Alles aus einer Hand, schön aufeinander gestapelt und sicher und komfortabel miteinander verbunden, das versprechen Komplettlösungen für die Unternehmens-IT. Der Artikel untersucht die sehr unterschiedlichen Angebote von Red Hat, Open Stack und der Lisog.
Die Firmen-IT komplett auf freie Software bauen, das erfordert einiges an Planung. Immer wieder scheitern derartige Projekte im Test am Integrationsunwillen der ausgewählten Komponenten. Open-Source-Stacks (Stapel) sollen hier helfen. Provider wie Rackspace, Softwarehersteller wie Red Hat oder Verbände wie die Lisog schnüren kompatible Sammlungen von freier oder dual lizenzierter Software, mit denen sich angeblich weite Teile der IT-Landschaft einfach und schmerzfrei auf Open Source umstellen lassen.
Dieser Artikel stellt drei Projekte vor, untersucht ihre Tragweite und befragt Admins nach ihren Erfahrungen (Kasten “Admin-Erfahrungen” ).
Lisog Open Source Cloud Stack
Definitiv am weitesten gefasst präsentiert sich der Lisog Open Source Cloud Stack ([1], Abbildung 1), der von der Hardware bis zur Präsentationsebene für alle Bedürfnisse Lösungen anzubieten scheint.Auf den ersten Blick klingt das perfekt: Eine lange Liste prominenter Hersteller freier Software von Red Hat bis Pyramid hat sich einer Open-Source-, Open-Data- und Open-API-Strategie verschrieben, sie versprechen Interkonnektivität und jederzeitigen, unkomplizierten Austausch der Einzelkomponenten und Daten.

Abbildung 1: Für jeden Anwendungsfall eine Lösung, das verspricht der Lisog Open Source Cloud Stack. Er erstreckt sich über sechs vertikale Ebenen und will die Interoperabilität der beteiligten Produkte garantieren – wenn die Hersteller der gelisteten Projekte kompatible APIs geschaffen haben.
Das erweist sich in der Praxis allerdings häufig noch als schwierig. Während die Integration zwischen den verschiedenen Ebenen (vertikal) in der Regel problemlos funktioniert, stellt die Integration innerhalb einer Schicht des Stack Admins noch in vielen Fällen vor Probleme (siehe Horst Bräuners Bericht im Kasten “Admin-Erfahrungen”), die sich nur durchs bisweilen teure Sponsoring von Schnittstellen lösen lassen.
Doch immerhin verschreiben sich die Unternehmen, die im Stack gelistet sind, einem gemeinsamen Ziel und erhoffen sich dadurch Synergie-Effekte und gemeinsame Projekte. Die Open-Source-Strategie des Stack erzwingt von den Herstellern das Versprechen, Weiterentwicklungen wie die neu geschaffenen Interfaces wieder unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen, damit die Software auch potenziellen späteren Anwendern zugute kommt. So möchten die Initiatoren dafür sorgen, dass Räder nur einmal erfunden werden müssen.
Der IT-Leiter der Stadt Schwäbisch Hall, die heute die Agorum-OX-Integration (Abbildung 2) finanziert, erhofft sich in der Zukunft von ähnlichen Entwicklungen bei anderen Kunden zu profitieren. Das rentiert sich auch für den Hersteller: Sowohl für Open Xchange als auch Agorum ist die wechselseitige Funktionalität ein Feature, das sich gut bewerben lässt. Auf der Cebit 2011 wollen die beiden die neue Schnittstelle zum ersten Mal im großen Stil ankündigen.

Abbildung 2: Agorums Dokumentenmanagement mit der Groupware Open Xchange kombiniert – ein Projekt des Lisog-Stack, finanziert vom Kunden, der Stadt Schwäbisch Hall.
Geplant sind auch Verbindungen zum Customer Relationship Management (CRM), die Integration mit Enterprise Ressource Planning (ERP), Ticket- und Supportsystemen (ITSM) wie OTRS und den bereits ansatzweise sowohl in Open Xchange wie auch in Agorum auffindbaren Projektmanagement-Tools (PM). In der gemeinsamen Vision fänden sich in ferner Zukunft alle Werkzeuge unter einem Webfrontend, ohne dass dem Nutzer bewusst wäre, dass er hier verschiedene Softwarepakete verwendet.
Enterprise Service Bus
Die Initiatoren des Lisog-Stack planen außerdem einen Enterprise Service Bus (ESB, Abbildung 3), der mit zwei APIs den Datenaustausch zwischen den Softwareprojekten einer Ebene ermöglicht. Auf der einen Seite (rechts) könnten damit Clients, auf der anderen (links) die Server zugreifen und über beispielsweise Soperas Tools [2] kommunizieren.

Abbildung 3: Für die Idee eines zentralen Enterprise Service Bus als (zweiseitigem) API zwischen den Lisog-Stack-Produkten gewann die Lisog jüngst Fördermittel vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand.
Angesichts der Jugend des Stack scheint das allerdings ambitioniert, auch wenn der deutsche Staat das Projekt mit millionenschweren Fördermitteln aus dem Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand [3] unterstützt. Trotzdem scheinen beim Lisog-Stack noch die verbalen Commitments vorzuherrschen, die Programmierarbeit steht noch in den Sternen.
Open Stack

Abbildung 4: Der Compute-Manager Nova kümmert sich in Open Stack um die Nodes. Diese Knoten stellen die Rechenleistung für die private Cloud zur Verfügung, während der Storage-Manager Swift Images und Speicherplatz verwaltet.
Nicht weniger als einen offenen Industriestandard fürs hybride Cloud Computing wollen die Vordenker hinter Open Stack [4] ins Leben rufen. Ende 2008 von der Nasa und dem großen amerikanisch-britischen Provider Rackspace ins Leben gerufen, haben sich mittlerweile knapp 50 Schwergewichte der freien Softwarewelt unter dem Open-Stack-Dach eingefunden. Jüngstes Mitglied ist Canonical, das vor wenigen Wochen auch die Integration von Open Stack in Ubuntu Server und die Ubuntu Enterprise Cloud (UEC, [5]) bekannt gab.
Der offene Stapel (als Quelltextarchiv und RPM-Paket für Suse auf der DELUG-DVD) besteht aus zwei zentralen Komponenten: Dem Compute-Manager Nova und dem Storage-Manager Swift (Abbildung 4). Während Swift schon Mitte 2010 verfügbar war [6], bringt erst die kurz vor Redaktionsschluss fertiggestellte Bexar-Release ([7], Abbildung 5) eine stabile Version von Nova mit. Open Stack ist voll auf Ubuntu ausgerichtet und lässt sich dort auch sehr einfach installieren. Mit dem Ziel Industriestandard vor Augen legten die Entwickler jedoch viel Gewicht auch auf die Interoperabilität, und so gibt es mittlerweile ein von B1 Systems gepflegtes OBS-Repository [8].

Abbildung 5: Komplett überarbeitet und erstmals mit dem Compute-Manager präsentiert sich die Bexar-Release von Open Stack, hier im Dashboard des Webmanagement-Tools.
Die Motive ähneln denen der Lisog. So begründet auch Jim Curry, CIO von Rackspace in einer Presseerklärung die Notwendigkeit eines offenen Cloud-Standards mit den Bedenken der Unternehmen, Admins und IT-Leiter: “Viele CIOs zögern in proprietäre Cloud-Lösungen zu investieren, weil sie Angst davor haben, einem dauerhaften Lock-In zu erliegen.” Als Lock-In oder Vendor-Lock-In gilt die ausweglose Abhängigkeit eines Unternehmens von einem Softwarehersteller. “Was sie wollen, ist die Möglichkeit, Anbieter zu wechseln und durch offene Cloud-Strukturen Flexibilität zu gewinnen.”
Mit Open Stack lassen sich sowohl lokale Hardware für Rechenleistung und Storage als auch externe Ressourcen anbinden. Nach oben skaliert das Konzept dank der integrierten Eucalyptus-Tools (Eucatools) fast beliebig. Ein Admin kann so schnell mal externe, virtuelle Maschinen bei Amazons EC2 oder anderen Anbietern einkaufen und in seinem GUI verwalten. Als lokale Hypervisoren kommen freie und kommerzielle Varianten (Xen, KVM, Hyper V) in Frage, ebenfalls vom zentralen Dashboard verwaltet.
Als Neuerungen in Bexar bekam die Software IPv6, I-SCSI-Support und automatische Image-Discovery spendiert. Die nächste Version “Cactus” steht für April auf der Roadmap und soll Live-Migrationen und Optimierungen im Large-Scale-Einsatz, zum Beispiel bei großen Providern bringen.
Trotzdem beschäftigt sich Open Stack nur mit dem unteren Teil des Softwarestacks, den Unternehmen typischerweise brauchen. Die Interoperabilität der darauf aufgebauten Server steht nicht im Fokus der Entwickler. Hat der Admin seine Systeme soweit, dass die virtuellen Betriebssysteme booten, ist die Arbeit von Open Stack abgeschlossen, weiter hilft das Projekt nicht.
Red Hats Stack
Ganz anders Red Hat. Seit Jahren schon legt der amerikanische Distributor Wert auf vollständige Integration seines in Einzelkomponenten erhältlichen Softwarestapels. Der mittlerweile leider nicht mehr als Bundle vermarktete Red Hat Application Stack [9] setzt sich aus dem Enterprise Linux, der Enterprise Virtualisierung sowie dem Red Hat Network mit seinen Satelliten und Proxys zusammen und integriert mit dem Jboss Application Server [10] und Hibernate [11] – einem Persistenz-Framework für Entwickler – eine leistungsfähige Middleware, auf deren Basis Java-Developer Portale und Software fürs Unternehmen aufbauen (Abbildung 6).

Abbildung 6: RHEL, RHEV, RHN, Jboss, Hibernate: Die Liste der Red-Hat-Produkte im Stack lässt sich noch beliebig verlängern, als Zielgruppe stehen dabei sicherlich Unternehmen mit Entwicklerpotenzial im Fokus.
Weitere Module und Produkte kümmern sich um die Infrastruktur, Verzeichnisdienste und Authentifizierung oder das Identity Management. Ein Kunde installiert die Komponenten einfach übers Red hat Network. Michael Kromer, Consultant beim Systemhaus Millenux, erklärt das so: “Klar kann sich jeder Jboss auch von Sourceforge herunterladen und auf Debian betreiben, aber Enterprise-ready ist das ohne professionelle Hilfe nicht. Wer aber schon RHEL und vor allem das RHN oder Satellite einsetzt, fügt seiner IT-Landschaft einfach per Mausklick noch einen weiteren Jboss- oder Webserver hinzu, fertig. Templates und Provisioning machen das einfach.”
Soviel Integration hat ihren Preis, und der beläuft sich nicht nur auf mehrere tausend Dollar, die die Summe der Pakete als Jahressubskription kostet. Wer von dem vom Hersteller vorgegebenen Pfad abweicht, weil er etwa eigene Software oder die fremde Groupware anflanschen will, muss selbst Hand anlegen oder auf die kostenpflichtigen Dienstleistungen des Red-Hat-Partners vor Ort zurückgreifen.
Worlds apart
Zwischen dem Lisog Open Source Cloud Stack, Open Stack und Red Hats Application Stack liegen Welten. Open Stack ist eher ein OSS-Cloud-Computing-Fundament, auf dem der Admin seine Systeme und die darauf aufbauenden Server selbst verwaltet.
Red Hats Komplettpaket ist zwar nicht frei verfügbar, weil es proprietäre Komponenten enthält. Aber dafür integrieren die Roten Hüte vom Betriebssystem und dessen Virtualisierung fast alles bis zum mächtigen Jboss-Application-Server mit Apache und Tomcat. Das RHN im Hintergrund verspricht stets aktuelle und sichere Software, und Red Hat garantiert einheitlichen und umfassenden Support. Wer sein Business sowieso auf Red Hats Infrastruktur auslegt und das nötige Kleingeld mitbringt, findet hier die ausgereifteste und am besten integrierte Stapellösung fürs Unternehmen.
Der Lisog Open Stack kann sich immerhin damit brüsten, die umfassendste Vision zu haben. Allerdings besteht der Stack heute im Wesentlichen nur aus Versprechen, die eigentliche Integrationsleistung müssen potenzielle Kunden im Einzelfall noch selbst leisten oder zumindest bezahlen. Die weitere Entwicklung zu beobachten lohnt sich trotzdem, vielleicht springt ja irgendwann genau der Konnektor für die eigenen Server raus, auf den der Admin seit Jahren wartet.
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Infos |
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[1] Lisog Cloud Stack: [http://www.lisog.org] [2] Sopera: [http://www.sopera.de] [3] Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM): [http://www.zim-bmwi.de] [4] Open Stack: [http://www.openstack.org] [5] Andrej Radonic, “Wolkige Aussichten”: Linux-Magazin 11/10, S. 72 [6] Ramon Wartala, “Schnittstelle”:ADMIN-Magazin 01/11, S. 111 [7] Open Stack Bexar: [http://www.openstack.org/projects/compute/], [http://www.openstack.org/projects/storage/] [8] Open Stack RPM-Repository von B1-Systems: [http://download.opensuse.org/repositories/isv:/B1-Systems:/OpenStack/SLE_11_SP1/] [9] Red Hat Application Stack: [http://www.redhat.com/f/pdf/rhappstack/Stack__to_print_EN_final_AMD.pdf] [10] Torsten Fink, “Nichts versäumen”: Admin-Magazin 03/08, S. 76 [11] Hibernate: [http://www.hibernate.org] |







