Auch Suse springt auf den Cloud-Zug auf und bietet mit der Suse Cloud ein Open-Stack-basiertes Produkt an, das Kunden mit grafischen Konfigurationstools und einer Admin-App für Android ködern soll. Ob es sich lohnt, die Wolke im typischen Nürnberger Grün anzuschaffen, zeigt dieser Artikel.
Kein Thema dominiert die IT-Landschaft derzeit so stark wie das Cloud Computing. Neue Produkte fürs Wolkenmanagement schießen wie Pilze aus dem Boden, immer umfassender werden die Cloudlösungen auf dem Markt. Suse nutzte seine hausinterne Konferenz Brainshare 2011 [1] in Salt Lake City, um sein wolkiges Engagement zu verkünden. Michael Miller, bei Suse sowohl für den Bereich der Partnerschaften wie auch für das Marketing verantwortlich, erläuterte eine umfassende Strategie, mit der das Unternehmen den Rechenzentren das Einrichten von Clouds erleichtern will.
Durchaus ernst gemeint
Und um gar nicht erst den Eindruck entstehen zu lassen, Suse meine es mit dem Thema nicht wirklich ernst, lieferte Miller Handfestes: Images mit einer Testversion von Suses Cloud standen schon während der Ankündigung im Suse Studio bereit [2]. Das Preisgefüge ist dagegen noch unklar. Natürlich will kein Hersteller den Wolken-Hype verschlafen. Das gilt umso mehr für die Produzenten von Betriebssystemen – besonders im Enterprise-Segment, also in einem Teich, in dem Suse traditionell gerne fischt.
Andererseits ist die zunehmende Verwolkung der IT für die Hersteller von Linux-Systemen und deren klassische Supportmodelle aber auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Bisher galt: Wer Systeme mit Linux betreibt, schließt meist einen Supportvertrag ab, um im Falle eines Problems Hilfe zu bekommen. In der Regel waren das vor allem Probleme, die aus der Kombination von Linux mit bestimmter Hardware folgten.
In der Cloud müssen sich Unternehmen aber mit diesen klassischen Problemen von IT-Setups nur mehr am Rande befassen. Die Umgebungen, die KVM und Xen auf Linux bieten, sind wohlbekannt und verfügen über eine ausgezeichnete Linux-Unterstützung. Wer seine Dienste in die Cloud migriert, entscheidet sich daher zunehmend für ein System ohne Supportvertrag (meist Debian oder Ubuntu), dafür aber mit regelmäßigen Updates ohne Zusatzkosten.
Für Probleme auf Hardware- und Hostsystem-Ebene ist dann der Cloudanbieter zuständig. So geht den etablierten Distributoren einiger Umsatz durch die Lappen, denn statt etlicher Subscriptions gehen nur noch ein paar Abos für die Hostsysteme über die Ladentheke. Es ist insofern nicht verwunderlich, dass die Systemintegratoren verstärkt um Cloudanbieter werben und probieren, hier den Fuß in die Türe zu kriegen.
SLES 11 als Grundlage
Wie macht ein Distributor einem Unternehmen aber den Aufbau einer Cloud schmackhaft? Das Stichwort heißt Integration. Was für die Cloudbenutzer mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit funktioniert, setzt auf Systemebene einiges an Arbeit voraus: Das Anlegen neuer Images und virtueller Maschinen, das Buchen zusätzlicher Rechenpower und die Erweiterung von Plattenplatz per Webinterface bedingen diverse Arbeitsschritte im Hintergrund.
Schafft es der Distributor, der IT-Abteilung einer Firma diese Arbeit abnehmen, dann bringt er sich gut in Stellung. Und genau hier setzt Suses neues Produkt an: die Suse Cloud. Als Grundsystem dient der Suse Linux Enterprise Server (SLES). Das ist für den Distributor nützlich, weil er so nicht noch ein zusätzliches Basissystem pflegen muss und sich auch kein neues Konkurrenzprodukt im eigenen Haus schafft.
Das Herzstück der Suse Cloud und somit das eigentliche Killer-Feature ist Open Stack [3]. Das Cloud-Framework, das aus der Kooperation des Webhosters Rackspace mit der Weltraumbehörde Nasa entstand, bietet die Infrastruktur, um Cloud-typische Aufgaben zu erledigen [4].
Open Stack
Open Stack besteht aus drei Komponenten, aus denen sich Kunden schnell eine neue virtuelle Instanz zusammenklicken, und beinhaltet die Verwaltung für Imagefiles namens Glance. Dazu kommen Swift und Nova, die die Verwaltung der vorhandenen Ressourcen zusammen abwickeln. Ersteres sorgt für redundanten Datenspeicher in der Wolke, das zweite kümmert sich um das Verteilen der virtuellen Maschinen auf die Hardware, die der Cloud zur Verfügung stehen.
Der Haken: Die einzelnen Open-Stack-Dienste erfordern eine umfangreiche Konfiguration. Eine im Netz kursierende Installationsanleitung für Ubuntu [5] erstreckt sich über mehrere Bildschirmseiten. Der Aufbau einer Cloud ist mit Open Stack also alles andere als leicht.
Die Suse Cloud dagegen soll laut Hersteller die Open-Stack-Komponenten in SLES nahtlos integrieren und den Administratoren von SLES-Systemen einen großen Teil der Setup-Arbeit abnehmen. Mit dem Versprechen “Cloud-Stack installieren und loslegen” will Suse Unternehmen in die Wolke locken. Um auch die letzten kritischen Stimmen verstummen zu lassen, setzt Suse auf die Open-Stack-Version Diablo, die erst kürzlich erschien und ein renoviertes Webinterface mit vielen neuen Funktionen bringt [6].
Erste Eindrücke
Wer sich einen Überblick über die auf der Brainshare vorgestellte Vorschau verschaffen will, hat mehrere Optionen. Alle für den Betrieb der Cloudumgebung notwendigen Pakete finden sich einerseits im Build Service von Open Suse unter [7]. Sie lassen sich auf SLES 11 SP1 oder auch Open Suse 11.4 installieren, bequemer sind aber die vorgefertigten Images. Nach der Anmeldung im Suse Studio steht eine ».img« -Datei für USB-Sticks sowie eine bootbares ISO-Datei bereit.
Für die Installation auf einem Computer ist das ISO-File wohl die einfachste Variante. Es bringt einen sehr schlanken SLES, der im Textmodus durch die Installation führt und schließlich ein lauffähiges Suse-Cloud-System erzeugt. Der Yast-Installer kommt ohne Partitionierer daher und überschreibt stets den Inhalt der ersten Platte, die er findet, etwas Vorsicht ist also geboten.
Das Preview-Image installiert keine grafische Oberfläche, sodass im Anschluss an die Installation nur der Login als Root am Terminal möglich ist. Zuvor prangt auf dem Bootscreen gut sichtbar ein »Powered by Open-Stack« -Logo, das auch auf der Kommandozeile den ansonsten typischen Pinguin oben links verdrängt. Das Passwort für »root« lautet »openstack« . Das Login am System ist für den Admin aber letztlich nur von wenig Interesse, denn der zentrale Dreh- und Angelpunkt für Sysadmins bei Cloudlösungen ist das Webinterface, das Open Stack Dashboard. Es ist mit jedem Standardbrowser nach der Installation unter der IP des Testsystems zu erreichen. (Logindaten: »admin« und »openstack« ).
Open Stack Dashboard
Nach dem Anmelden grüßt freundlich das Open Stack Dashboard, das Suse in der aktuellen Version optisch gründlich überarbeitet hat und das nun wesentlich mehr Optionen unter seiner Oberfläche vereint. Mit grundlegenden Modifikationen hat sich Suse dagegen bisher zurückgehalten, das Dashboard ist technisch praktisch unverändert. Damit bleibt es allerdings auch hinter der Version zurück, die die Keynote präsentierte.
Ansichten, Flavors, Tenants, Kunden und Verwaltung
Das jetzt erhältliche Dashboard kennt zwei Ansichtsarten, nämlich das »User Dashboard« und das »System Panel« . Mit dem zweiten legen Administratoren neue Cloudbenutzer an, verwalten vorhandene Images und schaffen neue VM-Instanzen. Hinzu kommen noch statistische (Monitoring-)Funktionen, mit deren Hilfe die Cloudverwalter den Überblick behalten.
In Open Stack gibt es Kunden (Tenants, Abbildung 1) und Benutzer (User), die einzelnen Tenants zugeordnet sind. Für jeden Benutzer kann der Admin einstellen, welche Rolle ihm zukommen soll und welche Berechtigungen ihm zustehen. So wird es möglich, dass Kunden ihre virtuellen Maschinen selbst verwalten, ohne dass ein Cloud-Admin sich um die Details kümmern muss.

Abbildung 1: Tenants (Kunden) und User, also Benutzer, lassen sich mit Suses Cloud zentral verwalten.
Images und CLI
Das Open-Stack-Imagesystem bildet die Grundlage für den Betrieb von virtuellen Maschinen. Über den Menüpunkt »Images« sehen die Admins der Wolke, welche Abbilddateien verfügbar sind. Eine Funktion, um aus dem Webinterface heraus neue Images hinzuzufügen, existiert im Augenblick noch nicht, da hilft nur der Rückgriff auf die Kommandozeile.
Aus der Menge vorhandener Images können Benutzer eines wählen, um es in einer neuen Instanz zu starten. Hier kommen die Flavors ins Spiel, also vorgefertigte Hardwareprofile für virtuelle Maschinen (Abbildung 2). Die Nutzer haben beim Starten einer neuen Instanz die Möglichkeit, im Dashboard einen Flavor auszuwählen, der die Hardware für ihre neue Instanz definiert.

Abbildung 2: Fünf Flavors sind ab Werk definiert, neue fügt der Admin per Mausklick im Dashboard hinzu.
Der Suse Manager
Auch für Benutzer hält das Dashboard einige interessante Funktionen bereit. Die »Image« -Seite listet auf, welche Images die Wolke bereitstellt. Über »Instances« lässt sich eine neue virtuelle Maschine starten, die eines der Images verwendet. Per Klick ist von hier aus die Konsole des virtuellen Systems erreichbar, was dessen Konfiguration auch ohne SSH-Verbindung möglich macht.
Notwendig ist das in der Regel jedoch nicht: Generiert ein Benutzer im Dashboard beim Punkt »Keys« (Abbildung 3) einen neuen Schlüssel oder fügt er mit »Import« einen neuen Key hinzu, so wird dieser beim Booten der neuen Instanz von Open Stack automatisch in der virtuellen Maschine installiert. Wenn das Image selbst einen SSH-Server enthält, ist nach dem Start der VM also auch ein SSH-Login möglich.

Abbildung 3: Schlüsselerzeugung leicht gemacht mit Suses Cloud: Im Webinterface gibt der Admin den Key ein, mit dem er später per SSH auf die neue virtuelle Maschine zugreifen will.
Die Freitags-Keynote zur Brainshare enthielt noch eine weitere Überraschung: eine Android-App (Abbildung 4) für den mobilen Zugriff auf den Suse Manager. Suses Manager-Produkt (Abbildung 5, [8]) soll es Admins insgesamt leichter machen, die vorhandenen Systeme zu warten. Besonders die ferngesteuerten Updates und das Sammeln von Laufzeitinformationen sind die Aufgabe von Suse Manager. Am ehesten lässt sich der Funktionsumfang mit dem des Red Hat Network Satellite vergleichen. Auch die Suse Cloud besitzt eine Anbindung an den Manager; eine neue Instanz in der Cloud erscheint als System automatisch auch im Suse Manager.

Abbildung 4: Suse arbeitet an einer Android-App, mit der sich der Suse Manager von überall aus einsetzen lassen soll.

Abbildung 5: Der Suse Manager dient zur zentralen Steuerung der eigenen Serverlandschaft. Mit ihm spielen Admins Updates ein, ähnlich wie bei Red Hats Satellite-Servern.
Eine Android-App steuert den Suse Manager
Komplett macht das geplante Portfolio aber erst besagte Android-App [9]), die der Entwickler James Tan während der Brainshare erstmals öffentlich vorführte. Mit ihr lassen sich vom Smartphone aus System-Updates über den Suse Manager einspielen und zusätzliche Statusinformationen herausfinden. Suse verspricht Admins damit, dass sie immer und überall einsatzbereit sein können.
Dass Suse das noch recht junge Manager-Produkt mit seinen anderen Diensten vernetzen will, ist nur konsequent. Allerdings dürfte der Einstiegspreis viele mögliche Kunden abschrecken: Die Manager-Lizenz allein schlägt mit über 13 000 Euro zu Buche und für jeden Virtualisierungsknoten kommen noch mal knapp 200 Euro hinzu.
Fazit
Die vorgestellte Preview für die Suse Cloud vermittelt einen Einruck davon, wie Suse Unternehmen die eigene Cloud schmackhaft machen will. Der Kern der Idee ist offensichtlich, die Installation von Open Stack so einfach und komfortabel wie möglich zu gestalten.
Bis das so weit ist, wird allerdings noch einige Zeit vergehen – Suse erhebt nicht den Anspruch, dass die jetzt vorgestellten Pakete in irgendeiner Form alltagstauglich wären. Letztlich handelt es sich bisher um kaum mehr als für Suse vorbereitete Open-Stack-Pakete.
Die finale Version soll auf Open Stack Essex basieren, das am 5. April 2012 verfügbar sein soll. Für die Fertigstellung der Suse Cloud kursieren verschiedene Daten, vor dem nächsten Frühjahr dürfte aber nicht damit zu rechnen sein.
Denn einerseits hält Suse die aktuelle Diablo-Version nicht für marktreif – man habe nur jetzt schon Pakete veröffentlicht, um die Unterstützung für Open Stack deutlich zu zeigen, so heißt es. Andererseits ist die Liste von Features, die bis dahin noch ihren Weg in das Produkt finden sollen, beträchtlich. Die Cloudumgebung soll zum Beispiel vollkommen agnostisch im Hinblick auf den verwendeten Hypervisor sein, also sowohl KVM als auch Xen unterstützen – und auch diverse proprietäre Produkte wie VMwares Virtualisierungsplatzhirsch V-Sphere.
Vorreiter dank Android
Die angepriesene Android-App, mit der Administratoren Suse-Instanzen in der Cloud fernsteuern können, ist zweifellos interessant. Zwar ist der Suse Manager nicht Cloud-spezifisch. Die Möglichkeit, virtuelle SLES-Instanzen per Handy aus der Ferne zu steuern, könnte aber dennoch ein guter Grund dafür sein, auch in der Wolke auf SLES zu setzen – zumindest für liquide Kunden. Leider war die App bei Redaktionsschluss noch nicht verfügbar. Suse will sich noch nicht in die Karten schauen lassen.
Völlig unklar ist bisher auch, in welcher Weise Suse das neue Produkt nach seiner Fertigstellung vermarkten möchte. Denkbar wäre, dass es als Extension firmiert, so wie es schon jetzt die High-Availability-Erweiterung vormacht. Gut möglich ist aber auch, dass Novell ein fertiges Paket schnürt, das zwar auf SLES basiert, aber separat vermarktet wird. Die Details wollen die Franken erst nächstes Jahr bekanntgeben. Wer eine grüne Wolke auf Suse-Basis plant, darf also gespannt sein.
Infos
- Brainshare 2011: http://www.novell.com/brainshare/suse
- Download-Website im Suse Studio: http://susestudio.com/a/vszMWq/suse-cloud-powered-by-openstacktm
- Open Stack: http://www.openstack.org
- Stefan Seyfried, Christian Berendt, “Cactus im Anmarsch”: Linux-Magazin 05/11, S. 72
- Open Stack Bexar auf Ubuntu: http://docs.openstack.org/bexar/openstack-compute/admin/content/ch03s02.html
- Martin Loschwitz, “Dunkle Wolken”: Linux-Magazin 12/11, S. 22
- Pakete für andere Systeme: http://download.opensuse.org/repositories/Virtualization:/Cloud:/Open%20Stack:/Diablo/
- Markus Feilner, “Cebit 2011: Suse Manager – Spacewalk für SLES”: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Cebit-2011-Suse-Manager-Spacewalk-fuer-SLES
- Videos zur Android-App für den Suse Manager: http://www.youtube.com/watch?v=_L2NHF5SVm0#t=7m20s






