
Abbildung 1: Bilder aus dem fernen Boomtown: Jeff Miller und seine Frau Iris, die Turbolinux-Gründer, schafften einen fulminanten Aufstieg – mit tatkräftiger Unterstützung von Linus Torvalds.
Von kurzer Hand eingefädelte Milliardendeals, chaotische Produktpolitik sowie lange Gesichter bei Belegschaften und Community gab es auch schon zur Dotcom-Ära. Das Linux-Magazin hat nachgeforscht, was die bekanntesten Protagonisten von damals heute eigentlich so treiben.

Abbildung 1: Bilder aus dem fernen Boomtown: Jeff Miller und seine Frau Iris, die Turbolinux-Gründer, schafften einen fulminanten Aufstieg – mit tatkräftiger Unterstützung von Linus Torvalds.
Caldera Linux begann als Projekt von Novell, basierte auf Red Hat Linux und wurde 1994 als Caldera Systems, geleitet von Bryan Sparks, eigenständig. Im Jahre 1998 übernahm Ransom Love als CEO und steuerte bis 2002 auf Open-Source-Kurs. Caldera Systems kaufte die Server-Sparte von SCO und nannte sich Caldera International. Als Loves Nachfolger trat 2002 Darl McBride an, SCO Group lautete nun der Firmenname. 2003 begann der Streit um Unix-Patente. Was macht Ransom Love heute?
Von Linux in die Kirche
Die Spurensuche führt zu einer der Religionsbewegungen in den USA, genauer nach Salt Lake City: Die “Church of Jesus Christ of Latter-day Saints”, umgangssprachlich die “Mormonen-Kirche”, ist heute der Arbeitgeber von Ransom Love. Dort verantwortet er die IT für die Kirche, die nach eigenen Angaben aktuell 13 Millionen Anhänger um sich schart.
Zuvor war Love aber noch einige Jahre im Linux-Umfeld aktiv: Nach dem Beginn des Rechtsstreits seiner ehemaligen Firma brach er den Kontakt zu SCO komplett ab und ging zu Progeny Linux Systems, einem Linux-Plattformanbieter, gegründet von Ian Murdock, dem Debian-Schöpfer. Dort blieb Love bis zum 30. April 2007, einen Tag später, zum 1. Mai, gab Progeny Linux über die Mailingliste bekannt, dass die Firma aufgibt.
Für den damit gescheiterte Firmengründer Ian Murdock endete zugleich eine Erfolgsserie. Der Urvater von Debian GNU/Linux hatte das Debian-Manifest 1993 noch in seiner Studentenzeit geschrieben und das Betriebssystem bis 1996 verantwortlich betreut. Murdock (Abbildung 2) war gleich zu Beginn einer der Hauptaktivisten der Linux- und Open-Source-Szene und begründete im Jahr 1993 Linux International mit, ebenso die Open Source Initiative [1] im Jahr 1998.
Von Debian über Progeny zu Sun Microsystems
Sein Angestelltendasein als Informatiker an der Universität von Arizona ließ Murdock im Jahr 2000 hinter sich und versuchte es als selbstständiger Unternehmer mit Progeny Linux. Als die Firma 2007 aufgab, tauschte er die Selbstständigkeit wieder gegen einen regelmäßigen Gehaltszettel bei Sun Microsystems. Bis zur Sun-Übernahme durch Oracle im Jahr 2010 war er dort Chefstratege für Cloud Computing und begründete in dieser Zeit das Projekt Indiana, das in die Distribution Open Solaris überging.
Jetzt arbeitet er bei dem SaaS-Anbieter Exact Target, wo er wieder die Rolle des Cloud-Strategen übernommen hat. Murdock über seine neue Aufgabe: “Was mich wirklich begeistert, ist der Umfang, in dem Exact Target [2] operiert. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen mehr als 40 Milliarden Nachrichten verwaltet, das ist in etwa die gleiche Größenordnung wie Twitter.”
Der romantische Hintergrund für die Namensgebung von Debian – eine Kombination aus Ian und dem Namen seiner späteren Frau Deborah – fand mit der Scheidung der beiden im Jahr 2007 ein nüchternes Ende. Murdocks Distribution hingegen erfreut sich allergrößter Beliebtheit, mit über 1000 Unterstützern rund um den Globus und vielen Derivaten ist ein Ende nicht abzusehen.
So manche Linux-Distribution muss heute ohne Gründer auskommen – und die gingen nicht immer freiwillig. So auch Gaël Duval (Abbildung 3), der französische Gründer von Mandrake Linux [3].
Duval: Kontrolle behalten!
Duval startete den Linux-Ableger 1998, als Red Hat nicht sofort die neue Oberfläche KDE anbieten wollte, sondern zunächst weiterhin bei Gnome blieb. Duval erinnert sich: “Ich war fasziniert von Next Computers und der tollen Oberfläche, also wollte ich etwas in der Art machen: Ein stabiles Betriebssystem mit einer schönen grafischen Oberfläche, und weil KDE gerade herauskam, war das ein guter Zeitpunkt.”
Das zugehörige Unternehmen nannte er Mandrakesoft. Nach einem juristischen Hickhack um eine gleichnamige Comicfigur und dem Zukauf des brasilianischen Linux-Unternehmens Connectiva im Jahr 2005 tauften sich Unternehmen und Distribution in Mandriva um.
2001 ging Duval mit Mandrakesoft an die Pariser Börse; das so gewonnene Kapital hielt aber nicht lange vor: Bereits 2003 musste die Firma Gläubigerschutz beantragen. Nur dank der massiven Unterstützung durch die Community des Mandrake-Clubs floss wieder Geld, das die Firmeninhaber im Folgejahr in verschiedene Zukäufe investierten. Auf der Einkaufsliste stand der IT-Dienstleisters Edge IT, es folgten Connectiva und im Jahr 2006 der französische Software-Anbieter Linbox.
Die erzielten Umsätze reichten offenbar nicht, um dem Unternehmensgründer Duval weiterhin Gehalt zu zahlen: Im Mai 2006 erhielt er das Kündigungsschreiben vom neuen CEO Francois Bancilhon. Frustriert verließ er die Firma und kümmert sich seither um Ulteo [4], eine kommerzielle Open-Source-Lösung für virtuelle Umgebungen, aktuell in Version 3.0.
Seine persönliche Lehre aus der Geschichte seiner Linux-Distribution fasst Duval für das Linux-Magazin so zusammen: “Verlier’ nicht die Kontrolle über das, was du tust. Wenn du ein Unternehmer bist, vertraue nicht blind älteren Leuten, die klug reden, denn sie verstehen oft nicht, worum es dir geht.”
Bob Young bringt Red Hat an die Börse – und geht
Völlig freiwillig hingegen verließ Robert “Bob” Young (Abbildung 4) das Unternehmen Red Hat, das mit seiner Linux-Distribution als seltenes Erfolgsbeispiel aus der Dotcom-Ära dienen kann. Im Jahr 1993 gründete der Hightech-Unternehmer zunächst die ACC Corporation, ein Versandhaus für Linux- und Unix-Zubehör. 1994 tat er sich mit dem Entwickler Marc Ewing zusammen, der seine eigene Distribution nach dem roten Hut seines Großvaters benannte.
1995 kaufte sich Young in das Unternehmen ein, brachte es 1999 an die Börse und wurde im selben Jahr vom Wirtschaftsmagazin Business Week zu einem der “Top Entrepreneurs” nominiert. Getreu dem Motto “Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist”, verließ er kurze Zeit später Red Hat und eröffnete mit Lulu [5] einen Online-Verlag für Print-on-Demand. Mit diesem Verlag will er nach eigener Aussage Kreativen die Möglichkeit bieten, ganz im Open-Source-Sinne die Kontrolle über ihr Werk zu behalten.
Linux-Aktien im freien Fall
Ein Mythos in der Open-Source-Szene ist Larry Augustin (Abbildung 5), der mit der Gründung von VA Research im Jahr 1993 gleichfalls seit den ersten Tagen dabei ist. Der Absolvent der Standford University kam wohl als Erster auf die Idee, mit einem Linux-Betriebssystem vorinstallierte PCs als Alternative zu den wesentlich teureren Unix-Rechnern zu verkaufen. Mit mehr als 100 Millionen US-Dollar Umsatz hielt Augustins Unternehmen im Jahr 1998 20 Prozent des weltweiten Linux-Markts.
Dank millionenschwerer Finanzspritzen von Intel und Sequoia verleibte sich die Firma 1999 den Wettbewerber Linux Hardware Solutions ein und portierte den Linux-Kernel auf die Intel-64-Bit-Plattform. Im selben Jahr wie Red Hat ging das Unternehmen unter dem neuen Namen VA Linux Systems an die Börse und bekam das Kürzel LNUX. Die Aktie stieg im Dezember 1999 binnen Kurzem von 30 US-Dollar auf 320 US-Dollar. Doch der Dotcom-Höhenflug war nicht von Dauer, das Papier fiel im Jahr 2002 auf 54 US-Cent und wurde 2006 mit 4,64 US-Dollar aussortiert.
Noch im Jahr 2000 mit reichlich Geld ausgestattet, kaufte Augustin die Firma Andover.net und führte unter diesem Dach namhafte Open-Source-Internet-Plattformen zusammen, darunter die News-Seiten Slashdot und Freshmeat und seine frisch gegründete Software-Plattform Sourceforge. Unter dem Namen Open Source Developer Network führte er einen Großteil der bis dahin selbstständigen Internetpräsenzen zusammen.
Nachdem Augustin feststellen musste, dass VA Linux Systems im Wettbewerb nicht länger mit Hardware-Anbietern wie Dell konkurrieren konnte, benannte er 2001 sein Unternehmen in VA Software um, entließ alle Hardware-Mitarbeiter und spezialisierte sich auf Software-Entwicklung und Dienstleistungen.
Im August 2002 verließ Augustin die Firma und betätigte sich zunächst als Kapitalgeber beim Investor Azure Capital Partners. Seit 2005 ist er Chief Executive Officer beim kommerziellen Open-Source-Anbieter Sugar CRM und übernimmt Führungsaufgaben bei der Linux Foundation. Sein früheres Unternehmen VA Software änderte 2007 seinen Namen in Sourceforge Incorporated und schließlich im Jahr 2009 in Geeknet [6]. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
93 Millionen verbrannt
Eine weitere Distribution der ersten Stunde und gleichzeitig Millionengrab der Dotcom-Ära ist Turbolinux [7], entstanden auf der Codebasis von Red Hat. Schon im Jahr 1992 gründeten Jeff “Cliff” Miller und seine Frau Iris das Unternehmen in Kalifornien, zunächst unter dem Namen Pacific-Hi-Tech als Hersteller verschiedener Distributions-CDs, darunter auch Red Hat. Cliff Miller berichtet über die Anfänge: “1993 begannen wir Linux-CDs zu produzieren, 1997 schließlich fokussierten wir uns auf unsere eigene Distribution Turbolinux.”
Mit ihrer Linux-Variante zielten die Millers auf den asiatischen Markt, wo Turbolinux sehr erfolgreich wurde – und als Distribution bis heute ist (Abbildung 1). Stolz berichtet Cliff Miller: “Im Zeitraum von rund sieben Jahren hatten Iris und ich Turbolinux zu einem profitablen Unternehmen gemacht, und es lief ohne jedes Investment von außen.”
1999 bekam die Firma den Namen der Distribution und Investoren setzten ihr Geld auf Turbolinux, darunter IBM, HP, Compaq, Dell und viele andere. Bis zum Jahr 2000 flossen 93 Millionen US-Dollar in die Firmenkasse, schnell entstanden zu dieser Zeit auch zahlreiche Niederlassungen in Europa. Auf dem deutschen Markt bekannter wurde Turbolinux durch die Allianz mit Suse Linux, Conectiva und SCO, die im Jahr 2002 unter dem Namen United Linux den Versuch einer gemeinsamen Distribution starteten [8].
Es hat Spaß gemacht, Underdog zu sein
Linux-Urgestein Jon “Maddog” Hall erinnert sich, dass Iris Miller als Firmenchefin in Asien für Furore sorgte, musste sich die Männer-dominierte Gesellschaft doch an eine weibliche Führungskraft gewöhnen. “So zierlich und klein Iris ist, verschaffte sie sich durch ihr energisches Auftreten doch überall schnell Respekt”, erzählt Hall. Wieder einmal kam mit den Investoren Unruhe in das Unternehmen. “Nachdem das Investment-Geld kam, änderten sich die Machtstrukturen im Management und es kam schlechte Stimmung auf”, so Miller.
Das Gründerpaar zog Konsequenzen und verkauften im Jahr 2000 einen Großteil seiner Anteile: “Statt uns in Politik und Negatives zu verwickeln, gingen Iris und ich und gründeten ein neues Software-Unternehmen.” Die neue Firma hieß Mountain View Data, unterhielt Niederlassungen in den USA, Japan und China und war spezialisiert auf Datenspeicherung und Synchronisierung.
Miller schildert bitter die weitere Geschichte von Turbolinux: “Das so genannte professionelle Management, das die Investoren eingesetzt hatten, schaffte es, die mehr als 95 Millionen US-Dollar innerhalb von weniger als zwei Jahren professionell zu verbrennen, ohne die Verkaufszahlen wesentlich zu steigern.” Es habe seinerzeit auch ein Übernahmeangebot von Red Hat in dreistelliger Millionenhöhe vorgelegen, aber das “professionelle Management” habe den Deal torpediert, berichtet Miller. Mountain View Data selbst wurde im Jahr 2007 vom Virtualisierungsanbieter 3Leaf-Systems aufgekauft und musste im März 2010 Insolvenz anmelden.
Iris Miller hat sich inzwischen zur Ruhe gesetzt und lebt heute in Peking, Cliff Miller hielt es nicht lange zu Hause: “Ich bin wohl ein Workaholic”, so der Unternehmer. Aktuell ist Cliff Miller im Management des Instant-on-Desktop-Unternehmens Splashtop. Im Mai 2010 ernannte die Linux Foundation den Asien-erfahrenen Cliff Miller zum “Director of China Operations”.
An die alten Zeiten erinnert er sich gern: “Es hat Spaß gemacht, der Underdog zu sein, weitab vom Mainstream”, und er steuert noch eine Anekdote bei, als große Unternehmen das Linux-Geschäft entdeckten: “In einem Meeting 1999 mit IBM kamen fünf Manager in unsere Büros in Kalifornien, extra im T-Shirt. Sie alle fühlten sich offensichtlich reichlich unwohl, nicht in ihrem Element. Wir bei Turbolinux hatten unsere Anzüge und Krawatten extra für das Treffen vom Staub befreit und fühlten uns ebenso unwohl. Das war ein klasse Eisbrecher.”
Infos
- Open Source Initiative:http://www.opensource.org
- Exact Target: http://www.exacttarget.com
- Mandrake Linux: http://www.mandriva.com
- Ulteo: http://www.ulteo.com
- Lulu: http://www.lulu.com
- Geeknet: http://geek.net
- Turbolinux: http://www.turbolinux.com
- Linux-Magazin 12/2002, https://www.linux-magazin.de/Heft-Abo/Ausgaben/2002/12/World-Wide-Linux








