Zur Cebit bringt Klaus Knopper stets eine Release seiner Distribution heraus – abermals exklusiv in der DELUG-Ausgabe dieses Linux-Magazins. In dem folgenden Artikel erzählt er, welche herausragenden Dinge die runde Nummer 7.0 rechtfertigen.
Die Idee hinter Knoppix [1] war und ist, den Rechner direkt vom Live-Medium DVD oder USB-Stick zu starten und sofort arbeiten zu können, ohne sich einloggen, irgendwelche Fragen beantworten oder Konfigurationsarbeiten ausführen zu müssen (Abbildung 1). Der Normalnutzer braucht auch nicht auf Sicherheitsaspekte bei der Installation zu achten, denn ich habe alles sorgsam vorkonfiguriert. Beim Zusammenstellen auch dieser DVD habe ich trotzdem wieder darauf geachtet, so nah wie möglich am originalen Debian zu bleiben. Die Basisdistribution für Knoppix-7.0-Upgrades ist Debian Squeeze, mit einzelnen Paketen aus Debian Testing und Unstable (“Wheezy”).

Abbildung 1: Nach dem Systemstart, der schneller geht als früher, finden sich Knoppix-Anwender auf einem aufgeräumten, aber fertig konfigurierten LXDE-Desktop wieder.
Zwei heftige interne Änderungen
Mit der neuen Version stellt Knoppix sein Bootsystem völlig um: Die Hardwareerkennung initialisiert zunächst alle Subsysteme, die für das interaktive Arbeiten in Grafikoberfläche oder Textkonsole notwendig sind, um einige Abläufe zusätzlich zu parallelisieren. Der Rest der Hardwareerkennung – Netzwerk, andere angeschlossene Geräte – findet statt, während die Benutzeroberfläche bereits läuft. Das beschleunigt den Bootvorgang wieder etwas, was besonders auffällt, wenn Knoppix, was ausdrücklich zu empfehlen ist, von einer USB-Flashdisk startet, sodass keine Mechanik von Schreib-Leseköpfen das System ausbremst. Allein das Ausmaß dieser Änderungen am Bootsystem rechtfertigen meines Erachtens Knoppix’ Versionssprung auf 7.0.
Außerdem habe ich beschlossen, das System vom reinen 8-Bit-ISO-Encoding auf UTF-8 umzustellen. Knoppix folgt damit dem Trend der meisten Distributionen, die Mehrsprachigkeit unterstützen. Zuvor musste ich zudem feststellen, dass eine Menge GTK-Programme die ISO-Latin-Kodierung offenbar gar nicht mehr unterstützen: Einige wollten gar nicht erst starten, andere produzierten Fehler beim Schreiben ihrer Konfigurationsdateien (Stopmotion) oder zeigten statt den Umlauten andere Zeichen an (Network-Manager). Wegen UTF-8 und den dazu passenden Zeichensätzen musste ich einige Knoppix-typische Skripte redesignen und von Xdialog auf Zenity [2] migrieren.
Die Highlights der 7.0
Die Liste aller Aktualisierungen für das neueste Knoppix ist lang, ich will nur einige Dinge nennen, die mir besonders wichtig erscheinen:
- Kernel 3.2.4 in 32 und 64 Bit.
- Xorg 7.6 Core 1.11.3 mit ausschließlich freien Treibern für Chips von Nvidia, ATI/AMD, Intel und einigen mehr.
- »lxrandr« im Lxpanel zum nachträglichen Justieren der Monitor- oder Beamer-Auflösungen habe ich durch »arandr« ersetzt, was mehr und bessere Einstellungsmöglichkeiten bringt.
- LXDE als Standard-Desktop, KDE 4.4.5, Gnome 3.2.2, Adriane Audio/Accessibility Desktop 1.4 [3].
- Knoppix gibt seinen Benutzern wieder sowohl Iceweasel 10.0 (Firefox) als auch Chromium 16.0.912.77 zum Surfen an die Hand. Beide sind zum Erreichen einer höheren Sicherheitsstufe so eingestellt, dass der Benutzer das Starten von Plugins und anderen “aktiven Inhalten” extra bestätigen muss (siehe Abbildung 2).
- Libre Office 3.4.5, Gimp 2.6.11, Openshot Video Editor 1.4.1.
- Virtualbox 4.1.8, Qemu und KVM 1.0, Wine 1.3.37.
- Das Tool »restartx« , das nachträglich zwischen den Desktops umschaltet und die Einstellung in der festinstallierten Version fixiert, ist wieder zurück.
- Das Hilfsprogramm »flash-knoppix« , das Knoppix komfortabel auf einen 8-GByte-Stick oder eine SD-Karte überträgt, kann ab sofort sogar von einem bereits installierten USB-Stick eine Kopie erzeugen ohne das persistente Overlay mitzukopieren. Außerdem partitioniert »flash-knoppix« den Zieldatenträger neu, wenn nötig.
Die meisten anderen Programme tragen neue Versionsnummern, nur fallen die Änderungen nicht so spektakulär aus.
Bewährtes bleibt natürlich an Bord
Nicht erst seit Knoppix 7.0 dabei, aber keinesfalls zum alten Eisen zählt beispielsweise das Tool »0wn« . Der Festplatten-Installer packt den Inhalt der DVD auf Festplatte aus und richtet Grub dort als Bootloader ein. Geht mal was schief, ist die Anwesenheit der Rescue-Tools »testdisk« , »photorec« und »dd-rescue« sicher hochwillkommen.
Das wirklich kleine Skript »knoppix-firewall« blockiert Zugriffe von außen, falls jemand Netzdienste lokal starten will. Ohne manuell hochgefahrene Daemons benötigt Knoppix keine Firewall, da überhaupt keine von außen erreichbaren Dienste laufen. Apropos Zugriff von außen: Knoppix kann sich als Terminalserver verdingen. Dazu startet man nur das Skript »knoppix-terminalserver« und konfiguriert die Dienste DHCP, TFTP, NFS. Anschließend kann sogar ein ganzes Klassenzimmer diskless per PXE von diesem Rechner starten.
Knoppix-Support
Linux-Magazin-Käufer, die Probleme mit der DELUG-Knoppix-DVD haben, sind nicht auf sich allein gestellt: Hat der Datenträger offensichtlich einen Transport- oder Verpackungsschaden, was ab und an leider vorkommt, genügt eine Mail an mailto:info@linux-magazin.de mit einer kurzen Schilderung des Problems und Nennung der Postanschrift. Wenige Tage später leistet der Verlag kostenlosen Ersatz.
Bei anderen technischen Problemen hat sich Klaus Knopper dazu bereit erklärt, Fragen zu Knoppix 7.0 zu beantworten, entweder über das Kontaktformular http://knopper.net/kontakt/?kontakt=knoppix oder per E-Mail an mailto:knoppix@linux-magazin.de.
Images für Hochstapler
Knoppix baut schon seit einigen Versionen sein Dateisystem in einer Art Stapel auf. Die unterste Ebene bildet die Datei »KNOPPIX/KNOPPIX« mit einem komprimierten ISO-9660-Dateisystem, das den Hauptteil der für Knoppix verwendeten Debian-Installation enthält. Als zweite Ebene legt sich üblicherweise eine RAM-Disk über die Read-only-Basis, in welche die laufende Session ihre Änderungen speichert. Läuft Knoppix von einer Flashdisk, dann speichert statt der RAM-Disk ein Ext2-Image Dateien und Einstellungen persistent.
Um zusätzliche Software und andere Unterschiede (auch formal gelöschte Dateien) im Dateisystem einzublenden, lassen sich zwischen der Basis und der schreibbaren Ebene weitere Zwischenschichten einfügen. Dies löst einige Probleme, die andere Distributionen mit “Zusatz-CDs” umgehen müssen. Die auf Wunsch des Linux-Magazins in die Knoppix 7.0 gekommenen proprietären Addons habe ich in ein separates Image gelegt. Wer will, kann auf diese Weise GPL-konform den freien Teil (»KNOPPIX/KNOPPIX« ) separat vom nicht-freien Teil (»KNOPPIX/KNOPPIX1« ) wiedergeben. Letzter umfasst:
- Nxclient, Nxnode, Nxserver 3.5.0
- Adobe Reader 9.4.2
- Flash Plugin 11.1 r102.
Da der früher in der Cebit-Ausgabe integrierte proprietäre Nvidia-Grafiktreiber in Tests auf einigen Grafikkarten erhebliche Stabilitätsprobleme bis hin zu Reset-residenten Streifenmustern produzierte, haben meine Mitstreiter und ich in dieser Version darauf verzichtet. Die stattdessen eingesetzten freien Nouveau-Treiber unterstützen die meisten aktuellen Nvidia-Chipsätze inklusive Hardwarebeschleunigung und 3D-Support.
Bei einigen wenigen Chipsätzen hakt es leider im 3D-Modus. Betroffene User müssen entweder im Vesa-Modus und ohne Beschleunigung oder mit abgeschalteten Features wie Composite arbeiten. Knoppix erkennt problematische Karten normalerweise; jedoch kann es im Einzelfall notwendig werden, vor dem Booten bestimmte Cheatcodes zu probieren.
Wer von Knoppix 7.0 dagegen nichts runterwerfen will, sondern sich im Gegenteil eine neue bootfähige DVD bauen mag, auf die er weitere Daten wie Präsentationen, Videos oder Musik unterbringt, geht wie in Listing 1 vor. Die Schritte eignen sich genauso, um Knoppix mit einer anderen Default-Sprache zu remastern. In beiden Fällen muss ausreichend Platz die für Daten und eine ISO-Datei im aktuellen Verzeichnis vorhanden sein. Gegebenenfalls bindet der Remaster-Willige eine extra Festplattenpartition bei »dvd« ein.
Listing 1
Mini-Remastering
01 # Kopieren der DVD-Daten in einen Ordner 02 mkdir -p master/dvd 03 cp -av /media/sr0/* master/dvd/ 04 05 # Kopie schreibbar machen 06 chmod -R u+w master/dvd 07 08 # Proprietäre Komponenten im 2. Image entfernen 09 rm -fv master/dvd/KNOPPIX/KNOPPIX1 10 11 # Eigene Daten hinzufügen 12 cp -rv Meine-Daten master/dvd 13 14 # Sprache und/oder Bootoptionen ändern (editieren) 15 leafpad master/dvd/boot/isolinux/isolinux.cfg 16 17 # Und neues iso-Image dvd.iso erzeugen 18 mkisofs -r -J -no-emul-boot -boot-load-size 4 \ 19 -boot-info-table -b boot/isolinux/isolinux.bin \ 20 -c boot/isolinux/boot.cat -hide-rr-moved \ 21 -o master/dvd.iso master/dvd
Cheatcodes modifizieren den Bootvorgang
Nicht auf jedem Rechner ist eine vollständig automatische Hardware-Erkennung möglich, manchmal muss der Benutzer bereits in einem sehr frühen Zustand des Systems eine bestimmte problematische Komponente abschalten oder anders behandeln. Hierfür gebe ich den Benutzern die so genannten Knoppix-Cheatcodes an die Hand, mit denen sie zudem den Desktop oder Sprache und Tastaturbelegung umschalten dürfen.
Tabelle 1 zeigt eine Auswahl der Startoptionen, die wichtigsten sind im Boot-Bildschirm hinter den Tasten [F2] und [F3] als Kurzhilfe hinterlegt. Eine umfangreiche Liste der Knoppix-Cheatcodes ist zudem im Verzeichnis »KNOPPIX« auf der DVD zu finden. (jk)
Infos
- Knoppix: http://knopper.net/knoppix/
- Zenity: http://live.gnome.org/Zenity
- Audio Desktop Reference Implementation and Networking Environment: http://www.knopper.net/knoppix-adriane/








