Aus Linux-Magazin 05/2011

Oracle trifft Open Source

© Oracle Racing

Forks, Personalfluktuation und wütende Mailthreads: Die Übernahme von Sun Microsystems durch Oracle bedeutete eine Zäsur für Open-Source-Projekte wie MySQL und Open Office. Die Bestandsaufnahme für freie Software unter der neuen Ägide zeigt ein zwiespältiges Bild.

Oracel-Boss Lawrence J. Ellison praktiziert das Credo: Wachstum durch Zukauf (Abbildung 1). In den vergangenen sechs Jahren landeten bei seinen Einkaufstouren rund 70 Firmen in seinem Einkaufskorb, darunter auch Sun Microsystems. Die Open-Source-Welt blickt seitdem mit Argusaugen auf das Schicksal der nun bei Oracle beheimateten Projekte.

Oracle bekennt sich brav zu Open Source [1], macht aber über Edward Screven, den zuständigen Chief Corporate Architect, klar, dass es keine spezielle Open-Source-Strategie verfolge, sondern eine Gesamtstrategie, die da lautet: fertige, offene, integrierte, getestete Lösungen anbieten. Übersetzt heißt das: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Abbildung 1: Orcale-Gründer Larry Ellison zählt zu den Schwergewichten der IT-Branche.

Abbildung 1: Orcale-Gründer Larry Ellison zählt zu den Schwergewichten der IT-Branche.

Schweigen

Dass selbst Schwergewichte wie Open Office nach der Übernahme lange Wochen vergeblich auf ein klares Statement des neuen Eigners warten mussten, passt in dieses Bild. Von verstopften Kanälen für Patches der Community war die Rede und ungeklärten Zuständigkeiten bei Ansprechpartnern. Selbst als Handlungsbedarf im Open-Office-Lager entstand – was am Fork Libre Office abzulesen ist und dem Plan, dessen Wohl, Wehe und den Code der Document Foundation [2] anzuvertrauen –, reagierte Oracle verstockt und machte klar, dass die Namensrechte am etablierten Open Office keinesfalls an die Stiftung gehen.

Inzwischen hat sich die Lage wieder beruhigt. Libre Office und Open Office standen jüngst bei der Cebit nur wenige Meter voneinander entfernt und zeigten keine Berührungsängste. Open-Office-Community-Manager Louis Suarez-Potts fürchtet sich mehr davor, dass die zwei getrennten Office-Pakete für Verwirrung bei den Nutzern sorgen, als vor Streitereien unter den Projekten (siehe Kasten: Verwirrte Nutzer”).

Sun hatte Openoffice.org seinerzeit mit kommerziellem Support im Programm. Den bietet Oracle inzwischen ebenfalls an und mit Cloud Office auch noch einen Web-Ableger. Das neue Standbein in der Cloud erfährt von Oracles Marketingseite mehr Aufmerksamkeit, als das Standalone-Paket.

Rund 20 weitere Projekte oder auch deren finanzielle Förderung hat Oracle mit Sun übernommen, darunter MySQL, Hudson, Glassfish, Open JDK, Open Solaris, Netbeans und ZFS. Die schiere Zahl an Technologien und Entwicklungen, die Oracle zufielen, will gemäß der Firmenstrategie integriert und bewertet sein. Schließlich hat Oracle schon vor der Übernahme ein reichhaltiges Portfolio sein Eigen genannt – und im Zweifelsfall ist auch das Aufgeben eines konkurrierenden Produkts eine gangbare Strategie.

Wartehalle

Open Solaris ist ein Beispiel für ein Projekt zwischen den Stühlen. Von Sun als kommerzielles Produkt angeboten und als Open-Source-Projekt gepflegt, hat Oracle Open Solaris zwar ins Portfolio genommen. Doch als Oracle Solaris Express 11 – eine Technologievorschau – ist es kaum mehr als Open-Source-Projekt und Produkt einer Community zu bezeichnen und nur in Form von Binaries erhältlich.

Enttäuschte Entwickler haben mit Illumos bereits eine alternative Open-Solaris-Distribution gegründet, die sich selbst nicht als Fork, sondern als Child bezeichnet, weil nicht alle Teile von Open Solaris freie Software sind. Oracle hat bis heute noch kein konkretes Datum für die Veröffentlichung von Solaris 11 genannt. Inzwischen gibt es aber ein “Solaris 11 Compatibility Checker Tool”, das die Lauffähigkeit von Solaris-10-Anwendungen unter der Folgeversion prüfen hilft [3].

Oracle bietet – ganz ohne Sun-Portfolio – inzwischen seinen auf Red Hat Enterprise Linux basierenden Klon Oracle Linux in Version 6 an. Für das Solaris-Schicksal ist diese Linux-Konkurrenz wohl mehr als eine Randnotiz.

Namhafte Gründe

Auch dem Projekt Hudson dauerte das Ausharren an Oracles langem Arm zu lange. Im Januar bequemte sich das Management zu einer Aussage und sah darin, wie bei Open Office, die vom Projekt angefragten Namensrechte an Hudson unantastbar auf seiner Seite.

Ein Kommunikationsproblem zwischen Hudson-Projektgründer Kohsuke Kawaguchi und Oracle und ein deshalb ohne Vorwarnung vollzogener Umzug des Projekts auf eine neue Java.net-Instanz waren vorausgegangen. Es folgten ein diesmal vom Projekt initiierter Umzug nach Github und die Umbenennung des Projekts in Jenkins. Die Community hat dem Namenswechsel zugestimmt, seit Ende Januar ist Jenkins [4] unabhängig. Einen Sitz im neuen Governance Board von Jenkins hat Oracle dankend abgelehnt.

Spätzünder

MySQL-Entwickler haderten in gleichem Maße. Die Urväter Michael Monty Widenius und Marten Mickos schieden sofort nach der Übernahme von Sun durch Oracle aus, weitere MySQL-Schwergewichte taten es ihnen gleich. Mit Maria DB entstand ein Open-Source-Projekt und ein MySQL-Fork.

Die Firma SkySQL hat sich ebenfalls aus dem Pool von Ex-MySQL-Mitarbeitern aus dem Sun-Fundus gegründet, Kaj Arnö ist einer der ausgeschiedenen Manager, die bei SkySQL nun Support für Maria DB und MySQL anbieten. MySQL-Entwickler und -Unterstützer verabschiedeten sich weiterhin in Scharen. Auch Drizzle zählt zu den von Sun noch gepflegten MySQL-Ablegern, dessen Hauptentwickler Oracle verlassen haben.

Oracle selbst zeigt inzwischen ebenfalls Ambitionen und hat mit der MySQL Enterprise Edition on Windows ein frisches Paket geschnürt, das direkt Microsofts SQL Server angreift und dabei ein Einsparpotenzial von 90 Prozent bei den Total Cost of Ownership verspricht. Die MySQL Enterprise Edition 5.5 wurde ebenfalls überarbeitet und mit neuen Support-Optionen angereichert.

Oracle sieht das seinerseits als Bekenntnis zu der “populärsten Open-Source-Datenbank”. Nun steht die Integration von MySQL in den Oracle-Software-Stack an. Die freie Datenbank soll über den Oracle Enterprise Manager steuerbar sein und durch Oracles Secure Backup.

Erbstreitigkeiten

Manche Probleme sind aber auch die altbekannten. Dass die Apache Foundation im Dezember den Java-Community-Prozess verlassen hat, ist kaum Oracle allein anzulasten. Schon seit Jahren kritisiert Apache die Lizenzbestimmungen der wichtigen Testsuite Java Compatibility Kit (TCK), die nötig ist, um die Kompatibilität der eigenen Java-Implementierung Harmony zu überprüfen. Neben Apache hat auch die Linux Foundation auf die Lizenzdebatte um die Test-Kits reagiert und Java aus der jüngsten Linux Standard Base 4.1 einfach entfernt. Oracles Weigerung, das TCK herauszurücken, steht dabei durchaus in der Tradition von Sun.

Alte Lizenzfragen

Tradition hat auch die Lizenzierung der Beiträge von Entwicklern zur Software. Michael Meeks, der bei Novell arbeitet und im Steering Committee der hinter Libre Office stehenden Document Foundation sitzt, bemängelt, dass freie Entwickler und auch Linux-Distributoren schon zu Suns Zeiten mit dem Copyright Assignment für ihre Beiträge zur Software Probleme hatten.

Meeks beschreibt das Resultat als Zweiklassengesellschaft: Sun und jetzt Oracle auf der einen Seite als Eigentümer, dem alles gehört und der den Code unter beliebigen Konditionen für proprietäre Projekte einsetzen und relizenzieren kann. Auf der anderen Seite alle anderen Beitragenden, die leer ausgehen. Positiv sieht Meeks dagegen, dass nun die gleiche Lizenz für alle Büropakete, auch das von Oracle, gilt (LGPLv3), schon wegen der Anti-DRM-Klausel. Dual lizenziert ist der Code mit der Mozilla-Lizenz (MPL).

Skeptisch zeigt sich Meeks aber bei Java, das auch in Libre Office zum Einsatz kommt und für die Cross-Platform-Fähigkeit wichtig ist. Dort hält sich Libre Office wegen des TCK-Streits zurück. Ein neues Feature wie den Flat-XML-Export haben die Entwickler deshalb in C++ statt Java umgesetzt. Langfristig könnten sie auf Python umsteigen, wenn es mit Java mehr juristische Probleme gibt.

Tafelsilber

Ist die zugekaufte Software mit Oracles bestehender Middleware gut kombinierbar oder eine weltweit eingesetzte Technologie, gibt es keine Zukunftsängste. Java zählt zum Tafelsilber des Zukaufs. Oracle bemüht sich um Fortschritte in der Entwicklung und markiert gleichzeitig sein Revier, wie Klagen gegen Google wegen Verletzungen von Java-Patenten in der virtuellen Maschine Dalvik im Linux-Betriebssystem Android zeigen.

In dem Zusammenhang ist auch das Open JDK zu erwähnen, das Oracle ebenfalls ausdrücklich beibehält [5] und zu dessen Entwicklung unter anderem IBM beiträgt. Dennoch blieb es auch bei Java nicht ohne Abgang von Entwickler-Prominenz. Java-Urvater James Gosling hat sofort nach der Übernahme Anfang 2010 das Unternhemen verlassen.

Oracle hat Anfang März Version 3.1 des freien Anwendungsservers Glassfish [6] auf den Weg gebracht und die freie Umsetzung der Java-EE-Referenz besser in die eigene Middleware integriert – ein Bekenntnis zu freier Software auf der einen und zur eigenen Integrationsstrategie auf der anderen Seite. Von Virtualbox gibt es ebenfalls eine Neuauflage zum freien Download und in den Quellen. Netbeans bleibt wie bei Sun auch bei Oracle auf der Roadmap als freie Software.

Louis Suarez-Potts: Verwirrte Nutzer

Louis Suarez-Potts gab dem Linux-Magazin am Rande der Cebit Auskunft zum Stand der Dinge bei Open Office.

Louis Suarez-Potts gab dem Linux-Magazin am Rande der Cebit Auskunft zum Stand der Dinge bei Open Office.

Der Kanadier Louis Suarez-Potts ist seit 2007 Community-Manager von Open Office, anfangs war er Mitarbeiter bei Sun Microsystems. Nach der Übernahme durch Oracle hat er Mitte Februar 2011 gekündigt, bleibt dem freien Projekt in seiner Funktion jedoch erhalten.

Linux-Magazin: Wie ist das aktuelle Verhältnis von Oracle zu Open Office? Hat Oracle den Auftritt von Open Office bei der Cebit mitfinanziert?

Suaraz-Potts: Nein, den Stand hat Open Office bezahlt. Oracle hat ein paar Leute zur Unterstützung hier an den Stand geschickt – und die treten hier für Open Office auf, nicht als Oracle-Mitarbeiter.

Linux-Magazin: Die aktuelle Trennung von Libre Office und Open Office nach der Übernahme durch Oracle beschäftigt viele Anwender. Wie sehen Sie die Situation?

Suaraz-Potts: Meine größte Sorge nach der sehr unglücklichen Abspaltung von Libre Office ist, dass die Anwender verwirrt sein könnten, und das ist das Letzte, was ich will. Ich befürchte, dass davon vor allem proprietäre Anbieter profitieren.

Linux-Magazin: Sie haben sich vor Kurzem vom Arbeitgeber Oracle getrennt. Warum?

Suaraz-Potts: Meine Unabhängigkeit ist mir wichtig, mehr möchte ich dazu im Moment nicht sagen. Ich bin und war schon immer auch als Berater unterwegs, darauf konzentriere ich mich auch künftig wieder.

Linux-Magazin: Wie sehen Sie die Zukunft von Open Office?

Suaraz-Potts: Das Web 2.0 mit der Cloud hat darauf enormen Einfluss. Es wird zum produktiven Raum mit riesigen sozialen Netzen, dies wollen und müssen wir fördern. Die Anwender sollen an der Schaffung ihrer Produkte beteiligt sein, und das Tolle ist: Jeder kann Hersteller werden. Das ist die große Chance, die die Cloud wirklich bietet.

Linux-Magazin: Wo sehen Sie die Risiken der Cloud?

Suaraz-Potts: Gerade durch den Hype um Apple und die Apps per Fingertipp wird deutlich, wie wichtig die vier Rechte sind, die Open-Source-Lizenzen garantieren. Die Anwender kaufen einfach für einen Euro irgendeine App und denken nicht darüber nach, wie die Lizenz aussieht und was sie dabei aus der Hand geben.

Wir müssen den Leuten klarmachen, dass sie etwas sehr Interessantes verlieren, wenn sie auf ihre Rechte verzichten, und ein Rezept finden, wie wir diese Information mit dem Download-Prozess verbinden können. Die Leute sollen wissen, dass es bei ihnen liegt, welche Beziehung sie zu ihrer Software haben.

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