Homeoffice, digitales Nomadentum und Projektarbeit quer über den Globus verteilt – die Welt ist ein Dorf im Web, und dieses verlangt nach Web-basierten Anwendungen, die überall verfügbar sind. So haben die alten Linux-Mindmaptools langsam ausgedient und bekommen Konkurrenz aus der Cloud.
Mindmaps helfen dabei, die Gedanken zu sortieren, sie geben Ideen die richtige Form und strukturieren sie. Gemeinsames Brainstorming fördert die Kreativität und den Teamgeist. Was aber, wenn die Arbeitsgruppe über zehn Städte und drei Kontinente verstreut ist? Damit nicht alle Projektteilnehmer alleine im stillen Kämmerlein vor sich hinbrüten müssen, treffen sie sich im Web zum Gedankenaustausch. Mindmapping-Tools für die Cloud unterstützen den Anwender dabei, die Seifenblasen des virtuellen Großraumbüros in geordnete Bahnen zu lenken.
Die Webdienste verwöhnen die Nutzer aber nicht nur mit ständiger Erreichbarkeit und plattformunabhängigem Zutritt, sondern auch mit modernen Benutzeroberflächen, die ihre Konkurrenten auf dem Desktop sogar in den Schatten stellen. Dafür nimmt der Brainstormer in der Cloud in Kauf, dass die Daten der Mindmaps auf den Servern des jeweiligen Webdienstes liegen, denn zumindest bei den kostenlosen Accounts ist der vollständige Export eingeschränkt. Stellt ein Anbieter den Dienst ein, ist der Zugriff auf die kreativen Ergüsse gefährdet.
Diese Bitparade schaut, was sich in puncto kollaboratives Brainstorming derzeit am Cloud-Himmel tut, und vergleicht zwei reine Mindmapper mit einem komplexeren Diagrammtool, das auch Schemazeichnungen, Ablaufpläne und Netzwerkskizzen im Browser zeichnet und einen Client für den Desktop ausliefert. Die Testkandidaten sollen unter anderem zeigen, welche Zugriffsformen möglich sind, wie viele Teilnehmer gleichzeitig an einer Mindmap arbeiten dürfen, wie es mit der Nutzung von mobilen Geräten und dem Im- und Export aussieht.
Mindmeister
Der erste Testkandidat schwappte 2007 wie alle hippen Web-2.0-Projekte mit einer großen Einladungswelle ins Netz, die neugierige Benutzer in Windeseile mitriss. Look&Feel sowie der Funktionsumfang von Mindmeister [1] waren damals bereits auf der Höhe der Zeit. Das Münchner Unternehmen Meister Labs GmbH setzte Standards und heimste dafür einige Preise für die “Beste Website für Bildung und Lernen 2009” und den “HPV Design Award 2007” ein.
Das Erfolgsrezept der Online-Mindmapping-Software ist einfach: Ruby on Rails unter der Haube und offene Standards wie HTML 5 und Javascript/Ajax für die Oberfläche. Für Programmierer von Web-2.0-Anwendungen bietet Mindmeister ein API für die Interaktion, und Besitzer von iPad, iPhone und iPod Touch finden im App Store kostenlose Apps für den nativen Zugriff auf die Mindmaps.
Mindmeister wartet im Bereich »Tools« der Homepage außerdem mit praktischen Erweiterungen für den Browser und Desktop auf. Die verwendete Technik garantiert weitgehende Plattformunabhängigkeit – um Mindmeister einzusetzen, benötigen Anwender lediglich einen modernen Browser.
Die kostenlose Basic-Version hat Platz für bis zu drei Mindmaps, in denen Anwender allein oder gemeinsam mit anderen brainstormen können. Die Anzahl der Mitarbeiter ist dabei nicht begrenzt. Auch der Import aus Freemind und Mindmanager sowie der Export als Bild-, PDF- oder RTF-Dokument und die Einbindung der Maps in Webseiten ist erlaubt. Features wie Offline-Modus, Datei-Anhänge, Livechat, Themes und SSL-Verschlüsselung stehen lediglich den Premium-Kunden zur Verfügung. Diese Variante kostet rund 40 Euro pro Jahr. Zusätzlich bietet Mindmeister Business-, Academic- und Enterprise-Varianten in verschiedenen Preisstaffelungen [2] an.
Mindmeister zeigt sich immer bodenständig. Bei der Darstellung der Nodes wählt der Nutzer zwischen einfachen Strichen, eckigen Kästchen, abgerundeten Ecken und noch etwas stärker abgerundeten Ecken aus und sucht optional die Text- und Hintergrundfarbe aus. Auf Wölkchen, Sternchen und andere kreative Formen verzichtet das Mindmapping-Tool und setzt eher auf eine einfache und aufgeräumte Oberfläche, in der Ideen ungestört von überflüssigen Features wachsen können. Als nützlich erweist sich das Pfeiltool »Verbinden« , das zusätzliche Verknüpfungen zwischen den ansonsten streng hierarchischen Ästen einer Map schafft, um Verbindungen und Abhängigkeiten zu visualisieren.
Etwas verspielter gibt sich die Mindmapping-Cloud, wenn es darum geht, Icons und Bilder zu den Knoten hinzuzufügen. Mindmeister bietet selbst nur eine kleine Auswahl, gestattet dem Nutzer aus der Anwendung heraus jedoch die Google-Bildersuche und bietet sogar an, selbstständig das zum Node-Namen passende Bild herauszusuchen. Die Ergebnisse sind allerdings oft eher lustig als treffsicher.
Geteilte Map ist doppelte Freude
Mindmeister unterscheidet sich nicht nur durch die angenehme Oberfläche von anderen Linux-Desktopclients, sondern vor allem auch durch die Kollaborationswerkzeuge. Die Mindmapping-Cloud bietet zwei Formen der Freigabe: Einerseits können Anwender andere Nutzer gezielt einladen, andererseits steht die so genannte Wikimap zur Verfügung, über die ein Nutzer seine Map zur öffentlichen Bearbeitung freigibt.
Bei Letzterem darf man die Rechnung nicht ohne den Mindmeister-Account machen, denn Wikimaps können nur andere Mindmeister-Kunden verändern, anonyme Nutzer bleiben außen vor. Wer mal eben mit ein paar Kollegen in einer Mindmeister-Map brainstormen möchte, verbringt daher zunächst eine gewisse Zeit damit, Einladungen zu verschicken. Netter Bonus: Nach der zehnten erfolgreichen Einladung spendiert der Anbieter für drei Monate einen kostenlosen Premiumzugang.
Vandalismus will das Mindmapping-Tool für die Cloud mit einem Zeitstrahl verhindern, auf dem alle Änderungen nachvollziehbar sind. Die einzelnen Mitarbeiter sind durch unterschiedlich farbige Punkte symbolisiert, und der Eigentümer der Mindmap kann alle anderen an einen beliebigen Punkt im Zeitabschnitt zurück- oder vorbewegen. Über dem Zeitstrahl blendet die Anwendung Buttons ein, über die es möglich ist, die Änderungen wie in einem Film abzuspielen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Mindmeister bringt eine Mini-Versionskontrolle in Form eines Zeitstrahls mit. Jeder Benutzer erhält einen farbigen Punkt und ist daher gut identifizierbar.
Negativ fiel im Test lediglich die Tool-leiste am rechten Seitenrand auf. Je mehr Elemente der Anwender dort aufklappt, umso weiter schieben diese sich aus dem sichtbaren Bereich hinaus. Da es keine Möglichkeit gibt, in der Anwendung nach unten zu scrollen, wird das schnell unübersichtlich. Solche kleinen Schwächen machen Mindmeister den Platz als Marktführer jedoch nicht streitig. Wer einen zeitgemäß zu bedienenden Mindmapper für die Cloud sucht, der bekommt genau das, was er braucht – zu einem akzeptablen Preis oder mit eingeschränktem Funktionsumfang auch kostenlos.
Mind42
Der zweite Testkandidat ist das Produkt einer Wiener Softwareschmiede, der Irian Solutions Softwareentwicklungs- und Beratungsgesellschaft mbH. Mind42 [3] ist genau wie Mindmeister seit 2007 im Netz aktiv. Im Hintergrund arbeitet ein Java-Server, für die Oberfläche setzen die Macher auf Javascript, Ajax und Dojo. Die “42” im Namen ist laut Aussage des Herstellers keineswegs die Antwort auf die Frage aller Fragen, sondern steht für “for two” und soll die Kollaborationsfähigkeit des Tools unterstreichen.
Mind42 ist kostenlos und werbefrei. Der Cloud-Mindmapper ist ein Nebenschauplatz der Entwicklerfirma, die vor allem Beratungsleistungen und Schulungen anbietet. Pläne, Mind42 in einen kostenpflichtigen Dienst umzuwandeln, haben bislang noch keine konkrete Form angenommen. Mit Veränderungen wie Werbe-Einblendungen oder Ähnlichem müssen Anwender früher oder später aber rechnen. Bis dahin ist Mind42 einer der wenigen Online-Mindmapper, der seinen Nutzern keine Beschränkungen auferlegt – weder die Anzahl der Maps pro Account noch die Menge der Mitarbeiter pro Map ist begrenzt.
Optisch unterscheidet sich Mind42 kaum vom ersten Testkandidaten, auch wenn die Kontextmenüs zur Konfiguration der Nodes anders aussehen. Umsteiger von Mindmeister dürften jedoch einige Tools vermissen, und vor allem die Anordnung der Nodes um den zentralen Knoten herum ist bei Weitem nicht so flexibel. Zusätzlich fehlt die Möglichkeit, Beziehungen von einem Ast zu einem anderen zu setzen, wie Mindmeister es mit seinem »Verbinden« -Tool erlaubt.
Allgemeinwissen
Auch Mind42 bietet keinerlei Wikimap-Fähigkeiten und keine Einladungslinks. Jeden weiteren Mitarbeiter müssen Mindmap-Besitzer aufwändig per Mail zum Brainstorming bitten, was bei einem größeren Team schnell zur Copy&Paste-Fleißaufgabe gerät. Dafür punktet Mind42 mit der Möglichkeit, Mindmaps zu veröffentlichen und in andere Webseiten einzubinden. Entscheidet sich der Nutzer für eine öffentliche Map, erscheint sie auf der Mind42-Webseite. Zusätzlich verrät der Anbieter HTML-Quellcode, über den Anwender direkt verlinken.
Mind42 importiert Maps aus Freemind und Mindmanager und speichert selbst im Format ».m42« . Beim Export zeigt sich das Tool ähnlich flexibel wie Mindmeister und speichert neben dem eigenen auch im Freemind- und Mindmanager-Format. Zusätzlich erstellt das Tool RTF-, PDF-, PNG- und JPG-Dateien.
Auch der Wiener Mindmapper hat eine Art Versionskontrolle mit an Bord. Auf Wunsch benachrichtigt das Tool per Mail, wenn ein Mitarbeiter eine Mindmap verändert hat. Zusätzlich speichert Mind42 in der Voreinstellung alle 5 Minuten die Brainstorming-Ergüsse. Wer ganz auf Nummer sicher gehen und dem Verlust interessanter Gedankengänge nach einem Browsercrash vorbeugen möchte, der setzt das Intervall in den Mindmap-Einstellungen je nach Bedarf herab (siehe Abbildung 2). Als kleinste Einheit ist eine Minute möglich.

Abbildung 2: Mind42 bietet über den Einrichtungsdialog der jeweiligen Map ein Benachrichtigungsfeature an. Außerdem stellen Anwender hier das Intervall für die automatische Speicherung ein.
Da die Firma hinter Mind42 mit der Plattform keine kommerziellen Interessen zu verfolgen scheint und daher Kundenbindung wohl nicht zu den Hauptzielen gehört, sucht man Apps für mobile Geräte oder ein offenes API vergeblich. Der Hersteller konzentriert sich vielmehr auf die beiden wesentlichen Punkte: Mindmaps und Kollaboration – nicht mehr, nicht weniger. Das unschlagbare Argument bleibt der Preis, und für ein kostenloses und (derzeit noch) werbefreies Tool schlägt sich Mind42 gegenüber den Mitbewerbern wirklich passabel.
Creately
Dieses Online-Zeichenprogramm für den Browser unterstützt weit mehr als nur reine Mindmaps. Creately [4] erstellt Diagramme aller Art und bietet zahlreiche Vorlagen, fertige Symbolpaletten und Piktogramme. Das kommerzielle Tool des gleichnamigen australischen Anbieters basiert auf Flash und läuft daher in relativ vielen Browsern auf etlichen Plattformen – ausgenommen sind Betriebssysteme ohne offizielle Unterstützung durch Adobe. Zusätzlich bietet der Hersteller einen Client für den Desktop [5] an, der in Adobe Air implementiert ist und damit ebenfalls auf etlichen Betriebssystemen, auch Linux, arbeitet.
Der kostenlose Zugang erlaubt bis zu fünf Diagramme und maximal drei Mitarbeiter im Team. Diese Accounts sind allerdings grundsätzlich öffentlich – seine Privatsphäre muss der Anwender sich erkaufen. Zu dem Zweck bietet Creately gestaffelte Zugänge ab 5 US-Dollar im Monat (rund 50 US-Dollar pro Jahr) bis hin zu 75 US-Dollar pro Monat (rund 750 US-Dollar pro Jahr).
Für den Desktopclient greifen Nutzer zusätzlich in die Tasche; er kostet 75 US-Dollar pro Lizenz. Im Kaufpreis sind ein Jahresabo für den Personal-Zugang, kostenlose Aktualisierugen für ein Jahr und unbegrenzte Synchronisationsmöglichkeiten enthalten. Eine Chance, den Client unverbindlich zu testen, gibt es aber nicht. Auch spezielle Apps oder Unterstützung für mobile Clients und Pads sucht man vergeblich.
Mindmaps sind in Creately nur einer von vielen Diagrammtypen und anderen Zeichenobjekten. Ebenso zahlreich sind die Möglichkeiten in den Maps selbst. Die Formen der Nodes sind keineswegs auf die schlichte »Idee« aus der Abteilung Mindmaps beschränkt. Über einen Klick auf »Mehr Objektbibliotheken« fügt der Anwender Icons aus den Bereichen Business, Education, UML oder Webdesign hinzu. Auch beim Verlauf der Äste bietet Creately so viele Freiheiten wie kein anderes Tool – der Gestaltung von Farbe, Form und Enden der Linien sind kaum Grenzen gesetzt.
Mitarbeiter lädt der Anwender per E-Mail oder über einen eigens generierten Link ein. Um im Team brainstormen zu dürfen, ist ein eigener Creately-Account Voraussetzung. Eine Chatfunktion bietet der Webdienst zwar nicht, dafür aber einen Kommentarbereich, der ähnlich wie ein Chat zur Kommunikation untereinander dienen kann. Dieses Mindmapping-Tool macht es außerdem leicht, die Maps zu veröffentlichen beziehungsweise in Social-Media-Seiten einzubinden (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: In Creately veröffentlichen Benutzer ihre kreativen Ergüsse per Mausklick in sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook & Co.
Der kostenlose Account eröffnet allerdings keine Im- und Exportmöglichkeiten. Außerdem fällt an diesem Mindmapper für die Cloud die Versionskontrolle negativ auf. Um eine History der eigenen Mindmaps einzusehen, muss der Anwender zurück zur Gesamtübersicht seiner Diagramme wechseln.
Creately kann (fast) alles und sieht auch gut aus, ist für kleine Aufgaben jedoch sicherlich überdimensioniert. Im Test unter Linux erwies sich die Flash-Anwendung außerdem als etwas launisch. Mal stellte der Browser die Mindmaps anstandslos dar, manchmal blieb es bei einem leichten Flackern.
Gedanken zum Schluss
Der Gewinner ist eindeutig Mindmeister – hier stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Der Testkandidat überzeugt schon in der kostenlosen Variante, und für wenig Geld rüsten Nutzer sinnvolle Export- und Verschlüsselungsfunktionen auf. So gut sich Mind42 als kostenloser Dienst in diesem Vergleich schlägt: Das Fehlen der (auf den ersten Blick lächerlich nebensächlich erscheinenden) Funktion, Bezüge zwischen Mindmap-Ästen zu erstellen, ist ein K.o.-Kriterium bei komplexeren Brainstormings. Dennoch empfiehlt sich Mind42 für einfachen Gedankenaustausch allen, die sich keine Gedanken über Kosten und Einschränkungen machen wollen.
Creately lohnt sich erst dann, wenn das Team nicht nur einfach brainstormen, sondern zahlreiche komplexe Diagramme zeichnen und teilen muss. Man darf das Tool durchaus als eierlegende Wollmilchsau bezeichnen, es sticht mühelos sogar Zeichentools für den Linux-Desktop wie beispielsweise Dia aus.
Allen Testkandidaten fehlt grundsätzlich die Möglichkeit, schnell und einfach Mitarbeiter ins Team einzuladen, ohne dass diese ebenfalls einen Account beim jeweiligen Anbieter eröffnen müssen. Natürlich kann man diesen Wunsch zur Kundenbindung verstehen, aber Fans gewinnt man eben auch, indem man Dinge schnell zugänglich und leicht benutzbar macht.
Infos
- Mindmeister: http://www.mindmeister.com
- Mindmeister-Preise und -Ausgaben: http://www.mindmeister.com/de/home/editions
- Mind42: http://www.mind42.com
- Creately: http://www.creately.com
- Creately für den Desktop: http://creately.com/desktop





