Das proprietäre Vuescan unterstützt deutlich mehr Scanner als das freie Sane, wählt den Scanbereich automatisch aus und rückt schiefe Vorlagen gerade. Im Juli dieses Jahres veröffentlichte der Hersteller Hamrick Software erstmals eine kostenlose Basic-Edition – Zeit, sie genau zu mustern.
Die Linux-Unterstützung von Consumer-Hardware hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Allerdings gilt dies wegen der stagnierenden Entwicklung von Sane [1] nicht unbedingt für Scanner. Die letzte Sane-Ausgabe – Version 1.0.22 – stammt vom Februar 2011 und hat damit seit rund eineinhalb Jahren kein Upgrade mehr gesehen. Nicht so Vuescan [2]: Die Software erscheint ständig in neuen Versionen und listet stolz 1850 Geräte [3] auf, darunter fast alle aktuellen Modelle der bekannten Hersteller, aber auch viele ältere Scanner.
Benutzer, die nur ab und zu ein paar DIN-A4-Seiten oder Fotos scannen, sind sicherlich – Sane-Unterstützung vorausgesetzt – mit Skanlite [4] oder Gnome-Scan [5] gut bedient. Für größere Projekte empfiehlt sich die führende freie Software Xsane [6]. Wozu dann also eine proprietäre Software installieren? Vuescan verspricht eine Steigerung des Scankomforts und der Bildqualität. Im Test trat ein Flachbettscanner Canon 8800F mit Durchlichteinheit an, um diese Aussage zu überprüfen.
Komfort als Plus
Vuescan steht auf der Homepage des Anbieters für Windows, Mac OS X und Linux zum Download bereit. iPhone-, iPad- und iPod-Touch-Nutzer finden für ihre mobilen Geräte eine App im Store, die über WLAN mit mehreren Scannern von HP, Epson und Canon zusammenarbeitet. Linuxer erhalten ein Tar.gz-Archiv, das ein vorkompiliertes Binary enthält. Eine Überprüfung mit »ldd« zeigt, dass es nur gegen Bibliotheken linkt, die auf Rechnern mit installierter Gnome-Umgebung vorhanden sind.
Im Test verrichtete Vuescan klaglos seinen Dienst unter Ubuntu 10.10 bis 12.04, Suse 11.4 und 12.1 sowie Fedora 17. Abgesehen von einem versteckten Konfigurationsordner im Homeverzeichnis greift das Programm nicht weiter ins System ein. Vuescan gibt es als kostenlose Basic-Edition sowie in den Varianten Standard (rund 40 US-Dollar beziehungsweise 33 Euro) und Professional (rund 80 US-Dollar, 66 Euro). Die I-OS-App kostet zirka 5 US-Dollar im I-Tunes-Shop.
In der Grundausstattung bringt nur die Arbeit mit dem Vuescan-Assistenten ein Ergebnis ohne Wasserzeichen zu Tage. Sobald der Benutzer die erweiterten Einstellungen aufruft, erscheint ein Dialog, der zum Kauf animiert. Hier ist es zwar möglich, über einen Klick auf »Nein« das Fenster zu schließen und dennoch die Profi-Funktionen zu erreichen. Die resultierenden Scans zeigen dann aber das Vuescan-Muster im Hintergrund.
Erweiterte Einstellungen ohne Wasserzeichen bleiben zahlenden Kunden vorbehalten. Wer eine Lizenz erwirbt, der darf die Anwendung auf bis zu vier Computern mit verschiedenen Betriebssystemen betreiben. Die Standard-Variante erhält kostenlose Upgrades für ein Jahr und erlaubt es, die Konfigurationsdialoge zu benutzen (siehe Abbildung 1); die Professional-Ausgabe bietet unbeschränkte Aktualisierungen, verarbeitet die Raw-Dateien vieler Digitalkameras zu fertigen Abzügen und ermöglicht das Feintuning von ICC-Profilen und Farbräumen sowie IT8-Farbkalibrierungen.

Abbildung 1: Wer statt des Assistenten der kostenfreien Basic-Version (oben) unbeschränktes Feintuning (unten) ohne Wasserzeichen auf den Scans wünscht, der sollte eine Standard- oder Professional-Lizenz erwerben. Ein Test der erweiterten Features ist jederzeit ohne Registrierung möglich.
Eine Aufgabe für Profis
Im ersten Versuch sollte Vuescan sein Können beim Scannen von Farbnegativen unter Beweis stellen. Negative invertieren die Farben nicht nur, sondern überlagern sie zusätzlich mit einem kräftigen Orange des Trägermaterials. In einem Bildbearbeitungsprogramm ist dies nicht ohne Weiteres zu beheben, da der Scan ohne Hardware-seitige Korrektur den Farbraum stark einschränkt. Fotolabors unterziehen jedes Bild einem separaten Belichtungs- und Farbabgleich – wie das menschliche Gehirn, das Farbstiche bei Neonbeleuchtung oder im rötlichen Abendlicht zumindest teilweise ausfiltert.
Eine physikalisch exakte Farbwiedergabe wirkt auf Fotografien alles andere als natürlich, die Scansoftware muss daher die Farben neutralisieren. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis von Vuescan (oben) im direkten Vergleich mit Xsane (unten). Bereits die kostenlose Basic-Version verwandelt ein mit Farbnegativen gefülltes Magazin vollautomatisch in separate Bilddateien mit unverfälschten, wenn auch nicht gerade leuchtenden Farben. Mit einer leichten Helligkeits- und Gammakorrektur trimmen Nutzer diese mühelos auf gute Bildqualität. Die proprietäre Software hat hier gegenüber Xsane eindeutig die Nase vorn, das beim Kontrast viel zu dick aufträgt.

Abbildung 2: Die automatische Farbkorrektur der freien Scansoftware Xsane (unten) kann mit Vuescan (oben) nicht mithalten. Die Außenaufnahmen fallen unnatürlich rot aus, die Innenaufnahmen völlig überbelichtet.
Ab der Standard-Edition stehen für viele Negativtypen optimierte Farbprofile zur Verfügung. Da sich die Filmmarken in ihrer Rohfarbwiedergabe stärker unterscheiden als im fertigen Abzug, steigert dies die Farbtreue der Scans noch einmal. Die registrierte Version bringt auch weitere Farbkorrekturverfahren ohne Wasserzeichen mit: Die Einstellungen »Glühbirne« und »Neonlicht« wirken durch Kunstlicht verursachten Farbstichen entgegen, »Nacht« , »Landschaft« und »Portrait« sind für bestimmte Motivtypen optimiert, während »Extremwerte automatisch« maximale Leuchtkraft hervorbringt.
Ohne Schieflage
Beim Negativscan in hoher Auflösung spart es viel Zeit, wenn die Software die Filmstreifen automatisch in Einzelbilder aufteilt. Die obere Hälfte aus Abbildung 2 entstand im Test mit der Einstellung »Mehrfachzuschnitt: 35mm Film« , die auch schon die kostenlose Variante im Assistenten bereitstellt.
Vuescan erkannte die einzelnen Negative und legte sie in separaten Dateien ab. Dabei traf das Programm fast immer den Bildausschnitt richtig und ließ nur selten einen dünnen schwarzen Rand stehen. Im Gegensatz dazu ermittelte Xsane nur rechteckige Ausschnitte. Da der Anwender diese dann einzeln mit der Maus auswählen muss, gerät das Digitalisieren einer Diasammlung schnell zur Sisyphosarbeit.
Ab der Standard-Version erweitert Vuescan die selbstständige Bereichsauswahl um die Funktion »Automatische Schiefe« , die schräg eingelegte Vorlagen gerade richtet. In Kombination mit »Mehrfachzuschnitt: automatisch« gelingt damit ohne Benutzereingriff auch das Scannen von nicht pedantisch gerade aufgelegten Vorlagen. Überraschenderweise ist die Ausschnittserkennung im Modus »Zeitschrift« nicht aktiv, in dem eine »Entrasterung« das Druckraster ausbügelt. Erst die einmalige Eingabe der Seitengröße sorgt für passgenaue Scans mehrerer Vorlagen gleicher Größe. Vuescan justiert allerdings auch hier automatisch die Seiten und macht damit penibles Auflegen der Seiten überflüssig.
Vuescan enthält mit der freien Tesseract-Engine [7] schon in der kostenlosen Basic-Version eine OCR-Funktion. An deren Erkennungsgenauigkeit gibt es bekanntlich wenig auszusetzen, auch wenn sie nicht an die Qualität des derzeitigen Marktführers Abbyy heranreicht ([8], [9]). Im Assistenten wählen Anwender als Vorlage »Text« aus, den Rest erledigt Vuescan selbst. Über die Zwischenablage im Menü »Bearbeiten« stellt das Scanprogramm den erfassten Text zur Verfügung und liefert zudem ein PDF, in dem der erkannte Text unsichtbar über der Bilddatei des Scans liegt.
Diese so genannten Sandwich-PDFs vereinen die Abbildung und den mit OCR erkannten Text und machen ihn so besser durchsuchbar – eine optimale Kombination für die Datenarchivierung (siehe Abbildung 3). Das GPL-lizenzierte Programm Gscan2pdf [10] erzeugt Sandwich-PDFs genauso komfortabel und rückt diese in Kombination mit dem Tool Unpaper [11] auch gerade. Im Vergleich zu mit Vuescan angefertigten PDF-Dateien fiel im Test kein Qualitätsunterschied auf.

Abbildung 3: Mit Hilfe von Tesseract baut Vuescan durchsuchbare Sandwich-PDFs mit Textebene und dem Scan in Originaloptik.
Qualität nach Maß
So manches der Hardware beiliegende Scanprogramm für Windows und Mac OS X enthält Komfortfunktionen wie automatische Ausschnittwahl und intelligente Farbkorrektur. Vuescan bringt diese Annehmlichkeiten auf den Linux-Desktop. Vor allem beim Digitalisieren einer Negativ- oder Diasammlung spart die proprietäre Software Zeit und Nerven und überzeugt mit Ergebnissen, die die freie Alternative Xsane nicht erreicht. Die lange Liste der unterstützten Hardware spricht für sich. Wer sich von Sane im Stich gelassen fühlt, der sollte Vuescan auf jeden Fall ausprobieren.
Wer nur die Grundfunktionen braucht und mit einem Assistenten, der durch die jeweiligen Arbeitsschritte führt, zufrieden ist, gelangt kostenlos und ohne Wasserzeichen zu seinen Scans. Die erweiterten Konfigurationsmöglichkeiten testen Nutzer darüber hinaus jederzeit nach Wegklicken der Registrierungsaufforderung, nehmen dann aber das Vuescan-Logo als Verzierung in Kauf.
Wen die Profifunktionen überzeugen, der legt mit 33 Euro für die Standard-Version nicht zu viel an. Für Grafiker oder Fotobegeisterte, die noch ein umfangreiches Negativ- oder Dia-Archiv besitzen, lohnt sich die Investition von 66 Euro, um unbeschränkte Upgrades und eine Farbkalibrierung zu beziehen. Sie erhalten dafür eine ausgereifte Linux-Scansoftware, die derzeit die freien Alternativen in den Schatten stellt.
Infos
- Sane: http://www.sane-project.org
- Vuescan: http://www.hamrick.com
- Scannersupport von Vuescan: http://www.hamrick.com/vuescan/vuescan.htm#supported
- Skanlite: http://www.kde.org/applications/graphics/skanlite
- Gnome-Scan: http://projects.gnome.org/gnome-scan
- Xsane: http://www.xsane.org
- Tesseract: http://code.google.com/p/tesseract-ocr
- Abbyy OCR für Linux: http://www.ocr4linux.com
- Peter Kreußel, “Nachlese, freie OCR-Software im Test”; Linux-Magazin 03/09, S. 56
- Gscan2pdf: http://gscan2pdf.sourceforge.net
- Unpaper: http://unpaper.berlios.de






