Aus Linux-Magazin 10/2010

Zu Gast bei Linus' Vater auf einer einsamen Insel in der Ostsee

Ein Tag mit dem Vater von Linus Torvalds auf Tunhamn, einer einsamen Insel im Schären-Nationalpark. Der Journalist und Politiker Nils Torvalds hat viel erlebt, zwischen Moskau und 9/11 versuchte er manchmal, Linus vom Computer wegzulocken. Heute weiß er, was Linux bedeutet.

Im Hafen von Kasnäs, einem winzigen Touristenort im finnischen Schärennationalpark “Archipelago” (Abbildung 1), wartet der Vater des Linux-Vaters [1]. Nils Torvalds, genannt Nicke, trägt Jeans, Turnschuhe und rotes Fließhemd. Sportlich, locker und aufgeschlossen wirkt er. Wer ihn zum ersten Mal sieht, mag den ersten Satz in der Autobiographie seines Sohnes Linus nicht so recht glauben: “Ich war ein hässliches Kind” [2].

Abbildung 1: Der Hafen von Kasnäs im äußersten Südwesten des finnischen Festlandes. Von hier geht es in die Welt der Schären.

Abbildung 1: Der Hafen von Kasnäs im äußersten Südwesten des finnischen Festlandes. Von hier geht es in die Welt der Schären.

Ex-Kommunist

Nicke, nach eigener Aussage früher Kommunist und Journalist – Beschäftigungen, die sein Sohn bisweilen als ungefähr gleich schlimm ansieht – ist heute aktiver Politiker in Helsinki. Allerdings nicht mehr in der Kommunistischen Partei, der er seit den Sechziger Jahren angehörte und in deren Zentralkomittee er ab 1982 saß. Der Lenin-Bart täuscht: Seit 2007 ist er dritter Vorsitzender der finnisch-schwedischen Volkspartei. Anna Torvalds hat er Ende der Sechziger eingewickelt, indem er seine Position als Vorstandsmitglied des schwedischen Schülerverbandes in Finnland nutzte und sich den Platz im Bus neben ihr sicherte [2].

Abbildung 2: Privatstrand: Auf der felsigen Insel Tunhamn verbringt der Politiker und ehemalige Journalist Nils Torvalds seinen Urlaub.

Abbildung 2: Privatstrand: Auf der felsigen Insel Tunhamn verbringt der Politiker und ehemalige Journalist Nils Torvalds seinen Urlaub.

Abbildung 3: Ihre charakteristische Schmetterlingsform hat die Insel erst seit den Fünfziger Jahren, vorher waren hier zwei separate Inseln.

Abbildung 3: Ihre charakteristische Schmetterlingsform hat die Insel erst seit den Fünfziger Jahren, vorher waren hier zwei separate Inseln.

Abbildung 4: Amerikanische Verhältnisse auf den Landstraßen. Mit den USA teilen die Finnen neben Landschaft auch die Vorliebe für große Autos.

Abbildung 4: Amerikanische Verhältnisse auf den Landstraßen. Mit den USA teilen die Finnen neben Landschaft auch die Vorliebe für große Autos.

Seine freien Tage verbringt Nicke in der urwüchsigen Natur der Schärenküste im Südwesten Finnlands (Abbildung 2). Das Feriendomizil ist die kleine Insel Tunhamn (Abbildung 3, [3]). Die ist nur über einsame finnische Landstraßen (Abbildung 4) zu erreichen. Gelbe, staatlichen Fähren (Abbildung 5) verbinden dabei die größeren Inseln. Öffentliche Verkehrswege enden in der kleinen Marina von Kasnäs, die laut Nicke “schon mehrmals pleite war”. Von ihr aus geht es mit Torvalds’ kleinem Motorboot in die Inselwelt.

Abbildung 5: Die Schärenstraßen führen auf zahlreiche Inseln, für die Verbindung sorgen die vielen kostenlosen gelben Fähren.

Abbildung 5: Die Schärenstraßen führen auf zahlreiche Inseln, für die Verbindung sorgen die vielen kostenlosen gelben Fähren.

Tunhamn

Noch auf dem Steg drückt Nicke dem Besucher die Rettungsweste in die Hand. “Sicherheit geht bei mir vor”, erklärt er entschuldigend und wirft seine Weste über die mächtige Outdoorjacke. “Die See könnte ein wenig rauh werden, gut festhalten!” (Abbildung 6).

Abbildung 6: Wasserdicht und mit Schwimmweste: Nils Torvalds ist wie viele Finnen ein Outdoor-Typ, der sich in der freien Natur am wohlsten fühlt.

Abbildung 6: Wasserdicht und mit Schwimmweste: Nils Torvalds ist wie viele Finnen ein Outdoor-Typ, der sich in der freien Natur am wohlsten fühlt.

Er betätigt den Gashebel. Das kleine Boot hüpft von Welle zu Welle, feine Gischt landet auf seiner rahmenlosen Brille, die ein rotes Sportband in Position hält. Wenn der Fahrtwind es zulässt, zählt er die flachen, felsigen Inseln auf, die an dem Boot vorbeiziehen, redet von gefährlichen Untiefen, schwimmenden Elchen im Wasser oder erzählt von den Gefahren langer Wanderungen im winterlichen Norden Lapplands.

Abbildung 7: Veranda, Terrasse, Solarzellen, alles da. Fast schon luxuriös ist die Ausstattung der Hütte. hinterm Haus ist auch eine Süßwasserquelle.

Abbildung 7: Veranda, Terrasse, Solarzellen, alles da. Fast schon luxuriös ist die Ausstattung der Hütte. hinterm Haus ist auch eine Süßwasserquelle.

Das Boot legt auf Tunhamn an. “Ja, Linus war auch öfter hier mit seinem Großvater Ole, dem Dichter, dessen Bücher er nie gelesen hat” [4]. Der Umriss der wenige Meter hohen, licht bewaldeten Schäreninsel gleicht dem eines Schmetterlings (Abbildung 3). “Das war nicht immer so, als ich ein Kind war, vor 50 Jahren, waren das noch zwei getrennte Inseln”, doziert Nicke. “Finnland hebt sich. Seit die Gletscher der letzten Eiszeit weg sind, macht das viele Meter aus. Den zu erwartenden Meeresanstieg durch den Klimawandel kompensiert das locker.”

Tjan’anmen und Ground Zero

Nils war den größten Teil seines Lebens als Journalist unterwegs. Wenige Monate nach Linus’ Geburt leistete er seinen Wehrdienst, Teile der Siebziger und Neunziger verbrachte er in Moskau, erst als Student, dann fürs finnische Radio und Fernsehen. 1989 begleitete der Russlandkorrespondent den damaligen Präsidenten Gorbatschow bei dessen Besuch nach China – kurz vor dem Tjan’anmen-Massaker am Platz des Himmlischen Friedens [5] und wurde wie andere Journalisten ausgewiesen.

Später ging er, zunächst widerwillig, ins Land des Kapitalismus, nach Washington. Die Anschläge vom 11. September 2001 hat er gar direkt am Ground Zero in Manhattan erlebt. “Ich habe von dort in der Redaktion angerufen und meine Nachrichten per Telefon durchgegeben. Die Kollegen erzählten mir nachher, ich hätte über Staub, Dreck und Atemnot geklagt, aber das hat meine Erinnerung bis heute völlig ausgeblendet.”

Lieber am Computer als Modellbau oder Basketball

Nur die Achtziger verbrachte er fast vollständig in Finnland, aber selbst da hatte er seit der Scheidung von Anna 1977 eher wenig mit der Kindererziehung zu tun. Seine Tochter Sara, Linus’ Schwester, war häufiger bei ihm zu Besuch, “aber Linus verzog sich eher an den Rechner.”

“Ich habe öfters versucht, den Jungen aus seinem Kämmerchen in der Petersgatan zu locken, geklappt hat das fast nie,” resummiert Nicke. Mehr Details finden sich in Linus’ Autobiografie [3], hier erzählt der Linux-Gründer von einer erzwungenen Teilnahme am Basketballteam (“Ich war der Kleinste!”) und der “Vater-Sohn-Erfahrung Modelleisenbahn” (“Kein Vergleich zum Computer.”) – zwei Fehlschläge von vielen. Doch es gab auch Überraschungen: In einem Interview [4] berichtet Nils von einem Modellschiff-bausatz, einem Weihnachtsgeschenk. Das wollte er gemeinsam mit dem achtjährigen Filius zusammenbauen. Aber: “Am nächsten Morgen hatte der das Ding fertig, ganz allein.” Da erkannte der Vater die Torvaldsschen Anlagen.

Der Gegensatz zwischen dem altlinken Intellektuellen mit hohen Ansprüchen und seinem Sohn wuchs. Linus’ Faible für Computer teilte der Vater nicht. Auf einem Windows-Laptop hat er auch Linux installiert, sein Smartphone ist ein Nokia N 900, wie es sich für einen echten Finnen gehört. “Ein exzellenter Computer, aber als Telefon nicht wirklich zu gebrauchen”, schimpft er.

Solarzellen auf dem Dach der Hütte laden die Geräte und sorgen für Licht in der Hütte (Abbildung 8). Nicke lebt gern unabhängig. “Progammieren? Nicht mein Ding”, lacht er. Viel eher interessiert ihn die Open-Source-Strategie der Stadt München, deren Tragweite er politisch betrachtet. “So etwas hätte ich gerne hier in Finnland”, sinniert er. Open Source ist für ihn ein Modell, das weit über Software hinausgeht: “Das ist was Großes.”

Geld war nie wichtig

Geld spielte in der links angehauchten Familie der Torvalds nie eine wichtige Rolle, nicht weil viel da gewesen wäre, sondern weil das nicht zur Lebenseinstellung passte. Den spartanischen Lebensstil hat Nicke beibehalten, auch wenn die Zeit nicht spurlos an seinen kommunistischen Idealen vorüberging. Heute sitzt er im Stadtrat von Helsinki, als linker Flügel der eher konservativen Partei der schwedischen Minderheit [7].

Von Marx bis Keynes: Bücher in fünf Sprachen

Nicke hat seine Hütte schlicht und gemütlich eingerichtet, er will “bloß keinen überflüssigen Ballast mitschleppen”. Trotzdem darf da die Sauna natürlich nicht fehlen. Am hölzernen Esstisch (Abbildung 8) gibt’s einfache, aber leckere Kost: Deutsche Bratwürste, Kartoffeln und Tomaten, dazu Tee aus einem kleinen Metallkännchen, heißes Wasser zum Nachschenken separat.

Abbildung 8: Innen präsentiert sich das Holzhaus eher spartanisch. Auf dem Tisch stehen noch die Teekannen.

Abbildung 8: Innen präsentiert sich das Holzhaus eher spartanisch. Auf dem Tisch stehen noch die Teekannen.

An der Wand hängt eine Seekarte vom Nationalpark, vor dem Fenster jagen sich Seeschwalben und Möwen die besten Fische ab. Draußen auf der Terrasse stehen die Nokias, die klassischen finnischen Gummistiefel. Beim Dosenbier auf der Veranda dreht sich das Gespräch um die zahllosen Bücher in fünf Sprachen, die sich auf den Regalen türmen. Marx und Keynes stehen neben finnischen Klassikern oder Spionagethrillern aus dem kalten Krieg. Nils spricht gut Deutsch, er kennt Dirk Hohndel, den Ex-Vorstand von Suse, “Das ist der Taufpate von Linus’ zweiter Tochter Daniela”, erzählt er. “Der war auch schon hier.” Apropos: Für Linus’ Vornamen standen der Chemiker Linus Carl Pauling, aber auch die Peanuts-Figur mit der Schmusedecke Pate.

Nicht so sozial

Wann er Linus zuletzt gesehen hat? “2004 habe ich ihm beim Umzug von Kalifornien nach Oregon geholfen, und irgendwann danach habe ich ihn auch noch mal besucht.” Dann erzählt er von dem riesigen kalifornischen Haus mit vielen Bädern und allem Drum und Dran. “Auf E-Mails antwortet er selten. Von selber melden ist schon gar nicht sein Ding, er ist eben nicht so sozial.”

Infos

[1] Der Schären-Archipel: [http://saristo.org]

[2] Linus Torvalds, David Diamond: “Just for fun”, Hanser Verlag, 2001

[3] Tunhamn: [http://itouchmap.com/?c=fi&UF=-1389679&UN=-1996328&DG=ISL]

[4] Ole Torvalds: [http://en.wikipedia.org/wiki/Ole_Torvalds]

[5] Tjan’anmen-Massaker: [http://de.wikipedia.org/wiki/Tjan‘anmen-Massaker]

[6] Interviewsammlung mit Linus Torvalds bei Softpanorama: [http://www.softpanorama.org/People/Torvalds/interviews_index.shtml]

[7] Nils Torvalds: [http://en.wikipedia.org/wiki/Nils_Torvalds]

LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben