Aus Linux-Magazin 11/2010

Neues bei Debian

©Evgeniy Pavlenko, 123RF.com

Angaben zum Termin der nächsten stabilen Version von Debian geraten bislang schnell zu glückloser Wahrsagerei. Zu oft haben sich Release-Ankündigungen als Unsinn herausgestellt. Lenny-Nachfolger Squeeze ist im Juli 2009 mit großem Presse-Aufwand für das “Frühjahr 2010” versprochen worden. Ganz nebenbei wollte Debian bei der Gelegenheit auf regelmäßige, zeitbasierte Freezes umstellen [1].

Im Oktober 2009 waren sämtliche Pläne passé. Auch aus März 2010 wurde nichts. Im August 2010 hat das Release-Team zumindest den Squeeze-Freeze bekannt gegeben [2]. Das bedeutet, dass Pakete aus dem Debian-Entwicklerzweig »unstable« nicht mehr automatisch nach zehn Tagen in Squeeze wandern. Zur Release dauert es jedoch erfahrungsgemäß noch einige Monate.

Wer mutig ist, orakelt nun den Termin und stellt zum Beispiel für Februar 2011 eine Flasche Sekt kalt. Sollte Squeeze aber wirklich erst im Frühjahr 2011 erscheinen, wäre das kein Ruhmesblatt. Denn die letzten beiden Versionen brauchten jeweils weniger Entwicklungszeit (Etch und Lenny jeweils 22 Monate) – und kamen mit weniger Tamtam daher.

Ritterschlag für Backports

Genervte Admins entkommen den Debian-Strategen ohnehin seit Jahren über einen digitalen Trampelpfad: Backports. Es scheint fast unmöglich, in freier Wildbahn ein Debian-System aufzutreiben, das nicht das Backports-Paketverzeichnis verwendet. Die Idee ist simpel und effizient: Das Grundsystem bleibt im stabilen Zustand des Distributors erhalten, einzelne Pakete aus neueren Debian-Zweigen werden daran angepasst. Alle gewinnen: Admins haben ein stabiles und zuverlässiges Basis-System und schonen ihre Nerven, weil Benutzer sich bei stabiler Systemsoftware nicht über alte Programme beschweren. Und Debian verliert zumindest ein Stück weit den Ruf, “sta(b)le” zu sein.

Trotzdem hat das Projekt bisher nicht die Notwendigkeit gesehen, das Backports-Repository zu einem offiziellen Debian-Dienst zu machen. Initiiert von Norbert Tretkowski, später übernommen von Alexander Wirt, waren sämtliche Backports-Dienste stets nur über Backports.org zu erreichen. Seit September ist damit Schluss. Backports.org ist endlich umgezogen und unter Backports.debian.org als offizieller Service zu erreichen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Debian-Backports kämpft jetzt offiziell gegen die Überalterung – das Aktualitätsprojekt Backports.org ist Teil des Projekts geworden.

Abbildung 1: Debian-Backports kämpft jetzt offiziell gegen die Überalterung – das Aktualitätsprojekt Backports.org ist Teil des Projekts geworden.

Drei neue Helden

Daraus ergeben sich einige Vorteile: So sind die Backports zum Beispiel ab sofort in Debians Mirror-Struktur eingefügt. Benutzer sollten also vorsorglich ihre »source.list«-Einträge anpassen. Die bisherige Backports-Maschine soll zwar vorerst als Spiegel des Debian-Backports-Ordners erhalten bleiben, es steht aber in den Sternen, wie lange.

Die Offizialisierung der Backports führte auch zu personellen Veränderungen. Debian besitzt jetzt ein eigenes “Backports FTP Master Team”, das sich – analog zum projektweiten großen Bruder – um alle Belange des Backports-Verzeichnisses aus technischer Sicht kümmert. Neben Jörg Jaspert und Alexander Wirt, die beide schon für die Backports aktiv waren, ist Gerfried Fuchs neu hinzugekommen. Und schließlich, weil offizielle Debian-Dienste auf offiziellen Debian-Maschinen liegen müssen, residiert der Backports-Ordner nun auf einer eigenen schmucken Kiste. Die Universität von British Columbia in Kanada gibt ihr ein Zuhause. Beim Umzug haben die Backports-Pfleger übrigens gleich einen Zweig für Squeeze angelegt – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. (ake)

Infos
[1] Erfolgloser Release-Vorstoß: [http://www.debian.org/News/2009/20090729]

[2] Squeeze im Freeze: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2010/08/msg00000.html]

Der Autor

Martin Gerhard Loschwitz ist Senior Technical Consultant bei Linbit, seit Jahren Debian-Entwickler und Gründer des Debian-HA-Teams.
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