Es soll sie noch geben, die Maschinen, die einfach so Jahrzehnte lang brav ihren Dienst verrichten. Auch in der kurzlebigen IT kommt es vor, dass ein Gerät länger mit der gleichen Distribution und Version laufen muss, als ursprünglich vom Hersteller gedacht. Spätestens nach sieben Jahren wird das aber richtig teuer.
Das Tsunami-Warnsystem im Indischen Ozean (German Indonesian Tsunami Early Warning System, GITEWS, [1]) hatte ein Problem: Wissenschaftler erzählen, schon die Entwicklung diverser Software [2] habe fünf Jahre verschlungen. Das aber sei zu lange, denn mit dem finalen Rollout 2010/11 von GITEWS erreichte das zugrunde liegende, bereits 2004 veröffentlichte Suse-Enterprise-Betriebssystem SLES 9 bereits das Ende seiner Laufzeit.
Daher haben sowohl Suse als auch Red Hat Angebote im Portfolio, die Kunden weiterhelfen, bei denen Projekte eben etwas länger dauern: Der General Support der Nürnberger verspricht zwar nur für vier Jahre Verbesserungen auf Kundenwunsch (Enhancement Requests), bis zum fünften Jahr gibt es mit Einschränkungen das so genannte Hardware Enablement. Doch ab dem sechsten Jahr kann der Kunde solche Features nur in individuellen Absprachen teuer kaufen.
Red Hat macht das prinzipiell genauso, nur heißt das Produkt anders. Was bei Suse Extended Support oder Long Term Service Pack Support (LTSS, [3], [4]) heißt, nennt Red Hat Extended Life Cylcle Support (ELS, [5], [6]). Updates und Patches gibt’s als teures Add-on bei beiden für jeweils zehn Jahre (für Red Hat Enterprise Linux 4 also bis 2015, für SLES 9 bis 2014). Für die etwas neueren RHEL 5 (ab 2007) und 6 (ab 2010) bieten die Rothüte auch eine Extended Life Phase an, die die Jahre 11, 12 und 13 absichern soll (Abbildungen 1 und 2). Bis 2023 (Red Hat) oder 2019 (SLES 11) besteht also derzeit Planungssicherheit – den passenden Geldbeutel und das Vertrauen ins Überleben der Hersteller vorausgesetzt.

Abbildung 1: Gut fünf Jahre Regellaufzeit inklusive Verbesserungen und Hardware-Support, danach nur noch Updates und Patches: Suses Langzeit-Supportmodell.

Abbildung 2: Der Lebensyzklus von Red Hat Enterprise Linux 3 und 4 sieht vier Jahre normale Betriebsdauer vor. Danach müssen sich die Kunden langsam um Updates kümmern, auch wenn der Hersteller bei RHEL 5 und 6 insgesamt sogar 13 Jahre supportet.
Suse: 4 mal 1,5 = 10 Jahre ?
Jede SLES-Major-Version bekommt in ihrem Leben vier Service Packs, eines etwa alle 18 Monate – daraus ergibt sich die garantierte Laufzeit von über fünf Jahren und der General Support für sieben Jahre. Als Lifecycle von SLES definiert Suse zehn Jahre, was laut Herstellerangaben die sieben Jahre normalen Support plus drei Jahre Extended Support umfasst. Dieser LTSS erlaubt es Kunden, Projekte mit ein und derselben SLES-Release auf ein Jahrzehnt zu planen und dabei immer aktuelle Patches und Bugfixes für die installierten Pakete zu erhalten.
Wer beim Einspielen von Service Packs Probleme bekommt, kann innerhalb von sechs Monaten nach Erscheinen des SP über den Overlap Support oder innerhalb von drei Jahren über den Long Term Service Pack Support Hilfe erhalten. Laut Suse können Kunden so auf einem speziellen Service-Pack-Level immerhin fünf Jahre verweilen.
Trotzdem ist zu beachten: “Es muss den Kunden klar sein, dass sie alle fünf Jahre mindestens eine Service-Pack- und alle zehn Jahre eine Betriebssystem-Migration einplanen müssen”, erklärt Simona Arsena, SLES-Produktmanagerin bei Suse. “In der Tat fragen uns immer wieder Kunden nach Zehn-Jahres-Verträgen für Rundum-Support. Das sind dann fast immer individuell maßgeschneiderte Vereinbarungen.”
Zu der notwendigen SLES-Subkription komme das LTSS-Add-on, das mit knapp 60 000 Euro pro Jahr anfängt (für bis zu 100 Server) und etwas weniger als 120 000 Euro für eine unbegrenzte Anzahl Maschinen kostet. Auf System Z läppert sich der LTSS auf 100 000 Euro für fünf IFLs (Integrated Facility for Linux) oder das Doppelte für eine unbegrenzte Anzahl. Allerdings sollten Kunden in spe beachten: Diese Preise gelten pro Service Pack und beinhalten die Serviceleistungen, die [3] auflistet. Angesichts der Verdienstmöglichkeiten verwundert es nicht, dass Suse das Produkt aktiv bewirbt und gerne Kunden in die LTSS-Palette aufnimmt.
Red Hat nur fürs Image?
Red Hat scheint das ein wenig anders zu sehen, zumindest gibt man sich bedeckt, was die Preise angeht und verweist auf Anfragen auf die reichhaltigen Informationen auf den Webseiten. Details zum Lebenszyklus der Produkte und der damit verbundenen Dienstleistungen nennt [7]. Red Hat rät dazu, alte, nicht upgradebare Systeme zu virtualisieren und lockt mit Support dafür.
RHEL 3 bekommt beispielsweise seit 2007, RHEL 4 seit 2011, RHEL 5 ab 2014 und Version 6 ab 2017 keine Hardware-Unterstützung mehr – außer die für den Betrieb in virtualisierten Umgebungen nötige. Auch Kunden, die eine Minor-Release wie 6.1 länger verwenden wollen, können dies mit Support von Red Hat tun, wenn sie das Add-on Extended Update Support (EUS) ihrer bestehenden Subskription hinzufügen.
Eine Presseanfrage des Linux-Magazins beantwortet der Hersteller zaghaft: Das Kerngeschäft sei das Subskriptionsmodell, mit der engen Bindung zwischen Kunde und Red Hat, aus “dem sich in der Regel automatisch auch Unterstützung und Hilfe für längere Zeiträume ergeben”. Die Subskriptionen seien auch nicht an eine Version, Architektur oder ein Produkt gebunden, sondern machen jederzeit Updates und Upgrades möglich. Aktive Werbung für das Produkt Langzeit-Support schaut anders aus. Offenbar bietet der Marktführer das eher widerwillig an, auch Preise oder Referenzkunden sind nicht in Erfahrung zu bringen.
Suse und Dienstleister
Billiger und flexibler, aber zumeist mit weniger Ressourcen gesegnet sind dann kleinere Dienstleister, die sich aber normalerweise auch nicht auf einzelne Distributionen beschränken. Red Hat verlangt ja vom Kunden, alle Systeme, die irgendwie mit dem Problem zu tun haben, müssten von der roten Infrastruktur gemanagt sein. Suse ist da flexibler und bietet sogar Support für beispielsweise Libre Office auf Windows, wenn der Kunde nur den Preis zu bezahlen bereit ist.
Ganz ähnlich machen das diverse Dienstleister: Ralph Dehner von dem Ingolstädter Linux-Experten B1 Systems [8] beschreibt als Beispiel: “Wir kalkulieren immer individuell, deshalb kann der Kunde bei uns auch Support für einzelne Softwarepakete buchen. Wir haben beispielsweise Geschäftspartner, die Pacemaker auf Red Hat betreiben, da übernehmen wir den Add-on-Support für die Pakete auch langfristig.”
Das Gleiche kommt häufig vor, wenn Anwender für einzelne Projekte Pakete mit anderen Parametern übersetzt haben wollen. “Da sorgen wir dann für den kompletten Stack und pflegen ihn”, erklärt Dehner. “Gelegentlich helfen wir auch in Fällen, wo der Distributor gar nicht mehr mitspielt, zum Beispiel bei alten Linux-Versionen oder auf ungewöhnlichen Architekturen wie Power oder System Z.”
Ubuntu und Univention
An den kleineren Firmen kommt ohnehin niemand vorbei, der Debian oder Ubuntu einsetzt. Auf Letzteres hat sich Teuto Net [9] spezialisiert. Die Firma macht auch im Ubuntu-Advantage-Programm [10] mit und verspricht deutschen Kunden offizielle Unterstützung mit Canonicals Segen. Doch existiert “kein generelles Angebot von Canonical für die Zeit nach dem offiziellen Support. Individuelle Vereinbarungen über Aktualisierung und den Service für einen bestimmten Satz von Paketen sind aber möglich. Das rechnet sich vermutlich jedoch nur bei großen Projekten”, weiß Oliver Dirker, bei Teuto Net für Vertrieb und Consulting zuständig.
Debian mit fünf Jahren Support gibt es auch in Bremen. So lange garantiert der wohl letzte verbliebene deutsche Enterprise-Linux-Distributor Univention für seinen Univention Corporate Server [11] Maintenance und Support, erwartet dann aber von seinen Kunden das Upgrade auf die neuen Versionen.
“In typischen UCS-Szenarien ist das auch nicht so schwierig, bietet aber meist viel Mehrwert. Wer will schon mit einer Samba-, Cups-, KVM- oder Open-LDAP-Release von vor fünf Jahren arbeiten, die nur Sicherheitsupdates bekommen hat?”, fragt Gründer und Geschäftsführer Peter Ganten (Abbildung 3). “Was wir allerdings machen, ist, dass wir manchmal Major-Versionen von Upstream-Software auch über UCS-Major-Releases hinweg maintainen, zum Beispiel bleibt Samba 3 als Alternative noch lange dabei. Das vereinfacht Upgrades älterer Systeme.”
Wer trotzdem eine alte UCS-Version gepflegt haben will, bekommt das “zu individuellen Preisen, die sich nach den gewünschten Funktionen oder Paketen richten”, erklärt Ganten. Und es gäbe auch Kunden, die unbedingt eine ältere Softwareversion einsetzten, den ganzen Rest des Betriebssystems aber aktuell haben wollen.
Eine Frage des Geldes
Wer in die missliche Lage kommt, Herstellersupport außerhalb der normalen Pfade zu benötigen, braucht meist einen gut gefüllten Geldbeutel. In großen Firmen oder umfangreichen Projekten kann es sich zwar durchaus lohnen, die Long-Term-Angebote von Distributoren oder Dienstleistern in Anspruch zu nehmen. In den meisten Fällen jedoch – wie Red Hats Ansatz mit der Virtualisierung alter RHEL-Systeme zeigt – gibt es kostengünstigere und flexiblere Alternativen.
Infos
- Deutsch-Indonesisches Tsunami-Warnsystem GITEWS: http://www.gitews.de
- Seiscomp: http://www.seiscomp3.org
- Novell Suse Long Term Service Pack Support Specs: https://www.suse.com/support/programs/long-term-service-pack-support.html
- Novell Suse Long Term Service Pack Support: http://www.novell.com/docrep/2011/03/long_term_service_pack_support_en.pdf und http://support.novell.com/lifecycle/
- Red Hat Extended Lifecycle Support als Add-on: http://de.redhat.com/products/enterprise-linux-add-ons/extended-lifecycle-support/
- Extended Lifecycle Support Exclusions: http://www.redhat.com/resourcelibrary/articles/extennded-lifecycle-support-exclusions
- Lebenszyklus Red Hat Enterprise Linux: https://access.redhat.com/support/policy/updates/errata/
- B1 Systems: http://www.b1-systems.de
- Teuto Net: http://www.teuto.net
- Ubuntu-Advantage-Programm: http://www.canonical.com/enterprise-services/ubuntu-advantage
- Univention: http://www.univention.de






