann vor dem Problem, dass die Software zwingend eine Registrierung bei den kostenpflichtigen Clouddiensten Amazon Web Services und Zencoder voraussetzt. Es ist nicht möglich, andere Anbieter zu wählen oder auf selbst gehostete Lösungen umzuschwenken – das dürfte einige Open-Source-Enthusiasten abschrecken.
Auf Nachfrage teilte Codevise mit, dass zurzeit nicht geplant sei, Anbindungen an alternative Clouddienste bereitzustellen. Sollte aber ein Entwickler ein Patch liefern, das andere Services an Pageflow anbindet, würde man ihm gerne mit Rat – allerdings aus Zeitgründen weniger mit Tat – zur Seite stehen.
Wer sich nicht durch die Einrichtung auf dem eigenen Server kämpfen möchte, muss warten, bis die von Codevise gehostete Variante online geht. Die Firma verriet den Testern so viel, dass es in dieser Version möglich sein wird, ein eigenes Logo hochzuladen und ein paar Farbwerte anzupassen. Sollte das Feature Anklang finden bei den Redaktionen, werde man Pageflow Schritt für Schritt erweitern und weitere Individualisierungen ermöglichen.
Ist Pageflow einmal eingerichtet, überzeugt das Tool auf ganzer Linie. Es ist durchdacht, kinderleicht zu bedienen und bietet mit der rudimentären Rechteverwaltung ausreichend Schutz vor ungewollten Änderungen, da es die Aufgaben und Beiträge nur an ausgewählte Redakteure verteilt. Die Ergebnisse können sich sehen lassen, sind responsiv und machen nicht nur auf Desktop-PCs etwas her, sondern auch auf den Displays von Laptops, Tablets, Smartphones und E-Book-Readern.
Infos
- Codevise Solutions Limited: http://codevise.de
- WDR: http://reportage.wdr.de
- Pageflow: http://www.pageflow.io
- Pageflow auf Github: https://github.com/codevise/pageflow
- Pageflow-Wiki: https://github.com/codevise/pageflow/wik
- Redis: http://redis.io
- Amazon Web Services: http://aws.amazon.com/de
- Zencoder: http://zencoder.com
- Ruby Version Manager: https://rvm.io
- Datawrapper: http://www.datawrapper.de
- Palmsfilm: http://www.palmsfilm.com
- Panogate: http://www.panogate.de








