Eine Linux-Distribution ist nach genauso vielen Mausklicks installiert wie ein aktuelles Windows. Warum verdammt ist das freie System nicht auch genauso erfolgreich?
Linus Torvalds brachte es kürzlich in einem Interview auf den Punkt: “Linux auf dem Desktop ist unwahrscheinlich, weil der einfach zu interessant ist. Das Server-Zeug ist doch langweilig.” [1]
Viel zu interessant
“Zu interessant”? In der Tat verdienen Hard- und Software-Hersteller mit proprietären Produkten für Endkunden viel Geld und behandeln Linux-Desktops, abgesehen von Android, weiterhin eher stiefmütterlich. Hier schließt sich ein Kreis: Die Industrie hat offenkundig kein Interesse am Linux-Desktop, weil dessen Anteil am PC-Markt zu klein ist. Deshalb wächst immer wieder Hardware nach, die Linux ignoriert und enttäuschte Einsteiger hinterlässt, die dem freien System den Rücken kehren, wodurch der Marktanteil klein bleibt.
Hinzu kommen offenkundige Mängel in der Dokumentation und der Strategie der Distributoren, die dazu führen, dass manch motivierter Umsteiger nach einer längeren Testphase enttäuscht aufgibt und zu den proprietären Systemen zurückwechselt.
Die leidige Hardware
Am meisten stören sicherlich Fehler im Umgang mit der Hardware. Wird das Gerät jedoch sauber unterstützt, tut sich dem Anwender eine Fülle von Möglichkeiten auf. Und dann schlägt Linux bei der Langzeitstabilität allen Anpassungen, Installationen und Deinstallationen und Unkenrufen zum Trotz selbst das vergleichsweise solide Windows 7.
Auch Lösungen wären in Sicht: Greg Kroah-Hartman ging mit seinem Linux Driver Project [2] sogar so weit, für interessierte Hardwarehersteller kostenlos offene Treiber zu entwickeln, wenn diese denn bereit wären die Spezifikationen rauszurücken. Das Echo war gewaltig, doch vor allem bei Produkten mit hohen Entwicklungskosten und kurzen Release-Zyklen sitzen die Produzenten auf ihrem geistigen Eigentum. Auch hier fehlt es Linux also an Dokumentation in Form der Hardwarespezifikationen.
Wenn die Hardwaredetails bekannt sind, befindet sich der Linux-Anwender theoretisch auf der Gewinnerseite. Denn anders als bei Windows oder Mac OS kann er in die Quellen schauen, sie ändern, Backports und Patches einspielen und neu kompilieren. Das Problem ist eher, die eigentliche Ursache des Fehlers ausfindig zu machen. Und da kommen dann auch noch die Distributoren in die Quere.
Dein Feind – der Distributor?
Distributoren neigen dazu, eigene Lösungen zu stricken. Darum dauert es oft ewig, um ausfindig zu machen, welche Komponente für das Problem verantwortlich ist, während es sich dann mit der zugehörigen Manpage schnell lösen lässt. Die meisten Linux-Hersteller basteln zwar fleißig an eigenen Tools, dokumentieren diese aber spärlich. Wer Suses Yast schon länger im Einsatz hat, kann ein Lied davon singen. Erst in den letzten drei, vier Jahren hat hier Transparenz Einzug gehalten.
In eine andere Falle scheint derzeit auch die Debian-Variante der zweitbeliebtesten Linux-Distribution Mint zu tappen. Die Rolling Release der Linux Mint Debian Edition [3] erspart dem Anwender zwar das ungeliebte Neuinstallieren einer neuen Distributionsrelease, überfordert die meisten (Desktop-)User aber mit zahlreichen ungelösten Abhängigkeiten bei den regelmäßigen Updates und mangelhafter Dokumentation. Im Test erschlug das »aptitude upgrade« die Autoren mit über 1000 Konflikten, von denen viele manuell gelöst werden wollten. Die Entwickler haben das Problem erkannt, jetzt sollen zwei neue Repositories, “Update Packs” [4] und neue Kommunikationsstrukturen abhelfen.
Bei grundsätzlichen Umstellungen hilft das aber wohl auch nicht weiter. So hat es die Autoren vier Stunden Stöbern in Entwicklerforen gekostet, um herauszufinden, warum der Huawei-UMTS-Stick aus Abbildung 1 unter Ubuntu 10.04 auf einmal nicht mehr funktionierte: Während Ubuntu 9.10 bloß über eine von Druckern her bekannte USB-Variante der seriellen Schnittstelle mit dem UMTS-Stick kommunizierte, setzt Ubuntu 10.04 auf den Modem-Manager,.

Abbildung 1: Ein UMTS-Stick bleibt nach dem Upgrade auf Natty stumm. Mangels Dokumentation dauert es ewig, die eigentlich simple Ursache zu finden.
Ubuntu, Unity und der UMTS-Stick
Solche Ärgernisse drohen bei Ubuntu-Systemen halbjährlich. Schon der Satz “UMTS-Sticks verwaltet nun der Modem-Manager” an prominenter Stelle hätte in dem genannten Beispiel viel Zeit und Nerven gespart. So aber sitzt der Ein- oder Umsteiger ratlos da und der motivierte Power-User sucht sich einen Wolf. Apropos Ubuntu: Allein die Entscheidung, Unity als Standarddesktop zu verwenden, sorgte in den letzten Monaten für Wirbel und Probleme, zum Beispiel wenn der angeschlossene Beamer den Desktop zum Absturz bringt.
Dennoch: Über Fragen wie das Einbinden von UMTS-Sticks haben sich die Entwickler monatelang Gedanken gemacht. Wären da nicht auch noch die paar Stunden drin, das Innenleben des Systems inklusive laufender Veränderungen in einem zentralen Wiki ordentlich zu dokumentieren? Bei mangelnder Beschreibung wird selbst das quelloffene Linux zur Black Box.
Die Vorzüge von Linux (konfigurierbar, sicher, stabil) sind mannigfaltig: Es gab unter Linux bisher keine einzige breitenwirksame Schadsoftware-Attacke. Schon der Installer richtet die Home-Partition auf Wunsch für mehr Datensicherheit als Raid 1 ein – bei den gegenwärtigen Festplattenpreisen und -ausfallraten sicherlich keine schlechte Idee. Das Gleiche gilt für die transparente Verschlüsselung auf dem Notebook.
In puncto Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit liegt Linux nach Meinung seiner Fans klar vorne. Aber so lange die Hersteller nicht mitziehen, wird Linux wahrscheinlich nie alle TV-Karten unterstützen, weil es bei diesen gang und gäbe ist, den Chipsatz zu wechseln, aber die Typenbezeichnung des Verkaufserfolgs wegen beizubehalten, und Treiber nur für Windows bereitzustellen.
Was vielen Linux-Herstellern auch fehlt, um ein offenes und daher mühelos weiter oder fertig zu konfigurierendes System anzubieten, zeigt ein Blick in die Wikis der Linux-Distributionen für Nerds zweiten Grades: Als Anlaufstelle für Linux-Wissen empfehlen sich die Arch- und Gentoo-Dokumentationen ([5], [6]) sogar den Anhängern anderer Hersteller. Doch können Suse-, Ubuntu- oder Red-Hat-User niemals sicher sein, dass ihr System nicht an manchen Stellen ganz andere Wege geht.
Wird es Zeit für eine Pflicht zur Doku?
Ein Ansatz wäre es, gute Dokumentation zur Pflicht zu erklären, auch bei Distributionen. Vielleicht sollte Linus Torvalds die Erlaubnis, seine Trademark zu benutzen, an diese Bedingung knüpfen: Ein System, das sich mangels Dokumentation fast schon so geschlossen anfühlt wie die verschlossenen Konkurrenten Windows oder I-OS, sollte sich nicht “Linux” nennen dürfen. Aber wer soll das kontrollieren und wie ließe sich das messen?
Infos
- Interview mit Linus auf Techeye.net: http://www.techeye.net/software/linux-on-the-desktop-is-unlikely-because-it-is-too-interesting
- Linux Driver Project http://www.linuxdriverproject.org
- Linux Mint Debian Edition: http://www.linuxmint.com/download_lmde.php
- Update-Packs für Linux Mint Debian: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Linux-Mint-Debian-Edition-Update-Pack-soll-Aktualisierung-vereinfachen
- Gentoo-Wiki: http://en.gentoo-wiki.com/, http://de.gentoo-wiki.com/
- Arch-Linux-Wiki: https://wiki.archlinux.org, https://wiki.archlinux.de/





