Aus Linux-Magazin 05/2011

Libre Office vs. Open Office

© Benis Arapovic, 123RF.com

Die Document Foundation löst sich mit der Gründung des Libre-Office-Projekts von Oracles Open-Office-Firmenpolitik. Dieser Artikel zeigt, welche neuen Features die alternative Organisationsform bringt, und vergleicht Libre Office mit dem nunmehr Mitbewerber Open Office.

“Eine unabhängige Stiftung wurde mir schon 1999 versprochen, als Sun die Firma Star Division kaufte”, sagt Michael Meeks. Der Brite ist Linux Desktop Architect bei Novell und im Steering Comittee der im September gegründeten Document Foundation [1], die hinter der Bürosoftware Libre Office [2] steht.

Nach Open-Source-Art

Meeks (Abbildung 1) ist begeistert von der Arbeit in der neuen Organisationsform: “Endlich funktioniert das wie bei einem normalen Open-Source-Projekt. Mit Sun gab es selbst bei kleinen Änderungen aufwändige formale Prozesse, man musste eine Spezifikation vorlegen und so weiter. Vor allem für Einsteiger war es nahezu unmöglich, das erste Patch in die Software zu bekommen.” Jetzt sei die Entwicklung unkompliziert und damit auch erheblich schneller.

Abbildung 1: Der Novell-Entwickler Michael Meeks arbeitet seit mehr als zehn Jahren am freien Office und sitzt in der Leitung der Document Foundation.

Abbildung 1: Der Novell-Entwickler Michael Meeks arbeitet seit mehr als zehn Jahren am freien Office und sitzt in der Leitung der Document Foundation.

In den ersten vier Monaten hat das Libre-Office-Projekt Version 3.3 seiner freien Bürosuite entwickelt, getestet und veröffentlicht. Libre Office 3.3 kann sich mit zahlreichen Neuerungen brüsten. “Wir hatten noch so viele Patches herumliegen, die es im alten Prozess einfach nicht in Open Office geschafft haben. Die brauchten wir jetzt nur einzupflegen und zu veröffentlichen”, erklärt Meeks.

Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit, SVG-Grafiken zu importieren. Auch der überarbeitete Struktur-Navigator, die Unterstützung für Lotus-Word-Pro-Dateien sowie Verbesserungen bei Wordperfect-Dokumenten schlummerten in bestehenden Patches. Aus der Novell-Edition des freien Office stammt die Unterstützung für die drei Formel-Notationen Calc A1, Excel A1 und Excel R1C1 (Abbildung 2).

Abbildung 2: Aus Novells Patches stammt die Fähigkeit von Libre Office Calc, mit verschiedenen Formel-Notationen klarzukommen.

Abbildung 2: Aus Novells Patches stammt die Fähigkeit von Libre Office Calc, mit verschiedenen Formel-Notationen klarzukommen.

Als weitere Libre-Office-Besonderheiten nennt das Projekt auf der Feature-Webseite für Version 3.3 [3] verbesserte RTF-Ausgabe, 3-D-Folienübergänge unter Linux sowie den Export nach OOXML, Microsofts XML-Format. Diese Spezialitäten fehlen der aktuellen Version 3.3 des Open-Office-Projekts [4], das weiterhin existiert und arbeitet – wenn auch weniger im Licht der Öffentlichkeit.

Daneben gibt es viele Verbesserungen, die beiden Bürosuiten gemeinsam sind: Calc-Tabellenblätter mit mehr als einer Million Zeilen, farbige Register für Tabellenblätter, besseres Folienlayout im Präsentationsprogramm Impress sowie das Anschließen von Base an Read-only-Datenbanken. Eine Gegenüberstellung ausgewählter Features zeigt Tabelle 1.

Es gibt aber auch Features, die der Anwender in Open Office 3.3 findet, in Libre Office aber suchen muss. Es handelt sich um die Möglichkeit, Formeln direkt im Dokument zu bearbeiten (Abbildung 3) und den Makro-Recorder (Abbildung 4). Die Libre-Office-Entwickler haben die beiden Funktionen in die Kategorie »experimentell« verschoben, weil sie diese für mangelhaft halten und nicht so rasch reparieren konnten.

Abbildung 3: Das Bearbeiten von Formeln direkt im Dokument: Bei Open Office möglich, Libre Office dagegen findet die Funktion unreif.

Abbildung 3: Das Bearbeiten von Formeln direkt im Dokument: Bei Open Office möglich, Libre Office dagegen findet die Funktion unreif.

Abbildung 4: Open Office behält den Makro-Recorder bei, den das Libre-Office-Projekt erst einmal als experimentell einstuft und daher hinter einer Option versteckt.

Abbildung 4: Open Office behält den Makro-Recorder bei, den das Libre-Office-Projekt erst einmal als experimentell einstuft und daher hinter einer Option versteckt.

Anwender können die experimentellen Features jedoch unter »Extras | Optionen | Allgemein« aktivieren. “Hier möchten wir in Zukunft auch entstehende Features für interessierte Anwender anbieten”, erläutert Jacqueline Rahemipour, Unternehmerin aus dem deutschen Open-Office-Verein, die ebenfalls zur Libre-Fraktion gewechselt hat.

Stilles Projekt

Außer durch seine Release 3.3 zwei Tage nach Libre Office ist das Open-Office-Projekt bisher kaum in Erscheinung getreten. Der Projektleiter Louis Suarez-Potts amtiert noch, obwohl er Oracle verlassen hat (siehe den “Oracle”-Artikel in diesem Schwerpunkt). Auffallend war lediglich, dass die Open-Source-Version Ende Januar 2011 deutlich später als Oracles Office-Produkt für Unternehmen herauskam. Oracle Office 3.3 erschien bereits im Dezember 2010, als das Open-Source-Projekt noch seinen Bugtracker entrümpelte.

Oracles Enterprise-Klasse

Oracle treibt sein Enterprise-Office [5] merklich in eine ganz andere Richtung als die Open-Source-Projekte. Die Software teilt mit ihren freien Geschwistern zwar die grundlegenden Funktionen, Importfilter und auch Erweiterungen wie die Presenter Console, den Presentation Minimizer und den PDF-Import. Als bedeutender hebt der Hersteller aber Konnektoren zu Oracle Business Intelligence Server, E-Business Suite, zu Microsofts Sharepoint-Server, MySQL und zum CMS Alfresco hervor.

Das Office-Blog des Unternehmens demonstriert in Screencasts, wie sich die Bürosuite an die hauseigene Entwicklungsumgebung JDeveloper oder an den BI-Server anbinden lässt [6]. Daneben existiert Oracle Office auch als Cloud-Anwendung mit Weboberfläche und Collaboration Features. Oracle Office ist als Standard-Edition mit Support-Forum für rund 40 Euro pro Arbeitsplatz zu haben. Die Enterprise-Edition umfasst auch die Konnektoren und richtet sich an Kunden ab 100 Installationen. Für Libre Office macht Novell ein kommerzielles Angebot, das die bisherige Novell-Ausgabe von Open Office ablöst [7].

Distributionen

Bei den Linux-Distributionen hat Libre Office klar die Nase vorn: Nach dem Vorstoß kleinerer Projekte wie Arch Linux und Frugalware führen auch die Releases der Großen wie Open Suse und Fedora nun Libre Office als Standard-Bürosuite ein, Ubuntu ist ab Version 11.04 ebenfalls dabei. Die Enterprise-Distributionen von Novell und Red Hat folgen im für sie typischen langsameren Tempo.

Wie erklärt sich Michael Meeks die rasche und umfassende Aufnahme des neuen Projekts in der Linux-Branche? “Man sollte nicht unterschätzen, wie sehr die Welt über persönliche Beziehungen funktioniert. Wir waren oft mit den Leuten von den Distributionen auf Konferenzen und haben einige Gläser Bier mit ihnen getrunken”, erwidert er.

Und in der Tat zählen jene Maintainer, die für ihre Distributionen früher Open-Office-Pakete gebaut haben, nun zu den aktiven Libre-Office-Mitarbeitern, etwa Caolán McNamara (Red Hat, Fedora), Petr Mladek (Open Suse, Suse Linux Enterprise) und René Engelhard (Debian). Lediglich auf Windows sehen manche noch Vorteile für Open Office, da bestehende Installationen dessen Upgrade-Pfad folgen, im Gegensatz zu den Linux-Paketmanagern, die ein Paket durch ein anderes ersetzen können.

Die Zusammenarbeit der Projekte am gemeinsamen LPGLv3-Quelltext dürfte sich fortsetzen. Das Git-Repository von Libre Office ist für alle Welt lesbar [8], das Mercurial-Archiv von Open Office ebenfalls [9]. Bei der Dokumentation haben sich die beiden Softwarezweige noch nicht besonders auseinanderentwickelt. Das Verfassen der Handbücher wird auf der Website ODF Authors [11] organisiert. Die Dokumente zu Version 3.3 nennen meist dieselben Verfasser in ihrer Autorenangabe und unterscheiden sich nur im Design sowie einigen wenigen inhaltlichen Punkten (Abbildung 5).

Abbildung 5: Das übergreifende Werk der ODF Authors: Die freien Handbücher zu Version 3.3 von Open Office (links) und Libre Office (rechts) zeigen praktisch den gleichen Inhalt.

Abbildung 5: Das übergreifende Werk der ODF Authors: Die freien Handbücher zu Version 3.3 von Open Office (links) und Libre Office (rechts) zeigen praktisch den gleichen Inhalt.

Die Document Foundation gibt an, seit ihrer Gründung rund 100 neue Mitarbeiter gewonnen zu haben. Das Projekt setzt die Eintrittsschwelle absichtlich sehr niedrig an. Es gibt sogar eine Wiki-Seite, die unter dem Titel “Easy Hacks” einfache Tätigkeiten für interessierte Einsteiger auflistet, beginnend beim Übersetzen deutschsprachiger Kommentare und dem Entfernen von totem C++-Code [10].

Weitere Pläne

Unterdessen veröffentlicht Libre Office monatliche Wartungs-Releases nach dem Versionsschema 3.3.x. Laut Thorsten Behrens aus dem Steering Committee überarbeiten die Entwickler in nächster Zeit die Tabellenkalkulation Calc, um die Zeilenanzahl weiter zu erhöhen und den Datenpiloten zu verbessern. Daneben sei eine allgemeine Entschlackung des Codebestands erforderlich, die mehrfach vorhandene Funktionalität an einer Stelle konsolidiert. Verbesserungen sind auch beim Übersetzungsframework geplant, das den ehrenamtlichen Übersetzerteams die Arbeit erleichtern soll.

Die Open-Office-Entwickler dagegen wollen in Version 3.4 die Umstellung des Cups-Druckformats von Postscript auf PDF mitmachen. Daneben soll es im Calc-Datenpiloten mehr als acht Datenfelder geben, und unnötige Anführungszeichen sollen beim CSV-Export entfallen. Für Impress sind Detailverbesserungen an Raster und Schattenwürfen geplant. In Writer bemühen sich die Entwickler darum, Formeln und Text auf eine gemeinsame Grundlinie zu stellen. Weitere Details gibt es auf einer Wiki-Seite [13].

Derzeit machen die neuen Features Libre Office für die meisten Anwender attraktiver. Ob sich die Office-Zweige weiter auseinanderentwickeln werden, bleibt dagegen abzuwarten. Vom 12. bis 15. Oktober 2011 wird in Paris die erste Libre-Office-Konferenz stattfinden [12]. Vielleicht bekommen die Open-Office-Leute ja Lust, als Gäste dabei zu sein.

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