Aus Linux-Magazin 05/2013

Libre Office 4.0 im Test

© Isabel Poulin, 123RF.com

Libre Office nullt und stellt zum ersten Mal eine 4 voran. Alle Module bieten zahlreiche Verbesserungen und zu einer Majorversion angemessene Neuerungen. Der Test zeigt, ob es Grund zum Feiern gibt.

Anfang Februar veröffentlichten die Libre-Office-Entwickler Version 4.0 des freien Büropakets [1]. Schon auf der diesjährigen Fosdem [2] konnten Anwender am Libre-Office-Stand und in diversen Vorträgen die neuen Features und Funktionen bewundern. Dass das Büropaket deutlich flotter zu Werke geht, ist sicherlich den gründlichen Aufräumarbeiten im Quellcode zu verdanken. Wie so etwas bei einem solch großen Projekt abläuft, veranschaulichte unter anderem der Talk von Michael Meeks “The story of cleaning and re-factoring a giant code-base” [3].

Inzwischen hat das Projekt eine erste verbesserte und fehlerbereinigte Fassung mit der Nummer 4.0.1 veröffentlicht. Auf den beiden Testrechnern mit Ubuntu 12.10 (Quantal Quetzal) und 12.04 LTS (Precise Pangolin) installierten die Tester Version 4.0.1 vom 5. März 2013. Dazu entfernten sie wie empfohlen zunächst die von der Distribution ausgelieferte Version der Office-Suite und spielten danach die Libre-Office-Pakete von Hand ein.

Vorbereitungen zur Party

Die Entwickler trennten sich von einigen Java-Altlasten und implementierten den Fax- und Brief-Assistenten in Python. Das eigene Suchmodul ersetzten sie durch das schnellere und kleinere für reguläre Ausdrücke von ICU (International Components for Unicode, [4]). ODS-, XLSX- und RTF-Dokumente sind nun insgesamt flotter geladen; das gilt vor allem für Präsentationen, die Folien mit vielen Fanglinien enthalten. Libre Office 4.0 erzeugt schneller Vorschauen für Medien und eingebettete Videos und integriert dank des neuen Sitzungs-Installers zusätzliche Komponenten im laufenden Betrieb.

An der Front der proprietären Dokumentformate hat sich ebenfalls etwas getan. Die Macher spendierten einen neuen Importfilter für Microsoft Publisher und besseren Support für das Visio-Dateiformat (Versionen von Visio 1.0 bis Microsoft Visio 2013). Dateien aus Dokumentmanagement-Systemen wie Alfresco, Sharepoint und Nuxeo sind nun dank der neuen CMIS-Protokoll-Unterstützung ebenfalls zugänglich (siehe den entsprechenden Artikel in dieser Ausgabe).

Die Entwickler haben aber nicht nur Neues hinzugefügt, sondern auch aufgeräumt und alte Zöpfe abgeschnitten. Außer der Unterstützung für Windows 2000 fallen der Support für ältere Star-Office-Filter (Versionen 1.x bis 5.x) und der Export in ältere Word- und Excel-Formate (Version 6.0/95) weg. Anwender können diese Dateien weiterhin öffnen, Writer und Impress speichern sie aber im eigenen Standardformat ODT und ODS.

Im Designerkleid

Libre Office 4.0 hat sich hübsch gemacht – ab sofort sorgen Firefox-Personas [5] für den individuellen Look. In den Programmeinstellungen wählen Anwender zwischen der normalen Ansicht oder einem Browser-Theme (Abbildung 1). Ebenfalls an seinem Look&Feel gearbeitet hat der neue Template-Manager. Der Dialog »Dokumentvorlagen verwalten« bietet komfortablen Zugriff auf mitgelieferte und eigene Vorlagen.

Abbildung 1: Wer die Firefox-Personas mag, der dürfte sich über das neue Feature in Libre Office 4.0 freuen.

Abbildung 1: Wer die Firefox-Personas mag, der dürfte sich über das neue Feature in Libre Office 4.0 freuen.

Grafiken in Draw, Impress und Calc manipulieren Anwender nun direkt und ohne Umweg über externe Tools. Dazu klicken sie ein Bild mit der rechten Maustaste an und wählen aus dem Kontextmenü beispielsweise »Grafik verkleinern« . Ein Dialog zeigt die Originalmaße an und bietet über Checkboxen und Eingabefelder die Möglichkeit, eine Grafik an eigene Wünsche anzupassen (siehe Abbildung 2). Ein Klick auf »Berechnen« zeigt hinter »Neue Kapazität« an, wie viel Platz die veränderte Grafik braucht. Das Feature fehlt in Writer bislang noch.

Abbildung 2: In diesem Dialog komprimieren Anwender Grafiken und verändern deren Größe.

Abbildung 2: In diesem Dialog komprimieren Anwender Grafiken und verändern deren Größe.

Formales Ereignis

Apropos Format: Benutzer dürfen ab sofort Formatvorlagen per Rechtsklick verbergen. Ein Dropdown-Menü im unteren Bereich des Dialogs enthält Filter, die alle Vorlagen, die verwendeten, Benutzervorlagen oder eben versteckte einblenden. Ein Rechtsklick auf einen verborgenen Eintrag – und »Anzeigen« bringt ihn wieder zum Vorschein. Eine kleine Verbesserung mit Aha-Effekt ist die Vorschaufunktion, die Anwendern im Ausklappmenü »Vorlage anwenden« einen Ausblick auf alle Formatvorlagen bietet.

Die Behauptung, dass Libre Office Unity-Fans mit einem globalen Menü beglückt, erweist sich allerdings als Zukunftsmusik. Das Feature ist zwar bereits in den Libre-Office-Code eingeflossen, wird aber nach Aussage der Entwickler erst Benutzer von Ubuntu 13.04 (Raring Ringtail) in dessen Genuss bringen.

Geburtstagskarte

Eine oft gewünschte Funktion hält in Libre Office Writer Einzug, die die Zusammenarbeit mehrerer Anwender an Dokumenten sicherlich maßgeblich verbessert. Kommentare durften Anwender bisher nur im Text verankern. Jetzt ist es möglich, gezielt Bereiche zu markieren, sodass noch besser sichtbar wird, auf welchen Teil sich eine Anmerkung bezieht (Abbildung 3). Als praktisch erweist sich auch, dass Writer nun Feldbefehle markiert, wenn ein Nutzer diese einmal anklickt. In den Vorgängerversionen tauchte lediglich der Cursor an der Position vor dem Feld auf.

Abbildung 3: Mit der neuen Kommentarfunktion markieren Anwender Textpassagen und fügen dann ihre Anmerkungen hinzu. Writer kennzeichnet diese deutlich.

Abbildung 3: Mit der neuen Kommentarfunktion markieren Anwender Textpassagen und fügen dann ihre Anmerkungen hinzu. Writer kennzeichnet diese deutlich.

Das Textverarbeitungsmodul erkennt und importiert nun Freihandanmerkungen, die Benutzer in DOCX- und RTF-Dokumenten auf Tablet-PCs gemacht haben. Mehr Flexibilität bieten auch die Seitenvorlagen, die abweichende Kopf- und Fußzeilen auf der ersten Seite erlauben. Das Feature kommt allen Schreiberlingen zugute, die ihren Dokumenten Titelblätter ohne Header und Footer beifügen möchten.

Wer oft mit Formeln in Writer hantieren muss, der kann jetzt Math-Formeln mit RTF-Dokumenten austauschen. Außerdem ist es möglich, andere Zeichen als Leerstellen als Worttrenner zu definieren. Ein Blick in die Optionen unter »LibreOffice Writer | Allgemein | Wortzählung« zeigt, dass lange und kurze Gedankenstriche in der Voreinstellung als Trenner definiert sind; Anwender dürfen die Liste beliebig verändern.

Fete planen

Calc öffnet ODS-Dokumente schneller, rendert Diagramme besser und behält zwischengespeicherte Werte bei, das heißt, die Tabellenkalkulation zeigt die Werte so an, wie sie beim letzten Speichern waren, und berechnet sie nicht neu. Das erleichtert Benutzern die Arbeit, die Dokumente auch auf anderen Plattformen oder in anderen Programmen bearbeiten. In der Vergangenheit hat Calc vor allem im Austausch mit Microsoft Excel abweichende Ergebnisse geliefert. Wer das Feature nicht nutzen möchte, der schaltet es in den Optionen im Bereich »Formeln« ab.

Präsente

Die Entwickler haben zudem einige Funktionen, zum Beispiel »XODER()« , »MITTELWERTWENN()« , »SUMMEWENNS()« , »ZÄHLENWENNS()« und »WENNFEHLER()« erstmalig implementiert. Der neue Dialog »XML-Quelle« ermöglicht es, beliebige XML-Inhalte in Calc zu importieren.

Work in Progress ist derzeit noch der Gnumeric-Importfilter. Wer diesen testen und Feedback geben möchte, der aktiviert in den Einstellungen unter »LibreOffice | Erweitert« die experimentellen Funktionen. Noch gibt es allerdings einiges zu tun (siehe Abbildung 4), beispielsweise stürzte im Test die Bürosuite reproduzierbar ab, wenn beim Einlesen einer Gnumeric-Datei noch keine Calc-Tabelle geöffnet war.

Abbildung 4: Der neue Gnumeric-Importfilter liefert noch keine brauchbaren Ergebnisse.

Abbildung 4: Der neue Gnumeric-Importfilter liefert noch keine brauchbaren Ergebnisse.

Eines der Highlights der neuen Libre-Office-Version ist die Fernbedienung per Android-Smartphone; die App Libre Office Impress Remote steht bei Google Play zum Download bereit [6]. Das Handy kommuniziert über Bluetooth mit dem Rechner, schaltet Impress nach Auswahl einer Präsentation sofort in den Vollbildmodus für Vorführungen und erlaubt es, in den Folien über Wischgesten oder optional mit den Lautstärketasten des Handys zu navigieren. Am oberen Rand blendet die App die Uhrzeit ein, damit Vortragende diese gut im Blick haben (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Impress-Präsentationen steuern Besitzer eines Android-Smartphones nun bequem über das Handy. Die App bietet zwei Ansichtsmodi – alle Folien auf einen Blick und einzelne Slides zum Durchwischen.

Abbildung 5: Impress-Präsentationen steuern Besitzer eines Android-Smartphones nun bequem über das Handy. Die App bietet zwei Ansichtsmodi – alle Folien auf einen Blick und einzelne Slides zum Durchwischen.

Derzeit kommen nur Android-Nutzer in den Genuss dieser Fernbedienungssoftware. Nach Aussagen der Entwickler gibt es nur Pläne für eine Blackberry-App. Andere Plattformen wie I-OS, Tizen, Nokia, Windows Phone 8 und so weiter schließen sie aber nicht aus – sollte sich ein Entwickler finden, der ein solches Projekt in Angriff nehmen möchte, ist er mehr als willkommen.

Happy Birthday!

Die neue Version ist eine gelungene und runde Sache – Libre Office feiert zu Recht die 4.0 im Namen. Die verbliebenen kleinen Schönheitsfehler beheben die Entwickler sicher bald in einer der kommenden Point-Releases. Eine Liste mit bekannten Problemen und einen Link zum Bugtracker-Wunschzettel finden Anwender unter [7].

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