Nur selten kann der Linux-Freund seinen Arbeitgeber allein nach der im Betrieb verwendeten Software aussuchen. Wenn es überwiegend proprietär, also düster, ausschaut, ist das kein Grund zur Traurigkeit, sondern zum Handeln. Dazu jetzt ein Leitfaden.
Viele Anhänger von Open-Source-Software erleben ihren beruflichen Alltag als Diaspora: Windows nicht nur auf Desktops, sondern auch auf Servern, das Buchhaltungssystem proprietär, die Marketingleute verschicken Newsletter von Macs und selbst die IT-Abteilung erfasst ihre Aufträge mit einem vernagelten Formularsystem. Wie durch ein unsichtbares Übereinkommen miteinander verbunden neigen IT-Entscheider mehrheitlich zu Software, die sie kennen – und die ist proprietärer Natur. Gleiches gilt für Dienstleister, wenn sie Linux-Produkte gar nicht erst anbieten.
Geben Sie sich jetzt einen Ruck und lassen sich von der Phantasielosigkeit Ihrer Vorgesetzten und Lieferanten nicht beeindrucken: Machen Sie Ihre Firma zu einem besseren Ort, indem Sie freie Software ansiedeln – der Schwerpunkt dieses Magazins hilft dabei. Beginnen Sie vielleicht mit dem Ticketsystem. Es gibt keinen Grund, warum ein solches proprietär sein sollte (Seite 28). Dann ein Newsletter-Manager (Seite 34). Komplexer ist ein Buchhaltungs- oder gar ein ERP-System – doch auch hier gelingt der Umstieg ins Freie zumeist (Seite 40).Die höchste Schule absolviert, wem einen kompletten Open-Source-Stack zu etablieren gelingt (Seite 48).
Die folgenden Artikel können natürlich nur Anregungen geben, die eigentliche Planungs- und Einführungsarbeit müssen Sie selbst erledigen. Als Lohn winkt funktionalere, stabilere und lizenzrechtlich überzeugende Software statt proprietäre Einheitsware. Die folgenden zehn Tipps helfen, die ersten Stolpersteine Ihres Debüts zu umgehen.
Zehn-Punkte-Ratgeber: Open Source einführen
- Wenn Sie Kollegen und Vorgesetzten von freier Software überzeugen wollen, betonen Sie den betrieblichen Nutzen. Andernfalls werden Ihnen Skeptiker Geltungssucht oder ideologische Motive unterstellen.
- Werben Sie für freie Software, indem Sie nicht nur den Wegfall der Lizenzkosten betonen, sondern auch die Anbieterunanbhängigkeit (kein Vendor Lock-in). Ihre Firma erhält so Investitionssicherheit.
- Thematisieren Sie die Community: Kein proprietärer Hersteller kann vergleichbare Entwicklungs- und Support-Ressourcen anbieten!
- Beginnen Sie am besten nicht mit einer Migration, sondern führen Sie ein neues System ein. Denn als One-Man-Show die Übergangsphase und die Datenübernahme ausfallfrei zu stemmen, ist schwierig.
- Wählen Sie anfangs ein Projekt aus, dass einen geringen Vernetzungsgrad mit anderen Systemen der Firma aufweist. Damit sind Sie nicht so stark auf die wohlwollende Kooperation Anderer angewiesen.
- Holen Sie sich bezüglich Ihrer Pläne Rat bei der Community.
- Bedenken Sie, dass die Anwender Ihres Open-Source-Systems nicht sofort die gleiche Begeisterung aufbringen wie Sie. Geben Sie Usern nie das Gefühl, dass sie etwas verordnet bekommen. Holen Sie sie frühzeitig ins Boot und betonen Sie den funktionalen Fortschritt Ihrer Lösung.
- Ganz wichtig: Usability! Bedienbarkeit ist nicht eine Frage von GUI oder Kommandozeile, sondern der Reaktion der Software auf Benutzereingaben. Stimmen Sie das Userinface auf das Bedienpersonal ab, nicht umgekehrt. Dank Open Source können Sie hier auch selbst viel beitragen und später Upstream geben.
- Wenn Sie mit einem externen (Open-Source-)Dienstleister zusammenarbeiten wollen oder müssen: Machen Sie klare Vorgaben, am besten in Form eines klassischen Pflichtenhefts.
- Dokumentieren Sie Ihre Arbeit.
Läuft alles gut, geht die Zeit Ihrer Diaspora zu Ende und die Freie-Software-Sonne beginnt zu scheinen.





