Aus Linux-Magazin 02/2012

Phänomen Android: Das Google-System setzt sich durch

© thotti, photocase.com

Im Jahr 2005 kaufte Google das Startup Android Inc. und mit der Firma kam auch der visionäre und technisch versierte Gründer Andy Rubin. Sechs Jahre später ist das Android-Betriebssystem weltweit auf jedem zweiten Smartphone installiert und bekommt den Druck der wenig erfreuten Konkurrenten zu spüren.

Dass sich ein IT-Konzern wie Google ein Startup im Vorbeigehen unter den Nagel reißt, ist kaum der Rede wert. Im Fall von Android lag die Sache etwas anders. Andy Rubin, ursprünglich von Apple kommend, hatte zuvor schon als Mitbegründer von Danger Inc. [1] einen Schritt in die Herstellung von Mobilgeräten gewagt. Dass Microsoft im Jahr 2008 Danger kaufte, spricht für Rubins feines Trendnäschen, auch wenn er zu der Zeit nicht mehr bei Danger war.

Rubin (Abbildung 1) entwickelte früh die Vision von einem Gerät, das auf den Standort des Nutzers ebenso reagieren kann wie auf seine Vorlieben. Und eine weitere Idee sah ein freies Betriebssystem als Basis dafür vor. Diese Vorgaben gefielen auch Google-Gründer Larry Page so gut, dass er sie, nachdem er einen Vortrag von Rubin gehört hatte, für 50 Millionen US-Dollar in Form von Android Inc kaufte. Die Firma mit Sitz in Palo Alto lag in direkter Nachbarschaft zu Google in Mountain View und kochte nach der Übernahme weiter ein Android-Süppchen, das Rubin schon zuvor als eine Art Geheimprojekt angesetzt hatte.

Abbildung 1: Googles Technikchef Andy Rubin verkündete beim Intel Developer Forum 2011 Pläne für eine Anpassung von Android für Intels Atom-Plattform.

Abbildung 1: Googles Technikchef Andy Rubin verkündete beim Intel Developer Forum 2011 Pläne für eine Anpassung von Android für Intels Atom-Plattform.

Larry Page stellte die Weichen zur rechten Zeit. Smartphones, die darauf zu platzierende Werbung, die Anwendungen und, im Fall von Google, die Suchmaschinerie mit den beiden genannten Komponenten galten unter den Analysten ohnehin als “the next big Thing”.

Die nach dem Kauf kursierenden Spekulationen über ein G-Phone aus dem Hause Google heizten den Markt zusätzlich an und sorgten für so viel Aufmerksamkeit für die Android- und Google-Phone-Pläne, dass die Übernahme auch als Marketingcoup schnell geldwertes Format gewann.

Gute Software – schlechte Software

Google setzte strategisch auf Offenheit. Der Konzern gründete 2007 für Android die Open Handset Alliance, in der sich alles tummelt, was als Hersteller Rang und Namen in der Chip- und Mobilfunkbranche hat, Einzelgänger Apple ausgenommen. Es sollte bis zum Oktober 2008 dauern, als Android-Entwickler Dave Bort verkünden durfte, dass es die mobile Plattform des Android als Open-Source-Projekt zum Download gibt.

So enthusiastisch, wie Bort diesen Schritt als Big Day feierte, waren nicht alle. Neben den üblichen Kinderkrankheiten musste sich Android auch tiefer gehende Kritik gefallen lassen. Der für seinen unverbrüchlichen Kampf für GPL-Software mit seinem Projekt GPL-Violations.org bekannte Harald Welte (Abbildung 2) nannte Android eine Art Wiedergänger der mobilen Java-Ausgabe, eine Sandbox also, für die Entwickler Anwendungen schreiben dürfen und nicht mehr.

Abbildung 2: Streiter für die GPL: Harald Welte kritisierte Android als Sandbox.

Abbildung 2: Streiter für die GPL: Harald Welte kritisierte Android als Sandbox.

Die Freiheiten von Linux, so Welte in seinem Blog [2] zur Ankündigung von Android im Jahr 2008, steckten bislang in keinem der so genannten Linux-Phones, Android inbegriffen. Mit dem in Android integrierten Kill-Switch [3], mit dem Google eine bereits auf dem Smartphone installierte App wieder deinstallieren kann, sah Welte ebenfalls einen Eingriff in die Freiheit des Nutzers.

Google hat von diesem Remote-Zugriff bislang einmal Gebrauch gemacht und im Juni 2010 eine Anwendung gelöscht, mit der ein Sicherheitsexperte demonstrieren wollte, wie sich Schadcode auf Android-Smartphones bringen lässt. Rich Cannings, Android-Sicherheitschef bei Google, erläuterte [4] die Notwendigkeit des unpopulären Schritts zum Wohle der Nutzer, versprach aber auch Abhilfe durch erhöhte Sicherheitsbarrieren beim Zugang zum Market.

Die Community wacht mit Argusaugen, ob Google den Quellcode bereitstellt. Die Verzögerungen bei der Veröffentlichung von Android 3.0 alias Honeycomb sorgten für viel Kritik. Andy Rubin sah sich genötigt, darauf zu reagieren und in einem Blogbeitrag [5] die baldige Release der Quellen anzukündigen. Es sei aber kontraproduktiv, Code vor der Fertigstellung zu veröffentlichen, Honeycomb lande auf den Servern “when its done”.

Rauswurf

Kernel-Hacker Greg Kroah-Hartman hatte Bedenken anderer Art und warf die Android-Treiber Ende 2010 schlicht wieder aus dem Staging-Bereich des Linux-Kernels heraus. Nach seinem Eindruck erführe der Code keine Pflege, was wieder für Zerknirschung bei den Android-Zuständigen sorgte. Die Kernel-Abstinenz dauert bis dato an, aber wohl nicht mehr lange. Wie Greg Kroah-Hartman auf Anfrage des Linux-Magazins mitteilt, ist Android in der aktuellen Linux-Next-Release bereits vertreten. Im Kernel 3.3 sollen die Android-Treiber den Sprung in den Kernel schaffen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Greg Kroah-Hartman hat die Android-Treiber wieder in Linux-Next aufgenommen.

Abbildung 3: Greg Kroah-Hartman hat die Android-Treiber wieder in Linux-Next aufgenommen.

Der Sinneswandel der Kernelwächter manifestierte sich beim Kernel-Summit, wo sich die Linux-Granden einig waren, dass das Android-Zeugs wieder in den Kernel kommen sollte. In technischer Hinsicht hat sich dagegen nichts geändert. Zumindest antwortet Kroah-Hartman auf die Frage, ob Google an den Treibern entscheidende Änderungen gemacht habe, schlicht: “Nicht dass ich wüsste.”

Erfolgswellenreiter

Geändert hat sich allerdings der Bekanntheitsgrad des Betriebssystems mit dem kleinen grünen Robotermännchen. Samsung hat sich – auch dank seiner populären Android-Geräte – erstmals zur Nummer eins der Smartphone-Hersteller aufgeschwungen und laut US-Marktforscher IDC im dritten Quartal 2011 rund 23 Millionen Telefone verkauft. Während das bei den Smartphones lange im Dornröschenschlaf weilende Nokia sich mit der Weltmarktführerschaft bei den Featurephones, sprich normalen Handys, begnügen muss.

Schwimmstunde im Haifischbecken

Die zwischen Nokia und Microsoft eingegangene Zweckehe, mit der Nokia-Geräte und Windows Phone verheiratet sind, läuft auf Bewährung. Doch ist es den beiden Partnern allen Unkenrufen zum Trotz gelungen, zum Weihnachtsgeschäft Geräte mit dem aktuellen Windows Phone 7.5 auf den Markt zu bringen.

Microsoft partizipiert zudem am Android-Boom, da es Lizenzgebühren von den Geräteherstellern kassiert. Der Softwarekonzern hält einige Patente und Geschmacksmuster, die die Android-Plattform streifen. In den öfter kolportierten Zahlen ist von einem stattlichen Sümmchen von 444 Millionen US-Dollar die Rede. Sechs US-Dollar soll Microsoft pro verkauftem Gerät von seinen Lizenznehmern überwiesen bekommen.

Mit extremer Angriffslust beseelt, so stürzt sich Apple auf den unliebsamen Konkurrenten und hat ein Heer von Anwälten in Marsch gesetzt. In aller Herren Länder laufen Klagen wegen angeblicher Patent- und Geschmacksmusterverstöße gegen Android. Im Unterschied zu Microsoft ist Apple nicht gewillt, Lizenzen zu vergeben, sondern dringt unerbittlich auf Verkaufsverbote.

Der Konkurrent soll vom Markt und Apple ist es offensichtlich herzlich egal, wenn die IT-Welt über die Trivialität der Vorwürfe spottet, etwa wenn Samsung mit seinen Tablet – so der Vorwurf – ein von Apple gehaltenes Geschmacksmuster verletzt, das mehr oder minder ein rechteckiges, flaches Gerät beschreibt.

Systembedingte Pausen

Android 4 alias Ice Cream Sandwich erlebte in den ersten 24 Stunden nach der offiziellen Release einen Ansturm auf die Download-Server. Das Sandwich sorgte für Traffic-Aufkommen von 36 TByte am ersten Tag. Auch der Sourcecode erfuhr in dieser Frist extreme Aufmerksamkeit, 61 000 Zugriffe verzeichneten die Logs. Den erstaunlichen Zahlen steht aber ein Manko von Android entgegen: Die Umstellung auf ein aktuelles Betriebssystem dauert (Abbildung 4). Hardwarehersteller, die bei Android zahlreich sind, lassen sich Zeit, auch wenn die Hardware selbst ein Upgrade noch zuließe.

Abbildung 4: Systemvielfalt: Trotz Android 4 setzt die installierte Basis überwiegend auf Version 2.3. (Quelle: Google)

Abbildung 4: Systemvielfalt: Trotz Android 4 setzt die installierte Basis überwiegend auf Version 2.3. (Quelle: Google)

Die Mobilfunkprovider, die meist als Verteiler noch zwischen Gerätehersteller und Endanwender stehen, sorgen für weitere Verzögerungen. Bei beiden dürfte die Option auf den Verkauf eines neuen Gerätes mit aktueller Firmware plus Laufzeitvertrag eine Rolle spielen. Google sorgt damit nicht nur bei technikbegeisterten Anwendern für Verstimmung, der Wust an Updates für Android erzeugt auch bei App-Entwicklern Frust.

Der Apple-Monolith ist in dieser Hinsicht mit Sicherheit überlegen, da er nur eine Gerätefamilie zu pflegen braucht. Android dagegen gibt zwar Kompatibilitätsrichtlinien [6] vor, landet aber in einer Flut unterschiedlicher Hardware, und Hersteller wie HTC installieren eigene Entwicklungen wie die Sense-Oberfläche noch zusätzlich.

Allerdings ist das iPhone auch ein einzelnes Standbein, das nach Innovationen verlangt, um tragfähig zu bleiben. Ausgerechnet Google dokumentiert aber das Interesse an Apple-Smartphones. Im vom Suchmaschinenspezialisten jährlich herausgegebenen Suchbegriffranking “Zeitgeist” liegt in 2011 [7] das iPhone 5 als Suchbegriff auf Platz 6.

Apps im Überfluss

Beim vielleicht wichtigsten Aspekt für ein Smartphone nach dem Design und der Hardware-Ausstattung, den Apps, kann der Android Market auf beachtliche Erfolge verweisen: 10 Milliarden Downloads insgesamt verzeichnete Google im Dezember (Abbildung 5). Dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie Apple für seine Handhabung des I-Store muss sich auch Google Kritik gefallen lassen.

Abbildung 5: Feiertage bei Google: Der Android Market verzeichnet im Dezember 2011 stolze 10 Milliarden Downloads. (Quelle: Google)

Abbildung 5: Feiertage bei Google: Der Android Market verzeichnet im Dezember 2011 stolze 10 Milliarden Downloads. (Quelle: Google)

So meldet sich etwa eine Vereinigung von App-Entwicklern zu Wort, die Android Developers Union. Sie fordert sowohl die Neuverhandlung des 32 Prozent-Anteils von Google an den Erträgen des Market als auch mehr Transparenz beim Zugang. Nicht zuletzt ist der Union die geschlossene Market-Software ein Dorn im Auge. Google solle die Algorithmen dahinter erläutern, damit Entwickler ihre eigene Arbeitsumgebung verstehen können, so die Android Developers Union [8].

Auf eigenem Bein

Mit Spannung wartet die Branche jetzt darauf, wie sich die Übername der ganzen Mobilfunksparte von Motorola durch Google auswirkt, vorausgesetzt die Regulierungsbehörden geben ihr Plazet. Die rund 12 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme soll Googles Standbein im Hardwaresektor werden.

Das aber birgt Gefahren, etwa die, dass die bislang treuen Hersteller wie Samsung, HTC, LG & Co. sich gegenüber dem dann hauseigenen Anbieter Motorola im Hintertreffen fühlen. Samsung pflegt mit Bada zudem ein eigenes Betriebssystem. Ein ähnliches Risiko ist auch Microsoft mit der Kooperation mit Nokia eingegangen. Inzwischen spekuliert die Branche schon offen darüber, ob Microsoft Nokia gleich ganz aufkauft und mit Gooogle gleichzieht. Eines steht also mit Sicherheit fest: Der Smartphonemarkt bleibt heiß umkämpft und spannend.

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